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BUCKCHERRY – SKID ROW – SANTA CRUZ

Ort: Mannheim - Alte Seilerei

Datum: 11.06.2014

SKID ROW ist eine der Bands, die ich live performen sehen wollte, seit ich das erste Mal von ihnen gehört hatte. Dass der berüchtigte Sebastian Bach schon länger nicht mehr dabei ist, ist zwar schade, doch Johnny Solinger ist keineswegs eine Notlösung. Eher im Gegenteil, er war voll und ganz dabei, so als wäre er nie in einer anderen Band gewesen. Aber wie lief das nun genau mit SKID ROW und ihrer „United World Rebellion-Tour“ in Mannheim?

Neckarau, Hafengebiet am Rhein. Die Alte Seilerei liegt etwas versteckt hinter einem Parkplatz, der von Skatern benutzt wird und hat als Haupteingang eine unauffällige Lieferanden-Zufahrt. Ebendiese soll demnächst modernisiert werden; was ich allerdings für die Zerstörung des urbanen Charmes einer heruntergekommenen Lagerhalle halte. Vor dieser ungewöhnlichen Location haben sich schon am frühen Abend die ersten Fans versammelt. Sie schienen von überall her zu kommen, besonders umgehauen hat mich der Anblick eines Kennzeichens aus der Schweiz, wobei sich später herausstellte, dass auch Amerikaner und Japaner anwesend waren.

Als Support waren SANTA CRUZ am Start, vier Jungs aus Finnland, die mit frechem, verschwitztem Hair-Metal von Anfang an für Stimmung unter den noch sehr wenigen Zuschauern sorgten. Hierzulande sind sie noch nicht sonderlich bekannt, in Skandinavien sieht das ganz anders aus, doch wer weiß, was noch wird. Sänger und Gitarrist der Truppe, Arttu „Archie“ Kuosmanen, stellte seinen Fuß immer wieder auf das Geländer zwischen Bühne und Zuschauerraum. Es war eine super Position, um Fotos mit den überraschten Fans aus der ersten Reihe zu schießen. Später kletterte er an einem etwas von der Bühne entfernt stehende Pfeiler hoch, was sonst an dem Abend keiner wagte. Archie versuchte zwar, dagegen anzukommen, doch Bass und Basedrum waren viel zu laut eingestellt. Der Sound vibrierte in jeder Hautfaser, doch verstehen konnte man kein Wort. Schade, denn so war es schwierig zu sagen, wie die Songs überhaupt hießen, man konnte nicht spontan mitsingen und einen tieferen Sinn heraushören, ging schon mal gar nicht. Wofür sich das Kommen allerdings bereits gelohnt hätte, war Archies nächste Aktion: Im Instrumentalteil von „Nothing Compares To You“, welches ich eher zufällig mit dem Handy filmte, spazierte er durch den Lagerraum und sang mir, als er merkte, dass er aufgenommen wurde, direkt ins Gesicht, nur um kurz später auf dem Boden kniend den letzten Ton zu schmettern. Licht aus. Applaus. Wieder zurück auf die Bühne. Neben ihrem recht bekannten „Aiming High“ war dies das Highlight des blutjungen Quartetts. Nach Aussagen des Gitarristen Joonas „Johnny“ Parkkonen durften SANTA CRUZ am vorherigen Sonntag zusammen mit SKID ROW „Youth Gone Wild“ spielen. In Mannheim ging das aus unbekannten Gründen leider nicht. Spaß gemacht hat es ihnen trotz allem, das hat man ihnen einfach angemerkt. Es war für sie bereits eine Ehre, mit ihren großen Idolen touren zu dürfen.

In der folgenden Pause liefen endlich mal passende Songs über die Lautsprecher, keine Charts aus dem Regionalradio. Es war noch angenehm warm draußen, weshalb die Mehrzahl des wachsenden Publikums es sich im Außenbereich gemütlich machte und sich dort über vergangene Konzerte der beiden Headliner BUCKCHERRY und SKID ROW austauschte. Letztere machten bei ihrem Auftritt, der als zweiter Programmpunkt angesetzt war, allein schon optisch Eindruck. So hatte Bassist Rachel Bolan es sich nicht nehmen lassen, sein charakteristisches Piercing mit der Kette, die ihm von der Nase bis zum Ohr reicht, zu tragen. Ebenso schnallte er sich kurzerhand selbst gemachte Flammen an den Gürtel. So bekam der Ausdruck „Feuer unterm Hintern“ eine ganz neue Bedeutung… Gitarrist Scotti Hill zog eine unheimlich überzogene Fratze nach der anderen und posierte ausfallend für die Fotos schießenden Fans. Snake wirkte vergleichsweise normal. Dafür hatte er die Ehre, die wirklich weltberühmten Hits der Band anzustimmen. Hätten von vornherein alle Instrumente bei diesen Einsätze gespielt, wäre von den legendären Textzeilen nicht viel zu hören gewesen, und keiner hätte von Anfang an mitgesungen. Wenn eines ein Problem war an diesem Abend, dann die Akustik. Basswummern zu laut, Stimme zu leise, Gesang der Zuschauer hat man schon mal gar nicht gehört.

