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BOCHUM TOTAL 2008 – SONNTAG

Ort: Bochum

Datum: 06.07.2008

Festivalhopping oder der ganz normale Wahnsinn 2er Terrorverleger: Nach einem überaus sonnigen und gemütlichen Nachmittag beim Blackfield in Gelsenkirchen machten wir uns auf den Weg ins benachbarte Bochum. Trotz einiger Warnungen, dass unsere diesbezügliche Planung aufgrund der Menschenmassen illusorisch sein könnte. 300.000 Besucher am Samstag machten schon ein wenig nervös hinsichtlich des Erreichens von Bühnen und Fotogräben, doch mutig stürzten wir uns in die Schlacht. Fast ein wenig wider Erwarten ging alles glatt. Ein Parkhaus in der Nähe gefunden, die Bändchen beim Veranstalter Cooltour abgeholt und ab zur 1Live-Bühne, wo gerade die Hamburger/ Kölner Formation FOTOS mit ihrer Darbietung begann. Eine Art Bonus-Band, denn eigentlich sah unsere Planung als Einstieg JENNIFER ROSTOCK vor. Natürlich nahmen wie die Truppe gerne mit, die wir mittlerweile schon einige Male vor Schreibstift und Linse hatten. Der unbekümmerte Sound, der wild verschiedenste Stile zusammenwürfelt, kam offensichtlich auch beim Bochumer Publikum gut an, welches sich bei bestem Sommerwetter versammelt hatte. Gerade die Vielfalt der Besucher und Szenen macht ja einen Reiz dieses Umsonst-Festivals aus. Während an der einen Ecke Punks ihre kleinen Sitzblockaden errichtet hatten, erblickt man nur ein paar Meter weiter aufgetakelte Goths, Metaller in Burzum Shirts, Indies mit merkwürdig symmetrischen Frisuren oder ganz einfach normale Leute jeden Alters. Wobei die Normalen anscheinend im Rückzug begriffen sind in unserer Gesellschaft… Zurück zu FOTOS: Sänger Tom Hessler schienen mal wieder fast die Halsschlagadern zu explodieren, so intensiv seine Leistung am Mikrophon. Dazu schrammelrockwavte man sich durch die beiden Alben „Fotos“ und „Nach dem Goldrausch“, von dem beispielsweise das Titelstück und „Explodieren“ auf die Ohren gehauen wurden. Noch besser kamen meiner Meinung nach die älteren Sachen wie etwas das wunderbare „Giganten“ an, insgesamt aber eine gelungene Frühabend-Unterhaltung.

Als nächstes waren JENNIFER ROSTOCK an der Reihe, alleine schon dadurch zu erkennen, dass der Platz im Fotograben eng wurde. Genau wie beim Serengeti eine Woche zuvor schienen alle Knipser heiß darauf, die wilde Göre in ihren Hot Pants abzulichten. Übrigens die gleichen (oder die selben?) wie beim Festival in Schloss-Holte. Mit dem bekannten „Musik ist Trumpf“ konnte man in Bochum aber nun gar nichts falsch machen, sogar die ältere Zufallszuschauerschaft wippte hier einmal beschwingt mit den Krücken äh Beinen. Danach nahmen sie aber Reißaus, denn Songs wie „Nichts tät ich lieber“ oder „Feuer“ gehen mit ihrem sich überschlagenden Gesang ganz gut nach vorne. Viele Girlies im Auditorium hatten mindestens genauso viel Blech im Gesicht wie Frau Weist und hatten auch bereits artig ihre Texte gelernt. Neben dem gekreischten „Danke“ überraschte Jennifer mit der Aussage, dass die Eltern vom Basser Christoph aus der naheliegenden Heimat Essen angereist wären, um ihrem Schützling vor Ort beizustehen. Wir aber kehrten nach etwa der Hälfte der durchaus gelungenen Darbietung der 1Live-Bühne den Rücken und machten uns auf ins Schattenreich, das überraschenderweise nur ein paar Meter weiter am anderen Ende der Straße seine dunklen Pforten geöffnet hatte.

Dort hatten gerade SCHWEFELGELB damit begonnen aufzuspielen. Mir war die Band bisher nur durch ihren Club Hit „My Pornoshow“ bekannt und auch den fand ich jetzt nicht so berauschend. Dennoch sollte sich meine Meinung über die beiden Jungs im Laufe des Sets ändern, spielte man doch herrlichen Elektroclash mit 80er Einflüssen und deutschen Texten. SCHWEFELGELB, das sind übrigens Sid (inzwischen erblondet) und Eddy, die wohl schon seit einigen Jahren mit elektronischer Musik experimentieren und letztes Jahr dann beschlossen, eine „ernsthafte Band“ zu gründen. So spielte man dann Songs wie „Stein auf Stein“ und „Zehn Schuss kein Treffer“ und wusste dabei, wie man die Zuschauer zum Tanzen bringt. Durchaus gefällig und interessant. Zwischendurch wurden unter den Zuschauern immer wieder Rufe nach „My Pornoshow“ laut, doch weigerte man sich, diesen Song zu spielen. Gründe dafür wurden nicht genannt, entweder war es Protest oder ihnen inzwischen zu peinlich. Mit Sid hatten wir auch später bei dem Auftritt von ALEC EMPIRE dann noch das Vergnügen, hatte er sich dort doch ganz in unserer Nähe unter die Zuschauer gemischt. Von nahem betrachtet sah er mit seinem Heroin Chic allerdings eher wie eine lebende Leiche aus und man fragte sich, wie er es schafft, einen Auftritt zu überstehen ohne umzukippen.

