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CASTLE ROCK 2007

Ort: Mülheim -Schloss Broich

Datum: 30.06.2007

Ein Festival „von Fans für Fans“ ist das Castle Rock, und wer schon einmal dort gewesen ist, weiß auch, warum sich diese Veranstaltung nicht nur so nennen darf, sondern sich auch so anfühlt. Nicht nur die urgemütliche Atmosphäre des Schlosses Broich sorgt dafür, dass sich die Besucher wohlfühlen können, auch die Unterstützung zahlreicher Helfer, die nicht nur Getränke ausschenken sondern auch Kuchen, Pommes und anderes verkaufen, trägt dazu bei, dass das Castle Rock sich mehr als familiär anfühlt. Das diesjährige CR war das achte – und das Line Up nicht weniger hochwertig als in den Vorjahren. Leider verpasste ich die erste Band, THE PUSSYBATS, aufgrund der doch häufig problematischen Verkehrslage auf diversen Autobahnen. Dafür war ich überpünktlich da, um mir den Burghof anzusehen, die sehr schicken Toiletten zu benutzen und mich dann ziemlich weit nach vorne zur Bühne zu bewegen, auf der dann auch – mit geringer Verspätung – die METALLSPÜRHUNDE auftreten sollten.

Da ich diese schon die Woche zuvor beim Bochum Total gesehen hatte, freute ich mich auf eine geladene, stimmungsvolle Show – und wurde nicht enttäuscht. Die METALLSPÜRHUNDE betraten die Bühne und bildeten durchaus einen Kontrast zur mittelalterlich anmutenden Burgatmosphäre. Zwar weniger metallisch klingend, dafür umso metallischer aussehend spielten die „Hunde“ eine Dreiviertelstunde Elektro-Goth-Musik – nachdem sie den ersten Song aufgrund technischer Probleme zweimal beginnen mussten. Dann aber konnten Sänger Michel Frasse und der Rest der Band loslegen. Michel ließ es sich bereits beim dritten Song „Blut und Spiele“ nicht nehmen, ins Publikum zu klettern, herumzulaufen, Zuschauer zu umarmen und mit ihnen zu singen. Zwischendurch sparte er nicht am diabolischen Grinsen und Grimassen, die außer ihm wohl nur der Joker aus Batman hinbekommt – ganz schön böse, vor allem, wenn man sich seine Augen genauer ansah. Zwei verschiedenfarbige Kontaktlinsen, eine davon rot, schaffen schon ganz schön böse Blicke. Es blieb nicht beim einmaligen Besuch des Publikums, und bei „Obszöne neue Welt“, dem Fluch auf die Geldgesellschaft, wurden wieder fleißig falsche Dollars ans Publikum verteilt. Thomas, Patrick und Marion an den Instrumenten unterstützten zwar nicht nur musikalisch, sondern auch durch Springen und Headbangen die Show, aber Michel ist und bleibt bei den METALLSPÜRHUNDEn einfach der Hingucker.