Ärger darüber ließ sich Sänger Johnny Solinger allerdings nicht anmerken. Mit seiner südstaatlichen Herzlichkeit begrüßte er die Fans, erzählte Anekdoten, bedankte sich für alles Mögliche, versprach, viele Old School Hits zu spielen und redete auch sonst ganz gerne, aber nie so viel, dass es gestört hätte. Und während Sebastian Bach bei „Sing Your Face Off“ als Lady Gaga oder Freddy Mercury über die Bühne hüpft, übernimmt der neue Sänger seine Rolle mit Witz und Sympathie. Dass er mich, als er den Hut ablegte, mit seinem roten Bandana auf dem Kopf an einen früheren Axl Rose erinnerte, konnte ich leider nicht verhindern. Rob Hammersmith, der neuste Zugang zur Band, ließ es am Schlagzeug ordentlich krachen. Passt irgendwie zu seinem Namen. Auch wenn sie es versuchten, die Leute für „Making A Mess“, „Thick Is The Skin“ oder „Kings Of Demolition“ zu gewinnen, hätten diese wohl am liebsten die ganze Zeit nur „40 Seasons“-Songs gehört, also quasi die alten Best Of-Nummern. Sei es „Monkey Business“ oder „18 And Life“ – was alle kannten, das kam geil an. Immer mal wieder hörte man einen „SKID ROW!“-Ruf aus dem Raum, die Stimmung war heiter, obwohl es Mittwoch war und nicht viel getrunken wurde oder sich große Massen vor der Bühne tummelten. Johnny überließ seinem Bandkollegen Rachel Bolan beim Cover von „Psycho Therapy“ von den RAMONES das Mikrofon. Er ruhte sich dabei außerdem kurz aus, denn beim Singen legte er sich ins Zeug. Bolan seinerseits hätte auch einen dauerhaften Platz an einem Mikrofonständer verdient. Er blieb zwar unbeweglicher, weil er ja gleichzeitig singen und spielen musste, sein Gesang selbst dagegen klang bewegend. Als SKID ROW ihren Namen erklärten (bezeichnet Arbeiterviertel in Großstädten), wurde mir wieder einmal klar, dass man diese Lagerhalle nicht renovieren durfte. Die Amis würden doch auch nicht plötzlich anfangen, Hip Hop zu singen; wenn doch, wäre das ein Vergehen gegen sich selbst.

„Slave To The Grind“ und vor allen Dingen „Youth Gone Wild“ durften zum Abschluss auf keinen Fall fehlen. Als die fünf freundlichen Kerle da oben fertig waren, war ich traurig: Sollte dieses erste Konzert mit ihnen zugleich mein letztes sein? Sie waren bereits im Jahr zuvor in der Alten Seilerei gewesen, was ich jedoch nicht mitbekommen hatte und würden den nächsten Auftritt in Deutschland auf dem Wacken haben, wofür ich keine Karten habe. Was die Zukunft aber noch bereithält, ob weitere Besuche eines SR-Konzerts oder vielleicht ganz neue, noch bessere Bands, weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber ich habe ja noch ein ganzes Leben vor mir…

Inhalt dieses Lebens sollte zunächst der Auftritt von BUCKCHERRY sein. Viel wusste ich zugegebenermaßen nicht über diese Band. Sie kommen aus Kalifornien, haben ein neues Album namens „Confessions“ am Start, auf dem es einen Song für jede der Sieben Todsünden gibt (geile Idee!) und nehmen kein Blatt vor den Mund. Ihr Megahit heißt „Crazy Bitch“. Darin geht es um ein Mädel, das dem (Anti)Helden eigentlich ganz schön verrückt vorkommt, welches er aber trotzdem nie von der Bettkante schubsen würde, nur weil sie gut im Bett sei. Solche Themen haben die restlichen Songs in etwa auch. Wenn man da nicht zu empfindlich ist, ist das aber cool. Rock’n’Roll hat schon immer von Rebellion gelebt. Ich nutzte die viel zu lange Pause, bei der sogar die Monitorlautsprecher von der Bühne geräumt wurden, um noch ein bisschen was über sie im Internet nachzulesen. Derweil erfuhr ich auch, dass man für eine Autogrammkarte von SKID ROW ganze 15€ hinlegen musste und es keine Chance gab, die Jungs persönlich zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Schon ärgerlich, denn wenn nicht auf einem so „kleinen“ Konzert, wo dann?!

