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BOOTBOOHOOK 2010

Ort: Hannover – Faust-Gelände

Datum: 20.08.2010 - 21.08.2010

FREITAG

Petrus scheint es gut mit der dritten Ausgabe des BootBooHook-Festivals zu meinen und stellt für zwei Tage den Regen ab. Und das ist mehr als man erwarten durfte, denn zu glauben, die A2 ließe uns zur kalkulierten Zeit in Hannover ankommen, wäre geradezu lächerlich gewesen. Dafür aber recht zügig einen Parkplatz gefunden (sogar an beiden Tagen), man muss auch mal Glück haben im Leben.

THE HORROR THE HORROR

Bei eitel Sonnenschein im Gras rumfläzend, lassen sich THE HORROR THE HORROR aus Stockholm ganz gut aushalten, aber wirklich begeistern kann ganz allgemein die Mischung aus Wave und Indie nicht mehr wirklich und im Speziellen sind die fünf Schweden nicht in der Lage, es durch exzellentes Songwriting wieder auszugleichen. So bleibt zwar der originelle Bandname – angelehnt an Mr. Kurtz letzte Worte in Joseph Conrad’s beklemmender Erzählung „Herz der Finsternis“ – im Gedächtnis, das Liedgut hingegen leider nicht.

HUNDREDS

Tragischerweise spielen im Folgenden die alteingesessenen WEDDING PRESENT und die Neulinge von den HUNDREDS einigermaßen zeitgleich, was mich in schwere Gewissenskonflikte verwickelt. Letztendlich entscheide ich mich für meinen fünften HUNDREDS-Gig, was schmerzt, weil David Gedge vor meiner Abwanderung verkündet, heute nur Songs vom 89er Meilenstein „Bizarro“ zu spielen. Im Mephisto, dem vielleicht knapp 150 Leute fassenden Club, erwarten uns gefühlte 100 Grad, und eine fast tropische Luftfeuchtigkeit. (Eigentlich hätte es auch in Strömen regnen können, ich hätte nach der Dreiviertelstunde HUNDREDS jedenfalls nicht nasser sein können). Aber bange machen gilt bekanntermaßen nicht. Doch es lohnt sich und so schauen die Geschwister Milner nach Beendigung eines auch für sie schweißtreibenden Auftritts etwas ungläubig, aber sichtlich gerührt in die begeisterten Gesichter der Anwesenden, die nicht müde werden zu klatschen. Wenn das so weitergeht, werde ich sie noch an den Mainstream verlieren, was dem Mainstream allerdings ganz gut täte. Über die beiden Hamburger habe ich eigentlich schon alles geschrieben, möchte aber an dieser Stelle gerne noch mal ihre gelungene Symbiose aus Dance, Electro und dem guten 90er Jahre Trip Hop hervorheben, eine Prise MOLOKO, allerdings ohne einen Paradiesvogel wie Róisín Murphy, Gott sei Dank! Songs wie „Solace“, „Fighter“ und „Let’s Write The Streets“ sind jedenfalls von zeitloser Güte, die das selbstbetitelte Debüt am Ende des Jahres in die Jahrescharts einiger Musikkundiger spülen wird.

FRISKA VILJOR

Dann (mal wieder) FRISKA VILJOR. Es ist glasklar, weshalb sie ein ums andere Mal für Festivals gebucht werden, denn sie versprühen nun einmal gute Laune, die nach ein, zwei Songs oftmals entweder zu ausgelassenen Ausdruckstänzen oder doch zumindest zu schunkelnden Bewegungen veranlasst. Ein echtes Problem stellt der stellenweise doch arg zusammengeklaute Indie-Pop der Schweden dar. Man möge bitte „If I Die Now“ mit „Tonight I Have To Leave It“ von den SHOUT OUT LOUDS vergleichen, die den vergleichsweise interessanteren CURE-Pop spielen. FRISKA VILJOR sind allerdings eine Bank, wenn es darum geht, die Leute anzuheizen und grundsympathisch, ich für meinen Teil brauche in nächster Zeit allerdings eine Pause und vielleicht ein neues, eigenständigeres Album, um die Begeisterung der Anfangstage zurückzubekommen.