Nach einer Umbauzeit, die im Rahmen blieb und bei der man bereits die Mitglieder des nachfolgenden Acts beim Aufbau ihrer zahlreichen Instrumente sehen konnte, ging es wieder mit leichter Verspätung (ca. eine Viertelstunde) fast pünktlich weiter. COPPELIUS betraten die Bühne, und wer sie noch nicht kennt, mag den ein oder anderen verwunderten Blick auf sie geworfen haben. Die typischen Zylinder tragend – siehe auch ihr Logo – griffen alle außer dem „Diener“, der sich während der ganzen Show um die Virtuosen kümmert, zu ihren Instrumenten (die Mischung aus Schlagzeug, Cello sowie Oboen finde ich immer noch eindrucksvoll) und begannen mit dem ersten Stück. Eben genannter Butler dirigierte am Anfang die Musiker, später auch das Publikum – und lieferte mehr als eine halsbrecherische Einlage. Es müssen ja nicht nur die immer wieder herunterfallenden Zylinder aufgehoben, die Instrumente abgestaubt oder Instrumente gereicht werden. Nein, auch mit Gesang müssen die „per Zeitmaschine aus dem 19. Jahrhundert“ angereisten Herren unterstützt werden. Auch einleitende Worte wollen gesprochen sein, auf dass das Auditorium wisse, um was es im nächsten Stücke gehe. Dabei kann der Zuhörer sich aber auch täuschen: Im Lied mit dem klangvollen Namen „Morgenstille“ geht es um Mord und Totschlag, um herausgerissene Herzen, die eventuell gegessen werden (eindrucksvoll demonstriert durch eine zerbissene Blutkapsel im Mund des einen Oboisten). Generell sparen COPPELIUS nicht mit Makaberheiten oder bizarren Grimassen, und auch sie ließen es sich nicht nehmen, ins Publikum zu wandern. Die Zuschauer kannten die Jungs schon: Statt Zugabe-Rufen gab es nach dem Verklingen der letzten Töne die gewünschten „Da capo“-Schreie, und so sangen COPPELIUS ein im Absinthrausch verfasstes Stück und verteilten Sekt aus Plastikbechern an die erste Reihe. Danach ging’s nicht ins 19. Jahrhundert zurück, sondern vielmehr an den Merchandise-Stand und zu vielen netten Gesprächen.

Währenddessen wurde die Bühne für den GOTHMINISTER vorbereitet, aber bevor selbiger die Bühne erklettern konnte, gab es für die Wartenden noch die ein oder andere Unterhaltung. Erst erschien LIV KRISTINE am Fenster der Burg und man bekam zahlreiche Schokoriegel zugeworfen, und dann erschien jemand auf der Bühne, der dem GOTHMINISTER so gar nicht ähnlich sah. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um den Mitbegründer des Festivals handelte sowie die Oberbürgermeisterin von Mühlheim an der Ruhr, die eine kurze Ansprache zum Festival und dessen Bedeutung für die Stadt hielt. Als sie die Menge allerdings als „bunte Szene“ bezeichnete, gab es erwartungsgemäß Protestrufe aus der Menge, so dass sie sich zu einer „schwarz-bunten Szene“ breitschlagen ließ. Dann konnte endlich die Show des GOTHMINISTER beginnen, und ich fragte mich doch, ob die Politikerin wirklich so begeistert davon war, wie er mit seinem Totenkopfstab auf die Bühne stürmte und sogleich den ersten Song anstimmte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte einem auffallen, dass die Mischung auf diesem Festival eigentlich für jeden etwas bietet und nicht nur mittelalterliche Klänge verlauten lässt. Der GOTHMINISTER, wie gewohnt weiß geschminkt, bot neben „very evil“ ins Publikum Starren wie immer erstklassigen Elektro-Gothrock, der nicht nur die ersten Reihen mitriss. Zwischen „Hatred“ und „Gothic Anthem“ „wühlten“ sich Bjorn Alexander Brem und seine Mannen durch ungefähr eine Handvoll Songs, und der inzwischen gut gefüllte Burghof tobte mit. Allerdings nicht genug, denn immer wieder forderte der Norweger die Anwesenden auf, die Hände doch nach oben zu bewegen – zum Klatschen oder mitwippen. Zwischendurch fielen immer wieder mal ein paar Regentropfen vom Himmel, aber daran störte sich niemand, und im vergleich zur explosiven Show bemerkte man diese auch so gut wie gar nicht.

