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COHEED AND CAMBRIA – OCEANSIZE

Ort: Hamburg - Markthalle

Datum: 17.04.2008

COHEED AND CAMBRIA are back in town! Und auch wenn EVERY TIME I DIE am gleichen Abend eine ihrer eher seltenen Gastspiele in der Hansestadt gaben, gab es im Hause Kilgannon doch einige gravierende Veränderungen, die einen neuerlichen Konzertbesuch unabdingbar machten. So wurde denn auch gleich Ex-DILLINGER ESCAPE PLAN Drummer Chris Pennie, der den Platz von Josh Eppard übernahm, vertraulich zur Seite genommen, um noch einmal genaueres über die Trennung mit den Math-Core-Heroes zu erfahren. Doch dazu an anderer Stelle mehr. Da das Interview etwas länger als geplant verlief, standen die Briten von OCEANSIZE bereits auf der Bühne, als ich die Markthalle betrat… und bereute sofort, meine Ohren nicht mit dem Hilfsmittel der Wahl verschlossen zu haben, denn die Akustik war wieder einmal (Markthallen-typisch) nur als „bescheiden“ zu bezeichnen…

OCEANSIZE

Hier muss ich mich gleich beschämt outen, denn mir war die Band aus Manchester bis dato nur dem Namen nach bekannt. Seit 1998 gibt es die Gruppe schon und hat unzählige Tonträger veröffentlicht, trotzdem haben sie es geschafft, völlig an mir vorbei zu operieren. Und bei Betrachtung des Treibens auf der Bühne kann ich mich nur selber fragen: Warum nur!? Das ist eigentlich genau mein Cup of tea: RADIOHEADsche Gitarrenspielereien mit der Melodienseligkeit von BIFFY CLYRO vermischt, leichte Ingredienzien des frühen Shoegazer-Sounds beigemengt und dann das Ganze noch mit verspielten Prog-Anleihen multipliziert, ergibt genau die Mischung, die den Rezensenten verträumt auf seine Fußspitzen starren lässt. Sänger und Gitarrist Mike Vennart sieht das genauso und gibt die latent mürrische und stoisch rockende Ausgabe eines Thom Yorke. Das Ganze noch mit dem Aussehen eines Markus Kavka gekreuzt (und obendrein rotbeschuht) wird die Gitarre mal gestreichelt, mal hart ran genommen. Auch er beherrscht diese typische, faszinierende britische Art des Gitarrespielens aus dem Effeff. Dazu passt es denn auch, dass zwischenzeitlich drei Gitarren für einen Wall of Sound sorgen, der sich gewaschen hat (auch wenn man die Brillanz bei dem Akustik-Matsch nur erahnen kann). Wenn die dritte Gitarre nicht in Gebrauch ist, wird auch gerne mal ans Keyboard gewechselt, das für weitere Akzente sorgen kann und verträumte Nuancen in den Gesamt-Sound hineinwebt. Schlagzeuger Mark Heron zieht ebenfalls optisch mit RADIOHEAD gleich, denn deren Schlagzeuger Phil Selway bietet die gleiche, nicht vorhandene, Haarpracht. Zusammen mit dem rotbärtigen Bassisten Steve „Syndrome“ Hodson sorgt er für das Grundgerüst auf dem sich die Sound-Kollagen ihrer Kollegen wahlweise ausruhen oder austoben. Macht Spaß, sorgt für das eine oder andere Körperzucken im Publikum und ich habe mittlerweile reumütig begonnen, mir den imposanten Backkatalog der Band anzueignen. Die Überzahl des Publikums begab sich bei aller Klasse von OCEANSIZE natürlich in eine eher abwartende Position, bei den ersten Takten der New Yorker COHEED AND CAMBRIA sah das aber schon ganz anders aus.

