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DICK BRAVE & THE BACKBEATS

Ort: Münster – Jovel

Datum: 23.03.2012

Acht Jahre lang war er verschollen – wurde vielerorts gar für tot gehalten, so dass Prominente wie Roger Willemsen, Tim Mälzer, Charlotte Roche, Rea Garvey oder Thomas D („Ich hab mir die Haare damals nach seinem Vorbild geschnitten.“) bereits finale Lobhudeleien auf den vermeintlich verstorbenen DICK BRAVE hielten. Nicht so Klaas Heufer-Umlauf, der die Hoffnung nicht aufgab, den Rock’N’Roller irgendwo in den kanadischen Wäldern zu finden, wo dessen Flugzeug vor acht Jahren abgestürzt war und tatsächlich: Wie durch ein Wunder spürte Heufer-Umlauf den völlig verstörten DICK BRAVE in der Wildnis auf, wo er jahrelang von einer Art kanadischer Annie Wilkes gefangen gehalten worden war. Der Hüftschwung eingerostet, die Haare zottelig und verfilzt statt pomadisiert und keinerlei Erinnerungen an den Rock’N’Roll, ging’s in eine Promiklinik an den Bodensee, wo der alte Dick wieder zum Leben erweckt werden sollte. Was mit Elektroschocks nicht gelang, schaffte der unermüdliche Klaas Heufer-Umlauf mit viel Geduld und den richtigen Reizen, wodurch Mr. Brave wieder ganz der Alte wurde. Nach langen Jahren der Rockabilly-Abstinenz war natürlich klar, dass nicht nur für die Fans, sondern auch für den Musiker himself eine neue Platte kommen musste und was lag näher, als die Scheibe „Rock’N’Roll Therapy“ zu nennen?

So weit die dramatische Geschichte, die zu Beginn des Konzertabends noch einmal in bewegten Bildern erzählt wurde, ehe sich die Fans im ausverkauften Jovel davon überzeugen konnten, dass DICK BRAVE wieder restlos genesen ist und auch der Hüftschwung wieder einwandfrei klappt. Nachdem der Vorhang gefallen war, der zuvor als Projektionsfläche für die ergreifende Dokumentation diente, strahlten im Hintergrund unzählige Glühlampen, die das Wort „DICK“ illuminierten, während sich der Bandleader und seine vierköpfige Instrumentalfraktion daran machten, den ersten Song „Highschool Confidential“ mit viel Schmackes unters Volk zu bringen. Selbiges zeigte sich begeisterungsfähig und so gab es beim folgenden EDDIE-COCHRAN-Klassiker „Twenty Flight Rock“ vor und auf der Stage schon kein Halten mehr. Auch „She’s The Most“ und „This Girl Is Trouble“ groovte wie der Teufel – Münster fraß dem sympathischen Kanadier, der sich redlich mit der deutschen Sprache mühte, in kürzester Zeit aus der Hand und ließ es sich auch nicht nehmen, bei der ADELE-Adaption „Rollin’ In The Deep“ mitzusingen, auch wenn die Textsicherheit vielleicht noch ein bisschen ausbaufähig war. Die Nummer wusste zu swingen und Dick zeigte auf dem Klavier akrobatisches Geschick, bevor zum coolen CHUCK-BERRY-Cover „Come On“ die ganze Mannschaft über die Bühne hüpfte. Wer hätte geahnt, dass „Sitting, Waiting, Wishing“ gar nicht von JACK JOHNSON ist? Tatsächlich haben der Hawaianer, Dick und die BACKBEATS zusammen Musik gemacht, aber eigentlich handelt es sich um einen äußerst krachenden Song, für den die Akteure des heutigen Abends verantwortlich zeichnen. Die ersten deutschen Worte, die Dick übrigens seinerzeit gelernt hat, waren „Autobahn“, schönes Fräulein“ und „es kann gar nichts passieren“. Später kam noch „Schunkeling“ dazu – was eigentlich „schunkeln“ meint. Eine Betätigung, die man auch etwas stilvoller als im Hofbräuhaus und auf Schützenfesten ausüben kann, wie der beschwingte Schmachter „It’s Up To You“ bewies, ehe sich zu ELVIS PRESLEYs „Lover Doll“ die Kollegen an den Tasten und Fellen zu den Saiteninstrumenten an den Bühnenrand gesellten, um gemeinsam ins Mikro zu schmettern. Im Anschluss erzählte Gitarrist Eddie die mysteriöse Geschichte, wie der Track „No One Knows“ (QUEENS OF THE STONE AGE) entstanden ist. Während die Stage in dunklen Nebelschwaden dalag, war von der Wüste, einem Kaktussaft mit berauschender Wirkung und damit verbundenem Gedächtnisverlust die Rede – stets verbunden mit ein paar prägnanten Gitarrenakkorden, die wahrlich an flirrende, staubtrockene Hitze denken ließen, bis die Jungs gemeinsam wieder ordentlich Tempo machten und Brave seine Hüften in Bewegung setzte. Mit „Tonight (I Ain’t Rock)“ gab’s besten Oldschool Rock’N’Roll auf die Mütze und bei „You Wanna Be Americano“ wurde erneut wie der Teufel gerockt, ehe der Facebook-Wunschhit „Buona Sera“ für ein großes Hallo sorgte. „Look At You“ wurde nicht nur gut mitgeklatscht, sondern garantierte auch beste Laune, die auch beim Bad-Ass-Rocker „American Idiot“ (GREEN DAY) auf konstant hohem Level blieb. Derweil fand sich der Bassist mit seinem Kontrabass auch schon mal alles gebend auf dem Klavier ein, schließlich konnte er bei „Black & White“ (MICHAEL JACKSON) ja auch zunächst eine kleine Pause einlegen. Hier waren nämlich zu Beginn nur DICK BRAVE, seine Mundharmonika und Saitenmann Eddie gefragt. Nach einem äußerst bluesigen Warm up kam der Rest der Mannschaft an die angestammten Positionen zurück und es ging noch einmal amtlich zur Sache – inklusive eines großartigen Soloparts der Hanson-Brothers an der Batterie und dem Kontrabass. Da wurde dann auch schon einmal eine rote Mülltonne zum Drumkit umfunktioniert oder der hölzerne Bass mit den Drumsticks bearbeitet. Keine Frage, da waren hervorragende Musiker am Gange, die verdientermaßen mit jeder Menge Applaus bedacht wurden. Die BRUNO-MARS-Variation „Just The Way You Are“ hat bereits jetzt das Zeug zum Klassiker und wurde vom Youngster der Band kongenial am Klavier eröffnet, wozu sich schon bald ein Meer aus Armen über den Köpfen der Zuschauer bewegte. Mit dem DEPECHE-MODE-Highlight „Just Can’t Get Enough“ wollten DICK BRAVE & THE BACKBEATS die ausgelassene Rockabilly-Party dann nach 90 Minuten schon beenden, doch der Titel war gleichzeitig auch Motto des Auditoriums, das noch lange nicht genug hatte und nach eine paar Minuten Akklamation auch noch einen großzügigen Nachschlag erhielt.

