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DAF – RUMMELSNUFF – SEQUENZ-E

Ort: Leipzig - Lagerhof

Datum: 28.02.2009

Wir schreiben den 28. Februar 2009. Es ist Samstag Abend, 20 Uhr. Schauplatz: Ein verlassenes Industriegelände. Halb Leipzig hat sich hier versammelt und man hat das Gefühl, jedes dritte Gesicht zu kennen. Grund dafür: DAF!!! Denn nach diversen Auflösungen und Reunions kehrt das Duo, welches als Vorreiter der NDW-Bewegung gilt, in Originalbesetzung mit Sänger Gabi Delgado-López und Drummer Robert Görl in unsere heiligen Hallen zurück. Na, wenn das mal keine Pflichtveranstaltung unter den Leipzigern ist. Der Lagerhof ist brechend voll mit EBMlern und Punks und die Luft zum Schneiden dick.

Endlich ertönt um 21 Uhr zum ersten Mal der heutige Gong. Ring frei für SEQUENZ-E. Doch können diese wirklich überzeugen? Ein Tarnnetz „versteckt“ den Mann hinter den Synthies, die höchstwahrscheinlich nicht mal angeschlossen sind, während ein 1.60m großer „Standard-EBMler“ vor und zurückwandert. Nervige Electro- und Minimalklänge schallen aus den Boxen und der Frontmann muss über seine pseudobösen Texte selber schmunzeln. Das ist wohl zu viel für die ersten Reihen, die sich mit einem Wechsel aus Pogo und Buh-Rufen ziemlich ambivalent verhalten und fast über den Absperrzaun klettern – für mich übrigens auch, so bring ich mich in Sicherheit. Dass SEQUENZ-E mit ihrem nervtötend monotonen und unoriginellen Ohrengetöse noch kein Label gefunden haben, wundert mich ehrlich gesagt nicht und auch das Publikum scheint über den Abgang des ersten Supports nicht gerade traurig zu sein.

Nach diesem Auftakt sind wir nicht gerade voller Vorfreude auf die zweite Vorband. Doch Pessimismus vermag sich manchmal derbe auszuzahlen, so sind wir umso erfreuter, als mit dem zweiten Gongschlag plötzlich der gewaltige RUMMELSNUFF vor uns steht. Mit Wikingerhörnchen wird der Elektro-Punk-Gassenhauer voller Euphorie empfangen – für die Berliner Schwulenikone ist es ein Leichtes alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Stampfende Beats, fetzige Synthieklänge und saukomische, jedoch auf den zweiten Blick teils sehr tiefsinnige politische Texte. Dumme Deutsche können ihn leicht für einen Anhänger der rechten Szene halten. Dass dem jedoch nicht so ist, merkt Derjenige, der auch mal hinter die Fassade schaut und sein Köpfchen einschaltet. Der Popeye der Elektroszene stampft wie ein Berserker über die Bühne und heizt maßlos die Meute an. Sein muskelbepackter Bierbauch glänzt im Scheinwerferlicht vor lauter Motoröl und Schweiß. Wenn Britney Spears und Konsorten ihre Bühnenoutfits aller 10 Minuten wechseln können, so kann RUMMELSNUFF das schon lange. Mit ständig variierender Kopfbekleidung – vom Schweinskopf, DDR-Schiffchen zur Matrosenmütze – verzückt er das Leipziger Publikum, das nach derber Strommusik wie „Hammerfest“ und „Vollnarkose“ schallend um Zugabe fleht. Das erlebt man bei einem Support-Act wohl selten.

Setlist RUMMELNUFF
Lauchhammer
Mongolid
Hammerfest
Sliwowitz
Winterlied
Ringen
Vollnarkose
Nathalie

Mandy
Der Hund
Halt durch!

