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BLACKMAIL – THE RIVER PHOENIX

Ort: Bielefeld - Forum

Datum: 07.12.2008

Beim Hurricane haben BLACKMAIL meines Erachtens eines der besten Konzerte des Festival-Wochenendes abgeliefert, da war es gar keine Frage, dass ich die nächste Gelegenheit für ein Club-Konzert nutzen würde. Also stand für mich am zweiten Advent kein Weihnachtsmarktbesuch auf dem Programm, sondern ein Abend mit fettem Rock. Ähnlich hielten es wohl auch die etwa 200 Musikhungrigen im Forum, die möglicherweise ihren Glühwein aber auch schon auf hatten, da es wie üblich erst um 21 Uhr losging. Zu diesem Zeitpunkt schließen meist auch die Weihnachtsmarktbuden, so dass zumindest theoretisch eine Kombination aus beidem machbar gewesen wäre.

Wie wohl dänische Weihnachtsmärkte aussehen? Ob es so etwas bei unseren nördlichen Nachbarn überhaupt gibt? Auf jeden Fall wird dort auch amtlich gerockt, wie THE RIVER PHOENIX aus Kopenhagen glaubhaft unter Beweis stellten. Der Fünfer ist seit Ende der Neunziger gemeinsam unterwegs und legte im Spätsommer ihr Debüt „Ritual“ vor, das mich schon vom Können der Dänen überzeugt hatte. Live legen die Jungs noch eine Schippe drauf und so wurde ordentlich Druck gemacht. Die Ostwestfalen hielten natürlich – schüchtern wie sie sind – den üblichen Sicherheitsabstand ein, schienen aber von der Darbietung auf der Stage durchaus angetan. Der Sound war stets treibend und von schrammelnden Gitarren dominiert, zwischendrin durften bei „Echo Valley“ nach einem ruhigen Start die Drums das Ruder übernehmen, während gelegentlich der zweite Gitarrist auf der linken Seite auch mal in die Tasten einen Keyboards haute. Wie bei der sehr emotionalen Ballade „Kittens“, die mit einem NDW-Elektrosound unterlegt war. Beim Gesang wurden durchaus Parallelen zum großen Vorbild Billy Corgan von THE SMASHING PUMPKINS deutlich. Auch bei THE RIVER PHOENIX bewegt sich der Sänger in hohen Stimmlagen mit etwas nasalen Vocals. Stilistisch würde man die Truppe vermutlich auch eher bei einer amerikanischen Alternative Kapelle einsortieren als im skandinavischen Rock Biz, selbst wenn Pelle Gunnerfeldt (THE HIVES) als Produzent mit von der Partie war. Besonders deutlich wurde dies bei „Radar Gloves“, was der Qualität des Vortrages aber nicht schadete! Besonders der Rocker „To Be Willing To March Into Hell For A Heavenly Cause” kam hervorragend bei den Bielefeldern an, die mit zwei weiteren treibenden Songs für ihren Applaus belohnt wurden. Beim abschließenden „5 Wheel Drive“, einem Stück über die Band, gab selbige noch mal alles. Nicht nur, dass THE RIVER PHOENIX ein eruptives musikalisches Finale boten, nein, der Keyboarder/Gitarrist drehte schier durch und schwang mit großer Ausdauer eines der Bühnenhandtücher, bevor nach kurzweiligen 40 Minuten das Ende nahte.

Setlist THE RIVER PHOENIX
Rabbit Island
28-83-7
Dashboard
A Seed Upon The Wind
Echo Valley
Radar Gloves
Kittens
To Be Willing To March Into Hell For A Heavenly Cause
I’m USA/ You’re Canada
5 Wheel Drive