Der Zugabenblock startete mit „Dream A Little Dream of Me“ vergleichsweise ruhig, wurde im Anschluss nach wenigen Tönen von „Take Good Care of My Baby“ (BOBBY VEE) jedoch durch schrilles Gekreische abgelöst. Fette Langäxte gab’s hingegen bei AEROSMITHs „Walk This Way“ auf die Ohren. Eddie nahm bei dieser Gelegenheit auch einmal die Halle auf dem Klavier stehend in Augenschein und mit einen ausgiebigem Gejamme endete nach zehn Minuten die erste Zugabenrutsche. „Kiss“ startete ebenfalls mit knackigen Sounds und auch der smarte Fronter fand bei dieser PRINCE-Nummer noch einmal den Weg auf das Tastenmöbel, bevor die Stage zu „Always On My Mind“ in blaues Licht getaucht wurde und aus tiefster Seele und im Gedenken an den King of Rock’N’Roll geseufzt werden durfte. Dann gab’s noch ein gemeinsames Geburtstagsständchen für ein Crewmitglied, das seinen Ehrentag sogar in der Heimatstadt feiern konnte, ehe mit JERRY LEE LEWIS’ „Great Balls of Fire“ ein letztes Mal Oldschool-Sounds auf dem Programm standen. Das Quintett nutzte die Gelegenheit, reihum alle Arbeitsplätze durchzutauschen, dann waren auch bereits zwei Stunden wie im Fluge vergangen und der unvermeidliche Abschied stand vor der Tür. Ein paar letzte Verbeugungen und ein finales Bad im tosenden Applaus, dann verschwand der Fünfer im Off und ließ ein gut aufgelegtes Publikum zurück, das im Durchschnitt übrigens ein paar Jahre älter war als die üblichen Konzertgänger. DICK BRAVE scheint eher die etwas älteren Semester anzuziehen, wenngleich wahrscheinlich auch sein alter Ego SASHA inzwischen keine kleinen Teenie-Mädchen mehr in Verzückung geraten lässt. Es gibt schlimmeres und ich freue mich zweifelsohne, dass DICK BRAVE von Klaas Heufer-Umlauf aus Kanadas Weiten zurück in die deutsche Zivilisation geholt wurde. Welcome back and see you soon, Dick!

Setlist
Highschool Confidential
Twenty Flight Rock
She’s The Most
This Girl Is Trouble
Rollin’ In The Deep
Come On
Sitting, Waiting, Wishing
It’s Up To You
Lover Doll
No One Knows
Tonight ((I Ain’t Rock)
You Wanna Be Americano (LOU BEGA)
Buona Sera
Look At You
American Idiot
Black Or White
Just The Way You Are
Just Can’t Get Enough

Dream A Little Dream of Me
Take Good Care of My Baby
Walk This Way

Kiss
Always On My Mind
Great Balls of Fire

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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