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CONQUEST 2015

Ort: Rittergut Brokeloh

Datum: 05.08.2015 - 09.08.2015

Fast jedem ist das Pen & Paper Rollenpiel „Das Schwarze Auge“ ein Begriff. In Brokeloh findet seit 2004 mit dem ConQuest das größte Fantasy-Mittelalter-LARP-Event der Welt statt. Dementsprechend kommen die Besucher aus allen erdenklichen Ländern in das beschauliche 380 Seelendorf. Wie organisiert man ein LARP (Live Action Role Playing), an dem ungefähr 8000 Personen, davon 6000 Spieler, teilnehmen? Geht es dabei nur um das Kämpfen? Wann ist der Charakter tot? Wie groß ist der Einfluss, den ein Spieler nehmen kann ?

Um diese Fragen zu klären, hat mir der Veranstalter für fünf Stunden die Möglichkeit eingeräumt, in die Welt von Mythodea einzutauchen. Genaugenommen in die Spiegelwelt, denn seit 2014 ist die erste Kampagne, die über 10 Jahre ging, abgeschlossen. Nun befinden wir uns in der Fortsetzung bzw. der 2. Kampagne der Geschichte, die in der Spiegelwelt angesiedelt ist und auf 5 Jahre ausgelegt wird. 10 Autoren haben ca. 15 Monate an dem 800 Seiten Plot für dieses Jahr geschrieben. Neben dem Haupterzählstrang, dem Krieg gegen die Urzweifler, gibt es noch ungefähr 100 Nebenplots, die von den SC (frei agierende Teilnehmer) aufgegriffen werden können oder auch nicht. Dabei geht es nicht nur ums Kämpfen, auch viel Diplomatie ist gefragt und Rätsel wollen gelöst werden.

Dem gegenüber stehen ungefähr 100 NSC (vom Veranstalter festgelegte Rollen), ca 200 Springer und 1200 Statisten, welche die gegnerische Armeen bilden: Sie alle dienen der Haupthandlung und stellen die böse Seite dar, die dafür sorgt, dass die Handlung, wie vom Veranstalter geplant, in den richtigen Bahnen läuft. Dennoch kann es sein, dass die Aktionen der Spieler (Besucher des ConQuest) zu unerwarteten Ereignisse führen können. So haben sie es 2008 nicht geschafft, die Festung Doerchgardt einzunehmen, welches der Hauptplot war. Dieses Jahr verstarb „ungeplanter“ Weise ein wichtiger NSC. Dann sind die Veranstalter gefragt und müssen flexibel agieren.
Hinzu kommen noch die SL (Spielleiter) als Ansprechpartner für die SC in spiel- und regeltechnischen Fragen. Kommuniziert wird auf 15 Kanälen und die Schlacht wird von Kränen aus choreografiert.

Bei all dem organisatorischen Aufwand sind die Veranstalter bemüht, die Welt so authentisch wie möglich zu gestalten. Deswegen wird die Anzahl der Tagesbesucher und der Presse, die alle nur in Gewandung das Gelände betreten dürfen, reglementiert und ab 20 Uhr sind die Siedler unter sich.

Mein Time-slot für das ConQuest begann am Freitag um 15 Uhr auf dem Parkplatz damit, dass ich mir meine Gewandung überzog. Vorbei ging es an einem vollbesetzten Reisebus, der den nahegelegenen Blaubeerhof besuchte. Die Senioren staunten nicht schlecht über die handvoll Verkleideten, die ihres Weges zogen. Mit Eintreffen auf dem Gelände änderte sich die Einstellung zu meinem Outfit, denn nun war ich eine von Vielen und sah mich umgeben von Barden, Gauklern, Handwerkern, Seefahrern, Magiern, Heilern, Blutelfen, Zwergen, Bauersfrauen, Orks, Wuwus, Riesen…. und mittendrin die Kinder der Siedler.

