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BRING ME THE HORIZON – ARCHITECTS – THE DEVIL WEARS PRADA – TEK-ONE

Ort: Herford - X

Datum: 03.02.2011

Im Hause der britischen Trendcore-Wegbereiter BRING ME THE HORIZON rollt das Pfund gerade mächtig. Vor knapp drei Jahren sah ich die englischen Überflieger an gleicher Stelle, zu der Zeit jedoch noch als unbekannte Deathcore-Scheitel im Schlepptau von KILLSWITCH ENGAGE. Dank totaler Stilreform konnte „Suicide Season“ allerdings vor zwei Jahren den endgültigen Durchbruch bescheren, jetzt setzt der mit dem astronomisch langem Titel „There Is a Hell, Believe Me I’ve Seen It. There Is a Heaven, Let’s Keep It a Secret“ bestückte Nachfolger sogar noch einen drauf, beschafft den Jungs ausverkaufte Shows und Chartplatzierungen in mehreren Ländern. Nebenbei verdient sich der von mindestens 98 Prozent der pubertierenden Szene-Mädchen vergötterte Fronter Oliver Sykes mit seinem Modelabel „Drop Dead“ noch eine zweite goldene Nase dazu – wenn man bedenkt, wie viele Textilien auch an diesem Abend wieder besagten Markennamen zur Schau trugen. Da mich der phänomenale Hype um den volltätowierten Schönling und seine optisch angepasste Truppe bislang jedoch eher wenig tangierte, lag der besondere Reiz für mich hauptsächlich bei dem aus zwei ebenso aufstrebenden Bands bestehenden Support, an denen es nun lag, die hohen Ticketpreise (rund 28 Euro pro Karte!) zu rechtfertigen.

Überraschenderweise stand um halb 8 keiner der beiden angekündigten Acts auf den Brettern des schon zu diesem Zeitpunkt gut gefüllten X‘ in Herford. Einheizen sollten stattdessen TEK-ONE, über deren Teilnahme an der Tour ich mir im Vorfeld nicht bewusst war. Im Zusammenhang mit BRING ME THE HORIZON war das britische Dubstep-Trio dennoch bereits bekannt, haben sie doch für das nachträglich veröffentliche „Suicide Season: Cut Up!“ einen Remix des Songs „Sleep with one eye open“ beigesteuert. Den gab es natürlich unter anderem auch auf die Ohren, wobei eine klare Trennung der einzelnen Stücke für den Laien kaum möglich war. Nicht Wenige schienen da zunächst etwas verdutzt gewesen zu sein und die Chose eher zu belächeln als wirklich ernst zu nehmen. Doch MC Tonn Piper, Drummer James und DJ Howard versuchten sich beharrlich mit brutalen Elektro-Breakdowns und Köpfe sprengenden Bässen in die Gemüter zu fräsen. Dabei leistete ersterer seinen Teil mehr als Unterhalter denn als Sänger, ließ die Dreadlock-Mähne kreisen, stampfte wild über die Bühne und sprach, sang oder johlte dafür relativ selten ein paar Worte ins Mikrofon hinein. Nach und nach sollten die Anstrengungen sich auszahlen, die ersten Leute ließen sich zu mehr Bewegung hinreißen und vor allem die Pit-Artisten nutzten die Gelegenheit für ein kleines Aufwärmprogramm. ARCHITECTS-Sänger Sam Carter zwängte sich übrigens zwischenzeitlich hinter das im Halbdunkel stehende größere Schlagzeug, trommelte ein paar Takte mit und verschwand ebenso geschwind wieder von der Bühne. Nach einer guten halben Stunde verebbte dann das Dauer-Geballer, mit der Zeit verlor die nicht wirklich innovative Darbietung auch ihren anfänglichen Reiz. Dennoch konnten TEK-ONE mit vom aktuellen Aufwind der Dubstep-Szene gestärktem Rücken reichlich Anklang im Publikum finden und auch dem nicht gerade geringen Anteil minderjähriger Zuschauer klarmachen, dass außer der Brechstange heute nichts geknuddelt werden durfte.

