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CREMATORY – CONTAMINANT

Ort: Nürnberg - Rockfabrik

Datum: 15.11.2013

Selten wie nie bekommen die Anhänger deutscher-dunkel-melodischer Feinkost in diesen Zeiten einen der dienstältesten Vertreter ihrer Zunft zu Gesicht und Ohren. CREMATORY geben sich für handverlesene sechs Gigs die Ehre und damit der gemeine Franke nicht so fremdelt, haben sie auch heimisches Liedergut zum Aufwärmen mitgebracht. Die bayerische Black-Death-Industrial-Kombo CONTAMINANT unterstützt die Goth-Rocker auf dieser Mini-Tour. Die Tirschenreuther (ja, so heißt dieser Ort wirklich!) haben sich dem Horror verschrieben und wollen die feierwütige Meute im Vorfeld ordentlich schocken.

Ob das auch heute im Underground, dem mitunter nach anderen Örtlichkeiten duftenden clubähnlichen Mini-Ableger der Rockfabrik, gilt, ist zu beweisen. Genug langhaarige und vorbildlichst bekuttete potentielle Zeugen jedenfalls zählt die Security am Eingang, bis um 21 Uhr endlich fünf weiss-gekleidete und blut-besudelte Gestalten die Bühne betreten, dem freudig erregten Publikum unhöflicherweise den Rücken zudrehen und blutig scheppernd den Schock-Buzzer malträtieren. Wer bei Horror-Metal an ALICE COOPER oder MARILYN MANSON denkt, ist zwar äußerlich gesehen schon ganz nah dran an CONTAMINANT, doch Vorsicht an der Bahnsteigkante! Der leicht verwaschene Sound der Distortion Gitarren inkl. heftiger Riffs und Doublebase-Attacken, bisweilen unterbrochen durch ruhige Synthesizer-Passagen, wehrt sich aufs äußerste gegen jedwede Genre-Schublade.

Die fünf Schock-Rocker machen ihrem Namen (zu Deutsch „Verunreinigung“) wirklich alle Ehre und zocken eine sperrige Auswahl Ihres Debutalbums „Masquerade“, dessen beeindruckendes Artwork durch den Nebel im Hintergrund leuchtet. Sicherlich lässt der Sound – auch der Location geschuldet, wie der fleißige RoFa-Disco-Clubber weiß – an manchen Stellen zu wünschen übrig. Fabian Schreibers Growl-Gesang ist hier und da bestimmt nur einfach durchs Mikro gefallen und das Songmaterial könnte mit einer Spur mehr Eigenheiten glänzen. Aber die immer wieder überraschenden Songstrukturen, getragen von geflüsterten Textpassagen, Schwarz-Tief-Getöne bis hin zu angesagtem Growls zeugen von alles anderem als stupidem Geknüppel. Nach 45 Minuten hat der Horror ein Einsehen und der CREMATORY-Fan einen neuen CD-Wunsch an den Weihnachtsmann geschickt.

22:15 zeigt die Uhr mittlerweile, als der umjubelte Jubiläums-Gast dieser Tour endlich den wohlverdienten Platz an der Metal-Sonne einnimmt. Seit 1991 schon rocken CREMATORY die Bühnen dieser Welt und gelten besonders mit ihrem zweiten Album „…Just Dreaming“ als die Wegbereiter des Gothic Metal in Deutschland. In mittlerweile 14 melodisch-tieftönenden Alben haben CREMATORY ihren unverwechselbaren Stil geprägt: Black Metal-Drumming, Heavy Metal-Gitarren, Growls und Shouts in englischer Sprache wie beispielsweise bei “Eyes Of Suffering“ entwickelten sich im Laufe der Zeit besonders nach dem auch als “deutsches Album“ bezeichneten “Crematory“ zu Poppigem Goth-Metal Pathos, was nicht selten kritisiert wird. Live gelten die fünf Goth-Rocker jedoch als sichere und professionelle Bank, die das feierwütige Publikum standesgemäß begrüßt. Mit „A Story About“ und „Fly“ läuten zwei wahrlich haare-schüttel-würdige Hits die Zeitreise durch mittlerweile fast 25 Jahre Bandgeschichte ein, bevor das Quintett mit „Pray“ in jüngere Gefilde vorprescht. Besonders Frontsau Felix „Stass“ in BLACK LABEL-Kutte hat die Meute dank seines komödiantischen Talents von Beginn an fest im Griff, und Basser-Riese Harald Heine absolviert Kilometer auf der Bühne, als wolle er Forrest Gump Konkurrenz machen. Zum Glück, die versteinerte Todesmiene von Keyboarderin Katrin Jüllich braucht schließlich einen ausgleichenden sympathisch-komischen Counterpart. Oder ist das alles nur eine selbsterfüllende Prophezeiung im düsteren Gesamtkonzept der Band? Ihr bisweilen gewöhnungsbedürftiger Synthie-Techno-Klangteppich, die treibenden Gitarren und Markus Jüllichs wuchtige Drums ergänzen Felix‘ kräftige Growls in Abwechslung mit Matthias Hechlers‘ großartigem Cleangesang auf diese unnachahmliche und eingängige cematorische Art und Weise.

Mit „Shadowmaker“ findet auch ein kleiner Vorgeschmack auf das neue Album „Antiserum“ guten Anklang unter den anwesenden Kuttenträgern. Die neue Single steht übrigens ab dem 22. November 2013 zum Download bereit. Doch weiter geht’s! So viel live-zock-würdiges Material: „Revolution“, Höllenbrand“, „Infinity“ oder „Sense Of Time“ hallen angenehm in den Gehörgängen wieder. Die Setlist lässt nicht zu wünschen übrig und das Die-Hard-Herz sehbar höher schlagen. Der Sound passt und die Meute feiert. Schließlich ist doch Freitag! Das allgegenwärtig geforderte „Tears Of Time“ beendet nach gut 60 Minuten Death’n‘ Roll die dunkelmetallische Handwerkskunst, die selbstverständlich nach einer Zugabe schreit! Zum Glück lassen die spielfreudigen CREMATORY nicht lange auf sich warten, zocken sich kurz auch durch diverse umjubelte Coverversionen der größten metallischen Gassenhauer, bevor sie mit „Black Celebration“ von DEPECHE MODE das Set erwartungsgemäß beenden. Nur einer, der will noch nicht gehen, der liebt die Bühne und den theatralischen Auftritt, der sonnt sich im Applaus – sofern Sonne das bei Dunkelmetallischen Veranstaltungen überhaupt erlaubt ist. Hechlers obligatorische balladeske Gesangseinlage „Peril Of The Wind“ sorgt einmal mehr für Gänsehaut und rechtfertigt dieses befriedigende Gefühl, welches wirklich gute Konzerte in der Magengegend hinterlassen.

Publikum: der Klassiker, Nieten, Kutte, Backpatch, lange Haare, what else … ?
Sound: … also, für den Underground echt hörenswert! Respekt!
Vom Konzert gelernt: VVV – Vorsicht vor Vorurteilen! Schlechte Musikvideos machen noch lange keine schlechte Show!

Setlist CREMATORY (ohne Gewähr)
A Story About
Fly
Shadows Of Mine
Pray
Ist es wahr
Revolution
Shadowmaker
Höllenbrand
Infinity
Tick Tack
Sense Of Time
Fallen
Tears Of Time

Greed
Black Celebration
Peril Of The Wind (Hechler Solo vom Band unterstützt)

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