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CHARLOTTE ROCHE (LESUNG)

Ort: Bünde - Forum

Datum: 23.04.2008

Feuchtgebiete

Seit Wochen kommt man in keiner Lifestyle-Gazette und keiner Freitag-Abend-Talkshow um Charlotte Roche rum. Egal ob „Bild“ oder „Zeit“ – Charlottes literarisches Erstlingswerk „Feuchtgebiete“ ist derzeit in aller Munde. Und führt dort beizeiten zu akutem Herpes-Befall. „Ekelprinzessin“, „Ein literarischer Griff ins Klo“ war als Reaktion zu lesen, aber auch „Radikal, drastisch und ebenso zart… so sicher, so mutig und so voller Gegenwart…“ (fast poetisch von Roger Willemsen). Aber mir ist ja als Enddreißiger kaum noch was Menschliches fremd, egal ob in der Kategorie Sex oder Ekel. Gereift und gefestigt hab ich von den meisten Obsessionen zumindest mal gehört oder gelesen, für mich selbst bewertet, probiert oder gleich als nicht lustversprechend verworfen. In der Abteilung Ekel oder Scham kann meine Vita selbst mit obskuren Krankenhausgeschichten aufwarten und spätestens nach über 15.000 gewechselten Babywindeln und ohne Ankündigung entgegen geworfenem Bröckelhusten haben sich auch hier meine Grenzen nach unten verschoben. Kurzum: Ich sah den Schleim- und Schorfgeschichten der Frau Roche gelassen entgegen und war vielmehr gespannt, ob es dem Rest der Anwesenden wohl genauso gehen würde.

Gelegenheit, dies zu überprüfen bot eine Lesung in Bünde. Eigentlich im intimen Rahmen geplant, erfreute sich die Veranstaltung im Vorfeld schon so einer großen Nachfrage, dass man sie ins Forum des Schulzentrums verlegte, wo gegen 20.30 an die 600 Leute auf den Auftritt der ehemaligen Viva2-Moderatorin warteten. Sogar ein Vertreter der „Zeit“ habe sich für heute Abend angekündigt, ließ der Veranstalter vor Beginn wissen, wohingegen sich die Lokalpresse (namentlich das „Westfalen-Blatt“) dieses kulturelle Highlight entgehen lassen würde. Das Publikum überwiegend weiblich und in den Zwanzigern oder um es mit den Worten meiner männlichen Begleitung auszudrücken: „Wie bei einer CineLady-Night“. Pünktlich nahm die zierliche Frau Roche dann in einem schwarzen, osteuropäisch anmutendem Folklore-Kleidchen an ihrem Lesetisch Platz, im Hintergrund von zwei überdimensionierten Buchcovern flankiert, um gleich in Medias Res zu gehen. „So lange ich denken kann, habe ich Hämorriden“ Lange habe sie für diesen ersten Satz ihres Romans gebraucht, aber dafür wisse man gleich, wo der Hammer hängt. Und dann legte sie gleich mit den ersten Seiten los, in denen ihre Romanheldin Helen Memel nach einer missglückten Intimrasur mit einer Analfissur auf die Proktologische Abteilung eines Krankenhauses muss. Sie lernt den behandelnden Arzt sowie ihren Anesthäsisten („meinen Betäuber“) kennen und schließlich Pfleger Robin, der sie auf die OP vorbereitet. Dazwischen wird uns kein einziger Gedanke der sekretfixierten Protagonistin verschwiegen, vom Trauma über die Scheidung der Eltern bis zur minutiösen Beschreibung ihrer Verletzung. Schwer sei es gewesen, erläuterte die Autorin, ein ganzes Buch über ein paar Quadratzentimeter zu schreiben, womit Helens Intimbereich gemeint ist, der so manches erleben darf, will oder muss. Sehr blumig benennt die Romanfigur alle Körperteile: Von Hahnenkämmen, Vanillekipferln und Perlenrüsseln ist da die Rede. So las Charlotte ohne Scham und Scheu Masturbationsszenarien unter der Dusche oder lies uns an den Fickvor- und Nachbereitungen der Helen Memel teilhaben. Das Publikum lauschte zunächst, reagierte dann vielfach mit Lachen und spontanem Applaus, was Frau Roche erleichtert aufnahm und uns wissen lies, dass es ihr nicht immer so ginge und mancherorts vor Entsetzen erstarrte „Publikümme“ vor ihr säßen. Mag die Provinz aufgeschlossen und emanzipierter sein als angenommen?