Auch musikalisch war die Eröffnung kaum Fehl am Platze, spannten THE DEVIL WEARS PRADA mit ihrem Intro den elektronischen Bogen doch schon wieder reichlich straff. Dass der Sechser aus Ohio den einzigen amerikanischen Beitrag im sonst britisch gehaltenen Line Up leistete, war durch die musikalische Homogenität, mit der sich das Abendprogramm gestaltete, gut kaschiert. Den Weg über den großen Teich haben die Jungs mit ihrem von mir immer wieder gerne als Referenz verwendeten Erfolgs-Langspieler „With Roots Above And Branches Below“, auf dessen Umsetzung ich daher natürlich mächtig gespannt war, aber schon längst hinter sich gelassen, so dass auch der Platz vor der Bühne mittlerweile relativ dicht besiedelt war. Entsprechend lebendig setzte sich die Mitte in Bewegung, als aus dem Dunkel der Bühne heraus Fronter Mike Hranica mit „I know a ghost“ sich zu seinem überirdischen Kumpanen bekannte und „Danger: Wildman“ für den Pit freigab. Mit einer Überdosis Elan (vielleicht zu viel Energy Drink genascht?) wuselte die sympathisch wirkende Zahnlücke vor den beiden TDWP-Bannern hin und her, während seine Kollegen beinahe pausenlos Mähdrescher-Parts und Breakdowns in die Menge feuerten. Doch das Set der Pradateufel bot bei weitem nicht nur Malträtierendes, ist man doch gerade von der letzten Scheibe auch viel Seichtes, viel Melodisches und Anmutiges gewöhnt. „Dez Moines“ durfte mit seiner verträumten Core-Epik daher nicht fehlen, womit Keyboarder James Baney einmal mehr die hervorgehobene Präsenz seiner Tasteninstrumente auskosten durfte und die Halle in fragile Klänge tauchte. Die eindeutig stärkste Leistung erbrachte jedoch Gitarrist Jeremy Depoyster, neben seiner rhythmischen Mission auch hauptverantwortlich für die puren Engelsstimmen. Wurde an dieser Stelle nicht vielleicht ein Playback eingeschleust? Viele Gitarristen/ Bassisten bestehen bekanntlich den Cleanvocal-Test live nur ungenügend, aber das, was man hier zu hören bekam, klang einfach genauso wie auf Platte. Wahnsinn, eine unglaubliche Stimme! Trotz wilder Turnerei saß da auch noch so ziemlich jeder Ton. Insgesamt wurde ein völlig sehenswerter Auftritt geboten, kurz und intensiv, der erwartungsgemäß überwiegend das aktuelle Album und die noch aktuellere „Zombie“ EP bemühte, dennoch auch einen kleinen Abstecher in die „Plagues“-Phase machte. Zudem machte es der Keyboarder möglich, das Set so gut wie ohne Einspieler zu realisieren. Damit ist klar, dass sich alle kommenden Bands in so ziemlich allen Belangen mit den Christen-Corern, was Mike Hrenica vor Ende des Auftritts noch einmal deutlich zu betonen wusste, messen werden müssen. Amen!

