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DIE ÄRZTE

Ort: Bielefeld - Lokschuppen

Datum: 02.10.2023

Am 23. Juni 2004 habe ich mein letztes Konzert von DIE ÄRZTE gesehen. Damals auch in Bielefeld und zwar in einer dreimal so großen Location, der nur einen Steinwurf vom Lokschuppen entfernten Seidenstickerhalle. Nun also, über 19 Jahre später, sollte ich die drei Punk-Ikonen noch einmal in weitaus intimerer und stimmungsvollerer Atmosphäre erleben. An ein solches Konzerterlebnis hätte ich aus verschiedenen Gründen eher nicht mehr geglaubt. Da sich die Berliner allerdings 2020 mit dem fantastischen Album „Hell“ famos zurückmeldeten, gingen plötzlich ganz neue Türen auf. Acht Jahre nach dem Vorgänger „Jazz ist anders“ hatten viele damit nicht mehr gerechnet. Nicht einmal Farin Urlaub, der schon seine Gitarren verkauft hatte. Nach einer Berlin-Tour, einigen Festivalauftritten und einer großen Deutschland-Tour im Herbst 2022 sollte es nun wieder in die kleineren Clubs gehen, was verständlicherweise sehr gut ankam. So waren die allermeisten Konzerte in weniger als fünf Minuten ausverkauft. Auch für die beiden Konzerte in Bielefeld war es nur mit sehr viel Glück und Engagement möglich, eines der begehrten Tickets zu erhalten. So sollte es bereits wenige Wochen nach dem Vorverkauf soweit sein (aus meiner Sicht übrigens eine sehr positive Entwicklung nach der Corona-Zeit, dass Tickets oftmals wieder deutlich kurzfristiger verkauft werden) und Bela, Farin und Rod sollten in Ostwestfalen gastieren. Dieser zweite Oktober war ein viel zu milder und unnatürlich warmer Montag, der sich aufgrund des folgenden Feiertages natürlich nicht wie ein Montag anfühlte. Dementsprechend entspannt fand ich die Stimmung vor Ort vor. Meine Befürchtungen von langen Schlangen und einer knappen Parkplatzsituation sollten sich vor Ort als großer Quatsch herausstellen (am Vorabend soll es aber laut lokalem Veranstalter genauso gewesen sein). Stattdessen, ließen es sich die Fans gut gehen, reisten mit der Straßenbahn an oder kamen gar zu Fuß und hatten noch das eine oder andere Fuß-Pils dabei. Und bevor es in die Location ging, wartete draußen noch eine Bierbude, an der man sich bei 22 Grad wunderbar einstimmen konnte, bevor es hinein ging. Im Lokschuppen selbst spiegelte sich diese relaxte Stimmung wider. Der Großteil des heutigen Publikums schien 40+ und demnach mit der Band mitgewachsen zu sein. Dennoch fand man auch das eine oder andere Pärchen in den 20ern und ein paar Kinder unter den 2500 Zuschauern. Durchaus erfreulich aus meiner Sicht, wenn man sich vor Augen führt wie, „unsexy“ Gitarrenmusik dieser Art inzwischen beim Großteil der jüngeren Generationen geworden ist.

