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THE BOSSHOSS – THE GRAVELTONES – JÄGERMEISTER BLASKAPELLE

Ort: Hannover – Swiss Life Hall

Datum: 08.11.2013

Das Jahr hat 365 Tage und wir erwischen ausgerechnet den, an dem Hannover 96 nach 37 Jahren im gefürchteten Lokalderby gegen Braunschweig spielt, während nebenan THE BOSSHOSS die mit 5.800 Besuchern ausverkaufte Swiss Life Hall zu rocken gedenken. Mit einem mittleren Verkehrschaos rechnend, machten wir uns deshalb am frühen Freitagabend auf den Weg in die niedersächsische Landeshauptstadt und wurden angenehm überrascht. Sowohl auf der Autobahn als auch in der Nähe der Halle und HDI-Arena blieben wir von Verzögerungen jeglicher Art weitestgehend verschont und erreichten pünktlich das Ziel unseres kleinen Ausfluges, der im direkten Zusammenhang mit dem siebten Studio-Album „Flames of Fames“ der Spree-Cowboys stand. Im Oktober erschienen, gab es für den Silberling mit Position 2 der Charts die bisher beste Platzierung der Bandgeschichte und natürlich muss so eine neue Platte auch gebührend live gefeiert werden und das können THE BOSSHOSS bekanntermaßen ausgesprochen gut.

Bevor Boss Burns und Hoss Power (für die wenigen, die sie nicht kennen sollten: Alec Völkel und Sascha Vollmer aus der „The Voice“-Jury) und ihre Mannen los legten, enterte jedoch zunächst einmal die JÄGERMEISTER BLASKAPELLE die große Stage, die von einem großen Backdrop mit dem aktuellen CD-Cover ein deutlich kleineres Format erhalten hatte. Die 15 Personen hatten den Auftrag, schon mal ein wenig Stimmung zu machen und taten dies mit viel Gebläse und Perkussion, reichlich Tanz und bekannten Melodien, unter denen auch das vom Auditorium begeistert aufgenommene „Don’t Gimme That“ von THE BOSSHOSS zu hören war. Die Hirschattrappen rechts und links erinnerten dabei eher an weihnachtliche Elch-Dekorationen, aber man weiß ja, mit welchem Tier der Schnaps aus dem nahen Wolfenbüttel in Verbindung zu bringen ist. Kaum 15 Minuten später war der „Spuk“ bereits schon wieder beendet und wurde die Bühne für den nächsten Einheizer präpariert.

Der ließ auch nicht lange auf sich warten und hörte auf den Namen THE GRAVELTONES. Dahinter steckten Jimmy O. (Gitarre & Gesang) und Mikey Sorbello (Drums), zwei Exil-Aussies, die sich in London über den Weg gelaufen sind und ihre gemeinsame Liebe zu Blues, Garage und Rock’N’Roll entdeckten. 2011 gründeten sie THE GRAVELTONES und jüngst ist ihr Debüt „Don’t Wait Down“ in die Läden gekommen. Die Jungs waren zwar nur zu zweit, machten aber mindestens Lärm für vier und rockten ohne Zweifel wie der Teufel. Es gab fetten Blues mit viel Wumms auf die Ohren, sowie dreckigen Rotz-Rock mit kratzigen Vocals und jaulendem Sechssaiter. Auf Kuschelkurs war das Duo definitiv nicht und so ließen die Wahl-Insulaner es amtlich scheppern und verbreiteten fein lärmende Sixties-Sounds. Mit reichlich Groove brachten sie die Zuschauer durchaus zum Klatschen und ernteten für ihre treibende Mucke verdienten Applaus. Nach dieser halben Stunde sollte dann auch der letzte Besucher der Swiss Life Hall auf Betriebstemperatur gewesen sein, sodass man sich langsam dem Headliner des Abends widmen konnte.

