Konzert Filter

CASTLE ROCK 2010 – TAG 1

Ort: Mülheim an der Ruhr – Schloss Broich

Datum: 04.06.2010

Nachdem ich traditionell meine Open-Air-Festival-Saison mit dem Hurricane beginne, habe ich in diesem Jahr mit alten Gewohnheiten gebrochen und die Freiluft-Bühnen der Nation bereits 14 Tage früher mit dem malerisch gelegenen Castle Rock begrüßt. Nahe der Mülheimer Innenstadt liegt das Schloss Broich, in dessen Innenhof nun schon zum elften Mal zum schwarz-rockigem Tanz aufgespielt wurde. Am Freitag ging’s mit vier Bands angenehm überschaubar los, schließlich muss der über den Winter in Sachen Festival untrainierte Terror-Körper erst wieder an tagelanges Stehen gewöhnt werden und da war es sehr zuträglich, die musikalische Dosis langsam zu steigern.

Wobei sich mir beim heutigen Opener THE FLAW die Frage stellte, ob hier nicht eine andere Medikamentation sinnvoller gewesen wäre. Die drei Herren Massimo Sarti (Bass), Lars Schlüter (Gitarre) und Janis Bakine (Drums) und ihr Fräulein Leu für den Gesang machten von NIGHTWISH inspierten Elfen-Rock, der leider seine Zeit schon deutlich hinter sich hatte. Stimmlich war Alexandra ok, aber weder ihr Organ noch der Sound der Band konnten wirklich fesseln. Vielleicht lag’s auch daran, dass der Mischer seinen Job noch nicht hundertprozentig im Griff hatte. Die Langäxte machten bisweilen durchaus Druck und angesichts des strahlenden Sonnenscheins zeigten sich auch die Schwarzkittel bereits beim pianobegleiteten „The Gift“ vom aktuellen Album „Different Kinds of Truth“ aus 2008 begeisterungsfähig und vereinzelt ging man schon gut mit, schließlich gab’s mit „On A Windowshelf“ auch die Gelegenheit zum Schuppen schütteln, ehe der Himmel über der Ruhr voller Geigen vom Band hingen, wenn nicht die Langäxte wie bei dem Song, der einen kleinen Ausblick auf die kommende Langrille bot, das Sagen übernahmen. Alles in allem waren es 40 Minuten, die unspektakulär starteten, aber gerade zum Ende hin dann doch etwas zu viel Knödel-Rock im Gepäck hatten. Insbesonder „Mute“ war mir persönlich ein wenig zu abgeschmackt und beim Titelsong „Burning Skies“ vom 2006er Debüt kam die Dame in Front doch ganz eindeutig an ihre Grenzen. Wer zu so früher Stunde noch nicht vor Ort war, hatte nicht wirklich was verpasst, der Rest konnte sich schon einmal mit der Location und dem gastronomischen Angebot vertraut machen und immerhin waren THE FLAW auch die einzige Möglichkeit, weibliche Vocals auf die Ohren zu bekommen, denn der Rest des Abends sollte von Männern dominiert werden.