Wegen zwischenzeitlicher Ermüdungserscheinungen verpasste ich leider LEAVES EYES, war jedoch pünktlich zum Auftritt der LETZTEN INSTANZ wieder an der Bühne. Hier ein großes Lob an die Veranstalter: Was ist lässiger, als sich mit einem leckeren Teller Nudeln auf eine der bereitgestellten Bänke setzen zu können, während LETZTE INSTANZ auftreten und sich beides genüsslich zu Gemüte zu führen? Beginnend mit „Du und ich“ bekamen die Zuschauer alle Songs geboten, die man sich von einem LI-Auftritt wünschen kann. Dazu wie immer sehr bewegungsfreudige Hollys, einen springenden M. Stolz an der Geige und einen Cellini, der wie immer alles am Cello gab. Auf die Frage, wer denn das neue Album habe, hoben den InSTANZlern wohl zu wenige die Hand, dennoch: „Wir spielen viele neue Songs“ führte auch nur zu mittlerem Jubelgeschrei. Ein nachgeschobenes „Wir spielen auch viele alte Songs“ hingegen ließ die Menge in wirklichen Jubel ausbrechen – es dauert eben, bis man sich an neue Töne gewöhnt hat. Die Mischung gelang jedenfalls, zwischen „Rapunzel“ und „Wir sind allein“ fand sich eine gut gemischte Reihe von alten und neuen Liedern, und bei letztem wurde das Auditorium aufgefordert, die Hände hochzustrecken und nach einer beliebigen Nachbarshand zu greifen –späteres Kennenlernen nicht ausgeschlossen.

Leider hatte sich inzwischen die Verspätung auf eine Dreiviertelstunde ausgeweitet, und so konnten TANZWUT, die letzte Band an diesem Abend, erst gegen halb 10 mit ihrer Darbietung beginnen. Ardor, den Schönen, hatte man tagsüber schon am Merchandise und an der Bühne herumlaufen sehen, jetzt betrat er in schwarz-weiß-gestreifter Hose und Corsage (!?) mit den Kollegen die Bühne. Als „Gegenstück“ hatte er den zweiten Mann am Dudelsack, Jordon, der ebenfalls schwarz-weiß trug, aber dezenter mit kleinen Karo-Applikationen. Beide das Gesicht als Zombies auf der einen Hälfte weiß geschminkt, mit Narben und angedeutetem Blut, standen mit den Dudelsäcken wie immer in der Mitte der Bühne, die Schlagwerke hinten, Teufel, Wim und Patrick vorne – und mit dem „Toccata“ begannen TANZWUT so ihre Bühnenshow. Die anderen TANZWÜTLER wieder in die russischen Uniformen gekleidet, „auf Russenpunktour“, so Teufel, begrüßten sie das Publikum und ließen es mit „Ihr wolltet Spaß“ gleich einmal ordentlich durchdrehen. Aber auch Teufel, Wim, Patrick, Norri und die anderen drehten ordentlich am Rad – so joggte Teufel bei „Ihr wolltet Spaß“ auf der Stelle und wirkte damit doch leicht verrückt. Mit älteren Songs wie „Lügner“ oder den doch etwas andersartigeren neueren wie „Schattenreiter“ oder „Der Arzt“, bei denen doch schon ordentlich geknüppelt wird, ließ sich dann das am Anfang doch eher träge Auditorium dazu bewegen, zu springen, zu singen und zu tanzen. Nebenbei konnte man erfahren, dass „Wieder am Riff“ die Frage nach den Hobbys von TANZWUT beantwortet und dass TW selbst bei „Vulkan“ gerne vollständig durchdrehen – die Anwesenden standen den Jungs wirklich darin in nichts nach. Den absoluten Schluss konnte ich aufgrund des langen Heimwegs nicht mehr miterleben, aber die Berliner präsentierten sich gut, durchgeknallt, witzig wie immer.

Insgesamt einfach ein rundum gelungenes Festival mit einem wirklich grandiosen Line Up – und einem Veranstalter, der weiß, was er tut und nicht die Maximalzahl an Karten verkauft sondern so kalkuliert, dass man sich noch bewegen kann ohne sich Gedanken um die Gesundheit seines Nachbarn zu machen. Danke, und: Bis nächstes Jahr!

Copyright Fotos:
Torsten Hellge (TANZWUT/ LETZTE INSTANZ/ LEAVES EYES/ GOTHMINISTER)
Carola Kruse (METALLSPÜRHUNDE/ COPPELIUS)

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