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BILLY TALENT – SILVERSTEIN – CANCER BATS

Ort: Bielefeld - Seidenstickerhalle

Datum: 16.11.2009

Vor gut drei Jahren reichte noch der Ringlokschuppen aus, dieses Jahr musste die wesentlich größere Seidenstickerhalle gebucht werden, um dem Andrang zum Tourauftakt der Kanadischen Platin-Alternative/ Punk Rocker BILLY TALENT gerecht zu werden. Gut 5000 vornehmlich jüngere Fans konnte man immerhin an diesem Montagabend ziehen, einerseits beachtlich, da wohl kaum jemand wegen der Vorbands angereist war, andererseits nur ein Beweis dafür, wie groß die Jungs innerhalb kürzester Zeit geworden sind. Man war halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn musikalisch bietet man nichts, was nicht hunderte andere Combos auch drauf haben. Nebenbei wird man ja denn auch dermaßen penetrant u.a. vom 1Live-Radio gepuscht, dass es einem trotz guter Songs längst zu den Ohren rauskommt. Ein Vorteil ist sicherlich der prägnante Fronter Ben Kowalewicz, der neben einem einzigartigen Gesangs-Organ auch die gewisse Durchgeknalltheit auf der Bühne besitzt, um die Band aus der Masse herauszuheben. Trotz des etwas schwächeren neuen Albums „III“ war ich gespannt, ob man auch Live den eingeschlagenen Weichspülkurs fortsetzen würde.

Doch begonnen wurde der Abend um Punkt 20 Uhr von den kanadischen BILLY TALENT-Kumpels CANCER BATS. Die waren heute zwar wohl die insgesamt härteste Band, konnten aber in ihren knapp 30 Minuten Bühnenzeit kaum was reißen und zu mehr als bravem Höflichkeitsapplaus ließen sich die noch nicht sooo zahlreich versammelten Besucher nicht überzeugen. Da half auch das Gerotze von Fronter Liam Cormier nichts. Die Songs ihrer beiden Alben „Hail Destroyer“ und „Birthing the Giant“ rauschten durch die P.A., allerdings auch durch die Ohren nahezu aller Besucher. Gute Performance vor falschem Publikum.

Löblich waren die recht kurzen Umbaupausen, denn nur 15 Minuten nach den CANCER BATS (sprich um 20:45) fingen schon SILVERSTEIN an. Ebenfalls Kanadier, ebenfalls Kumpels vom Headliner. Und die 5 Herren zockten gleich in einer ganz anderen Liga! Sind ja auch schon über 10 Jahre dabei und mit fünf bisher veröffentlichten Alben hat man auch genug Erfahrung im Koffer. Die vorgestellten Songs gingen schon eher in die Beine der Meute und vereinzelt wurden sogar Pits vor der Bühne entfacht. Der leicht Emo-lastige Post-Punk/ Rock zündete vortrefflich, die engagierte Performance und der lockere Umgang von Fronter Shane Told mit dem Publikum hinterließ einen mehr als positiven Eindruck. Neben härteren („My Disaster“) und seichteren („My Heroine“) Songs gab es auch das schicke „Vices“ vom aktuellen Werk „A Shipwreck in the Sand“. Und gerade als man sich freute, mal einen richtig amtlichen Support-Act zu sehen, war auch schon wieder Feierabend – nach gerade mal etwas über 30 Minuten! Bei einem dermaßen großen Backkatalog hätte man den Jungs doch wohl etwas mehr Spielzeit zugestehen können. Businessscheiß halt, der leider immer wieder auf dem Rücken des zahlenden Publikums ausgetragen wird. Schade, aber SILVERSTEIN sollte man dennoch definitiv kennen und auf einer eventuellen Headlinertour nicht verpassen!