Vorbei ging es an Marktständen, die u.a. Lederwaren, Absinth, Met und Felle anboten. Zwischendrin hatten auch Handwerker ihre Stände, an denen sie u.a Rüstungen und Gewandungen verkauften (neumodische EC-Zahlung möglich). Auch ein Barbier war unter ihnen zu finden. Die meisten im Tross dösten im Schatten vor sich hin und auch in der Taverne ging es bei der vorherrschenden Hitze noch ruhig zu. Nur bei den Kindern herrschte Aufregung, denn ihre große Schlacht stand kurz bevor.

Wer mit offen Augen durch die Zeltstadt ging, der fand Aushänge, die zum Bardenwettstreit einluden, Vermisstenanzeigen oder schlimmer noch, eine Gilde wurde bezichtigt, mit der Ratio unter einer Decke zu stecken. Im Zentrum zurück traf man unerwartet auf ein Tauziehen zwischen den Akrobaten und den Handwerken. Die Einforderung der Frauenquote, in Form von einer Näherin, wurde von den Handwerkern überhört und mit einem kräftigen Zug waren die Akrobaten auch schon aus dem Spiel. Es folgten keltische Tanzdarbietungen und Wettkämpfe. Natürlich floss bayrisches Bier, welches die Veranstalter aus Regensburg hoch in den Norden mitgebracht hatten. Neu in diesem Jahr war der eigene Powerdrink: Time-Out. Es gab auf dem 60 qm großem Gelände auch OT (Out Time) Zonen, wie da wären die Waschräume, das Zelt der Johanniter und der Supermarkt mit Dingen des täglichen Bedarfs. An erste Stelle standen Toilettenpapier und Lebensmittel, da es sich um ein Selbstversorgercamp handelt.

Zusätzlich boten Essensstände im Tross Ambiente-gerechtes Essen, so suchte man Convenience-Produkte wie Pommes vergeblich. Dafür gab es Wildschweinbraten, Grillhähnchen, Gemüsepfannen, Rollfisch (Sushi) und auch einfach mal Nix für 1,60 € . Je länger ich durch die Viertel streifte, vorbei am Lazarett und Badehaus, dem Jeffrey’s Inn und dem Seefahrerviertel, wurde deutlich, dass es hier nicht darum geht, sich ein Kostüm überzuziehen und bespaßen zu lassen.

Zum Beispiel haben die WuwulTschuk eine eigene Sprache entwickelt und den Nordmännern (Großes Heer), die sich hinter einer Holzfestung abschirmten, kommt man lieber nicht zu nah. Im Seefahrerviertel hatten die SC ein Boot aus Holz zwischen ihren Zeltreihen aufgebaut. Eine weitere große Gruppe sind die Blutelfen und die Bracar Keltoi. Allen Gruppen selbst liegt auch ein eigenes umfassendes Regelwerk zugrunde.

Wann und wo und wer was entscheidet, wann wo welche Schlacht ist, wo sich die Magier treffen, um ein Relikt zu untersuchen… das hat sich mir nicht ganz erschlossen. Die Kämpfe bekommt man als Außenstehender spätestens dann mit, wenn die Schlachtrufe vom weitläufigen Gelände herüberschallen oder ein großes dänisches Heer, bewaffnet mit Polsterwaffen, den Weg kreuzt. Wann wer an den Schlägen stirbt oder nicht und welche Regeln es gibt, dass kann man dem vierzig seitigen Basisregelwerk auf der Seite des Veranstalters entnehmen.

Am besten beschreibt das folgende Zitat einer Sl das Festival:
„Das Spiel ist inszeniert, aber die Gefühle sind echt.“

Mit diesen Worten in Ohr streife ich auf dem Parkplatz meine Gewandung ab, sehe meine staubbedeckten Füße, spüre die abklingende Wärme der Sonne und höre von Weitem noch Kampfgeschrei.

Fern ist die IT Zone (In-Time).

Copyright Fotos: Sandra Dürkop

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