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DER FAMILIE POPOLSKI (THE POPS)

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 30.04.2009

„Ausverkauft“ hieß es in der kleinen Halle des Ringlokschuppens – es scheint ganz so, als würde DER FAMILIE POPOLSKI langsam Gerechtigkeit widerfahren, denn neben den 800 Zuschauern, die Tickets für den heutigen Abend ergattern konnten, war das Interesse an der polnischen Pop-Polka-Kapelle so groß, dass schon ein weiterer Termin für den 04.02.2010 in der gleichen Location anberaumt wurde. Sollte die Zeit der Schmach für die Nachfahren von Opa Popolski endlich der Vergangenheit angehören?

Für die wenigen, welche die dramatische Popolski-Familiengeschichte noch nicht kannten, gab es zu Beginn der Veranstaltung zunächst eine kleine Einführung vermittels einer Dia-Show, in der erklärt wurde, dass Pjotrek Popolski im polnischen Zabrze mal eben die Popmusik erfunden und im Laufe seines Lebens satte 128.000 Songs komponiert hat, die leider dem windigen Gebrauchtwagenhändler Oleg Priszewinski in die Hände gefallen sind, der sie an ebenso skrupellose wie untalentierte Musiker weiterverscherbelt hat, die sie dann auch noch zum Leidwesen der Enkel Pawel (Drums), Mirek (Gitarre), Janusz (Bass), Danusz (Gesang, Keys, Trompete und Akkordeon), Tomek (Gesang) und Dorota (Gesang) nach Strich und Faden verhunzt haben. Unter dem Namen THE POPS haben es sich Opa Popolskis Erben inzwischen zur Aufgabe gemacht, der Welt die Wahrheit zu offenbaren, wobei in der Puddingmetropole neben der Musik auch dem Wodka ordentlich zugesprochen wurde. Der polnischen Gastfreundschaft entsprechend gab es nach der POPS-Hymne „Ras Popolski“ (die BEATLES haben daraus „Back In The USSR“ gemacht) erst einmal eine Rutsche Schnaps für die Anwesenden – natürlich inklusive Anleitung, wie polnischer Wodka zu trinken ist. Danach war es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass die sonst eher zurückhaltenden Ostwestfalen den POPS aus der Hand fraßen und schon das folgende „Sexbomb“ lauthals mitgesungen wurde. Wer bislang glaubte, TOM JONES sei für diese Nummer verantwortlich, wurde umgehend mit der von Tomek, dem Tiger von Zabrze, im passenden Raubtier-Ensemble vorgetragenen Highspeed-Polka eines Besseren belehrt. Dem Waliser war es auch nicht zu dumm, Dorotas „I’m A Lady“ zu verhunzen. Die 14-fache Miss Zabrze im roten sexy Paillettenkleid nutzte jedoch die Gunst der Stunde und sang den Song im Popolski-Bigband-Sound gleich mal mit den Bielefelder Männern, schließlich war der heißeste Export Polens auch auf der Suche nach einem neuen Lover – Herren, die einen zuteilungsreifen Bausparvertrag nachweisen konnten, durften sich im Anschluss der Show zwecks Kontonummerntausch melden. Ganz ohne finanzielle Hintergedanken war das jazzige „Großer Bruder“, das der blinde Danusz für seinen großen Bruder Pawel geschrieben hat und an dem sich Zlatko und Jürgen aus dem Big-Brother-Container so schändlich vergangen haben. Kein Wunder, dass die Popolskis erst noch einen Wodka brauchten (in Polen sind auf der Bühne gewerkschaftsseitig alle 20 Minuten Wodkapausen garantiert), um die Erinnerungen daran zu verdrängen. Deutlich mehr Freude machte es dagegen Pawel, die Dias zu kommentieren, die zeigten wie Mirek zu seiner Dreadlock-Frisur gekommen ist. Ein defekter polnischer Fön war Schuld, dass schon bald auch BOB MARLEY und LENNY KRAVITZ den gleichen Kopfputz wollten. Eine Geschichte, die Mirek allerdings nicht so sehr behagte, ihm juckte es in den Fingern, er wollte Gitarre spielen. Zu diesem Zweck brachten die stets gut gelaunten eineiigen Zwillinge Henjek und Stenjek – auch bekannt als die Dobrze Horns – einen imposanten Gitarrenkoffer, in dem sich eine goldfarbene, 18-saitige Stratocastri befand, auf der sich Mirek geradezu in einen Rausch spielte, bis schließlich Pawel Tomek befahl, den Verstärkerstecker zu ziehen – die Gitarrensoli sind ganz offensichtlich nicht so angesagt bei den übrigen Familienmitgliedern… Wer bislang dachte, dass die Kreativität von Opa P. sich auf die Musik geschränkte, wird mit Bewunderung die abstrakten Ölbilder des Multitalents zur Kenntnis genommen haben. Wobei das Gemälde von der tanzenden Ente den umtriebigen Osteuropäer gleich zum nächsten Hit inspiriert hat. Unvorstellbar, was FRANK ZANDER mit seinem Ententanz aus diesem „Tanz einer Ente“ für Blasorchester gemacht hat! Die Stimmung war inzwischen auf dem Siedepunkt; in Polen stets der richtige Moment für ein Schunkellied. Und was dort hervorragend klappt, scheint für Bielefeld geradezu prädestiniert zu sein. Die gesamte Halle beteiligte sich unter Mireks Anleitung an der Umsetzung der Original-Schunkelfassung von „I’m Outta Love“ – ein Song an dem sich ANASTACIA schon einmal kläglich versucht hat – womit sich sämtliche Beteiligte auf und vor der Bühne zunächst einmal eine ausgiebige Wodkapause von einer knappen halben Stunde verdient hatten.

