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DER FAMILIE POPOLSKI

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 25.02.2012

Endlich ist es geschafft: DER FAMILIE POPOLSKI hat der Welt bewiesen, dass so ziemlich jeder Hit aus Polen stammt und seine Wiege im Hause der musikalischen Sippe um Opa Pjotrek Popolski hat. Allein auf das Konto des Großvaters gehen 128.000 Welthits, die ihm leider ein windiger Gebrauchtwagenhändler namens Olek Priszewinski abgeluchst hat und die in der Folge nach Strich und Faden verhunzt wurden. Nicht umsonst gibt es in Polen das Sprichwort „Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits in Polen“. Aber dank seiner unermüdlichen Nachfahren erlebt die Polka eine regelrechte Renaissance und so erwartete die POPOLSKIS auch in der Polka-Hochburg Bielefeld ein mit 2.500 Besuchern rappelvoller Ringlokschuppen, wo es heißen sollte: „Get The Polka started!“

Für die wenigen Gäste, die mit der tragischen Geschichte der Osteuropäer noch nicht vertraut waren, gab es um kurz nach 20.00 Uhr noch einen kleinen Videoeinspieler, bevor dann Familienoberhaupt Pavel Popolski (Drums) sowie Marek (Akkordeon), Mirek (Gitarre) Danusz (Gesang, Piano, Keys, Trompete, Akkordeon, Melodica, Blockflöte, Kazoo etc), die Dobrze Horns Henjek und Stenjek und Nesthäkchen Janusz (Bass) unter tosendem Beifall die Stage betraten und die Familienhymne „Ras Popolski“ (vor Jahren mal von den BEATLES unter dem Titel „Back In The USSR“ verwurstet) raus hauten. Für die Stimmung in der Halle war der anschließende Wodka für alle vermutlich nicht notwendig, aber es ist eine liebe Gewohnheit, am Anfang der Show gemeinsam mit dem Publikum einen zu heben. Ein komplizierter Vorgang, der zunächst theoretisch geprobt und dann natürlich in die Tat umgesetzt wurde. Später gab’s dann nur noch auf der Bühne regelmäßige Alkoholgaben, was allerdings auch an den gewerkschaftlich vorgeschriebenen Wodkapausen lag, denn der polnische PÜV (Polka-Überwachungs-Verein) schreibt nun einmal alle 20 Minuten einen Schluck vom Hochprozenter vor. Außerdem sollte an diesem Abend noch Janusz’ fünfte Polka-Prüfung anstehen. Der jüngste Spross der Familie, der gern als „trubste Tasse“ tituliert wird, aber erklärter Liebling des Publikums ist, gefährdete aktuell das AAA-Polka-Rating der Popolskis und so durfte man gespannt sein, ob er diesmal erfolgreich bestände. Zunächst wurde jedoch gemeinsam zur Jazz-Speed-Polka „Hello Again“ (da war mal was mit HOWARD CARPENDALE) gesungen und geschunkelt und beim ersten Auftritt von Cousinetschka Dorota Popolski schnellte unverzüglich der Blutdruck der männlichen Gäste in die Höhe. Die Lady of Polka trieb erneut ihre Spielchen mit den Herren und hauchte ihnen ein laszives „Dance With Somebody“ (daran haben sich übrigens die Knäckebrote von MANDO DIAO bereits die Zähne ausgebissen) entgegen, ehe sie in ihrem Medley unterstrich, welche Eigenschaften ihr bei einem Mann besonders wichtig sind. Schließlich ist sie ähnlich wie MADONNA ein „Material Girl“, das wie ABBA „Money Money Money“ braucht und zwar anders als ALOE BLACC keine Dollars sondern Zloty. Gern aber auch Aktienpakete und Bausparverträge – Begrifflichkeiten, die sie sogleich mit ihren zahlreichen Verehrern im Auditorium übte und anregte, doch einfach mal Kontonummern zu tauschen. Nachdem dank der rassigen 14-maligen Miss Zabrze das Blut in Wallung gekommen war, sorgte der blinde Danusz mit dem traurigsten Stimmungslied aller Zeiten für Melancholie in der Leineweberstadt. Aus seiner Feder stammen weltbekannte Songs wie „Tränen lügen nicht“ und „Don’t Cry For Me Pyskowice“ sowie natürlich „Ein bisschen Spaß muss sein“, dessen schwermütige Piano-Gebläse-Korrespondenz dem brachialem Schenkelklopfer-Humor von ROBERTO BLANCO zum Opfer fiel. Wer hätte gedacht, dass Cousin Marek nicht nur mit der hochmodernen Satellitenkamera der Marke Sonyzki (3D war gestern, jetzt ist 4P = PoPolskiPolkaPictures angesagt) bestens umgehen kann und nicht nur für die Bilder auf der riesigen Leinwand im Hintergrund sorgte, sondern in der Heimat für einige Blockbuster erster Güte gesorgt hat? Genannt seien hier nur einige Highlights wie „Rambek“, „Es war einmal in Zabrze“, „Gurky Park“, „Apolkalypse Now“ oder „Polkarei auf der Bounty“. Im Anschluss sorgten die trinkfreudigen eineiigen Zwillinge Henjek und Stenjek mit ihrer Tanzperformance für Furore, wenngleich ihre virtuosen Körper wenig später von einem anderen Familienmitglied in den Schatten gestellt wurden. Andrzej – besser bekannt als der schone Andrzej – enterte die Stage und verzauberte mit seiner bloßen Anwesenheit die holde Weiblichkeit. Der Botschafter der Liebe hat übrigens ein Buch mit dem Titel „Ich“ geschrieben und eine gewisse Selbstverliebtheit brachte auch sein Song „Verdammt, ich lieb’ mich“ (gab’s da nicht mal einen gewissen MATTHIAS REIM, der eine ähnliche Nummer hatte?) zum Ausdruck, aber wenn sich so etwas einer leisten kann, dann der schöne Andrzej, der in Polen ja großen Erfolg mit der Sendung „Wetten, der klappt?!“ hatte. Das TV-Format wurde dann mitsamt der Frisur des Moderators vom ZDF geklaut, wobei Thomas Gottschalk mit Sicherheit nicht so gut im Posing vorm eingeschalteten Ventilator ist. Vor der Pause wurde noch mal ausgiebig geschunkelt, wobei es auch hier zu „I’m Outta Love“ eine komplexe Einführung in die Materie gab und am Ende 2.500 untergehakte Menschen polnische Polka-Gemütlichkeit zelebrierten, von der ANASTACIA nur träumen kann.