Ohne Vorband fiel dann um kurz nach 20 Uhr der Vorhang und DIE ÄRZTE standen nach einem Intro vom Band auf der Bühne und begannen mit dem Song „Wer verliert, hat schon verloren“ vom vorhin bereits gelobten Album „Hell“. Anders als vielleicht vermutet, nicht direkt mit einem „Wumms“, grellem Licht und Co., sondern tatsächlich mit lediglich drei dezenten Oberlichtern, welche Vieles nur andeuteten. Mit dem folgenden „Lied vom Scheitern“ vom Album „Jazz ist anders“ ging es dann aber etwas offensiver zur Sache, bevor „ein Lied für Dich“ dann endgültig, die (Hardcore-)Fans abholte und den Abend gelungen einleitete. Was in den darauffolgenden ca. zweieinhalb Stunden folgte, war eine wunderbar gelungene Komposition der eigenen Diskografie. Songs aus elf verschiedenen Albem (und ein Cover von KISS) spielten die Berliner an diesem Abend in Bielefeld. Die Tatsache, dass die Band insgesamt 14 Studioalben veröffentlicht hat und sich die Setlist vom Abend zuvor deutlich unterschied, zeigt die Vielfältigkeit und den Variantenreichtum im eigenen Kosmos. Dass die Zusammenstellung der vorgetragenen Songs keinen wirklichen Bruch hatte und die allermeisten Lieder einfach zusammenpassten und als ÄRZTE-Songs charakterisiert und erkannt werden konnten, machte es rund und hat mich in der Form positiv überrascht. So musste ich nicht selten überprüfen, von welchem Album der gerade gespielte Hit noch mal stammte. Gerade die letzten beiden Werke unterscheiden sich da in vielen Bereichen kaum von einstigen hochwertigen Veröffentlichungen aus den späten 90ern oder frühen 00ern. Das ist ihnen aus meiner Sicht nicht hoch genug anzurechnen, denn andere Bands haben da teilweise deutlich andere Wege eingeschlagen und den Weg zurück nie wieder so richtig gefunden. Aus meiner Sicht war die lange Pause gar ein Segen für die Band. Und das merkte man an diesem Abend auch im Live-Kontext: Die ganze Band hatte Spaß, die Zeit für Witze und dumme Sprüche ist immer noch genauso eingepreist wie die Songs selbst und DIE ÄRZTE sind einfach DIE ÄRZTE und biedern sich keinem Trend an und arbeiten daher auch nicht mit gänzlich anderen Ansagen. Kurzum: Das, was man zu sehen bekommt, ist einfach authentisch und das macht sowohl der Band als auch dem Publikum (wieder) einen Riesen-Spaß. Der Kontext des kleinen Clubs und des minimalistischen Bühnenbilds rundete das Ganze ab und passte an diesem Abend wie die Faust aufs Auge zu dem Publikum, welches genau diese Dinge zu schätzen wusste. Blödel-Songs wie „Die Banane“ oder „Blumen“ wurden genauso gefeiert wie „Mysteryland“ von 1986 oder ernstgemeinte Themen im sympathischen ÄRZTE-Gewand wie „Doof“, „ein Sommer nur für mich“ oder „Deine Schuld“, welches allein durch den Refrain mittlerweile zu einem wichtigen Gut der Popkultur geworden ist. In insgesamt drei Zugaben-Blöcken durften natürlich auch Hits wie „Junge“, „Hurra“ und „Schrei nach Liebe“ nicht fehlen, bevor es nach insgesamt 34 Songs aus der inzwischen zur Sauna gewordenen Halle des Lokschuppens in den mit 18 Grad immer noch sehr milden Oktoberabend ging.

Fazit: Ein fantastischer Abend, der sicherlich nicht nur bei mir Jugenderinnerungen weckte und sich gleichzeitig absolut zeitgemäß anfühlte.

Setlist

  • Intro
  • Wer verliert, hat schon verloren
  • Lied vom Scheitern
  • Ein Lied für Dich
  • Geld
  • Tamagotchi
  • Der Misanthrop
  • Noise
  • Ein Sommer nur für mich
  • Vokuhila Superstar
  • Blumen
  • Lasse redn
  • Einschlag
  • Ich, am Strand
  • Hard Luck Woman (KISS-Cover)
  • 1/2 Lovesong
  • Anti-Zombie
  • Dunkel
  • Die Banane
  • Our Bass Player Hates This Song
  • Mysteryland
  • Schunder-Song
  • Doof
  • Herrliche Jahre
  • Alleine in der Nacht
  • Unrockbar
  • Leben vor dem Tod
  • Für uns
  • Deine Schuld
  • Dinge von denen
  • Himmelblau
  • Hurra
  • Wie es geht
  • Junge
  • Schrei nach Liebe
  • Dauerwelle vs. Minipli
  • Outro (Schlaflied)

Copyright Fotos: Sascha Uding

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