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CHRISTMAS BALL 2011

Ort: Hannover - Capitol

Datum: 26.12.2011

Alle Jahre wieder kommt der Christmas Ball… schon fast zum Kult geworden ging es auch 2011 statt zum gemütlichen Familienessen am zweiten Weihnachtstag auf die Piste – genauer gesagt ins Hannoveraner Capitol, um überflüssige Dominostein- und Lebkuchen-Pfunde von der Hüfte zu tanzen. Mittlerweile zählt die Veranstaltung zu einem der erfolgreichsten Weihnachtsevents in der Szene. Leider gab es bezüglich der Anfangszeiten irgendwie ein leichtes Missverständnis, so dass wir SOLITARY EXPERIMENTS leider verpassten und erst im Capitol eintrafen, als THE KLINIK schon auf der Bühne standen.

THE KLINIK

THE KLINIK ist für manche recht einfach zu beschreiben: Düster, laut und leicht psychotisch. Trotz dieses Pakets werde ich mit den beiden Jungs in schwarzen langen Ledermänteln und mit ihren bandagierten Gesichtern nicht ganz warm. Es scheint zur ihrer Philosophie zu gehören, die Show ohne Ansagen durchzuziehen – wenig Gerede – viel Musik. Die meisten Anhänger, die sich vor der Bühne versammelt hatten, schätzen genau das an Dirk Ivens und Peter Mastbooms, auf mich wirkt es eher unpersönlich. Quasi „klinisch“. Zumindest scheinen die Jungs ihrem Namen gerecht zu werden. Trotzdem oder gerade deswegen wirken Songs wie „Moving Hands“ oder „Black Leather“ live eher steril. Weniger Geld kostet da der einfache Clubbesuch. Eine Show sucht man sowieso vergeblich, die leicht surrealistischen Videoprojektionen haben das auch nicht geändert. Und ob die Jungs überhaupt auf der Bühne Spaß hatten – ihre Bandagen haben es nicht verraten.

HOCICO

Die Pause wurde nicht unnötig in die Länge gezogen und mit leicht pompösem Auftritt betraten HOCICO die Bühne. Sänger Erk Aicrag schaffte es schnell, die Masse in seine Welt aus technoidem Sound, verzerrten Stimmen und Insektenschwärmen auf der Videoleinwand zu ziehen. Nach der sterilen Showeinlage von THE KLINIK kam damit Bewegung ins Capitol. Nicht nur auf der Bühne, auch im Publikum kam durch die elektronischen Klänge Tanzstimmung auf. Neben einigen neuen Songs fand natürlich auch Altbewährtes wie „Poltergeist“ seinen Platz in der Setlist der Mexikaner.

COMBICHRIST

Und dann kam COMBICHRIST. Manche der Gäste waren nur für Andy LaPlegua und seine verrückte Show angereist. Das führte später zu einigen enttäuschten Gesichtern, obwohl alles zu gut begann: Zwei Extradrummer, ein Gitarrist, Synthesizer und ein geschminkter Andy LaPlegua stürmten zu „Shut Up And Swallow“ unter großem Jubel die Bühne. Sofort bildete sich ein Moshpit im Zentrum des Publikums. Doch kurz nach dem Auftakt begannen die Boxen zu knistern. Zuerst hatten sicher manche im Publikum den Gedanken, es würde sich um einen „neuen Sound“ handeln, bis die Stimme vom Fronter beim nächsten Song „verklang“ und kaum mehr zu hören war.