Sich beweisen mussten sich die ARCHITECTS sicherlich nicht mehr, haben sie sich doch spätestens mit „Hollow Crown“, meiner Meinung nach eines der wichtigsten Metalcore-Alben der vergangenen Jahre, an der Zitze der Szene festgesaugt. Unklar war jedoch, wie man das ganz frisch auf den Markt geworfene Nachfolgewerk „The Here and Now“ umsetzen würde. Die Briten um Shouter Sam Carter haben im Gegensatz zu den amerikanischen Kollegen nämlich den Metal-Sparmodus eingeschaltet und vertrauen jetzt überwiegend auf die emotionale Kraft ihrer Melodien – mit Erfolg. Doch wie können die neuen Songs neben dem Chaos-Metalcore aus vergangenen Tagen bestehen? Sam versicherte mir im zuvor geführten Interview, das Album sei bei dem bislang beglückten Publikum wunderbar angekommen, obwohl die Setlist sich momentan noch auf zwei bis drei neue Stücke beschränke. Um die erwärmten Körper also nicht gleich wieder auskühlen zulassen, hämmerten die ARCHITECTS erst einmal das mächtige „Follow the Water“ als Opener aus den Boxen. Und man konnte Stimmungstechnisch genau da anknüpfen, wo TDWP ihren Gig beendet hatten: ganz weit oben! Zwar war es im Innenraum seitdem nicht merklich voller geworden, doch der Platz vor der Bühne war an Zuschauern reich genug, um im Chor die Halle mit den sphärischen Zeilen des Stückes zu füllen. Danach gab es mit „Day In Day Out“ schon gleich neues Material auf die Ohren, wobei „neu“ hier sicherlich auch relativ zu sehen ist. Schließlich wurde besagte Single schon letztes Jahr im November mit dazugehörigem Video (sehr sehenswert!) veröffentlicht. Daher war die Reaktion vorzüglich, die Kluft zwischen dem metallisch zermatschenden „Hollow Crown“ und dem melodischer bedrückenden „The Here and Now“ erfolgreich überbrückt. Jedoch sicherte man sich auch mit dem zweiten Neuling „Learn to Live“ noch ein Stück weit ab und wählte zwei Titel, die die Bewegung mühelos aufrecht erhielten und sich in den Schwung brutalerer „HC“-Stücke ohne Komplikationen einordnen ließen. Mit ruhigen, fast balladesken Titeln wie „Heartburn“ oder „An Open Letter to Myself“ vom neuen Album experimentieren die Architekten an dieser Stelle noch nicht, wobei die im Gegenzug stärker auftretenden elektronischen Elemente sicher auch nur vom Band hätten laufen können. Dafür hatte man ungewöhnlicherweise den Titeltrack von „Hollow Crown“, das an diesem Abend der Meute noch kräftig den Hintern versohlen und die ersten humpelnden und sich die Nase haltenden Pit-Invaliden fordern sollte (die Tour-Aufstellung stellte natürlich für den jungen und Konzerte noch nicht so sehr gewohnten Teil der BMTH-Fangemeinde eine regelrechte Schocktherapie dar), mit im Repertoire, womit die Stimmung zum ersten Mal deutlich kippte, keineswegs jedoch ins Negative. Vielmehr tauchte sie ein in die tiefe Oase der fragilen Gefühle, in die der Hörer dem nun einer Sirene gleichenden und wahrlich auch schön singenden Sam Carter nur zu gerne folgen mochte. Gut, dass man solch einen großartigen Track nicht nur auf der Langrille verstauben lässt, sondern auch live präsentiert und den Rahmen der konventionellen Metalcore-Show zu sprengen sich traut. Ganz großes Kino! Noch leicht benebelt von dieser Darbietung vernahm man die obligatorische Danksagung von Seiten der Band, die natürlich vor allem ihre Kumpels von BRING ME THE HORIZON anpries, bevor die Peitsche zum Abschluss noch einmal mit „Early Grave“ im Kreis geschwungen wurde. Eine wirklich sehr gute, aber leider kurze Darbietung lieferten die ARCHITECTS, die sich meiner Meinung nach noch länger hätte hinziehen können. Es bleibt die Hoffnung, dass die Briten bald auch hier als Headliner unterwegs sind!