Nach der 20-minütigen Pause ging’s mit dem smarten Andrzej und dem sehr beschwingten „What’s Up“ und allerlei Singspielchen weiter, sodass niemand mehr nach den 4 NON BLONDES fragte. Auch GUNS ‚N’ROSES sind kein Thema mehr, wenn man die akustische Originalversion von „Sweet Child O’ Mine“ kennt, die Danusz, Mirek und die Dobrze Horns performten. Weiter ging’s mit dem Latin-Rumba-Grooves von „Mama“ (wer war noch mal HEINTJE?) und dem jazzigen „Hey Baby“, mit dem DJ ÖTZI in seiner schlimmen Version niemanden hinterm warmen Almhüttenofen hervorlocken kann. Die Fantasien ihrer männlichen Fans befeuerte wenig später der heißeste polnische Exportschlager Dorota Popolksi im knappen Mini-Outfit und wer hätte gedacht, dass Anthony Kiedis, Christian Wulff, Johnny Depp, Lothar Matthäus und Karl-Theodor zu Guttenberg zu ihren prominenten Verehrern zählten? Aber der Copy&Paste-Doktor hat auch seine Liebesbriefe an Dorota nur irgendwo abgeschrieben. „Du hast mich tausendmal belogen“ rockte es deshalb deutlich knackiger als bei ANDREA BERG, um schließlich den kulturellen Teil der Show folgen zu lassen. Opa Popolski hat nämlich dereinst die Polka-Oper „Janusz und der Wolf geschrieben“, die in einer aufwändigen Inszenierung zum Vortrag kam. Selbstverständlich ebenfalls in der ursprünglichen Fassung, bei der auch das Lamm nicht fehlen durfte, welches ein lautes „Hurz“ von sich gab. Das gab es doch schon mal? Richtig mit HAPE KERKELING und Achim Hagemann am Klavier, der übrigens eine frappierende Ähnlichkeit mit Pavel Popolski hat. Klar, dass der Botschafter der Liebe irgendwann auch ein Haus der Liebe sein eigen nennen muss und so war es nur eine Frage der Zeit, dass sich Andrzej in Zabrze ein Freudenhaus zulegte. Der Beau im sexy Einteiler sorgte damit für einen „Skandal im Sperrbezirk“ und für Reggae-Feeling im Ringlokschuppen. Ob die SPIDER MURPHY GANG jemals Crowd Surfing betrieben hat? Andrzej suchte ohne Zweifel die Nähe der Zuschauer und ließ sich von selbigen auf Händen tragen. „Get The Party Started“ ordnete im Anschluss die rote Dorota an, die selbstredend nicht in PINK, sondern in ihrer Lieblingsfarbe gekleidet war, wobei es ein neues blutrotes Outfit zu bestaunen gab. Mit Highspeed-Polkaklängen verwandelte sich das ehrwürdige Gemäuer noch einmal in einen Schunkel-Hexelkessel, aus dem sich die POPOLSKIS um 22.30 Uhr verabschieden wollten.

