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BRAND NEW – THE FRONT BOTTOMS

Ort: München - Strom

Datum: 26.04.2014

Kurz vor halb neun ist es, und bereits jetzt – eine halbe Stunde vor offiziellem Konzertbeginn – platzt das Strom in München aus allen Nähten. Da helfen auch zusätzliche Kapazitätserweiterungen im hinteren Clubbereich nicht viel, um die außergewöhnlich, internationale Mischung alternativer Musikliebhaber zu bändigen. Was sich im Vorfeld des auf Wochen ausverkauften Gigs bereits abzeichnete, dürfte BRAND NEW samt Vorheizer THE FRONT BOTTOMS nachhaltig begeistern. Full House in der Lindwurmstrasse. Seit 2000 schon rocken die Helden des heutigen Abends ansprechend alternativ durch die Weltgeschichte – leider ist Deutschland nicht die Welt und hiesige Auftritte damit selten. Doch die zwei Gigs 2013 in germanischen Gefilden haben Sänger Jesse Lacey, Vinnie Accardi Garret Tierney und Brian Lane anscheinend so beeindruckt, dass die US-Amerikaner mit ihrer Mischung aus melodisch einprägsamen Punkrock und Emo-Partikeln Deutschland im April und Mai für sechs weitere Konzerte beschallen, der zweite Halt im deutschen Tourdiktat: München. And here we go!

Unterstützt werden die Amerikaner von THE FRONT BOTTOMS. Sänger und Gitarrist Brian Sella, Trommler Mathew Uychich, Basser Tom Warren und Multitalent Ciaran O’Donnel (Keyboard/ Trompete/ Gitarre) vermengen hörenswert akustischen Indie-Pop und Punk-Rock mit rhythmischen Dance-Grooves. Das vierte und aktuelle Album „Talon of the Hawk“ erschien 2013 und birgt mindestens genauso viel Stoff, um die Hütte für BRAND NEW auf wohlige Betriebstemperatur zu spielen, wie seine drei Vorgänger. Doch so richtig vorbereitet ist hier gerade noch niemand auf die Amerikaner, beginnen THE FRONT BOTTOMS ihr Set schon um 20:30 und damit eine ganze halbe Stunde früher als eigentlich geplant. Schnell wird klar, die anschließende Visions-Party ist schuld am frühzeitigen Gig-Desaster. Wer will denn das! Aber gut … So feuern THE FRONT BOTTOMS die ersten wohlklingenden Töne zu „Skeleton“ vom aktuellen Silberling in ein zwar ausverkauftes, aber noch nicht ganz anwesendes Strom. Doch Brian Sella weiß die Menge zu begeistern und Multi-Musikus Ciaran O’Donnel sorgt für staunende Blicke und offen Münder. Der– wie eigentlich immer– extrem gute Sound und die intime Atmosphäre des Strom tun ihr Übriges, um die Herzen der Meute zu gewinnen. THE FRONT BOTTOMS zocken rotzrockig groovige Hits wie „Rhode Island“ und „Swimmingpool“ und werfen mit „Fuck, Jobs“ sogar noch brandneues knisterndes Öl ins Feuer. Das gefällt und nach gut 40 Minuten schnaufen Band wie Menge einmal durch – auf zu BRAND NEW!

Setlist THE FRONT BOTTOMS
Skeleton
Rhode Island
The Beers
Backflip
Au Revoir (Adios)
Swimming Pool
Fuck, Jobs
Maps
Twin Size Mattress

