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DER FAMILIE POPOLSKI (THE POPS)

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 19.01.2011

Als ich im April 2009 THE POPS das letzte Mal im Ringlokschuppen gesehen habe, war der mittlere Saal mit 800 Besuchern ausverkauft, jetzt zeigte sich die große Halle mit sicherlich rund 2.000 Fans gut gefüllt. Keine Frage also, dass der musikalischen Großfamilie aus Polen endlich die Gerechtigkeit widerfährt, auf die sie lange, lange Jahre warten musste. Es hat sich ganz offensichtlich gelohnt, dass DER FAMILIE POPOLSKI sich 2008 in den WDR gehackt hat und auf diese Weise ein ganz neues Publikum gewinnen konnte. Inzwischen weiß die Welt, welche Ungerechtigkeiten Opa Pjotrek Popolski und seinen Nachfahren geschehen sind und für die wenigen, die noch im Dunkeln tappten, gab es zu Beginn des Abends noch eine kleine Einführung vermittels einer kurzweiligen Diashow.

Es ist nämlich so, dass praktisch die gesamte bekannte Popmusik aus der Feder von Opa Popolkski (der immerhin 128.000 Hits geschrieben hat) bzw. seiner Nachkommenschaft stammt. Leider hat sich irgendwann einmal der windige Gebrauchtwagenhändler Olek Priszewinski sämtliche Songs und die Rechte daran unter den Nagel gerissen und das war’s dann für THE POPS mit Ruhm, Ehre und Reichtum. Doch vor einigen Jahren hat Familienoberhaupt Pavel Popolski (aka Achim Hagemann) die Sippe zusammengetrommelt und seither erfährt die Welt, von wem die entsetzlich verhunzten Hits, die tagein, tagaus im Radio laufen, tatsächlich sind. Einen wunderbaren Abriss der POPOLSKI-Discografie gab es natürlich auch beim heutigen Zusatztermin im Ringlokschuppen und ganz wie es sich gehört, starteten unsere osteuropäischen Nachbarn nach der Diashow mit der Familienhymne „Ras Popolski“, welche die BEATLES schamlos zu „Back In The USSR“ verwurstet haben. Wem bei dieser schwungvollen Polka noch nicht warm geworden war, konnte sich wenig später zumindest innerlich mit Wodka aufwärmen, denn der Sitte entsprechend, gab es erneut für das Auditorium einen Schnaps, wobei selbstverständlich auch ausführlich erklärt wurde, wie der Wodka ganz korrekt zu trinken ist. Übrigens durfte der geneigte Zuschauer außerdem erfahren, dass es in Polen für Bühnenarbeiter eine gewerkschaftlich garantierte Wodkapause gibt, die alle 20 Minuten zu erfolgen hat und auf deren Einhaltung auch in Bielefeld peinlich genau durch den PÜV (Polka-Überwachungsverein) geachtet wurde. Wie groß muss zudem die Freude gewesen sein, dass DER FAMILIE POPOLSKI ausgerechnet im Heizungskeller des Ringlokschuppens ihren Cousin Bogdan nach fünf langen Jahren wiedergefunden hat? Natürlich hatte auch der handwerklich begabte Teil des Clans ein flottes Liedchen auf den Lippen und sang in bester Country-Manier „I Was Born As A Popolski“, ehe der heißeste Export des Ostblocks die Bühne enterte. Die Rede ist natürlich von Cousineschka Dorota, die es wie keine andere versteht, die Männerwelt um den Verstand zu bringen, wofür Pavel entsprechende Beweisfotos aus dem Familienalbum mitgebracht hatte. Spätestens nach der Tango-Polka „Dance With Somebody“ (an der sich ein paar schwedische Lümmel namens MANDO DIAO vor zwei Jahren versucht haben) und dem blitzschnellen „Whole Lotta Love“ (fälschlich LED ZEPPELIN zugerechnet) lagen auch die Bielefelder dem heißblütigen Feger zu Füßen, da war es nicht verkehrt, dass der blinde Danusz Popolski die aufgeheizte Stimmung mit dem gefühlvollen „Ein Stern“ aus der 3-Zloty-Oper wieder ein wenig runterkochte. DJ Otzek oder so ähnlich heißt der Unhold, der sich an dieser Nummer schändlich vergriffen hat, aber Pavel wusste, dass er Herr vermutlich nicht wirklich was für sein Tun konnte, denn ein großer Kopfverband kündete davon, dass er wahrscheinlich ziemlich oft gegen die heimische Schrankwand gelaufen ist. Als nächstes durfte Gitarrist Mirek Popolski seine ganz besondere Liebe zu seinem Instrument zum Ausdruck bringen. Zwar hatte er nicht die gesamte Spielzeit von insgesamt 4½ Stunden (davon ein wesentlicher Teil ausschließlich Rückkopplungen!) zur Verfügung, aber die geliebte güldene Stratocastri mit gleich drei Gitarrenhälsen wurde bei der „Ballade pour Adrenalin“ richtig rangenommen. Kein Vergleich mit dem schmalzigen Klaviergeklimper eines gewissen Herrn Clayderman! Bei dem würde sicherlich während eines Konzertes auch nicht ausgelassen geschunkelt, bei dem POPS ein wesentlicher Bestandteil polnischer Feierkultur, die auch an diesem Mittwochabend den Zuschauern zu „I’m Outta Love“ (von ANASTACIA geklaut) eindrucksvoll näher gebracht wurde, bevor es nach einer Stunde in die wohlverdiente lange Wodkapause ging.

