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DER FAMILIE POPOLSKI (THE POPS)

Ort: Melle – Honerkamps Ballsaal

Datum: 07.11.2009

Seit sich die musikalische Großfamilie Popolski aus Zabrze in den WDR gehackt hat, ist es kein Geheimnis mehr: Opa Pjotrek Popolski und seine Nachfahren sind die Urheber eigentlich aller relevanten Pophits, die allerdings unglücklicherweise fast ausnahms- und schamlos von irgendwelchen Möchtegern-Stars verhunzt wurden und werden. Seit einigen Jahren geht DER FAMILIE POPOLSKI unter dem Namen THE POPS jedoch an die Öffentlichkeit, plaudert aus dem Nähkästchen und präsentiert die „wahren“ Songfassungen.

So auch in Melle, wo sich am Samstag Abend der Honerkampsche Ballsaal zusehends füllte, bis es um kurz nach halb neun mit der einleitenden Diashow über die dramatische Lebensgeschichte der Polen begann. Mit der POPS-Hymne „Ras Popolski“ legten die Herrschaften um den ältesten Popolski Pawel (an den Drums) schließlich los. Was die BEATLES unter dem Titel „Back In The USSR“ geklaut haben, war nur der Auftakt eines furiosen Konzertes, bei dem der Wodka in Strömen floss. Schließlich hat die polnische Gewerkschaft nicht umsonst durchgesetzt, dass Bühnenarbeiter alle 20 Minuten eine Wodka-Pause einlegen müssen und diesbezüglich zeigten sich die POPS absolut gesetzestreu. Sogar fürs Publikum gab’s ein Schnäpschen – inklusive Anleitung, wie die Spirituose zu trinken ist, bevor Marek am Akkordeon für den richtigen Groove sorgte. So klingt also „What’s Going On“, wenn deutlich mehr Tempo gemacht wird als bei den 4 NON BLONDES. Schmerzlich vermisst wurde allerdings der jüngste Bruder Janusz, der sich womöglich immer noch nicht von der Grippe erholt hat, die vor 14 Tagen gleich drei der Familienmitglieder erwischt hatte, weshalb der Osnabrücker Gig in den Januar verlegt werden musste. Ein glücklicher Zufall sorgte jedoch dafür, dass ganz überraschend ein neuer Bassist gefunden wurde. Während der Proben am Nachmittag wurden die Popolskis von Geräuschen aus dem Heizungskeller gestört und wer hätte es gedacht? Verantwortlich für den Lärm war Bogdan Popolski, der die letzten fünf Jahre dort zugebracht hat. Natürlich ist auch er ein begnadeter Musiker und stellte das umgehend mit dem countryesken „Born As A Popolski“ unter Beweis, ehe Polens heißester Export-Schlager Dorota Popolski die Bühne enterte. Eine polnische Tango-Polka stand auf dem Programm und die rassige Cousine ließ keinen Zweifel daran, dass sie nicht allein tanzen wollte. „Dance With Somebody“ hauchte sie lasziv ins Mikro – was haben bloß MANDO DIAO aus diesem hocherotischen Track gemacht? Gleich im Anschluss folgte „Whole Lotta Love“ (bereits 1970 von LED ZEPPELIN gecovert) als bläsergeschwängerte High-Speed-Polka, dann übergab Dorota das Mikro wieder an den blinden Danusz, welcher „Der Stern von Zabrze“ aus der „3-Zloty-Oper“ vortrug, an dem sich schon DJ Ötzi („Ein Stern“) kläglich versucht hat. Wer DER FAMILIE POPOLSKI kennt, der weiß, dass Mireks Leidenschaft der Gitarre gilt. Laut Pawel gelingt es ihm sogar, einem akustischen Sechssaiter Rückkopplungen zu entlocken. Mal ganz davon abgesehen, dass die gesamte Sippe einen beidseitigen „Trinitus“ hat. Wie groß seine Liebe zu seiner Mandoline „Mandy“ ist, war bisher allerdings ein gut gehütetes Geheimnis. Ihr zu Ehren schrieb Mirek „Die Ballade pour Mandoline“, die später ein Herr namens