Die Umbaupause war wiederum kurz, aber wer richtig Rockstar ist, der lässt das Publikum halt noch ein wenig schmoren. Das sang sich selber heiß mittels „Billy Talent“-Sprechchören und die 5000 nun vollversammelten Kids wogten dem heißersehnten Beginn entgegen. Licht aus um Punkt 21:45, tosender Kreischjubel wie bei TOKIO HOTEL und die Band startet mit ohrenbetäubender und basslastiger Lautstärke mittels „The Dead can’t testify“ fulminant durch. Grandioser Einstieg, bei dem die Halle gleich Kopf steht. Der Sound ist trotz der Hallengröße glasklar und extrem laut (wesentlich lauter als bei den Vorbands… was Wunder!), die Lightshow fein abgestimmt und ein zusätzlicher Blickfang und die Band ist trotz des heutigen Tourauftakts voll auf der Höhe. Ben ist ebenso wie seine quasi schon Co-Sänger Jon Gallant (Bass) und Ian D’Sa(Gitarre) stimmlich bestens bei Laune, die permanenten Mehrfachgesänge sitzen perfekt und sind auch gut abgemischt. Ebenfalls gut sind die beiden rechts und links neben der Bühne aufgehängten Leinwände, auf denen man die Geschehnisse auf der Bühne auch von weiter hinten recht nah verfolgen kann. Das bekanntere „Devil in a Midnight Mass“ verwandelte den Innenraum in einen siedenden und wogenden Pool, von dem sich auch die Band anstecken ließ und sich selber immer höher puschte. Vor allem Frontdeibel Ben wirbelte wüst über die Bretter, hatte aber jederzeit Stimme und Publikum im Griff. Ein mittlerweile wahrhaft mitreißender Fronter! Da merkt man einfach die mittlerweile 15 Jahre Banderfahrung.

Bretthart und mit ordentlich Dampf wurden Songs aller drei Alben präsentiert, u.a. „Devil on my Shoulder“, „White Sparrows“, „This Suffering“, „River Below“, „Line and Sinker“, „The Ex“ und „Saint Veronika“. Recht früh spendiert man auch das unvermeidliche „Rusted from the Rain“, neben dem geilen „Surrender“ ein eher mal ruhigerer Track, der ja auf allen Hausfrauensendern rauf und runter geleiert wird. Allerdings gewinnen die Songs in der Livesituation deutlich an Härte und Dynamik, was einen dann doch wieder fesselt und zeigt, dass die Herren doch das gewisse Etwas im Songwriting haben und man nicht zu Unrecht diverse Platinauszeichnungen eingesackt hat (auch hierzulande!). Ben bedankt sich artig beim Publikum für die Unterstützung und das zahlreiche Erscheinen, kann sich sogar an den Gig vor 3 Jahren im Ringlokschuppen erinnern. Den Besitzern des ersten Albums widmet man „This is how it Goes“ und dann kommt der Brüller: Nach (handgestoppten!) 60 Minuten und ihrem Durchbruch-Hit „Try Honesty“ trollt man sich von der Bühne! Eine Unsitte, die bei solch großen Mega Acts aber immer mehr grassiert. Da lobe ich mir doch (vergleichbare) Bands wie DIE TOTEN HOSEN oder DIE ÄRZTE, die wenigstens meist 2 Stunden (oder auch mal länger) zocken. So was kann ich nicht nachvollziehen. Ebenso wenig kann ich nachvollziehen, dass Gebetsmühlenartig die Ausschlachtung am folgenden Tag auf 1Live darauf fußte, wie toll die Band doch in ihren 90 Minuten (??? Auf welchem Gig waren die denn???) war… natürlich. Alles von 1Live präsentierte ist ja schließlich das Genialste seit Erfindung des Stromkabels… zumindest solange es kommerziell interessant ist.

Ok, der Zugabenteil mit dem ebenfalls hittigen Riffmonster „Fallen Leaves“ und dem Überhit „Red Flag“ konnte ebenfalls noch mal voll überzeugen, aber gerade mal eine gute Stunde Netto-Spielzeit geht gar nicht! Was ich hinterher im abwandernden Getümmel auch aus diversen Richtungen heraushören konnte, damit hat man sich für die nächste Tour keinen Gefallen getan.
Trotz dieses Minuspunktes ein geiler Gig, der klar aufzeigte, das BILLY TALENT in ihrem Bereich kommerziell auch weiterhin (zu Recht!) das Maß aller Dinge bleiben.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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