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BIRTH CONTROL – GURU GURU

Ort: Bielefeld - Forum

Datum: 30.10.2009

Satiriker Oliver Kalkofe behauptet immer: „Fernsehen macht doof“. Das stimmt zum Glück nicht immer, denn wie wäre ich sonst von der RTL Kult Sendung „Tutti Frutti“ auf BIRTH CONTROL gekommen? Das liegt allerdings weniger an der vollbusigen Dame, die das Cover des „Hoodoo Man“ Albums und das Plakat der aktuellen Tour ziert, sondern an der Tatsache, dass der damalige Moderator der Tittenshow Hugo Egon Balder Gründungsmitglied eben dieser Combo ist. Er klinkte sich aber recht schnell aus und seinen Job als Schlagzeuger übernahm dann Bernd „Nossi“ Noske, der auch für den Gesang verantwortlich ist. Und wie Herr Balder in einer seiner Musikshows auf Sat 1 richtig anmerkte: „Nachdem ich die Band verließ, kam der Erfolg“. Da hatte er recht. Natürlich belegte man nicht die oberen Chartpositionen der Hitparade Anfang der 70er, die hatten andere inne: T REX, GARRY GLITTER oder SUZIE QUATRO. Aber in Deutschland drängten seinerzeit Bands auf den Markt, deren Musikstil als Krautrock bezeichnet wurde. Und zwei dieser Legenden gaben sich unter dem Motto: “ Electrolurch meets Gamma Ray“ im Forum die Ehre.

Mit „Electrolurch“ verbindet man unweigerlich GURU GURU, deren Frontmann Mani Neumeier ebenfalls am Schlagwerk seinen Dienst verrichtet. Powervoll begannen die Süddeutschen mit „Dark Blue Star“ ihr Set. Seit einigen Jahren gehören Hans Reffert (guit, lapsteel, voc), Peter Kühmstedt (bass, voc) und der Multiinstrumentalist Roland Schaeffer (sax, guit, voc, nadaswaram) zum festen Line Up. Das Quartett spielte sich durch die etlichen veröffentlichten Alben der letzten 40 (!) Jahre, wobei der Fokus doch mehr auf den jüngeren Werken lag. Das mit ca. 200 Fans gut gefüllte Forum ging vom ersten Song sofort mit, die vier waren in bester Spiellaune und der rockige, psychedelische oder jazzige Sound von „Idli Killer East“, „Read Air“ und „Wonderland“ wurde zelebriert. Die Fans dankten es den Urgesteinen des Krautrocks, indem sie dazu ausgelassen tanzten. Bei „Living In The Wood“ stellte Mani sein Tom Tom and den Bühnenrand und trommelte darauf, was das Zeug hielt. Mit „Pow Wow“ und „Izmiz“ ging’s launig weiter durchs Programm und zwischendurch verließ Herr Neumeier sein Arbeitsgerät und schüttete einen Sack mit Topfdeckeln und ähnlichem auf den Bühnenboden, um diese zu tracktieren. Nach mehr als einer Stunde verließen die vier die Stage und jedem war klar: Die können noch nicht gehen, es fehlt noch der „Electrolurch“. Und diesen servierte uns der gute Mani mit seinem obligatorischen Kopfschmuck aus ca. 40 cm langen Gras mit bunten Lichtern und anderen bunten Utensilien.

Nach kurzer Pause kamen dann auch schon BIRTH CONTROL an die Reihe und die Berliner legten gleich mit „The Work Is Done“ vom 71er Album „Operation“ los und jetzt musste ich zur Kenntnis nehmen, das dieses Stück genauso alt ist wie ich und dementsprechend war ich einer der jüngsten im Publikum. Und wer jetzt glaubte, es gab nur nostalgische Versionen von BC-Songs, der hatte sich gewaltig geirrt, denn Nossis Mitstreiter auf der Bühne sind ungefähr mein Jahrgang und diese verpassten den Stücken einen modernen Sound. Im Einzelnen wären dies Hannes Vesper (bass), Peter Engelhardt (guit) und Sascha Kühn (key, piano), die den älteren Herrn an den Drums schon seit einigen Jahren begleiten. Auch hier wurden musikalisch gesehen die letzten 40 Jahre aufgearbeitet. Und „arbeiten“ ist wörtlich zu nehmen, denn genau wie sein Kollege Neumeier vorher, musste der Berliner neben den Gesang auch seine Schießbude bedienen und das tat er auch in all seinen Facetten. Nach „Back From Hell“ gehörte die Bühne ihm ganz alleine und er knüppelte auch wild drauf los. Als Highlight stellte er sich vorne auf die Bassdrum und bearbeitete die Felle und Becken weiter. „Den nächsten Song spielen wir heute zum ersten Mal“ grinste Nossi und es war jedem klar, das dies gelogen ist und mit „Gamma Ray“ der Überhit der Band performt wurde. Die Frage war nur, wie lang diese Version werden sollte. Auf stolze 20 Minuten kamen die Jungs und um etwas Abwechslung mit einzubringen gab’s kleine musikalische Fragmente von „James Bond“ und „Mission Impossible“ inklusive. Arm in Arm verabschiedeten sich Bernd und seine Jungs beim begeisterten Publikum und die brauchten nicht lange auf die Zugabe zu warten. Mit „Hope“ ging’s dem Ende entgegen und die Fans waren äußerst zufrieden, denn die Setlist ließ keine Wünsche offen.
 
Kurz nach Mitternacht machte ich mich auf den Weg nach Hause und ich habe gesehen und gehört, dass Männer jenseits der 60 ordentlich Mucke machen können und noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Ach ja, um die oben angerissene Kalkofe These doch noch ein wenig zu entkräften, muss ich eingestehen, dass ich ohne die Glotze von diesen Bands kaum Notiz genommen hätte. Die Reihe „Pop 2000“ brachte mir den Krautrock näher, der mich an diesem Abend so gut unterhalten hatte.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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