RICHARD CLAYDERMAN auf dem Gewissen hatte. Anders als beim Schmusepianisten ging’s bei den Ostblock-Muckern jedoch gewaltig zur Sache, sehr zur Freude der Zuschauer, die ordentlich mitgingen und sich auch beim anschließenden Schunkelsong nicht lange bitten ließen. Nach einer ausführlichen Erklärung durch Mirek und Dorota und Pawels Aufforderung, auch die Fotografen unterzuhaken, wurde zu „I’m Outta Love“ in bester polnischer Tradition Party gemacht. Schwer vorstellbar, dass ANASTACIA einen derart stürmischen Applaus für ihre blasse Kopie geerntet hätte. Nach einer Stunde Spielzeit war in Melle jetzt auf jeden Fall erst einmal eine ausgiebige Getränkepause angesagt, die nach einer knappen halben Stunde mit dem krachenden „Show Me The Meaning of Being Lonely“ rasant beendet wurde. Die BACKSTREET BOYS scheinen die Nummer mit einem Einschlafmittel verwechselt zu haben, aber glücklicherweise ist mit den POPS jetzt die temporeiche Wahrheit über den Song ans Licht gekommen. Genau wie die Story der Dobrze Horns Henjek und Stenjek, die im polnischen Lotto eine Weltreise gewonnen hatten und spannendes erlebt haben wie die Bildbeweise unterstrichen. Selbstverständlich durfte auch ein passendes Solo der eineiigen, stets gut gelaunten Zwillinge nicht fehlen und auch ihr Beitrag, mit dem sie die „Goldene Pfeife der Volksmusik“ gewinnen konnten, überzeugte auf ganzer Linie. Wer hätte gedacht, dass Opa P. in den Sechzigern ein polnisches Love&Peace-Festival ins Leben gerufen hat? Danusz erinnerte gemeinsam mit Mirek und einem gefühlvollen Jazz-Medley an die schönsten Kuschelsongs des Großvaters, denen wirklich übel mitgespielt wurde: „Wind of Change“ musste bei den SCORPIONS dran glauben, „Ein bisschen Frieden“ verhalf NICOLE zum unverdienten Grand-Prix-Sieg und was DAVID HASSELHOFF aus „Looking For Freedom“ gemacht hat, will ich an dieser Stelle besser unkommentiert lassen… Als nächstes hatte der wieder in den Schoß der Familie zurückgekehrte Vetter Bogdan einen grandiosen Auftritt mit einem Hit aus seinem Werkzeugkoffer, der von seinem Versuch handelte, ein Bild aufzuhängen. Mit einem Video untermalt verwandelte der Burner mit ein paar einfachen „Da Da Da“ den Saal in einen Hexenkessel. Vergessen die stoischen Herren aus Großenkneten und auch die im nahen Delmenhorst beheimatete SARAH CONNOR kann mit ihrem „From Sarah With Love“ einpacken, wenn zur Vorlage „From Zabrze In Love“ gegroovt wird. Das sollte nach gut zwei Stunden leider auch schon das letzte Stück des regulären Sets gewesen sein, aber glücklicherweise gab’s mit „We Will Rocka You“ noch einen treibenden Ausputzer samt Erklärung der Entstehungsgeschichte und weil die Melleraner immer noch nicht genug hatten, kehrten alle noch einmal zurück, um mit „Push The Button“ (von den SUGARBABES schlimm entstellt) ein grandioses Finale abzuliefern.

Wie gut, dass DER FAMILIE POPOLSKI ihr Unrecht nicht mehr schweigend hinnimmt und der Welt nicht länger ihre wunderbaren Lieder vorenthalten werden. Bei den POPS kochen die Emotionen auf höchster Stufe und wer an diesem Abend in Honerkamps Ballsaal nicht bestens unterhalten wurde, dem ist nicht mehr zu helfen. Bleibt bei Gelegenheit nur noch zu klären, was aus Nesthäkchen Danusz geworden ist und wann endlich eine neue CD auf den Markt kommt.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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