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CULCHA CANDELA – SUNRISE AVENUE – THE BOSSHOSS (PARKLICHTER 2008)

Ort: Bad Oeynhausen - Kurpark

Datum: 01.08.2008

Unwetter, Platzregen, Sturmböen und schwere Gewitter prophezeite uns der Wetterbericht für diesen schwülen Freitag und wir sahen schon das PARKLICHTER FESTIVAL vor unserem geistigen Auge im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fallen. Als wir uns gegen 16 Uhr auf den Weg in Richtung Bad Oeynhausen machten, war es zwar immer noch schwül und man kam schon beim bloßen Denken ins schwitzen, aber ansonsten war es trocken und sonnig. Und so sollte es auch den Abend über bleiben. Manchmal sind Wetterfrösche halt auch nur moderne Propheten und der Weltuntergang sollte sich nicht einstellen. Nach einer klischeehaften Streitigkeit mit meinem mitgereisten Fotographen, weil Frauen zu doof sind Straßenkarten zu lesen (was gar nicht stimmt, nur mitgereiste Fotographen sind Klugscheißer) hatten wir dann auch einen Parkplatz in der Nähe des Festivalgeländes gefunden, welches sich mitten im Kurpark von Bad Oeynhausen befand und wo uns THE BOSSHOSS, die Finnen von SUNRISE AVENUE und CULCHA CANDELA noch mehr einheizen wollten.

Nachdem wir uns ein wenig umgeschaut hatten, ging es dann auch schon mit dem ersten Auftritt des Abends los. Die Cowboys von THE BOSSHOSS hatten ihre Pferde gesattelt und waren schnurstracks von Berlin nach Bad Oeynhausen galoppiert, um die Zuschauer mit ihrem Trash Country Punk Rock (Eigenbezeichnung der Band) in Wallung zu bringen. Aber nicht nur das hatte man sich für den Abend vorgenommen. So konnte man den Pferden nur eine kurze Pause am Wassertrog gönnen, denn direkt im Anschluss ging es weiter nach Hannover, wo ein zweiter Auftritt beim Maschseefest auf dem Plan stand. Kaum hatten sich „Boss Burns“, „Hoss Power“, „Frank Doe“, „Hank Williamson“, „Guss Brooks“, „Russ T. Rocket“ und „Ernesto Escobar de Tijuana“ in Position gebracht, ging es auch schon mit dem Titeltrack des aktuellen Albums los. Es folgte „Omniscient Lover“ von der selben Scheibe und als waschechter Cowboy macht man natürlich die Ansagen zwischendurch auf Englisch mit einem Akzent versehen, bei dem man bezweifelt, dass die BOSSHOSSer selber verstehen, was sie da erzählen. Weiter ging es mit der Coverversion „Hot in Herre“ von Rapper NELLY und die passte natürlich ausgesprochen gut zu den vorherrschenden Temperaturen, auch wenn sich niemand dazu bewegen lassen wollte, seine Sachen auszuziehen. Schade eigentlich. Zudem wurde auch noch die Band vorgestellt, bevor man sich zu „Polka Salad Annie“ dann eine hübsche blonde Dame aus dem Publikum auf die Bühne geholt hatte, die dazu ein wenig das Tambourin schwingen durfte und ihre Hüften gleich mit. Auch wenn sie eigentlich Isabel hieß, schien sie trotzdem erheblichen Spaß an der Sache zu haben. Zum Abschluss gab es dann noch eine Umarmung von den verschwitzten Männern in den weißen Feinrippunterhemden und sie wurde wieder in die Arme ihrer Freundinnen entlassen. Nach dem Titeltrack des zweiten Albums folgten dann das allseits beliebte „Hey Ya“, eine Coverversion der Jungs von OUTKAST und „Ca plane pour moi? (Sams plams)“ von PLASTIC BERTRAND, eigentlich ein New-Wave Klassiker aus dem Jahre 1977. Bei „Yeehaw“ holte man sich dann wieder zwei Damen, dieses Mal namenlos, aus dem Publikum auf die Bühne, eine links, eine rechts, und drückte ihnen Schilder mit der Aufschrift „Yee“ und „Haw“ in die Hand, die sie dann die nächsten Minuten schwenken durften und das Publikum zum mitsingen animierte. Auch hier gab es zum Schluss verschwitzte Umarmungen und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man es irgendwie auch ein bisschen darauf abgesehen hatte. Auf welcher Seite lasse ich jetzt mal offen. Zum Abschluss bekam die Menge dann noch „Shake and Shout“ um die Ohren gehauen und natürlich durfte hier das inzwischen bei vielen Bands sehr beliebte Hinhock/ Aufspring-Spiel nicht fehlen. Kaum waren die Herren von der Bühne, wurden auch schon die Zugaberufe laut und man spielte noch schnell „Sabotage“, ein BEASTIE BOYS Cover, bevor dann endgültig Schluss war und die Cowboys wieder die Pferde bestiegen um gen Nordosten zu ziehen. Auf jeden Fall wussten sie zu unterhalten und boten einen mehr als launigen Auftritt, der unheimlich Spaß gemacht hat.
(Death Angel)