Mit Stakkato-Akklamationen holten die Ostwestfalen die Familie jedoch wieder zurück, schließlich musste der verhuschte Janusz auch noch seine Polka-Prüfung ablegen. Es kam wie es kommen musste: Auch der fünfte Versuch scheiterte mit „I Gotta Feeling“ (von den BLACK EYED PEAS geklaut) kläglich, doch dann fasste sich der Junge ein Herz und wuchs über sich hinaus. Das Lied von dem Mädchen, das auf dem Markt in Zabrze Kirschen verkauft sollte mithilfe von einigen kräftigen Hieben vom 98%igen Wodka zum Triumph für den Bassisten werden. Zu den Nu-Metal-Klängen von „Cheri Cheri Lady“ (Dieter Bohlen sollte sich noch heute schämen, was er und sein damaliger Partner Thomas Anders mit den Song angestellt haben) brachte Janusz den Saal zum Kochen und riss sich die Klamotten vom Leib, um mit der weiblichen Zuschauerschaft auf Tuchfühlung zu gehen. Der Lohn waren tosender Beifall und rasender Applaus zur am Ende verdient bestandenen Polka-Prüfung.

Fehlte nur noch einmal die Familien-Hymne „Ras Popolski“ und als allerletzte Zugabe der Besenstil-Hit „We Will Rocka You“, der eigentlich nur aufgrund der hellhörigen Wohnsituation in der heimischen Plattenbausiedlung entstanden ist. Über den besagten Gebrauchtwagenhändler ist das Stück dann jedoch auch nach Englang gelangt, wo ihn QUEEN für ihre Zwecke missbraucht haben. Neben diesen Enthüllungen möchte ich dem interessierten Leser Pavels Anlagetipps für die momentane Wirtschaftskrise nicht vorenthalten. Statt Aktien, Fonds, Renten, Immobilien oder Rohstoffen gibt es nur ein sicheres Investment: besten polnischen Wodka! Wenn die Krise doch nicht so arg wird, gibt’s was schlimmeres als einen Keller voller Schnaps, sollte die Rezession allerdings zuschlagen, bleibt der schlaue Wodka-Käufer definitiv liquide und wenn die Welt tatsächlich untergeht, kommt man mit genügend Alkohol deutlich besser mit dieser Situation klar als wenn man einen plötzlich wertlosen Goldbarren sein eigen nennt. Recht hat er, darauf und auf einen gelungenen Abend ein lautes „Struwko“!

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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