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DERNIÈRE VOLONTÉ – JESUS AND THE GURUS – APOPTOSE – :GOLGATHA: – KAMMER SIEBEN

Ort: Leipzig WGT Kuppelhalle

Datum: 28.05.2007

Als Abschluss unseres diesjährigen WGTs hatten wir uns ein ganz besonderes Spektakel in einer ganz besonderen Location ausgesucht. 5 außergewöhnliche Formationen in der gediegenen Kuppelhalle, die noch am Vortag Ausrichtungsstätte für die sexuell aufgeladene Obsession Bizarr-Veranstaltung war. Heute abend gab es zwar keinen Dresscode im eigentlichen Sinne, doch dass es teilweise uniformiert zugehen würde, daran bestand im Vorfeld kein Zweifel. Nach den Vorgängen im UT Connewitz am Sonntag drohte also durchaus wieder ein Zusammentreffen mit gewaltbereiten Linken, zumal mit DERNIÈRE VOLONTÉ ein beliebtes Hassobjekt als Headliner angesetzt worden war, der vor gar nicht allzu langer Zeit für die Demission eines Schalker Fanclubleiters gesorgt hatte (siehe Krankpop). Jedenfalls nahm auch die Festivalleitung die Drohungen im Netz ernst, neben einer aufgestockten Security befanden sich auch Einsatzwagen der Polizei vor Ort. Allerdings kam es meines Wissens nach zu keinerlei Problemen, so dass sich dieser Bericht ausschließlich auf die musikalische Seite konzentrieren kann und genau darum sollte es auch gehen.

Die Kuppelhalle als Teil der Volkspalast-Anlage verfügt über eine außergewöhnlich gute Akustik, was in dem quadrophonischen Soundsystem begründet ist, das für einen sehr angenehmen Surround-Klang sorgt. Den haben im übrigen noch vor kurzem SCOOTER für ihre Live-DJ-Tour genutzt, aber da dürfte das Publikum ein gänzlich anderes gewesen sein. Als wir in dem Laden eintrafen, war er bereits sehr ordentlich gefüllt, überall befanden sich in dem kreisförmigen Gebäude Sitzgelegenheiten, die einen opulenten Charme versprühten und für das anstehende Konzert einen sehr passenden Rahmen boten. Währenddessen musizierte bereits der Opener auf der zu drei Seiten offenen Bühne, die von riesigen Kandelabern flankiert wurde. Die Norddeutschen KAMMER SIEBEN, im Kern bestehend aus Butow Maler (Gitarre/ Keys) und Herrn Twiggs (Gesang), wurden wiederum von ihren schlagwerkenden Hannoveraner Freunden TRAUM’ERLEBEN unterstützt. Wiederum, weil sie bereits auf dem „legendären“ Konzert in Übach-Palenberg in ähnlicher Besetzung funktionierten. Neu dabei allerdings ein Herr an der „Umhängetrommel“ und an der Violine Fabio Polo von ALL MY FAITH LOST, was den Klangkosmos beträchtlich erweiterte. Das ergab alles in allem eine wesentlich bessere Performance als bei meiner letzten Begegnung mit den Herren, was wohl auch der nun funktionierenden Technik geschuldet war. Aber auch das Selbstbewusstsein scheint zwischenzeitlich deutlich gestiegen zu sein und so wurden Lieder wie beispielsweise „Vater“ angemessen vom Publikum honoriert.