Der kündigte sich um 21.15 Uhr mit dem bekannten THE-BOSSHOSS-Intro an, doch es dauerte noch ein paar Sekunden, bis der teilende Vorhang fiel und die Bühne in voller Größe und insbesondere mit allen zehn Beteiligten zu sehen war. Neben den sieben TBH-Members Alec, Sascha, Ansgar „Sir Frank Doe“ Freyberg (Drums), Malcolm „Hank Williamson“ Arison (Gitarre & Mundharmonika), André „Guss Brooks“ Neumann (E-Bass & Kontrabass), Stefan „Russ T. Rocket“ Buehler (Leadgitarre) und Tobias „Ernesto Escobar de Tijuana“ (Tasten & Perkussion) war auch THE TIJUANA WONDERBRASS mit einer dreiköpfigen Abordnung vertreten und gemeinsam sorgte man gleich mit dem Opener „God Loves Cowboys“ von der besagten aktuellen Langrille für eine wahrlich coole Show. Die Feinripp-Hemden sind inzwischen Geschichte, stattdessen besteht die Dienstkleidung heuer aus Jeanswesten, deren Rückansicht ebenfalls die Raubkatze des CD-Covers ziert, während die Herren an den Blechinstrumenten mexikanisch anmutende Outfits trugen, wobei die riesigen Sombreros bereits beim folgenden „Bullpower“ an die Seite gelegt wurden. Mr. Power hatte seine Akustikklampfe mit dem „Thanxs“-Spruch auf der Rückseite an dieser Stelle gegen ein elektrisch verstärktes Modell getauscht und schon beim druckvollen „Eager Beaver“ konnte Sänger Boss auf dem ins Auditorium ragenden Steg den ersten Slip einsammeln. Es sollte noch reichlich Unterwäsche (und auch blanke Brüste) folgen, ebenso wie absolut mitreißende Musik, die von einer imposanten Lightshow begleitet wurde. Die Zeiten, in denen THE BOSSHOSS bekannten Pop-Songs ein neues Country-Gewand verpassten, sind zwar lange schon Geschichte, aber ein so lieb gewonnener Song wie „Polk Salad Annie“ (im Original vom Swamp-Rocker TONY JOE WHITE und insofern stilistisch gar nicht so weit vom BOSSHOSS-Sound entfernt) durfte natürlich nicht fehlen und auch die schmusige DIONNE-WARWICK-Nummer „I Say a Little Prayer“ zählte zu den Highlights des vorletzten Tour-Gigs. Sie war zudem Bestandteil des Akustiksets, das zusätzlich noch vom ebenso stimmungs- wie temperamentvollen „What If“ und dem der Crew gewidmeten „My Personal Song“ befeuert wurde. Für diese Unplugged-Session rückten die Mucker auf dem Catwalk zusammen und wurden auch schon mal Seifenblasen in den Himmel geschickt, während das Publikum Arme schwenkte und mitsang, während Saxofon, Posaune und Trompete ihre Soli ablieferten. Mit „Stallion Battalion“ vom gleichnamigen 2007er Longplayer kehrten die Hauptstädter in den Rock-Modus zurück und gönnten ihrer Bläser-Fraktion eine kleine Pause, wovon die hochenergetischen Rock-Sounds allerdings weit entfernt waren. Es ging wieder ab durch die Mitte, wozu die oberhalb der Bühne angebrachten Halbkugeln nette Light-Effekte beisteuerten. Rotes Licht begleitete die ersten, recht lasziven Hooks von „Backdoor Man“, bevor die Truppe wieder aufs Gas stieg und Alec sich seiner Weste entledigte, um schließlich crowdsurfend und mit einem Bier aus der Hand eines Fans über die Menge zu gleiten. „Sex On Legs“ (vom Vorgänger „Liberty of Action“ aus 2011) schloss sich mexikanisch angehaucht mitsamt Kontrabass an, um von „BossHoss“-Gesängen der Zuschauerschaft abgelöst zu werden. Die wurde mit dem knackigen „Rodeo Radio“ vom zweiten Studio-Output aus 2006 belohnt und mit dem bisher größten kommerziellen Erfolg „Don’t Gimme That“ standen dann endlich auch die Ränge. Daran hatten auch die GRAVELTONES sichtlich ihren Spaß, die kurz darauf für eine Dankes-Umarmung auf die Bühne gerufen wurde, bevor das OUTKAST-Cover „Hey Ya“ die Halle endgültig zum Brodeln brachte. In aller Ausführlichkeit und mit viel Körpereinsatz (Boss und Russ lagen auf dem Rücken und strampelten mit den Beinen, ehe sich Hoss und Hank auch noch am Boden zu ihnen gesellten) wurde diese Nummer nach allen Regeln der Kunst inklusive des Einsatzes von Waschbrett und Melodica zelebriert, um letztlich um 23.00 Uhr der restlos elektrisierten Crowd das reguläre Ende des Sets zu verkünden.

Für den ersten Teil der natürlich gewährten Zugabe erschien Sascha allein auf der Stage, nahm auf einem Barhocker am Ende des Steges Platz und performte „Mary Marry Me“ im Alleingang. Wobei – ganz allein war er nicht: ein Großteil der Anwesenden sang mit und auch die Trompete stieg irgendwann mit ein. Und mit „Whatever“ war dann die gesamte Mannschaft wieder auf der Bühne versammelt und verbreitete gut gelauntes Rock-Disco-Feeling. Für den Abschluss des Gigs suchte Frankie einen Haufen Ladies aus, denen die Ehre zuteil wurde, zur CAMEO-Variation „Word Up“ im zuckenden Bühnenlicht zu tanzen, während ein letztes Mal die Luzie abging und nach gut zwei Stunden eine großartige Show ihr Ende fand.

Draußen liefen rund ums Stadion bereits die Aufräum- und Säuberungsarbeiten nach einem torlosen Fußballspiel, das wohl weitaus weniger entspannt war als das THE-BOSSHOSS-Konzert. Schade, dass man sich die Pyro-Technik nicht für die Bühne aufsparen kann und es stattdessen in der HDI-Arena bei der als „gefährlichstes Spiel der Bundesliga“ eingestuften Begegnung zwischen Hannover und Braunschweig im Minutentakt brannte. Davon war auch die Polizei betroffen, die vor der Spielstätte selbst zum Ziel von zündelnden Chaoten wurde und um ihre Aufgabe bestimmt nicht zu beneiden war. Ich bin hingegen vermutlich noch nie so sicher zu meinem Auto gekommen und konnte mich über einen sehr friedlichen und gleichzeitig schweißtreibenden Abend freuen, der mit einer großartigen Show und krachendem Rock’N’Roll nach THE-BOSSHOSS-Manier verbunden war.

Setlist THE BOSSHOSS
God Loves Cowboys
Bullpower
Eager Beaver
I Keep On Dancing
Do It
Polk Salad Annie (TONY-JOE-WHITE-Cover)
A Little More More More
What If
I Say A Little Prayer (DIONNE-WARWICK-Cover)
My Personal Song
Stallion Battalion
Backdoor Man
Sex On Legs
Rodeo Radio
Don’t Gimme That
Hey Ya! (OUTKAST-Cover)

Mary Marry Me
Whatever
Word Up (CAMEO-Cover)

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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