„Meine Lesung ist ja nichts, wo man nachher noch lecker essen geht, also eher nach Hause und dann auf die Erektion kotzen“ so die Selbsteinschätzung der Autorin. Weiter ging’s im Text, der sich nun dem immer größer werdenden Hygienewahn widmete. Wir erfuhren, welche Gleitcreme sowohl Helen als auch Charlotte bevorzugen und dass die namentlich genannte Firma sich leider bislang nur mit einer E-Mail, aber leider noch keinem Warenpaket bei Frau Roche bedankt habe. „Klassische Stellenliteratur“ (nicht Stellungs- oder Schwell-Literatur) sei ihr Buch und sie erklärte am Beispiel ihres Mannes, ihrer Putzfrau und dem Buch „Die Fermate“, was darunter zu verstehen ist. „Manche Bücher werden nur wegen einer bestimmten (meist Sex-) Szene gelesen….Wenn man ein Buch hochhält und die Seiten locker nach unten wegfallen, dann kann man sehen, welche Szenen mehrfach gelesen wurden. Mein Buch besteht aus ca. 2000 solcher Stellen“. Doch nach 70 Minuten wurden uns die restlichen „Stellen“ vorenthalten, schließlich möchte Frau Roche ja auch noch gerne ihr Buch verkaufen, gern auch das von ihr selbst gelesene Hörbuch, das sie besonders den Männern ans Herz legt „weil man dabei ja beiden Hände frei hat.“ Und so wurde der Schluss des Romans nur einem interessierten jungen Mann ins Ohr geflüstert.

Eine halbe Stunde stand die Autorin noch den Fragen aus dem Publikum Rede und Antwort: 9 Monate habe sie fürs Schreiben gebraucht („wie bei einem Baby“), jedoch 7 Jahre, um sich selbst einzugestehen „dass diese Sexsachen genau mein Ding sind“. Wegweisend seien hier auch die Lesungserfahrungen einer Doktorarbeit mit den Kollegen Strunk und Herbst zum Thema: “Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ gewesen. Natürlich hätte ihr Roman auch eine Botschaft, doch eine nächste Erika Berger wolle sie nicht werden und es mache ihr mehr Spaß, die Message eher unterschwellig zu transportieren. Einer Verfilmung steht Frau Roche ebenso skeptisch gegenüber „Wer will das denn sehen? Eine Muschi auf 4 x 5 Metern? Und wer soll das spielen?“ gibt sie zu bedenken, doch Anfragen lägen bereits vor. „Mein Mann ist eine Sau.“, deshalb habe er recht gelassen auf das Buch reagiert, bei ihren Eltern würde sie das Thema großräumig umschiffen, einzig um die Entwicklung ihrer Tochter mache sie sich ernsthaft Sorgen, zwar hätte sie vor, das Buch im Garten zu vergraben, aber sicherlich würde ihre Tochter spätestens in der Schule dazu angesprochen. Aus diesem Grunde würde sie auch das ganze Geld sparen, um den Nachwuchs dann wenigstens monetär beschwichtigen zu können.

Im Foyer nahmen nun noch zahlreiche Zuhörer die Gelegenheit war, ein Buch mit persönlicher Widmung der Autorin mitzunehmen. Der Terror-Chef hingegen drehte den Spieß um, und schenkte Frau Roche ein selbiges aus dem berühmt-berüchtigten Eigenverlag („Willkommen in der Hölle“, für mancher sicher auch ein adäquater Titel der Roche-Darbietung:). Ein Dank für vor Jahren geleistete Promotionarbeit durch Charlotte, die die Terror-Website einst im „Stern“ als eine ihrer Favoriten genannt hatte. So ging ein Abend ohne Berührungsängste, Scheu und Scham zu Ende und alle dürften zufrieden sein: Das Publikum über die kurzweilige Darbietung, Frau Roche über die offene Aufnahme und der Veranstalter über ein volles Haus.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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