Als nächstes stand ein sehr interessantes Projekt in den Startlöchern, welches mit den bisherigen Veröffentlichungen mehr als überzeugen konnte. Die Deutschen :GOLGATHA: zählen neben ROME sicherlich zu den interessanten neuen Acts im Bereich Neofolk/ Avantgarde/ Ambient, also waren wir gespannt, wie sich das Trio live schlagen würde, immerhin handelte es sich hier um die Bühnenpremiere. Die in blaues Licht getünchte Szenerie konnte gespenstischer kaum sein, als Christoph D., S. Marleni und eine Dame namens Sorakey ihre Plätze auf der Bühne einnahmen. Letztgenannte dürfte eingefleischten Terrorverlag-Lesern nicht gerade unbekannt sein, war sie doch für einige Zeit bei uns redaktionell tätig. Nun aber verbarg sie ihr hübsches Gesicht hinter einer Maske, genau wie die 2 männlichen Kollegen, einmal eine Mischung aus Halloween und Jason Vorhees, einmal eine „halbe“ Totenmaske, sehr stimmungsvoll und irgendwie „kühl“ wirkend. Christoph musizierte u.a. an einem Gong, diversen Schlaginstrumenten sowie einer „Reistrommel“, Herr Marleni bediente die Gitarre und sorgte für weitere Percussion. Die Elektronik kam vom Band und die gute Birthe im Hintergrund versuchte sich an orientalisch anmutenden Tanzchoreographien plus ein paar Backing Vocals. Das Ganze sah sehr durchstrukturiert, ja fast rituell aus, was mit den bisherigen Veröffentlichungen perfekt harmoniert, die sich immer streng einem Themenkomplex widmen. Neben der asiatischen Kydos-Heldenlehre auch Lawrence von Arabien und die Icarus-Sage, die sich in der Leipziger Setlist dann auch wiederfand. Als besonderes und vielumjubeltes Bonbon wurde gegen Ende eine DEATH IN JUNE Coverversion angestimmt, „Death of the West“ dürfte wohl den meisten Anwesenden geläufig gewesen sein. Insgesamt eine recht artifiziell wirkende, sehr gelungene Präsentation, über die es sich nachzudenken lohnt!

Doch allzu viel Zeit blieb an diesem Abend dafür nicht, denn das nächste Highlight stand bereits in den Startlöchern und hierbei sollte es sich wirklich um eine besondere Aufführung handeln: Das Deutsche Ambient Projekt APOPTOSE in einer Kollaboration mit dem Fanfarenzug Leipzig! Hinter dem aus dem medizinischen Bereich entlehnten Begriff steckt ein gewisser Rüdiger, der zwischen 2000 und 2002 die beiden Alben „Nordland“ und „Blutopfer“ via TESCO unters Volk gebracht hat und sich nunmehr anschickt, sein drittes Werk „Schattenmädchen“ in die „virtuellen“ Regale zu stellen. Doch heute sollten überwiegend Klänge des „Blutopfer“-Silberlings im Vordergrund stehen, der sich thematisch mit den religiös motivierten spanischen Prozessionen beschäftigt, bei denen viele Teilnehmer durch unablässiges Trommeln in eine Art Trance verfallen. Perfekte Vorlage für eine Zusammenarbeit mit den Schlagwerkern des Leipziger Fanfarenzugs, doch bevor die 12 Herren und Damen die Bühne enterten, kam es noch zu einer kurzen Gesangsperformance einer Dame, welche den APOP-Mastermind auch im folgenden unterstützte. Dann aber war es soweit, zu Bildern der bereits angesprochenen Prozessionen kam es zu einer Symbiose aus Ambient und Percussion, aus traditionellen und elektronischen Instrumenten. Die Zuschauer reagierten begeistert auf die Klänge, viele schlossen die Augen und gaben sich ganz den hypnotischen Rhythmen hin, fast wie die Menschen auf der Leinwand. Für mich stand schon während des Auftritts fest, dass es sich hier um eins DER Higlights des diesjährigen WGTs gehandelt hat. Nachdem ein 2tes, speziell für die Veranstaltung komponiertes Lied zum Vortrag gekommen war, verließen die „Straßenmusiker“ für ein kurzes „Schattenmädchen“-Intermezzo das Rampenlicht, führten dann aber ihren gemeinsamen Siegeszug fort. Eine interessante Idee wunderbar umgesetzt und man bemerkte, dass sich die Kuppelhalle danach etwas leerte.