HELLSONGS

Die wesentlich originellere Musik aus Schweden liefern seit einiger Zeit die HELLSONGS aus Göteborg mit ihrem „Lounge Metal“. Metal und Hard Rock-Klassiker werden bis aufs Songgerüst entblättert, auf Folk getrimmt und von Siri Bergnéhrs Gesang in die Güteklasse Leslie FEIST überführt. Als ersten Song spielen sie „Seek & Destroy“, was einzig am Text erkennbar ist, um ca. fünfzehn Minuten später „Blackened“ vom knochentrocken produzierten „…And Justice For All“ von METALLICA nachzuschieben. „We’re Not Gonna Take It“ von TWISTED SISTER wird zum Fetenhit umfunktioniert und in grenzwertigen Männlein vs. Weiblein-Chören unterteilt. Nicht meins (was die Interaktion mit dem Publikum betrifft), aber die rappelvolle 60er Jahre Halle ist voll im Einsatz.

THE NOTWIST

Ca. 21.40 Uhr betreten THE NOTWIST die Bühne der Mainstage. Martin Gretschmann und die Gebrüder Acher erinnern mich an die „Drei ???§, wie sie da völlig unbeteiligt wirkend auf die Bühne schlendern. Fragezeichen, weil es einfach nicht vorherzusagen ist, was folgen wird. Sie sehen eben einfach nicht nach den ausufernden Dub- und Noise-Attacken aus, wie sie sie gerne in die heimlichen Hits hineinbefehligen. „Pick Up The Phone“ und vor allem „Pilot“ stehen heute knietief in der Improvisation und gerade Gretschmann übernimmt am heutigen Abend eine tragende Rolle. Noise ist eben nicht nur Gitarrenkrach, sondern ebenfalls CONSOLEs Spiel mit verfremdeten Melodien, oder eben einfach eine Anhäufung merkwürdiger Soundschnipsel. Markus Acher malträtiert derweil gerne mit Plektrum bewaffnet seinen Gitarrenhals, während er sich um die eigene Achse dreht, so dass an manchen Stellen sein Gesang ein wenig atemlos wirkt. Nach ca. zehn „remixartigen“ Songs und einem wirklich atemberaubend guten Auftritt der Weilheimer ist um 23 Uhr Schluss auf der Hauptbühne, das BootBooHook findet nämlich in einer Wohngegend statt. Mir fehlt ernsthaft die Lust, mich mit den übrigen fast 5.000 Anwesenden in zwei mehr oder weniger große Hallen zu drängen, weshalb ich es für heute Abend gut sein lasse.

SAMSTAG

FRANCESCO WILKING

DIRK DARMSTAEDTER, seines Zeichens Tapete Records-Gründer und Veranstalter des Festivals, sagt zur Mittagszeit FRANCESCO WILKING an, der die fehlenden BAMBI KINO ersetzen darf/ kann/ muss. Ich kenne BAMBI KINO nicht, weshalb sie mir nicht fehlen und als ich nach wenigen Minuten ins Gretchen (Biergarten) übersiedle, sind die Songs des TELE-Sängers fast schon vergessen. Singer/ Songwriter in Richtung BOB DYLAN? Damit tut man sich selbst nun wirklich keinen Gefallen.

BERND BEGEMANN

BERND BEGEMANN ist ebenfalls ein Tapete-Urgestein und nicht zuletzt ein ewiger Zu-Spät-Kommer, was ihm einen lächerlich kurzen Soundcheck und einen zeitlich verkürzten Auftritt beschert. Angsterfüllt beobachte ich Beges Hose, die zumindest zwar gut „begürtelt“ scheint, dafür aber auf Halbmast hängt – aber es geht noch einmal gut. Eine gewohnt verwirrte Einleitung später schmettert uns bereits ein „Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover“ um die Ohren. Ach, und irgendwie geht es mir wie bei FRISKA VILJOR gestern: zu oft gehört, nervt es zwischenzeitlich ein wenig. Trotz DER BEFREIUNG an seiner Seite ist es eben ein immer gleicher BERND BEGEMANN-Auftritt, der dargeboten wird und das ist beim ersten Mal ziemlich großartig, beim zweiten Mal schon nicht mehr so sehr, usw.