Setlist THE BOSSHOSS
Stallion Batallion
Omniscient Lover
Hot in Herre
Polk Salad Annie
Rodeo Radio
Hey Ya
Ca plane pour moi? (Sams plams)
Yeehaw
Shake and Shout

Sabotage

Nach einer kurzen Verschnaufpause im Backstage-Bereich und einem ebenso kurzen Blick auf die Jungs von THE BOSSHOSS, wie sie an uns vorbeitrabten, begaben wir uns wieder in Richtung Bühne, denn jetzt war es Zeit für die Sunnyboys aus dem hohen Norden, genauer gesagt aus Finnland. Betrachtet man mal die anderen Finnen, die sich so im Musikbusiness tummeln, fallen SUNRISE AVENUE ja nun doch etwas aus dem Rahmen, machen sie doch weder düstere Musik noch sehen sie so verbraucht aus wie zum Beispiel ein Herr Ville Valo. Aber egal, es sind Finnen. Ja, an dieser Stelle gebe ich zu, dass ich eine gewisse Affinität zu diesem Land und auch den dortigen Männern besitze. Auch wenn das jetzt sehr verallgemeinernd klingt und ich mich anhöre wie ein Teenager. Da der Soundcheck etwas länger dauerte, begann man mit fünfminütiger Verspätung, aber als die fünf Herren dann endlich die Bühne betraten, gab es in den ersten Reihen kein Halten mehr. Weibliches Gekreische (wo hatte ich nur meine Ohrstöpsel) und gehisste Finnlandflaggen gehörten zum guten Ton und auch hier und da wurden Fans mit denselben Tattoos wie Samu gesichtet. Das ist wahre Liebe. Eine Sache, die ich noch nie verstanden habe. Dafür fiel mir etwas anderes auf: Weißer Feinripp scheint in der Männerwelt wieder extrem angesagt zu sein, trugen doch nicht nur THE BOSSHOSS diesen edlen Stoff, sondern auch Herr Haber. Los ging es mit „Rising Sun“, bei dem ich davon ausgehe, dass es auf dem neuen Album enthalten sein wird und „Diamonds“ vom Debütwerk „On the Way to Wonderland“. Im Gegensatz zu THE BOSSHOSS passierte nun nicht so viel auf der Bühne, aber das war den Meisten wohl ziemlich egal, wollten sie sich doch lieber die hübschen Jungs einfach nur anschauen und ergeben die Texte mitsingen. Immer mal wieder unterbrochen von kleineren Kreischanfällen. Musikalisch bewegt man sich im Poprockbereich, der keinem weh tut und jetzt auch nicht sonderlich spektakulär ist. „Nett“ würde mir wohl am ehesten dazu einfallen. Weiter ging es mit „Forever yours“, diese Worte zieren auch Samus Unterarm und viele Mädchen dürften wohl in diesem Augenblick das Gleiche gedacht haben. Vielleicht hätte man ihnen sagen sollen, dass das nur eine Phase ist und nach der Pubertät auch wieder vorbei geht. Es war auf jeden Fall amüsant anzuschauen und auch ich musste meinen mitgereisten Fotographen davon überzeugen, dass wir jetzt nicht woanders hingehen konnten, sondern genau HIER stehen bleiben mussten, damit ich den Auftritt von Samu, Raul, Jukka, Sami und Riku in Ruhe genießen konnte. Er gab dann auch keine Widerworte mehr und fügte sich in sein Schicksal. Nach „Bad“, einem weiteren Song des neuen Albums, ging es weiter mit „Destiny“ und Herr Haber unterhielt uns zwischendurch immer mal wieder auf Deutsch, da sein Vater aus Deutschland stammt und er die Sprache einigermaßen gut beherrscht. Auch mit österreichischem Liedgut wusste man zu begeistern, so stimmte man kurzerhand den Klassiker aus dem Jahre 1985 „Life is life“ von OPUS an. Zum Abschluss hatte man dann noch DEN Hit „Fairytale gone bad“ im Gepäck, mit dem SUNRISE AVENUE hier in Deutschland bekannt geworden sind und auf den wohl viele gewartet haben dürften. Ich bekam dabei ein paar Streicheleinheiten von meinem Fotographen und dann war es auch schon wieder vorbei. Aber natürlich war klar, dass die Herren ohne Zugabe nicht verschwinden konnten und so spielte man noch „Romeo“ und „Nasty“, bei dem es dann etwas härter zur Sache ging, bevor man sich dann wirklich verabschiedete. Aber: This was finnish but not the end, denn im Anschluss stand ja noch der Auftritt von CULCHA CANDELA auf dem Plan.
(Death Angel)

