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COLOUR HAZE – ROTOR – SUNGRAZER

Ort: Hamburg – Molotow

Datum: 16.02.2011

Das Münchener Label Elektrohasch Schallplatten ist unter Eingeweihten bereits seit Längerem hinlänglich bekannt für hochklassige Rockmusik irgendwo zwischen Seventies-Retro-Styles und Stoner Rock. Anfang des Jahres nun schickten sie eines ihrer bekanntesten Zugpferde, COLOUR HAZE, zusammen mit zwei weiteren Eigengewächsen auf eine ausgedehnte Tour, tauften das Ganze auf den schönen Namen „Up in Smoke – Labelnight“ und sorgten damit im hohen Norden einmal mehr für ein bereits im Vorfeld ausverkauftes Molotow.

Pünktlich um 20 Uhr betraten die Niederländer SUNGRAZER die Bühne. Die drei jungen Herren haben sich einer überwiegend schleppenden Variante des Stoner Rocks verschrieben und durften die zu so früher Stunde etwas undankbare Aufgabe des Openers übernehmen. Diese lösten sie allerdings gekonnt mit einem sehr sympathischen Auftreten ohne großes Gerede und bemühte Animationsversuche. Letztere wären auch mehr als überflüssig gewesen, denn das sich im Verlauf des Gigs überraschend rasant füllende Molotow war offenbar hungrig und durchaus gewillt, den Holländern quasi aus der Hand zu fressen. So gab es dann auch folgerichtig weit mehr als nur freundlichen Applaus für die kompetent dargebotenen, mit vielen Halleffekten versehenen Wüstenrock-Hymnen, die trotz all der spacigen Soundeskapaden stets erdig und angenehm unprätentiös daherkamen. Die gute Stimmung aus dem Publikum übertrug sich uneingeschränkt auf die Herren Musiker, denen man die Begeisterung über die positiven Resonanzen deutlich anmerken konnte. Und nach ein paar Zügen von einer aus der ersten Reihe bereitwillig angebotenen Sportzigarette wurde dann auch zum Ende noch einmal aufs Gaspedal getreten und zu dem, besonders wegen des zweistimmigen Gesangs an QUEENS OF THE STONE AGE erinnernden „Zero Zero“ und dem abschließenden „Common Believer“ wurden die ersten wellenförmigen Auf- und Ab-Bewegungen inklusive fliegender Haarprachten im mittlerweile vollends gefüllten Auditorium gesichtet.

Letztere gab es in der Folge bei ROTOR nur zeitweise zu bewundern, was keineswegs daran lag, dass die drei Berliner nicht überzeugen konnten, ganz im Gegenteil. Doch sah sich der geneigte Headbanger mit rhythmischen Feinheiten konfrontiert, die gelegentlich eher zum amüsierten und bewundernden Kopfschütteln anregten als zum taktvollen (sic!) Nicken desselben. Auch auf der Bühne herrschte während des gesamten Gigs entsprechende Hochkonzentration, die auch unabdingbar ist, wenn man bei aller Komplexität so tight und punktgenau agieren will, wie ROTOR es nicht nur an diesem Abend demonstrierten. Mit einem gelungenen Potpourri aus der bisher vier Alben und diverse EPs umfassenden Bandhistorie konnten die Kritikerlieblinge ein weiteres Mal unter Beweis stellen, dass sie auf ihre Art und Weise einzigartig sind. Sicherlich ist auch hier der grobe Kontext der viel zitierte Stoner Rock, doch bekommt er bei den Vollzeit-Nerds (Gitarrist „Gitarre“ trat tatsächlich in Pantoffeln auf) aus der Hauptstadt eine völlig andere Frisur verpasst. Instrumental und auch dabei auf das Wesentliche reduziert, progressiv-versponnen, zuweilen postrockig vertrippt, dabei immer sehr Bass-lastig und wuchtig im Sound und mit einem Punch vom Schlagzeug, der seinesgleichen sucht und es dem Zuhörer so gut wie unmöglich macht, bei Songs vom Schlage „Aufs Maul“ oder „Klar Schiff“ still zu stehen. So waren ROTOR auch an diesem Abend erneut eine nicht zu stoppende Maschine, die mit der Präzision eines Rotors (hört, hört!) über die Köpfe der Anwesenden hinweg fegte und mit ihren scharfen Kanten das Gras in den Hirnen um einige Zentimeter kürzer schor.

Wenige Minuten nach 23 Uhr dann das, worauf ein Großteil der Anwesenden schon sehnsüchtig gewartet hatte: Munich’s finest, meine Damen und Herren, COLOUR HAZE! Die unauffälligen, netten Münchener sind so ein wenig die Jungs, die man sich auf seiner eigenen Party vorstellt, und denen man auf eben dieser irgendwann Instrumente in die Hand drückt, wenn man mitbekommt, dass sie damit anscheinend ganz gut umgehen können. So begannen die drei dann auch ganz typisch untypisch mit einem Song von einem „irgendwann demnächst mal erscheinenden Album“ namens „Transformation“. Danach, also glatte 17 Minuten später, war dann genau der Zustand erreicht, der für COLOUR HAZE-Konzerte eigentlich fast schon generell gilt: Es war fortan völlig egal, welche Schmankerl uns von den werten Herren durch die verwöhnten Gehörgänge geblasen wurden. Highlights wie „Moon“ oder „Tempel“ gehören eh zum Standard-Repertoire und nach weiteren wenigen Minuten hatte man sowieso das Gefühl, seit einer Ewigkeit hier zu sein und niemals etwas anderes getan zu haben. „Keine Gefangenen machen“ nennt man das wohl, was eigentlich paradox ist, denn genau das taten COLOUR HAZE (mal wieder): Sie nahmen den Zuhörer gefangen, mit guten Absichten allerdings, denn die angetretene Reise bot einem ein ums andere Mal unvergleichliche Ein- und Ausblicke auf musikalische Welten, die man in dieser Form mit kaum einer anderen Band erfahren könnte. Ob nun Hard-, Classic-, Stoner-, Blues-, Art-, Hippie- oder Retro-Rock, in the end it is all just Rock n’ Roll, und mal ganz im Ernst, wenn jemand noch „Hell’s Bells“ über eine der fantastisch elegischen Instrumental-Orgien geschmettert hätte, wäre das vermutlich nicht einmal unpassend gewesen. Schließlich hatte man sowieso das Gefühl, dass man Zeuge wurde, wie SANTANA und KING CRIMSON einen gemeinsamen Gig mit KYUSS und CORROSION OF CONFORMITY spielten. Dass nach gut 90 Minuten und dem sich von einer zuckersüßen Bluesballade zu einem wahren Riffgewitter steigernden „Love“ keineswegs Feierabend war, sondern lediglich der etwa 40-minütige Zugabenblock begann, gehört bei COLOUR HAZE ebenfalls zum Standard und ich gehe jede Wette, dass es backstage weniger als zehn Minuten dauerte, bis der erste der drei Musikverrückten sich aus Langeweile sein Instrument geschnappt hat.

Fazit: ein absolut fantastischer Abend mit drei wirklich tollen Bands, an dem endlich mal wieder das Gute über das Böse siegte (kleine Randnotiz: St. Pauli siegte zeitgleich im Stadtderby nach 33 Jahren erstmalig gegen den HSV), und der wohl jedem Einzelnen der ausnahmslos begeisterten Anwesenden noch lange im Gedächtnis bleiben wird. I want to be a hippie and I want to get stoned…

Copyright Fotos: Wiebke Tamke

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