Laut COMBICHRISTs Facebookseite sei dabei Folgendes passiert:
Last night in Hannover someone spilled a drink on the front of house mixing desk and the sound went out. We tried to play on for you guys by flipping our monitors so you could at least hear us at stage level, but there wasn’t much more than that we could do except walk off stage. Thanks for Bearing through the set with us and sorry, but this was not our fault, nor anyone else who we know of for that matter. These things just happen from time to time…

Kaum mehr war etwas von der sonst so festen LaPlegua-Stimme, nichts mehr von den elektronischen Beats zu hören, dafür aber zumindest noch die Drummer. Im Großen und Ganzen ein schrecklicher Sound, der nichts mehr mit COMBICHRIST zu tun hatte. Songs wie „Get your Body beat“ wären komplett untergegangen, hätten die Fans nicht teilweise einen Teil dazu beigetragen und mitgesungen. Auch auf der Bühne wurde man sich langsam gewahr, dass etwas nicht stimmte. Die Jungs versuchten zumindest alles, um den Gig zu retten – das muss man ihnen lassen. Monitore wurden umgedreht, Boxen versucht zu kippen und Techniker wuselten zwischen der Band hindurch. Es brachte jedoch keinen merklichen Erfolg und nach geschätzten (man konnte es schließlich kaum definieren) weiteren vier Liedern und einem mittlerweile miesgelaunten Publikum fasste sich ein Gast das Herz über die Absperrung zu klettern. Die Security versuchte dieses Spektakel sofort zu unterbinden, aber der norwegische Sänger ging stattdessen zu dem Fan und hörte sich an, was er zu sagen hatte. Rufe wie „Stop that shit!“ hallten danach durch das Capitol und COMBICHRIST gaben den Kampf gegen das zerstörte Mischpult auf. Sichtlich genervt verließen sie die Bühne. Der Veranstalter ließ durch einen DJ verkünden, dass ein komplett neues Mischpult organisiert werden müsste und dass das Ganze eine Stunde dauern würde. Zumindest sollte so lange Musik aufgelegt werden, was die Gemüter aber auch nicht beruhigte. Was nun folgte, war weder für Publikum noch Veranstalter schön – einige Leute waren extra für COMBICHRIST angereist und hatten ein paar Minuten vor dem Gig an der Abendkasse für teures Geld Karten erstanden. Diese wollten nun ihr Geld zurück und es wurde mächtig unruhig im Hannoveraner Capitol.

FRONT 242

Nach über einer Stunde betraten nun endlich die EBM-Urgesteine die Bühne. Zu Motiven der Menschenrechte auf der Leinwand „maschierte“ die Front mit ihrem altgedienten „Shout it Loud“-Intro in Hannover ein. Trotz der langen Wartezeit hatten Viele ausgeharrt und der Raum war gut gefüllt. Mit Jogginghosen und Sonnenbrillen legten die Belgier dann so richtig los, nachdem nochmal kontrolliert wurde, dass die Technik ihnen treu bleiben würde. Der Sound war wieder glasklar und das Publikum feierte zu Stücken wie „Moldavia“, „ Masterhit“ und „No Shuffle“. Jean-Luc reduzierte seinen Auftritt auf Altbewährtes. Kräftige Stimme und kantige Performance, während Richard 23 die Bühne voller Energie stürmte. Begleitet wurde der sehr lebendige Gig von Lichteffekten und plakativen Bildern im Hintergrund. Abgerundet wurde der Auftritt durch eine alternative Quite Unusual Version und nach skandierenden Zugabe-Rufen folgte letztlich noch „Punish Your Machine“, das nicht nur die Lightshow explodieren ließ sondern auch das Publikum noch einmal zum kochen brachte. Front 242 zeigte sich wieder als Komplett-Paket und ließ vor allem die EBM-Fans die vorige „Pleite“ bei COMBICHRIST sichtlich vergessen. Da hat die ältere Generation den verbliebenen Gästen sicher noch den Abend gerettet.

Insgesamt muss man feststellen, dass die technischen Probleme bei COMBICHRIST die Stimmung des Abends schon merklich getrübt hat, deswegen war es nicht so toll wie die vorherigen Auflagen – auch dank eines eher mäßigen Auftritts von THE KLINIK. Ich denke, dass wir im nächsten Jahr trotzdem wieder dabei sein werden – dann aber bitte ohne kaputtes Mischpult.

Copyright Fotos: Cynthia Theisinger

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