Nun folgte das zweite Highlight meines Festivalwochenendes, auch wenn dafür zwischendurch die Location gewechselt werden musste. Hatte sich doch die ÜEBERMUTTER Luci van Org angekündigt, um in Bochum live den Unheiland zu peinigen. Das durfte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen, läuft das Debütalbum bei mir doch schon seit Wochen rauf und runter. Außerdem passt der „Emanzenrock“ doch eigentlich ganz gut zu meiner momentanen Nachtlektüre „Das andere Geschlecht“ von Frau de Beauvoir und dem Titelthema des aktuellen Spiegels: „50 Jahre Emanzipation – Was vom Mann noch übrig ist“. Und auch wenn ÜEBERMUTTER die Nation spaltet, ich mag es. Man muss das Ganze halt nur mit einem Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Humor nehmen. Für den Auftritt hatte sich die Band bestehend aus Luci van Org, der Unheilsarmee (drei weitere Frauen an Bass, Schlagzeug und Gitarre) und dem Unheiland (der Quotenmann und weiterer Gitarrist) in einheitliche Uniformen samt Fliegermütze geworfen und an das Mikro von Luci mal eben eine Neunschwänzige Katze getaped. So weit, so gut. Los ging es mit „Mädchen Teil Zwo“ und Frau van Org mutierte mal eben von der sympathischen Frau von nebenan zur dominanten ÜEBERMUTTER. Das Lied darf man wohl getrost als Persiflage auf den Song „Mädchen“ sehen, mit dem Luci vor gefühlten hundert Jahren bekannt wurde. Vorsichtshalber wurde der Unheiland schon mal mit ein paar halbherzigen Peitschenhieben darauf vorbereitet, was ihm im Laufe des Auftritts noch blühen würde, bevor man mit meinem persönlichen Lieblingsstück „Heim und Herd“ weiter machte. An dieser Stelle sollte auch gesagt werden, dass die Dame verdammt gut singen kann. Zwischendurch dankte man Bochum dann auch immer wieder überschwänglichst, um dann mit einer kleinen SM-Anspielung zu „Liebe ist Schmerz“ überzugehen. Der Unheiland durfte währenddessen ein wenig auf die Knie gehen und so seine Gitarre bearbeiten. Vor „Krieg!“ wurde der Unheiland dann auch offiziell dem Publikum vorgestellt und in einem Atemzug erklärt, dass er für alle begangenen Taten der Träger des XY-Chromosoms büßen müsse. Tja, meine Mutter hat immer gesagt „Alles rächt sich“. „Gebärmaschine“, ein weiterer Liebling von mir, wurde dann Ursula von der Leyen und ihrer „Du bist Deutschland“-Kampagne gewidmet. Passender hätte man es nicht ausdrücken können. Bei „Brenne!“ einem „Weihnachtslied“ bekam der Unheiland noch eine Dornenkrone verpasst und musste mit ausgebreiteten Armen und aufgemalten Stigmata an den Händen dastehen. Blasphemie, oh herrliche Blasphemie. Nach „Unheil“ spielte man dann noch „Mutterherz“ bei dem Luci einen in eine rosa Babydecke gehüllten Totenschädel auf dem Arm trug und dann war das kurzweilige Spektakel auch schon wieder vorbei. Musikalisch sicher nicht sonderlich spektakulär, aber die Show und das Konzept der Band sind einmalig. Sollte man nicht immer allzu ernst nehmen, regt an manchen Stellen aber auch zum nachdenken an.

Setlist ÜEBERMUTTER
Mädchen Teil Zwo
Heim und Herd
Liebe ist Schmerz
Am Anfang war das Weib
Krieg!
Wein mir ein Meer
Gebärmaschine
Brenne!
Unheil!
Mutterherz

Highlight die Dritte. Musste die Tour von ALEC EMPIRE aufgrund einer Erkrankung von Nic Endo erst verschoben werden und dann fiel auch noch das Konzert in Münster kurzfristig aus, hatte ich jetzt also meine Chance bekommen, den eher unscheinbaren Herren mit der kraftvollen Stimme live zu sehen. Er ist Mitbegründer der 2000 aufgelösten ATARI TEENAGE RIOT, hat inzwischen diverse Labels gegründet, betätigt sich als DJ und seit 1991 auch als Solokünstler. Seitdem bringt er in unregelmäßigen Abständen neue Alben raus, das aktuellste Werk ist „The golden Foretaste of Heaven“, erschienen im Januar 2008. Zu Beginn des Auftritts ließ sich der Herr dann auch erst mal ein wenig vom Publikum feiern, das nach der Show von ÜEBERMUTTER fast komplett gewechselt hatte, bevor er so richtig loslegte. Da ich direkt vor der Bassbox stand, wummerte es auch ganz gut im Magen. Bei „Death Trap in 3D“ konnte ich mir dann ein bisschen Bewegung nicht verkneifen, eignete sich die Musik doch mehr als gut dazu. Inzwischen war auch mein mitgereister Fotograph wieder zurück aus dem Fotograben und bemerkte nur trocken „Es wälzt sich auf dem Boden“, hatte Alec sich doch gerade nach einem Sprung auf selbigen geworfen. Nach „No / Why / New York“ machten wir uns dann aber trotzdem auf den Heimweg, war das Wochenende doch anstrengend und die Heimreise noch lang.

Am Auto angekommen wurde dann einmal kräftig durchgeatmet, bevor man sich in die Sitze fallen ließ und die Heimreise antrat. Zwei Festivals an einem Wochenende schlauchen auch den trainiertesten Mann und die jüngste Frau und so freute man sich einfach auf die warme Dusche und das heimische Bett und dachte einfach nicht an die viele Arbeit, die einem in den nächsten Tagen noch bevorstehen würde.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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