2000 gegründet, erspielen sich BRAND NEW international schnell eine feste Fanbase. INCUBUS, DASHBOARD CONFESSIONAL oder THE GET UP KIDS sowie weitere große europäische Festivals wie das Glastonbury und Reading zählen zu den Fußspuren, mit denen die Jungs ihr musikalisches Revier auch in Europa abgesteckt haben. Angefangen beim poppig-punkigen Debut „Your Favorite Weapon“, gefolgt vom eher alternativen und EMO-lastigen „Deja Entendu“ und schließlich mit Album Nummer Drei „The Devil And God Are Raging Inside Me“ entwischen die New Yorker jedem Klischee und bedienen mühelos die Klaviatur von Punk-Pop bis Progressive. Schließlich wählte die deutsche „Visions“ die EP dank viel Gefühl, Akustik, Harmonie, Noise, Industrial und Distortion zum „Album des Jahres 2007“. Und auch die letzte aktuelle Scheibe „Daisy“ steht in Experimentierfreude und Kreativität seinen Vorgängern in nichts nach. Denn Daisy verschrammelt Gitarren, quietscht vor Feedbacks und türmt nur schwer greifbare Songsstrukturen zu beinahe unüberwindbaren musikalischen Mauern auf.

Freuen darf sich die multikulturelle Population Münchens und des Weißwurst-Speckgürtels dann endlich endlich auch live über die BRAND NEWsche Verknüpfung musikalischer Extreme. Doch so laut, wie vorab in Form diverser Plakat-Hinweise angekündigt, toben die Emo-Punker dann doch nicht über die Bühnenbretter. Also Ohrenstöpsel raus, Sound genießen, Atmosphäre atmen und so viel Poserattitüde aufsaugen, wie nur irgend möglich. Das jüngst verhängte Fotoverbot lässt schließlich keinerlei optische Memoiren zu. Zugegeben, Sänger Jesse Lacey ist schon eine skurrile Nummer. So deutete der Sänger und Texter der Band kurz vor dem Release des letzten Silberlings in diversen Interviews fast unmissverständlich an, dass er mit dem Gedanken spielt, BRAND NEW aufzulösen. Aber – wer hätte das gedacht – in 2014 trauen sich die New Yorker endlich wieder in deutsche Lande und starten mit „Vices“, „Gasoline“, „At the Bottom“ und „You Stole“ gleich mal eine wahre „Daisy-Session“. Spielereien im Detail, diverse Melodieexperimente und Popeinspritzer inklusive. Aber: Fan-Ansprache? Fehlanzeige! Sowohl Gitarrist Vince Accardi, als auch Bassist Garrett verstecken sich unter den Kapuzen ihrer Hoodies, während Laceys Stimme fernab jeglicher Melodie-Lehren eindringlich hämmert und ein hinter Amps versteckter zweiter Drummer das Trommelfeuerwerk zusätzlich beheizt.

Und dann endlich! Mit dem ersten lang ersehnten Übersong „Sic Transit Gloria“ scheint das Eis zwischen Band und Menge zu schmelzen, das schreckliche Poser-Gehabe lässt nach und die Stimmung steigt zu Songs der „Déjà Entendu“ Platte, auch wenn von den Helden noch immer nicht viel mehr zu sehen ist als eine Kapuze. Vielleicht schämen sich die Jungs ob ihrer Goldies wie beispielsweise „Seventy Times Seven“ von 2001? Egal, schließlich fehlt noch die eine, die wichtigste Platte im BRAND NEWschen Songkatalog: Zu „The Devil And God Are Raging Inside Me“ endlich legt die Band alle Fesseln, Hoodies und Coolness ab und entlädt sich in einer minutenlangen musikalischen Orgie, bis schließlich „Degausser“ und „You Won’t Know“ nach 80 Minuten progressiven Getrommle, Noise und gezupften Melodieexperimenten die Schar verzückt entrückter BRAND NEW Anhänger in die anschließende Visions-Partynacht entlassen.

Publikum: bunt
Sound: eindrucksvoll
Vom Konzert gelernt: Wer will schon Poser? Musiker braucht der Abend.

Setlist BRAND NEW
Vices
Gasoline
At the Bottom
You Stole
Sic Transit Gloria… Glory Fades
Guernica
Okay I Believe You, but My Tommy Gun Don’t
I Will Play My Game Beneath the Spin Light
Seventy Times 7
The Quiet Things That No One Ever Knows
Sowing Season
The Archers Bows Have Broken
Millstone
Limousine
Jesus
Degausser
You Won’t Know

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