Da war es dann wahrlich keine Überraschung, dass THE POPS hackedicht auf die Stage zurückkamen. Aber der Wodka spielte schon immer eine große Rolle bei DER FAMILIE POPOLSKI. So ist etwa der erste Song entstanden, weil die Plattenbau-Nachbarin von unten, Frau Tripczewinski, bei den morgentlichen Polka-Proben mit dem Besenstiel gegen die Decke hämmerte, während der besoffene Hausmeister von nebenan leere Wodkaflaschen gegen die Wand warf. „We Will Rock You“ war geboren! Damit waren die Probleme mit der wenig musikbegeisterten Nachbarin allerdings noch lange nicht gelöst, weshalb Danusz beauftragt wurde, eine Ballade für die kratzbürtige Dame zu schreiben. „Schöne Maid“ war der Titel, den später leider TONY MARSHALL in die Finger bekam, zu dem bei den POPS jedoch Henjek und Stenjek einen atemberaubenden Engtanz aufs Parkett legten. In der zweiten Hälfte sollte es wirklich Schlag auf Schlag gehen: Als nächstes stand erneut Tomek – der Tiger von Zabrze – auf der Bühne, der an seine großen Erfolge in den Siebzigern anknüpfen wollte und ein Medley seiner größten Hits präsentierte. Das Ganze ging im türkisfarbenen Elvis-Outfit vonstatten und war sowohl ein Augen- als auch Ohrenschmaus. Verschiedenen schönen Städten in Polen wurde emotionsreich gehuldigt. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass sich auch hier sogenannte Künstler schamlos bedient haben. Etwa FRANK SINATRA mit „New York, New York“ oder LYNRYD SKYNRYD mit “Sweet Home Alabama”. Man fragt sich auch, wie die Amerikaner 40 Jahre lang geheim halten konnten, dass sie gar nicht als erste auf dem Mond waren. Auch hier war Pjotrek Popolski eine Idee schneller, wie ein weiterer Blick in die umfangreiche Familiendiasammlung unter Beweis stellte. Selbstverständlich hat der polnische Pop-Pionier von seiner Reise zum Erdtrabanten auch diverse Songs mitgebracht: „Major Tom“, „Moonlight Shadow“, Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu“ und natürlich „The Final Countdown“ – letzteres unnachahmlich interpretiert von der hinreißenden Dorota , die inzwischen mit einem roten Plissee-Hängerchen angetan war. Langsam neigte sich der Abend seinem Ende zu und Pawel nutzte die Gelegenheit, den Anwesenden auch eine bittere Wahrheit zu beichten. Janusz, der jüngste Spross der Familie, der stets ziemlich verlegen im Hintergrund an seinem Bass zupfte und einige Male den Unmut seiner Familie auf sich zog, hat Stücke geschrieben, für welche die Sippe sich zu schämen scheint. Etwa das Lied der Schlümpfe, „Schnappek das kleine Krokodil“, den ersten polnischen Karnevalshit „Viva Polonia“ oder aber auch bereits als Dreijähriger „Cheri, Cheri Lady“ – ein Song über die Kirschenverkäuferin auf dem Markt von Zabrze, das irgendwann in den Besitz von Dieter Bohlen gelangt ist, über den es übrigens das polnische Sprichwort „Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits in Polen.“ gibt. Janusz hatte allerdings selbst schon die Unzulänglichkeiten seiner Komposition erkannt und eine korrigierte Fassung an seine Mitstreiter verteilt, die sich zwar zunächst weigerten, dann aber doch bereit waren, ihm eine Chance zu geben, für die er sich jedoch erst einmal Mut antrinken musste, bevor aus dem verhuschten Jungen aus der zweiten Reihe ein Tier werden konnte. Nach einer halben Flasche Wodka riss Janusz sich die Klamotten vom Leib, nahm ein Bad in der Menge, küsste wildfremde Frauen und rockte den Ringlokschuppen in Grund und Boden! Was für ein Finale! Die Halle kochte und die Zuschauer riefen selbst als der Song schon vorbei war, immer noch völlig außer sich Janusz Namen, der allerdings schon wieder so nüchtern war, dass seine Schüchternheit zurückgekehrt war. So gab es an dieser Stelle eine Bandvorstellung und ein weiteres Mal die POPS-Polka „Ras Popolski“, bevor die Familie von der Bühne ging.