Das lag vielleicht auch daran, dass die nun folgenden Schweizer JESUS AND THE GURUS thematisch nicht ganz in den Abend passen wollten. Zwar beherbergt auch ihr Sound neuerdings einen gewissen Neofolk Anteil, doch vorherrschend bleiben die Goth und Electro Rock Parts. Dafür haben ihre Bühnenshows einen legendären Ruf – die sehr antikleral eingestellten Herrschaften provozieren, wo sie nur können. Insofern warteten nicht nur ihre Labelkollegen Felix und Banane von FEINDFLUG gespannt auf die durchaus möglichen Exzesse. Erst vor kurzem wurde den Herrschaften das Gros ihres Live Equipments entwendet, ob das der Grund dafür war, dass die Ausstattung doch eher spartanisch ausfiel, kann hier nur vermutet werden. Jedenfalls befand sich neben dem sehr eindrucksvollen Mikro mit Messern und Schädel nur noch ein Kreuz auf der Bühne. Dazu gab es im Hintergrund wieder entsprechend „geschmackvolle“ Projektionen auf die Augen. Man musizierte zu viert, wobei „man“ nicht ganz richtig ist, denn neben Sänger Son ov David, Saitenkünstler Tom Alien sowie Keyboarder/ Schlagwerker/ „Photograph“ Gabriell agierte noch ein Mädel im Hintergrund an den Trommeln. Mit „The End is near“, „We just fight“ und „Holy Town“ stieg man ins Set ein, allesamt vom aktuellen Black Rain-Album „King ov Salò“, der Titel ist eine Anspielung auf die Schreckensherrschaft in Norditalien kurz vor Ende des faschistischen Regimes. Dementsprechend auch die sehr sagen wir mal „Wehrmachtigen“ Outfits. Das blieb allerdings die einzige nennenswerte Ausschweifung, denn die beiden Mädels, die sich mal gegenseitig am Kreuz den Hintern beklatschen durften, fielen nicht sonderlich extravagant aus. Das können UMBRA ET IMAGO doch besser, wenngleich die Musik der Eidgenossen und insbesondere die sonore Stimme des Fronters zu überzeugen wissen. Ein wenig abgefahrener hätte ich mir das Ganze allerdings schon vorgestellt nach den Überlieferungen anderer GURU-Konzerte. Solide – nicht mehr – trotz „Leiche Otto“…

Und schon stand der allerletzte Act des WGTs 2007 vor den Toren, doch viel Zeit für Schwermut blieb nicht, denn der Military Pop von DERNIÈRE VOLONTÉ versprach noch mal einen würdigen Abschluss. Dementsprechend voll wurde es auch vorne, alle wollten das „Skandalduo“ betrachten, sei es nun aus musikalischen oder anderen Gründen. Die Show entsprach im Grunde genommen der vom Black Easter Festival. Geoffroy D. und Piere Pi (Schlagwerk) im selben Outfit mit denselben Gesten und derselben anfänglichen Schwerfälligkeit. Allerdings gab es diesmal tatsächlich etwas Bühnenlicht und die Setlist war leicht abgeändert worden, so verzichtete man beispielsweise auf das BLUTHARSCH-Cover. Dafür ging es recht früh wieder mit „Ami“ los, bevor die neuen Titel der „Devant le Miroir“-Scheibe zum Zuge kamen und die Stimmung langsam aber sicher anzog. Der groß gewachsene Sänger machte sich alsbald einen Spaß daraus, mit den ersten Reihen zu kommunizieren. So „entwendete“ er einem Fotographen den Hut, begrüßte einige Gruftmädels per Handschlag und versorgte auch immer mal wieder seine Anhänger mit Wasser der Marke „Carat“. Das aktuelle Material wie etwa die Single „Toujours“ ist ja sehr poppig ausgefallen, aber gerade das verführt zu lockerem Mittanzen und Bewegungen der Beckenknochen. Dementsprechend ausgelassen wurde das Duo dann auch noch 2 mal zurück nach oben geholt, bevor es endgültig hieß: „Rien ne va plus“ – Nichts geht mehr. Das Pfingstwochenende war so schnell Geschichte, wie es gekommen war, doch dieser Abend im Kuppelpalast gehört ganz sicher zu den schönen Erinnerungen 2007.

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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