L’UKE

Um ehrlich zu sein, gebe ich mich im Folgenden erst einmal der Bundesliga-Konferenz im Gretchen hin und döse zwischenzeitlich ein wenig im Liegestuhl und behaupte einfach mal nichts verpasst zu haben. Offensichtlich ist nicht nur Petrus Hannover wohl gesonnen, selbst der Fußballgott hat ein Einsehen und lässt 96 gewinnen, was für gute Laune sorgt. Dann schnuppere ich für fünf Minuten die verschwitzte Sauna-Luft des Mephisto und erlebe L’UKE, wie sie gerade das „Ghostbusters“-Thema zum Besten geben, nur mit Gesang und Ukulele, was mir wiederum gute Laune bereitet. Daniel Adler und Karin Reilly wissen mit geringem Aufwand größtmögliche Wirkung zu erzielen und dabei zuzusehen, ist inspirierend.

THE GO! TEAM

BERND BEGEMANN überschlägt sich fast, während er THE GO! TEAM aus Brighton ankündigt, was ein wenig albern rüberkommt. Ein willkommenes Stichwort um den Auftritt des multikulturellen Sextetts zu beschreiben, denn wie ernst lässt sich eine Melange aus Old School Hip Hop, kreischenden Indie-Gitarren und 70’s Funk nehmen? Ernst genug, um einen ambitionierten Auftritt hinzulegen, der zwar weniger soundgewaltig (als auf Konserve) ausfällt, dafür aber dem Publikum immens viel Tanzfreudigkeit beschert. Auch auf der Bühne steht der Spaß und die Abwechslung an erster Stelle, denn jeder darf mal an jedes Instrument, wie wichtig dabei die technische Raffinesse im Bandkredo verankert scheint, beantwortet sich praktisch von selbst. Ninja, von Haus aus unser MC des Vertrauens, rappt wie Ya Kid K von TECHNOTRONIC und veranstaltet ganz nebenbei eine Gymnastik-Stunde, also wollte sie sich an der Fame Academy bewerben. Und bei zwei Drum Kits auf der Bühne findet sich natürlich die Zeit eine paar Rhythmen beizusteuern. Das bunte Treiben ist jedenfalls äußerst unterhaltsam und lässt die schwächeren Songs des zweiten Albums „Proof Of Youth“ schnell verzeihen, die des ersten („Thunder, Lightning, Strike“) sind ohnehin bärenstark.

HOT CHIP

Bei nur zwei Festival-Auftritten dieses Jahr ist es natürlich etwas besonderes HOT CHIP auf der Bühne sehen zu dürfen. Ich würde mich jetzt gerne irgendwie herauswinden aus der Nummer und erzählen, wie sehr mich das Bohei um die Londoner mitreißt. Wäre nur leider gelogen. Ich versuche es an diesem Abend immerhin zum zweiten Mal (ich lasse mir da also nichts vorwerfen!) und muss konsterniert zu Protokoll geben, dass ich diesen Hype einfach nicht verstehe. Ein bisschen fühle ich mich an DELPHIC erinnert, die sich THOMAS ANDERS am Mikrofon gesichert haben, nur dass THOMAS ANDERS aussieht wie eine Mischung aus RIVERS CUOMO und WIGALD BONING und eigentlich auf den Namen ALEXIS TAYLOR hört. Ich weiß auch, was mich stört: der Sound ist mir zu glatt. Electro, oder wie in diesem Fall der vermehrte Einsatz von Synthies sollte für mich etwas „indiehaftes“ haben, einfach ein paar Ecken und Kanten stehen lassen. HOT CHIP sind, was dieses Kriterium angeht, näher am Schlager als am Puls des Indie. Da wollen sie auch nicht sein, das weiß ich wohl. Aber sie werden halt geliebt, denn „Indie“ ist gerade in der heutigen Zeit der „zweite Mainstream“ geworden (nicht nur modisch) und dann reicht es oft, wenn die Spex abfeiert und ein Beitrag für Tracks (Musiksendung auf ARTE) gesendet wird, den Rest erledigt die Internet-Community. Anders kann ich mir HOT CHIP nicht erklären. Allerdings sind sie den übrigen Festivalbesuchern ein würdiger Headliner und genau aus diesem Grunde wurden sie gebucht.

Das BootBooHook hat sich mit dieser Ausgabe als weiteres, kleines Liebhaber-Festival etabliert, denn zwischen Orange Blossom Special und Haldern Pop ist durchaus noch Platz genug. Nur ist es nach 23 Uhr (nachdem auf der Hauptbühne der Betrieb eingestellt wird) den Meisten der Besucher nicht unbedingt möglich, die restlichen Bands zu sehen. Und das ist leider ein nicht unerhebliches Manko.

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