Setlist SUNRISE AVENUE
Rising Sun
Diamonds
Forever Yours
Heal Me
Only
Bad
Destiny
Fail Again
Make it go away
Fairytale Gone Bad

Romeo
Nasty

Nach einer weiteren entspannten Pause im Backstage-Bereich stand zum Abschluss nun der für uns musikalisch uninteressanteste Beitrag an. CULCHA CANDELA aus dem Schmelztiegel der Kulturen Berlin fabrizieren bekanntermaßen eine Mischung aus Pop, Reggae und Dancehall, ihren Deutschlandweiten Durchbruch konnten sie mit der Erfolgssingle „Hamma!“ erzielen. Wenn auch nicht unbedingt im „Terrorscope“ angesiedelt sind die Multikulti-Jungs zumindest fotographisch immer eine Herausforderung, da sie es auf der Bühne kaum eine Sekunde lang ruhig angehen. Zu jedem Song gibt es mehr oder weniger ausgereifte Choreographien und bestimmte Moves, da werden dann auch schon mal Handtücher gewinnbringend eingesetzt. Auch die Deko fiel durchaus beeindruckend aus: Neben einer spacigen Raumkapsel (fast im Stile der letzten DEPECHE MODE-Welttournee) im Hintergrund für DJ Chino gab es noch mehrere „Papiersäulen“, die stimmungsvoll angeleuchtet werden konnten. Mit „Chica“ versetzten die Hauptstädter die erwartungsfrohe Menge gleich in Wallung und besonders die Mädels in den ersten Reihen gaben alles. Zwar waren die Finnlandflaggen nun verschwunden in Richtung Hotel der „Skandinavier“, der Altersdurchschnitt blieb aber derselbe hinter der Absperrung. Und dazu mal ein spießiger Kommentar eines fast 40-Jährigen Beobachters: Ich finde es irgendwie befremdlich, wenn pubertierende Damen lauthals „Hey du Geile Sau“ brüllen, weil damit in meinen Augen ein ziemlich abartiges Weltbild transportiert wird. Noch befremdlicher finde ich es dann, wenn die erzkonservative katholische Kirche eine Formation wie CULCHA CANDELA dann auch noch auf dem Katholikentag auftreten lässt vor Abertausenden überwiegend junger Gläubiger. Wasser predigen und Wein saufen? Alles für die jugendliche Imagepflege aber Kondome und Sex vor der Ehe ablehnen? Wo steckt da die innere Logik? Nicht gegen die Fans und CC selbst, die ja auch einige lobenswerte „Völkerverständigungstitel“ im Programm haben, doch halte ich diesen Widerspruch doch für überaus diskutabel. Wir machten uns nach ein paar Songs auf in Richtung Heimat bzw. zum nächsten Open Air 80 Km weiter, schließlich ist ein Festival pro Abend für einen Terrorverleger mittlerweile fast schon zu wenig.

Das Parklichter wird uns mit seinen perfekten äußeren Rahmenbedingungen, der guten Organisation und der abwechslungsreichen Bandzusammenstellung in guter Erinnerung bleiben und auch im Jahre 2009 wieder einen Blick wert sein.
(TK)

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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