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BOSSE

Ort: Gütersloh – Weberei

Datum: 28.05.2014

Seitdem die altehrwürdige Weberei unter neuer Leitung steht, ist bekanntermaßen die kulturpolitische Diaspora vorbei. Die verantwortlichen Böning-Brüder haben in der Kürze der Zeit schon so namhafte Acts wie OLLI SCHULZ, THEES UHLMANN oder JAN JOSEF LIEFERS in den Laden geholt. Mit Axel „Aki“ BOSSE stand an diesem Vorfeiertagsabend nun ein weiteres Highlight an. Der in Braunschweig geborene Mit-30er wollte in GT eine Art Festival Warm Up Gig spielen, etwas das sonst eher in der Metropole Hamburg zu verorten ist bzw. war. Doch Ostwestfalen ist konzerttechnisch wieder wer, und so fand ich mich nach dem unterhaltsamen „Rudelsingen“ am Vorabend schon wieder in der Webe ein. Dieses Mal war das Publikum allerdings deutlich zahlreicher, was angesichts des Künstlers und dessen Erfolge nicht gerade verwunderlich ist. Immerhin konnte der Herr mit seinem 5ten Album namens „Kraniche“ und Platz 4 in den Charts seine mit Abstand beste Platzierung einfahren. Mir war BOSSE von vorherigen Veranstaltungen als äußerst sympathischer und bodenständiger Künstler in Erinnerung geblieben, was sich heuer wieder bestätigen sollte.

Gegen 20 Uhr war der „große“ Saal der Location schon proppenvoll, das Konzert war ja auch vorab ausverkauft, und wahrscheinlich hätte man noch weit mehr als die 500 Karten verkaufen können. So aber herrschte eine intensive Enge, die bestens für einen Energieaustausch geeignet war. Ohne „lästige“ Vorband ging es dann auch direkt mit dem Haupt Act los, der insgesamt noch 6 weitere Musiker auf der Bühne verteilt hatte. Darunter seine langjährige Stammbesetzung: Bassist Theofilos Fotiadis, die beiden Ex-UNCLE HO-Member Thorsten Sala an der Gitarre und Schlagzeuger Björn Krüger (und ja, ich hab deren sehr gute 1996er Crossover-Scheibe „Tilt“ immer noch im Schrank), dazu Tobias Philippen (auch PETER LICHT) am Piano. Dazu kamen noch ein Herr an der Trompete und eine bezaubernde Dame namens Valentine, die unter diesem Namen auch eigene Singer Songwriter-Sachen veröffentlicht, aktuell gibt es auf ihrer Facebook-Seite einen „Free Download“ namens „Wild Heart“. Hier war die optisch wie eine attraktivere Ausgabe von Lena Meyer-Landrut daherkommende Lady gleichermaßen für die Backing Vocals und (gelegentlich) die Synthies verantwortlich.

Doch zurück zur Musik. Mit dem Titeltrack der aktuellen Scheibe stiegen die BOSSE energisch ins Geschehen ein und schnell wurde klar: Dieser Abend würde unterhaltsam, schweißtreibend und intim werden. Unterhaltsam weil Axel immer wieder launige Anekdoten einstreute, schweißtreibend angesichts tanzender und springender Leiber und die Intimität kam besonders zum Ausdruck, als der Sänger sich fast unbemerkt mitten ins Volk wagte und einen Song wandernd im Publikum performte. Ein Star zum anfassen, auch wenn der unprätentiöse Herr sich bestimmt nicht als Star sehen würde. Das neue Album wurde größtenteils in Istanbul aufgenommen, wo BOSSE mit seiner Frau Ayşe (einer Halbtürkin) und ihrer gemeinsamen Tochter eine Zeitlang lebte. Die pulsierende, widersprüchliche Stadt zwischen Orient und Okzident hat es dem Künstler offensichtlich angetan, nicht nur die Hommage „Istanbul“ zeugt davon, die hier und heute akustisch dargeboten wurde – dabei agierte Herr Fotiadis stilecht an einer Saz. Mit den immer wieder verwendeten Trompetenklängen und den weiblichen Backings klangen die BOSSE-Stücke ein wenig opulenter als früher, auch natürlich deutlich druckvoller als auf Tonträger. Der Missing Link zwischen TIM BENDZKO und JOCHEN DISTELMEYER improvisierte immer mal wieder, tanzte sich den Schweiß aus den Poren und kam dabei immer wie der nette Kumpel von nebenan rüber, mit dem man seine intimsten Gedanken austauschen kann. Das ist wohl der Schlüssel zu BOSSEs Erfolg: Nicht so rührselig wie der neue deutsche Befindlichkeits-Pop aber auch nicht zu intellektuell à la Hamburger Schule.

So musizierte man sich durch die schon recht vielfältige Diskographie, natürlich mit Schwerpunkt auf den „Kranichen“, performt wurden etwa „Sophie“, „Schönste Zeit“ oder „Vive la danse“. Aber auch die Vorgänger-Werke wurden bedacht, ich bin ja zugegebenermaßen ein großer „Taxi“-Fan. Das melancholische „3 Millionen“ beispielsweise gehört zum Besten, was Axel je abgeliefert hat. Dementsprechend wurde es auch aus hunderten Kehlen mitgesungen. Zwischendurch fand der mittlerweile völlig Durchgeschwitzte auch immer wieder Zeit, seine Musiker vorzustellen und ihnen entsprechend Raum für kleine Soli zu lassen. Auch Neckereien gab es, so verriet BOSSE, dass sein Gitarrist sich in Anna Loos verliebt habe, die ja bei „Frankfurt Oder“ Vocals beigesteuert hat. Oder er feierte seinen Drummer für einen aktuellen Beitrag in der „Sticks“ ab, der Drummer-Bibel schlechthin. So verging die Zeit wie im Fluge und nach der bereits erwähnten Ost-Metropole war fürs erste Schluss, was natürlich lautstarke Zugabe-Rufe nach sich zog.

So ging es noch mal in die Verlängerung, wo zuerst das sehr emotionale „Yipi“ gespielt wurde (Zitat aus dem Internet: „Ein Song wie ein verwundetes Tier“), bevor „Tanz mit mir“ titelgemäß noch mal alle Geister wachkitzelte. Was eine Stimmung in der Webe, mit einer Salsa-Einlage um ein Vielfaches verlängert, sprang der halbe Laden auf und ab, es hielt keinen mehr auf den Füßen. „Konfetti“ rundete den Abend auch lyrisch bestens ab, nach 2 Stunden ein perfekter Abschluss eines perfekten Abends. Es war die richtige Entscheidung, nach Gütersloh zu kommen, das hatte auch BOSSE längst bemerkt, der hoffentlich bald wiederkommt, vielleicht mit seiner angekündigten Akustik-Tour in größerer Besetzung. Bis dahin dürfen wir Ostwestfalen uns auf Bands wie MARATHONMANN, OK KID, SOULFLY (!) oder auch die Lärm-Könige NAPALM DEATH freuen. Eine neue Zeitrechnung in der Weberei hat begonnen…

Setlist BOSSE
Kraniche
Du federst
Roboterbeine
4 Leben
3 Millionen
Niemand vermisst uns
Istanbul (akustisch)
Sophie
Schönste Zeit
So oder so
Vive la danse
Alter Strand
Frankfurt Oder

Yipi
Tanz mit mir
Konfetti

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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