Da dieser Posten aber deren von der Mehrheit der anwesenden Gäste sehnlichst erwarteten Kollegen BRING ME THE HORIZON im Rahmen dieser Tour vorbehalten blieb, endete dieser Abend mit dem Auftritt der gefeierten Durchstarter aus Sheffield. Nun zeigten sich auch die vielen minderjährigen Zuschauer wieder zu Hauf, die beim lebendigen Einlass zuletzt gesehen wurden und sich danach wohl von dem ungewohnt brutalen Tumult im Pit distanzieren wollten. Während also der Altersdurchschnitt vor der Bühne sank, erreichte das Umbauprozedere darauf den Höhepunkt. Als die ersten leichten Beschwerden laut wurden, ging das Licht plötzlich aus und (wieder) erklang elektronische Einmarschmusik. Da war der Jubel, der bei Erscheinen der dunklen Silhouetten sich auch mit dem Kreischen kleiner Mädchen vermengte, erwartungsgemäß groß. An ging das Licht wieder zum Geschrammel der neuen Single „It Never Ends“, ein mystisch untermalter Ausflug auf den Trampelpfad des zugegebenermaßen sehr ordentlich ausgefallenen dritten Albums. Während nun die zarte Stimme von Solokünstlerin LIGHTS vom Band her ertönte, brüllte sich der in ein zum Kleidchen transformiertes ARCHITECTS-Shirt gehüllte Oli Sykes in die Herzen der weiblichen Fans. Die mussten sich vor lauter Hormonchaos schon abstützen und Luft zufächern. Boygroup-ähnliche Zustände gab es aber hauptsächlich nur am sicheren Rand. Denn der direkt nach Beginn des Gigs gespielte Band-Hit „Chelsea Smile“ brachte die Mitte endgültig in Fahrt und machte ein sicheres Passieren des Pits völlig unmöglich. Sykes, nun also auch als Robbie Williams des Metalcores zu bezeichnen, schien das sichtlich zu freuen, wenngleich sein Agieren meiner Meinung nach immer mehr an Authentizität verlor. Die gen Himmel gestreckte Pommesgabel hätte man noch als Ironie verbuchen können, doch die dezent langen Pausen, das zeitgleiche Erstarren der Band, die ewigen Kniefälle und Kriechereien erweckten nach und nach nicht nur Skepsis, ja mehr noch Ärgernis. Besonders nervig war auch das gewollt angepisste und von lautem Klacken begleitete Niederwerfen des Mikrofons… vor allem, wenn man sich in unmittelbarer Nähe der Boxen befindet. Bei all der arroganten Selbstdarstellung musste Mister Sykes jedoch immer den prüfenden Blick zu seinen Leute werfen. Nicht zuletzt dadurch wirkte die ganze Darbietung ziemlich inszeniert, wobei das Posing glücklicherweise keine Einwirkung auf die musikalische Qualität des Gigs hatte. An dieser Stelle ist vor allem die Klasse von Neu-Gitarrero Jona Weinhofen (ehemals I KILLED THE PROM QUEEN und BLEEDING THROUGH) zu nennen, der wie gewohnt sowohl clean als auch schreiend auf ganzer Höhe war. Die Stimmung kochte ohnehin schon über und im Rausch überwiegend neuer Stücke wie etwa „Crucify Me“ und „Alligator Blood“ sind den sich weiterhin völlig verausgabenden Menschen im Zentrum des Geschehens solche eigentlichen Kleinigkeiten wohl eh nicht aufgefallen. Crowdsurfen und Circle Pits waren mittlerweile angesagt, wobei sich gerade die kurze Keule „Football Season is Over“, für die man sich TEK-ONEs MC zur Unterstützung auf die Bühne holte, zur Eskalation eignete. Das zweite Wiedersehen feierte man zusammen mit dem scheinbar omnipräsenten Sam Carter, der pflichtbewusst seinen Cleanpart von „This Sadness Will Never End“ übernahm. Meiner Meinung nach der Höhepunkt des Auftritts! Danach schien nämlich die Länge des Abends ihre Wirkung zu zeigen, die Kräfte schwanden immer mehr dahin. Dass die nur aus „Diamonds Aren’t Forever“ bestehende Zugabe in einer Wall of Death endete, lag tatsächlich auch nur daran, dass Oli Sykes selber eben diese forderte. Etwas breitwillig ließ sich die Meute schließlich zu dem finalen Zusammenkommen hinreißen, so dass der Auftritt von BRING ME THE HORIZON nach gerade mal einer Stunde in einem alle Beteiligten physisch vereinigenden Spektakel endete. Obwohl die Fans während der gesamten Spielzeit ordentlich unterhalten wurden, sollte man von einem Headliner, für den die jungen Leute auch noch so viel Geld hinblättern mussten, doch noch ein paar Minuten mehr erwarten können. Für mich bleiben die stereotypen Briten, die meiner Ansicht nach viel zu sehr den begeisterten Wahn der Zielgruppe auskosten, ein zweischneidiges Schwert. Dank wirklich äußerst guter Supports, die sich glücklicherweise noch nicht mit derartiger Überheblichkeit schmücken, kann ich den Abend insgesamt dennoch als gelungen abhaken!

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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