BUCKCHERRY traten auf die Bühne und aus irgendeinem Grund war ich während der ersten zwei bis drei Lieder nicht sonderlich aufmerksam. Man verstand sowieso keinen Text, Josh Todd, Frontmann der Band, sah etwas benebelt aus und schaute überall in der Gegend herum, nur keinem in die Augen. Auch sonst klangen die Lieder durch die Akustik alle ähnlich. Etwas frustriert wanderte ich mit meiner Cola durch die Halle. Als ich weiter hinten in der Mitte angekommen war und ein bisschen Koffein im Blut hatte, war alles ganz anders. Von hier sah es wenigstens halbwegs aus, als würde Josh den Kontakt zu den Fans suchen, man konnte ihn deutlicher hören und hatte eine Übersicht über die Bühne sowie die tanzenden Hardcorefans davor. Links, recht, überall flogen reihenweise Plektren durch die Gegend, wobei die meisten im Graben zwischen Bühnenrand und Absperrung landeten. Sehr zum Ärger aber auch zur Belustigung der Anwesenden, denn wer unbedingt eines haben wollte, aber keines fangen konnte, reckte sich wie blöd nach den kleinen Plastikdingern – ohne Erfolg. Ganz zum Schluss gingen sogar Hände nach vorne zu Stevie D. und Kelly LeMieux, bis diese die gewünschten Souvenirs überreichten, nicht ohne dabei schmunzeln zu müssen. Mir flog eines direkt an den Kopf. Auch Handtücher und Drumsticks gingen an das Publikum.

BUCKCHERRY spielten Songs aus allen Alben, wobei für „Confessions“ logischerweise am meisten geworben wurde. Die Idee mit den Todsünden ist eben auch gut und sie passt zu der Band wie die Faust aufs Auge. Ihre erfolgreichsten Songs „Crazy Bitch“, „Too Drunk (To Fuck)“ und „Gluttony“ kamen alle an die Reihe; auch zu meiner Freude, denn so konnte ich mal ein bisschen mitsingen und musste nicht angestrengt versuchen, eventuell den Songtitel herauszuhören. Die Aussage einer Mutter, die mit ihrer Tochter gekommen war, dass BUCKCHERRY angeblich gut sein sollten, wurde zumindest musikalisch bestätigt. Nur hatte Josh Todd bis zum Schluss, trotz seiner genialen Tattoos (z.B. ein Herz-König wie auf einer Spielkarte über den gesamten Rücken), eine seltsame Aura: „Pervers veranlagter David Bowie in seinen besten Tagen umhüllt von einem Nebel und mit Gothic-Touch“ trifft es vielleicht am besten. Die Ähnlichkeit mit dem Sänger aus den 70ern war auch anderen aufgefallen.

BUCKCHERRY hatten sogar noch eine Art Cover in petto, nämlich „I Love It“ von ICONA POP, was sie kurzerhand zu „Say Fuck It“ umgedichtet hatten. Bei dem Song ging die Post ab, denn jeder kannte den Text, jeder wusste, die Melodie zu singen – und ganz laut mit zweihundert Leuten „Fuck It!“ zu schreien, muss man auch mal erlebt haben… Mitten im Konzert hatte nun auch Josh seinen Platz für die Soli geräumt, wodurch alle drei Sänger des Abends wie die Hühner auf der Stange neben der Bühne standen, sich unterhielten und mit Mimik und Gestik quer über die Bühne zu Freunden kommunizierten. Ein Bild für die Götter! Das sah aus wie ein Stück Musikgeschichte.

Von diesen drei Sängern ließ sich nach dem Konzert aber nur einer unter den Fans blicken und das war Archie von SANTA CRUZ, der mit Freude T-Shirts verkaufte und Poster und Autogramme verteilte. Von den anderen war nichts zu sehen. Sie alle waren ohne viel Aufruhr von der Bühne gegangen, keine Zugabe, ein Foto wollten nur SKID ROW, eine Aftershow-Party mit Fans veranstalteten scheinbar nur SANTA CRUZ. Der Abend war gelungen, vor allem, weil alles so relaxt war. Weil man es leicht hatte, neue Leute zu treffen ohne den Stress und den Dreck eines Festivals, weil alle drei Bands so unterschiedlich waren und vor allem die beiden Bands aus den USA nicht allzu oft in Europa sein werden.

Fazit: Über die Akustik sollte sich die Alte Seilerei ernsthaft Gedanken machen, die Außenseite sollte hingegen bleiben, wie sie ist. SANTA CRUZ haben in mir einen neuen begeisterten Fan gewonnen, SKID ROW sind live schlichtweg genial, weil die Songs und die ganze Band einfach Kult sind und BUCKCHERRY haben mich für eine kurze Zeit auf die dunkle, schmierige, unheimliche, unwahrscheinlich faszinierende und nicht so leicht begreifliche Seite des Rock gezogen. Anders kann ich es im Moment nicht beschreiben. Allein schon das Alter der Mitglieder ist schwer zu bestimmen, so als wären sie Vampire. Okay… es wird absurd. Aber genau das meine ich. Hört sie euch bei Gelegenheit mal an. Die anderen beiden natürlich auch. Vor allem SANTA CRUZ haben noch einen weiten Weg zu gehen. Und sie bringen bald ein neues Album heraus…

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