Ohne Zugabe war an ein Ende natürlich überhaupt nicht zu denken. Also kam die gesamte Truppe inkl. Cousin Marek, der zwischenzeitlich an den Instrumenten ausgeholfen hatte, zurück und spielte noch einen Track aus der Neuen-Polnischen-Welle-Phase der POPS. Was bei YVONNE CATTERFELD als seichte Ballade vor sich hindümpelt, geht bei den Polen selbstredend richtig ab. Das ist aber auch gar keine Frage, wenn man ein „Poland“-Keyboard im Equipment hat. Pawel fiel im Anschluss auf, dass die Bielefelder überhaupt noch nicht ins Bett wollten und selbstverständlich hat der Opa auch für diesen Umstand das passende Liedchen: „Insomnia“ ließ es nur so krachen, da kann FAITHLESS seine Sachen ebenso zusammenpacken, wie HERBERT GRÖNEMEYER, der so frech war, die POPS-Hyme „Tief im Osten“ über Zabrze einfach in „Bochum“ umzutexten.

Inzwischen waren zweieinhalb Stunden vergangen und erneut konnte die Wahrheit über die Popmusik ein Stückchen weiter ins Land getragen werden. Übrigens war DER FAMILIE POPOLSKI im vergangenen Jahr auch mit einer eigenen Sendung im WDR-Fernsehen zu sehen. Die schlauen Füchse hatten sich in den WDR-Sendemast gehackt und direkt aus ihrer Plattenbausiedlung gesendet. Ein Unterfangen, das nicht unerheblich dafür gewesen sein dürfte, dass es in diesem Jahr eine Nominierung für den Grimme-Preis gab. Wem das Familienoberhaupt Pawel Popolski irgendwie bekannt vorkam, der möge an Achim Hagemann denken, der einst mit Hape Kerkeling „Hurz“ verzapft hat und offensichtlich noch nicht müde geworden ist, die Musikwelt auf den Kopf zu stellen.

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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