Da hatten BLACKMAIL mit der Wahl ihres Support wirklich ein glückliches Händchen bewiesen. Doch natürlich waren die Damen und Herren im Forum nicht wegen der Vorband erschienen. Eine halbe Stunde musste sich das Publikum noch gedulden, dann erklang auf dem Off ein Panflöten-Intro und langsam fanden sich auf der noch dunklen Bühne die Koblenzer Indie-Rocker ein. Das war’s dann auch mit der Panflöten-Lieblichkeit, die nächsten 80 Minuten gab es nur noch eines: Rock ’N’ Roll! Bereits der Opener „Everyone Safe“ vom 2006er „Aerial View“ ließ es in bester BLACKMAIL-Manier krachen, nur der Gesang von Fronter Aydo Abay ging neben den Saiteninstrumenten der Ebelhäuser-Brüder etwas unter. Das Hauptaugenmerk lag heuer natürlich auf der aktuellen Scheibe „Tempo Tempo“, die im März dieses Jahres erschienen ist, immerhin schon die sechste Studio-LP der 1994 gegründeten Formation. Besonders hervorzuheben sind von dieser Platte die Songs „(Feel it) Day By Day“ und vor allem „The Good Part“, bei dem Aydo zur Melodica griff. Man sollte dieses Instrument, das leichthin der musikalischen Früherziehung zugeschrieben wird, nicht unterschätzen! Zumindest in der Hand von Herrn Abay wird daraus vollwertiges Rock ’N’ Roll-Equipment. Ansonsten bediente das quirlige Kerlchen, das sich zwischen zwei Titeln schnell noch einen Schnaps einschenken ließ, bei passender Gelegenheit noch ein Effektgerät (wie etwa bei „Splinter“ oder dem orientalisch angehauchten „It’s Always A Fuse To Live At Full Blast“) oder verfremdete seine Vocals mit dem Verzerrer („False Medication“). Neben der Stammbesetzung aus Kurt Ebelhäuser an den sechs Saiten, Carlos Ebelhäuser am Bass, Drummer Mario Matthias und natürlich Aydo Abay war übrigens noch ein Keyboarder phasenweise aktiv, den mir unbekannten Herrn zog es allerdings immer wieder von der Stage, so auch beim letzten Track des regulären Sets. Doch natürlich war nach einer Stunde noch nicht Schuss und selbstverständlich wurden auch die Dienste des Tastenmannes noch benötigt. Zunächst einmal war es jedoch wieder dunkel (überhaupt hielten sich die Herrschaften während ihres Gigs eher im Schatten denn im gleißenden Licht auf) und ungewohnte Klänge drangen aus den Boxen. Die ruhigen Bläser hätten mit etwas gutem Willen auch auf den bereits angesprochenen Weihnachtsmarkt gepasst, als jedoch BLACKMAIL erneut loslegten, war ganz schnell wieder Schluss mit der vermeintlich besinnlichen Stimmung. Stattdessen ließ das Quintett noch mal mit „Couldn’t Care Less“ richtig Dampf ab. Dazu passte auch das eingebaute Klaviergeklimper bestens, ganz zu schweigen vom fulminanten Instrumentalteil, bei dem ein wahres Sound-Inferno einsetzte. Wer geglaubt hatte, „Mad World“ könne es nur in der soften TEARS FOR FEARS-Balladen-Fassung geben, wurde wenig später eines Besseren belehrt. Auch hier wichen BLACKMAIL nicht von ihrem ruppig-ungestümen Weg ab und gaben unvermindert Gas, was der Nummer das gewisse Etwas gab. Mit dem finalen „Dental Research ’72“ ging’s weit zurück in der BLACKMAIL-Diskografie: Bereits 1999 auf „Science Fiction“ erschienen, hat das Stück jedoch nichts von seiner Frische verloren und wurde von Zuschauern wie Band gleichermaßen abgefeiert. Auf der Bühne wurde minutenlang gefricket, während man davor die letzten Minuten zum Tanzen und Mitwippen nutze. Immerhin tat es ja schon Aydos T-Shirt kund: „Give Dance A Chance“ stand dort nämlich zu lesen und wer heute Abend dieses Angebot nicht genutzt hatte, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Diese Art von „Erpresserbriefen“ lasse ich mir gern gefallen! Ich hätte mich sogar gern noch ein wenig länger in der Gewalt der Musiker befunden, aber nachdem peu à peu Kurt, Carlos und der Rest die Stage verlassen hatten, ging auch schon sehr bald das Licht an und mir blieb nur noch die Rückfahrt mit BLACKMAIL als Konserve im Autoradio.

Setlist BLACKMAIL
Everyone Safe
The Mentalist
U Sound
Evon
Same Sane
Moonpigs
Dive
False Medication
Splinter
Nostra
(Feel It) Day By Day
The Good Part
It’s Always A Fuse To Live At Full Blast

Couldn’t Care Less
Mad World
Dental Research ‘72

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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