Doch nun wird es 23.10 Uhr endlich Zeit für den Headliner des Abends. Gabi Delgado-López und Robert Görl nehmen ihre Positionen ein und das Publikum ist nun völlig aus dem Häuschen. Mit „Verschwende deine Jugend“ präsentiert DAF gleich als Opener eins ihrer mitreißendsten Werke und dreht den Schalter auf Orkanstärke. Das Volk ist in einen deliriumsartigen Bann gezogen und pogt sich die Seele aus dem Leib. Die Deutsch-Amerikanische Freundschaft, die sich 1978 in Wuppertal gegründet hat, gilt als Vorläufer der Neuen Deutsche Welle und des Electropunks sowie als einflussreichste deutsche Band neben CAN und KRAFTWERK. Um dies einzuordnen, wurde daraufhin ein neues Genre kreiert: Electronic Body Music. Nach jahrelanger kreativer Pause wurde die ganze Geschichte 2003 mit „Fünfzehn Neue Lieder“ fortgesetzt. Und jetzt nach 30 langen Jahren wird die Szene mit der „30 Jahre Krieg, als wär’s das letzte Mal“ – Tour ordentlich aufgemischt. Das lockere Leipziger Publikum lässt sich nicht lange bitten, so dass man bei Songs wie „Verlier nicht den Kopf“ oder dem auffälligerweise gleich zu Beginn gespielten Klassiker „Der Mussolini“ eine geballte Stimmung voller Euphorie und Aggression an die Nacht gelegt wird. Hemd auf und Brusthaar raus – Sänger Gabi schwebt im Stakkato über die Bühne, feuert und führt die Massen an und entleert als Erfrischung immer wieder eine der unzähligen Wasserflaschen über seinen Kopf – und die Kameras der Photographen. Der monotone, immer gleich bleibende Rhythmus, die nicht vorhandenen Melodien, fragwürdige Texte und Lyrics, die nie mehr als 5 Sätze beinhalten, lösen eine Massenhysterie aus, die kaum zu erklären ist. So kann sich wirklich niemand dieser einzigen Riesensause entziehen und Kopf und Bein wippt, schwingt und fliegt mit. Die Temperaturen müssen mittlerweile höllische Ausmaße erreicht haben, ergo sind die meisten wohl froh, von der pogenden Masse oben gehalten zu werden. Einzig und allein der auf der Bühne stehende Roadie, der (angeblich, es aber nicht tut) für das Reinschieben der CDs verantwortlich ist, scheint heute Abend die A-Karte gezogen zu haben. So raucht er gelangweilt eine Zigarette nach der anderen, während sein Germany 89–Shirt die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Während mein Bruder und Kollege Enrico mit RUMMELSNUFF fürs Familienalbum posiert, kämpft Gabi mit seinen Kraftreserven. Mittlerweile von oben bis unten von Schweiß und Mineralwasser durchnässt, marschiert er mit seinem Volk mit „Osten währt am längsten“, „Alle gegen alle“ und „Nachtarbeit“ zum Siegeszug. Doch als er mit Drummer Robert Görl nach „Als wär’s das letzte Mal“ die Bühne verlässt, geht Leipzig sofort auf die Eisen. Es wird gegrölt, gepfiffen und sogar gebuht und der Freudenrausch, bei der Wiederkehr, so laut ausgesprochen, dass Gabis Ansage völlig untergeht. „Der Räuber und der Prinz“ wird ausgepackt und ein „Ich liebe dich, mein Räuber. Ich liebe dich, mein Prinz“-Chor erfüllt die Nacht. Mit „Algorithmus“ und „Kebabträume“ wird noch mal im CD-Sammelsurium gekramt, bevor als vierte und letzte Zugabe „Mussolini“ die zweite ertönt. Warum, bleibt jedoch allen ein Rätsel und eine Ausnahme der bisherigen Tour. Die Meute ist nun nach einer knapp 80-minütigen Show am finalen Sieg angelangt, auch wenn der ein oder andere dafür wohl bluten musste. So schlottern mir doch ehrlich gesagt ziemlich die Knie, als ich die blutüberströmten sanitären Einrichtungen der Herren der Schöpfung erblicken muss. „30 Jähre Krieg, als wär’s das letzte Mal“ hat somit auf allen Seiten definitiv nicht zu viel versprochen, sodass Enrico und ich glücklich, zufrieden und kerngesund uns in den Heimweg tanzen.

Setlist DAF
Gewalt
Verschwende deine Jugend
Ich und die Wirklichkeit
Verlier nicht den Kopf
Der Mussolini
Ich will
Muskel
Knochen auf Knochen
Rote Lippen
Osten währt am längsten
Mein Herz macht Bum
Liebeszimmer
Sato-Sato
Alle gegen alle
Nachtarbeit
Moschino, Heckler & Koch (Ganovenlied)
Die Lüge
Als wär’s das letzte Mal

Der Räuber und der Prinz

Algorithmus (Zahlenlied)

Kebabträume

Der Mussolini

Copyright Fotos: Nadine Ahlig/ Enrico Ahlig

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