Dies galt im Besonderen für den nun folgenden Act HEIMATAERDE, der die Zuschauer ins martialische Mittelalter entführte. Angetan mit Kettenhemden und allerlei zeitgemäßer Staffage bekamen die Herren gegen Ende des Abends für ihr Outfit von Alex Wesselsky gar die Auszeichnung als leidensfähigste Band des Tages – zweifellos hatten gerade die Kollegen im metallischen Outfit während ihres 50-minütigen Auftritts ne Menge zu schleppen und dürften unter Mülheims noch immer brennenden Sonne ganz schön geschwitzt haben. Dafür gab’s für das Auditorium jedoch eine hörens- und sehenswerte Show, die schon mit einem Soundcheck anfing, das den ersten Publikumsapplaus ertete, ehe die sechs Hauptprotagonisten, die bereits allerlei Lädierungen wie blutende Wunden und aufgeplatze Lippen aufwiesen, zu den Klängen eines Intros ihre Plätze an den Keys, dem Programming, den Langäxten, Mikro und Standarten einnahmen. Zuvor hatte der Gitarrist in Mönchskutte noch vermittels Weihrauch die bösen Geister vertrieben und zu harten Elektroklängen konnte die Reise ins dunkle Mittelalter und zu den Tempelrittern beginnen. Neben elektronischen, teilweise technoiden Versatzstücken fanden sich mittelalterliche Klänge, für die der Herr an den Tasten zuständig war, welcher mitunter auch beim Gesang aushalf, aber eben auch in eine Flöte blies, die an einen Dudelsack erinnernde Töne von sich gab. So gab „Der Verfall“ vom letzten Studio-Longplayer „Leben geben Leben nehmen“ aus Anno 2007 ordentlich Gas und auch „Gib mir“ vom 2005er Erstling „Gotterkrieger“ trieb straight nach vorn. Inzwischen hatte sich die perfekte Kulisse des Innenhofes gefüllt und zweifelsohne hatten die Anwesenden Spaß an der blutrünstigen Show der „Wiedergaenger“ Ein Kelch voll Kunstblut machte auf der Bühne die Runde und versetzte die Knappen in einen Blutrausch, so dass sie ihre Schwerter zückten und vom Zeremonienmeister getrennt werden mussten. Nach einem Song der kommenden Langrille „Unwesen“, gab’s noch den Track, mit dem sich die Kapelle den Namen teilt und einen Dank an THE FLAW, ehe zum „Dark Dance“ aufgespielt wurde. Mit viel Dudelsack-Style ging die Nummer schnell ins Bein, da machte es auch nichts, dass der PC kurz einmal verrückt spielte, bevor HEIMATAERDE noch einen guten Freund der Band begrüßen konnten, der ebenfalls mit seiner Combo nach Mülheim gereist war. Die Rede war von Alexander „Lex“ Wohnhaas, seines Zeichens MEGAHERZ-Fronter und in dieser Eigenschaft in einer halben Stunde selbst am Mikro verpflichtet, schnupperte schon mal gemeinsam mit HEIMATAERDE Bühnenluft, schließlich hatten die edlen Ritter ja auch den „Philipp-IV-Remix“ von „Heuchler“ verbrochen, der jetzt gemeinsam mit dem Auditorium abgefeiert wurde und einen netten Abschluss der Show bot.

Wer um die Geschichte von MEGAHERZ weiß, braucht keine Infos, dass dieser Vertreter der Neuen Deutschen Härte 1993 von Alex Wesselsky gegründet wurde, den inzwischen der eine oder andere womöglich besser unter dem von ihm nicht so gern gehörten Namen „Der Checker“ kennt. In der Szene dürfte aber glücklicherweise der EISBRECHER mehr Bedeutung haben, mit dem Alex und Jochen „Noel Pix“ Seibert, der 1996 zu MEGAHERZ gestoßen ist, seit 2003 in See stechen. Beim diesjährigen Castle Rock gab es nun die denkwürdige Situation, dass MEGAHERZ und EISBRECHER nacheinander auf der gleichen Stage spielen sollten, da durfte man natürlich auf eventuelle Seitenhiebe und Reaktionen der Betroffenen gespannt sein. Entsprechend