Nach einer knappen halben Stunde kamen die POPOLSKIS entsprechend auch hackedicht zurück auf die Stage, woDorota ein Lied namens „Junge“ über Janusz, die trübste Tasse der Familie.sang. Ob DIE ÄRZTE wohl wissen, wen sie da um die Tantiemen bringen? Die eineiigen Zwillinge Henjek und Stenjek – auch bekannt als die Dobze Horns – wurden ja sogar in Las Vegas um ihr künstlerisches Gut betrogen, als Siegfried & Roy den beiden ihre exklusiven Zaubertricks geklaut haben, mit denen sie auf ihrer Weltreise eigentlich ihre Kasse wieder auffüllen wollten. Dazu gab es dann aber immerhin Gelegenheit, als die beiden mit ihrem Hit „Wir sind der 2“ die goldene Pfeife der Volksmusik gewonnen haben. Ja, es ist schon traurig, was jetzt alles ans Tageslicht kommt. Jahrzehntelang sprach man immer nur von Woodstock, dabei fand doch im polnischen Woodstocksi das wahre Festival der Liebe statt und auch die schönsten Lovesongs, die Danusz und Mirek mit einer jazzigen Note präsentierten, sind natürlich von der FAMILIE POPOLSKI: „Wind of Change (SCORPIONS), „Ein bisschen Frieden (NICOLE) oder auch „I’ve Been Looking For Freedom“ (DAVID HASSELHOFF)! Während TRIO mit „Da Da Da“ scheinbar die NDW miterfunden haben, weiß es inzwischen fast ein jeder: Auch dieser musikalische Geniestreich geht auf das POPOLSKI-Konto und beschreibt auf das Feinste Bogdans Probleme, ein Bild aufzuhängen. Für den Vortrag dieses eifrig mitgesungenen und mitgeklatschten Liedes hatte Bogdan seinen schmutzigen Blaumann eigens gegen eine rote Show-Variante eingetauscht, um schließlich die Bühne an Dorota zu übergeben, die gemeinsam mit Danusz den patriotischen Grand-Prix-Beitrag „From Zabrze In Love“ (wer war noch mal SARAH CONNOR?) zum Besten gab. Diese Nummer wurde von Conferencier Pavel bereits als letzter Song angekündigt, aber was wären THE POPS ohne ihren schüchternen jüngsten Spross? Natürlich durfte der, nachdem er sich mit reichlich Wodka Mut angetrunken hatte, noch sein Lied über die schöne Kirschenverkäuferin aus seiner Heimatstadt zum Vortrag bringen. „Cheri, Cheri Lady“ mal nicht in der seichten MODERN-TALKING-Verhöhnung, sondern als kraftvolles Nu-Metal-Original! Ein grandioser Höhepunkt, der in gewohnter Weise mit Begeisterung aufgenommen wurde, auch wenn die Damen in den vorderen Reihen diesmal ob des trennenden Fotograbens auf die begehrte Tuchfühlung mit Janusz verzichten mussten, der aber immerhin wieder seinen durchtrainierten, nackten Oberkörper zur Schau stellte. Tosender Applaus war trotzdem der gerechte Lohn für den Youngster, der es wahrlich nicht leicht hat mit seiner Familie und nach dem eruptiven Ausbruch schnell wieder in seinen Pullunder gesteckt wurde, um ein letztes Mal „Ras Popolski“ anzustimmen.

Inzwischen war es fast 23.00 Uhr und für mich konnte es nach „Cheri, Cheri Lady“ keine Steigerung mehr geben, weshalb ich nicht gewartet habe, ob noch weitere Zugaben folgen würden. Nach nahezu zwei Stunden wahrhaftiger Popmusik, war es für mich an der Zeit zu gehen – wohl wissend, dass DER FAMILIE POPOLSKI langsam aber sicher die Aufmerksamkeit bekommt, die den grandiosen Polen zusteht.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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