COHEED AND CAMBRIA

Mit dem gleichnamigen Titel-Track der neuen CD „No World for tomorrow“ ging es los und prompt war das alte wohlige CAC-Feeling wieder da, denn schließlich begleitet einen die Band ja schon seit mehr als sechs Jahren mit ihrem „Fantasy-Emo-80ies-Pop-Rock-Prog-Metal“. Aber schon bei meinem letzten Besuch einer ihrer Konzerte im Hamburger Knust wurde deutlich, dass die Sturm und Drang-Phase ihrer frühen Auftritte (im Logo war die Band eine wahre Offenbarung) nicht mehr erreicht konnte (oder sie es einfach nicht mehr wollten). So kann ich gleich Entwarnung geben, denn Neuzugang Pennie an den Drums scheint der Band wirklich ungeheuer gut getan zu haben. Dass der gute Mann hart in die Felle schlagen kann, sollte jedem klar sein, aber überdem versorgt er die Songs mit ungeheurem Drive und klarer Akzentuierung und sorgt sogar für Animation des Publikums. Hut ab! Soll der Mann doch spielen, wo er will, solange er mit soviel sichtbarem Enthusiasmus bei der Sache ist. Für weitere Veränderungen im Erscheinungsbild der Band sorgt Keyboarder Wes Styles und zwei blonde Damen, die für die Backing-Vocals sorgen und natürlich auch optisch eine Bereicherung sind. Das Grundgerüst der Band besteht natürlich weiterhin aus Gitarrist Travis Stever, Bassist Michael Todd (der letztes Jahr ja ebenfalls eine kurze Auszeit nahm) und natürlich Sänger/ Gitarrist Claudio Sanchez, der mittlerweile wirklich wie „Vetter It“ aus der „Addams Family“ aussieht. In der Mitte des Sets nimmt er seine Haare dann doch aus dem Gesicht und siehe da: Er ist es wirklich! Und spielen und singen kann er immer noch in seiner unnachahmlichen Weise, auch an seinem nicht vorhandenen Stage-Acting hat sich nichts geändert. Aber bei den anspruchsvollen Parts und der Doppelbelastung sei ihm das, wie immer, verziehen. Dafür mimt Travis den Gitarrengott und schwingt seine Matte wie eh und je. Selbst Über-Bassist Todd trägt schon seit ewiger Zeit das gleiche Military-Cap. Aber eines kann man nicht von der Hand weisen: Die Band spielt mittlerweile dermaßen tight und präzise, wie sie es noch zu keinem anderen Zeitpunkt in ihrer doch sehr bewundernswerten Karriere taten. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Prog-Einflüsse mittlerweile doch eher einem generellen Rock-Gefühl gewichen sind. Aber selbst diese Gedanken werden zerstreut, denn auf einmal ertönt ein Riff, dass wohl jeder kennt: Yeah! „The Trooper“ von IRON MAIDEN! Mal locker flockig in ein Medley mit „Everything Evil“ und „Devil in Jersey City“ eingestreut. Da wird so manches Bier-Behältnis als Luftgitarre missbraucht, dass es eine wahre Freude ist. Überhaupt wird in einem solchen Moment deutlich, welch gemischtes Publikum die Band vereint: Kuttenträger, (seeeehr viele) Emo-Mädels und gestrandete Mittdreißiger sind genau so zu finden, wie Hardcore-Fans aus den Anfangstagen. Und wer nicht vorne im Pit zu finden war, führte seinen eigenen kleinen Veitstanz im, fast ausverkauften, Markthallen-Rund auf…

Und trotz der Tatsache, dass eine Menge Fans nachgewachsen sind und die Band erst nach ihrem Debüt „The Second Stage Turbine Blade“ kennen gelernt haben, räumen eben diese Songs immer noch am meisten ab. Nicht dass die Stimmung bei Tracks wie „The Running Free“ oder „The Hound“ absacken würde, aber mitsingen können alle bei den Tracks der ersten beiden Scheiben (wie immer göttlich der Publikums-Chor bei der Zeile „Man your battle stations! We´ll have you dead pretty soon“ aus „In Keeping Secrets…“. Auch zwei Crew-Mitglieder wollten an diesem Abend ein wenig Randale machen und stürmten in Gas-Masken die Bühne. Die Band war sichtlich irritiert, amüsierte sich dann aber prächtig. Dies war dann auch schon der letzte Track des regulären Sets und nachdem sich die Jungs unter großem Gejohle schon recht lange bitten ließen, kamen sie dann noch einmal mit „Welcome Home“ zurück. Und passend zum LED ZEPPELIN Gedenk-Riff führte Herr Sanchez seine weiße Doppel-Hals-Gitarre an diesem Abend doch noch einmal aus. Aber nach dem Titel ging unvermittelt das Licht an. Es schien, als wenn die Band am letzten Abend der Tour ein wenig ausgepowert war, denn ansonsten wird ganz gerne einen 20minütige Version von „The Final Cut“ abgeliefert, aber da ging Hamburg an diesem Abend leer aus…

Macht aber nicht wirklich was, denn der Auftritt war wirklich mehr als überzeugend und hat das CAC-Virus in mir wieder zum Ausbruch gebracht. Ich bin gespannt, was wir in Zukunft noch von der Band erwarten können…Chris Pennie machte da ja so seine Andeutungen. Also A FLOCK OF SEAGULLS auf die Ohren und mit einem wohligen Lächeln in die S-Bahn einsteigen und einen gelungenen Abend Revue passieren lassen. Es könnte unangenehmeres geben…

Setlist COHEED AND CAMBRIA
No World for Tomorrow
Gravemakers and Gunslingers
Delirium Trigger
A Favor House Atlantic
The Hound
The Suffering
Everything Evil
The Trooper
Devils in Jersey City
Feathers
Blood Red Summer
Running Free
In Keeping Secrets of Silent Earth: 3

Welcome Home

Copyright Fotos: Juliane Duda

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