hatte sich um kurz vor 20.00 Uhr auch eine ansehnliche Fangemeinde von dem großen MEGAHERZ-Backdrop eingefunden, das von zwei kleineren Exemplaren flankiert wurde. Aus dem Off erklang wenig später Zarah Leander, die „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ über den Innenhof hauchte, doch mit derlei Herzschmerz war mit Ankunft der fünfköpfigen Band ganz schnell Schluss, denn der Opener „Glas und Tränen“ stürmte gleich nach vorn. Sänger Lex hatte sich nach seiner kurzen Stippvisite bei MEGAHERZ noch schnell fein gemacht und unter die Schussweste Hemd und Krawatte gezogen, während am Gürtel ein großer, silbernen Totenkopf mit seinem Glatzkopf um die Wette glänzte. Das blitzschnelle „Beiß mich“ wurde bereits gebührend abgefeiert – und zwar nicht nur vom gemeinen Fußvolk! Auch Alex genoss die Show seiner alten Band bei blankem Oberkörper vom erhöhten Punkt der Verbindungsbrücke aus. Da Lex Glückwünsche zum aktuellen Erfolg der EISBRECHER-Scheibe „Eiszeit“ und der damit verbundenen Tour aussprach, scheint es keine Differenzen zwischen den Münchnern zu geben. Wäre auch schade, wenn man bedenkt, dass von der ursprünglichen Besetzung eh niemand mehr bei MEGAHERZ ist und Musik viel zu viel Spaß macht, um sie sich durch irgendwas vermiesen zu lassen. Ganz in diesem Sinne wurde eine Stunde lang gefeiert und da sich ganz allmählich auch die Dämmerung über das Schloss legte, kam auch die Lightshow langsam zur Geltung, während musikalisch wie bei „Ebenbild“ Trommelgewitter auf die Menge niederprasselten. „Die perfekte Droge“ hatten die Bayern offensichtlich ebenfalls dabei, zumindest verfiel das Publikum schnell in ein Massenspringen, nachdem die Saitenfraktion nebst Sänger auf der Bühne in wildes Hüpfen verfallen war. Ein absolutes Highlight war auf jeden Fall die Performance von „5. März“! Die Nummer ist grundsätzlich mein Favorit der MEGAHERZ-Diskografie, kam heuer jedoch in der STAUBKIND-Remix-Version daher, die im letzten Jahr für das Remix-Album „Loblieder“ entstanden ist. Für diesen Song verschwanden alle außer Lex und Drummer Jürgen „Bam Bam“ Wiehler (ex BONFIRE) hinterm schwarzen Vorhang, während aus der Konserve Klavierklänge ertönten, die von den verbliebenen Musikern mit reduzierten Mitteln sehr emotional verstärkt wurden, ehe der Rest der Truppe zurückkehrte und es rockig in die Vollen ging. Mit dem langsamen Stomper „Alles nur Lüge“ und Lex’ Liebeskummer-Bekenntnis gab’s zum zweiten Mal an diesem Abend den „Heuchler“ zu hören, ehe die krachenden Drums von „L’Aventure“ zur nächtlichen Jagd nach Frischfleisch riefen. Beim Titeltrack des 1998er Silberlings „Kopfschuss“ reckten sich nicht nur Hunderte Fäuste in den Himmel, auch in einem offenen Fenster des Schlosses verfolgten Alex und Noel Pix bei bester Laune den groovigen Track, zu dem Lex einen kleinen Abstecher in den Graben unternahm, um wenig später das Abendgebet „Gott sein“ unter Glockengeläut anzustimmen. Ob die katholische Kirche davon begeistert ist, dass Teile der Liturgie zum Text zählen, vermag ich nicht zu sagen, ich finde es nur immer wieder überraschend, dass diese „Beschwörungsformeln“ bei mir nach Jahrzehnten immer noch sitzen. Gründlich sind sie ja, die Katholen… Aber zurück zu MEGAHERZ, die natürlich ihr Set nicht ohne ein ganz bestimmtes Lied beenden konnten: „Miststück“ stand selbstverständlich noch auf dem Programm und bot den Rahmen für das fette Finale, bei dem es auf beiden Seiten den Fotograbens ordentlich rund ging.

Setlist MEGAHERZ
Glas und Tränen
Beiß mich
Fauler Zauber
Ebenbild
Perfekte Droge
5. März
Alles nur Lüge
Heuchler
L’Aventure
Kopfschuss
Gott sein
Miststück

Für eine dreiviertel Stunde kehrte jetzt zunächst emsige Geschäftigkeit auf der Bühne ein, denn auch EISBRECHER hatten nicht an Backdrops gespart und boten eine ähnliche Kulisse wie ihre Vorgänger – wenngleich natürlich das Logo ein anderes war. Der Cover-Eisbär, der im April bis auf Platz 5 der Albumcharts durchmarschierten vierten Platte der sechs „Eisbrecher“, zierte die Mülheimer Kulisse und wie es sich gehört, enterte das Sextett auch unter kaltem, blauen Licht, angetan mit Polarmützen und dicken Jacken, die Stage. Schließlich war „Eiszeit“ angesagt. Und es wurde knackig… Nicht unbedingt knackig kalt, aber davon hatten wir in den vergangenen Wochen ja zur Genüge, weshalb Herr Wesselsky auch niederkniete und für das wahrlich perfekte Wetter dankte und seinen Beifall für den MEGAHERZ-Gig kundtat. Dann war’s jedoch genug der Lobhudeleien, die Jacken flogen in die Ecke und es wurde heiß! „Angst“ vom 2004er Debüt krachte aus den Boxen, ehe die „Bombe“ mit lasziven Klängen den in rotes Licht getauchten Alex mit seinen Fans schäkern ließ und weitere Granaten wie „Vergissmeinnicht“ oder „Schwarze Witwe“ an der Ruhr einschlugen.Wie nicht anders zu erwarten, konnte die zweite Glatze des Abends es natürlich nicht lassen, dem momentan erfolgreichsten Haarlosen der Gothic-Szene einen mitzugeben und sprach, man tränke Whiskey, da man eine Rockband und keine Schlagergoten sei. Bei diesem Seitenhieb blieb es allerdings auch schon fast, sieht man mal davon ab, dass der charismatische Fronter betonte, dass EISBRECHER sich selbstredend auch auf Schlager verstünden und man mit „Ohne Dich“ auch gleich mit „Eiern, Herz & Verstand“ den Beweis antrat. Nicht zu vergessen die kleine Schlager-Einlage, die allerdings nicht mehr UNHEILIG und dem Grafen galt, sondern in bewährter Form MICHAEL HOLMs „Tränen lügen nicht“ und neu unserer „Heldin von Oslo“ LENA MEYER-LANDRUT, deren „Satellite“ Alex und Jürgen Plangger an den akustischen Sechssaitern ein parodistisches Gewand gaben. Mitsingen konnten die Anwesenden erwartungsgemäß beides und sogar Wunderkerzen brannten, während unzählige Arme geschwenkt wurden. Blieb nur noch der Dank an Lena, in der Alex Deutschlands Rettung deucht, so dass jetzt auch die Krise bewältigt werden kann. Derart beruhigt konnte es wieder laut und heftig werden, wozu „Die Engel“ auch umgehend riefen, um schließlich „Heilig“ zu werden. Offensichtlich hat es Alex ähnlich wie ich nicht so mit der katholischen Amtskirche und forderte deshalb gleich einmal zum Kirchenaustritt auf, um dann mit Melodica, Gamsbarthut und Strickweste bewaffnet klarzumachen: „This Is Deutsch“! Noel Pix bekam bei dieser Gelegenheit ein „Kinder-Keyboard“ in die Hand gedrückt und nachdem die helfende Hand Dodo zur Belohnung einen Schluck Whiskey erhalten hatte, reichte der Kapitän den Buddel den Fans, die allerdings mit auf den Weg bekamen, zumindest einen Anstandstropfen in der Flasche zu lassen. Zu den an die Neue Deutsche Welle erinnernden Klängen konnte der redegewandte Frauenschwarm eine kleine Stichelei in Richtung BONFIRE nicht sein lassen („die waren mal gut“), ehe er sich als bayerischer Buarm im Schuhplatterln versuchte, bevor ein knappes „Gute Nacht“ die Show beendete. Natürlich gab’s noch eine Nachspielzeit, denn genau wie bei MEGAHERZ darf auch bei EISBRECHER das „Miststück“ nicht fehlen. Zunächst liefen die Herrschaften allerdings an vier Tonnen aus „Eisbrecher-Stahl“ äußerst druckvoll „Amok“, um dann schließlich voller Stolz zu verkünden, dass sie im Herbst ALICE COOPER supporten werden. Jetzt galt es jedoch zunächst ein „Miststück“ zu beschimpfen und dies gelang in bewährt mitreißender Form. In Sachen Performance und Druck hatten EISBRECHER im direkten Vergleich ganz klar die Nase vor MEGAHERZ, wobei ich mich sicher nicht allein gefreut hätte, wenn die beiden Kapellen auf der Zielgeraden noch einmal gemeinsame Sache gemacht hätten. Solcherlei war den Zuschauern leider nicht vergönnt, aber das sind Lässlichkeiten, über die wir angesichts des rundum gelungenen Castle-Rock-Auftaktes großzügig hinweg sehen.

Setlist EISBRECHER
Eiszeit
Angst
Bombe
Willkommen im Nichts
Leider
Böse Mädchen
Ohne Dich
Vergissmeinnicht
Schwarze Witwe
Tränen-lügen-nicht-Satellite-Parodie
Die Engel
Heilig
This Is Deutsch

Amok
Miststück

Inzwischen waren die Zeiger der Uhr auf 23.00 Uhr vorgerückt; angesichts der lauschigen Nachtluft war ein nennenswerter Exodus auf dem Schlossinnenhof jedoch nicht zu bemerken. Stattdessen wurde vermutlich noch eine ganze Weile den flüssigen und festen Genüssen zugesprochen, die auf uns in der alkoholischen Form des bewährten Feierabend-Weines noch ein Stündchen warten mussten, ehe der Abend auf dem heimischen Balkon ausklingen konnte.

Copyright Fotos: Uli Klenk

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu EISBRECHER auf terrorverlag.com

Mehr zu HEIMATAERDE auf terrorverlag.com

Mehr zu MEGAHERZ auf terrorverlag.com

Mehr zu THE FLAW auf terrorverlag.com