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DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER

Ort: Osnabrück – Haus der Jugend

Datum: 13.12.2023

DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER sind eine Institution in Stadt und Landkreis Osnabrück. Heaven, Dr. Ignatz Ignaz sowie Jo und Charly Granada stehen seit über 40 Jahren für einen Anarcho-Humor, der ganz weit weg ist von politischer Korrektheit und es nur selten über die Gürtellinie schafft. Aber genau das lässt die Fans jedes Jahr ins Haus der Jugend pilgern, wo auch anno 2023 wieder beide Abende ausverkauft waren und neben alten Hasen auch Neueinsteiger dem Brachialcharme der SCHULKINDER erlagen.

Der Abend startete wie gewohnt kurz nach 20 Uhr, indem Jo weise Prophezeiungen verkündete. Dann ging es aber auch schon mit dem SCHULKINDER-Klassiker „Tötet Onkel Dittmeyer“ in die Vollen. Diese Nummer wurde in der Vergangenheit eher gegen Ende der Show gespielt, bewies aber der Zuschauerschaft gleich einmal, dass die Jungs auch begnadete Musiker sind. Außerdem konnte man bei dieser Gelegenheit gleich einen Blick auf die neu formierte Begleitband werfen. Neben alten Gesichtern wie Marcus Praed an der Gitarre und Deko Pellmann an Schlagzeug & Percussion, gab es einen jungen Neuzugang am Stahlsaiter: Frederik Marahrens aka Freddy Flachmann. Gemeinsam brachten die Herrschaften einige wohlbekannte Weihnachtslieder zu Gehör und natürlich hatten diese etwas andere, deutlich zotigere Texte erhalten. Zu ersten Publikumsbeschimpfungen kam es im Vorfeld von „Nur halb so gut“ und spätestens mit dem Singspiel „Mein Penis heißt Black Beauty“ sollte jedem klar gewesen sein, dass man sich zwar im Haus der Jugend befand, die Veranstaltung aber nur sehr bedingt jugendfrei war. Überhaupt sind die Fans eindeutig gemeinsam mit der Band gealtert, auch wenn die nächste Generation in den Startlöchern steht und (mit Mutti im Schlepptau) mutig genug ist, sich in die erste Reihe zu setzen, wo eine direkte Ansprache durch Jo Granada unvermeidlich ist. Bis der Gitarrist jedoch den Saal genauestens inspizierte, trat er zunächst als Chris Krüger aus Cloppenburg auf und sang im Rock’n’Roll-Style und mit Sprachfehler Songs wie „Lutschgeil“, „Anal ist okay“ und „Blas mir einen“. Der Auftritt war Teil von „Menschen für Menschen“, zu dem auch „Mohammed sein Dromedar“ von den drei Bauern Wieland, Günther und Werner aus Großenkneten (Heaven, Charly und Dr. Ignatz im Rentierpullover) gehörte. Die Tanzgruppe der Firma Nordfleisch, die wenig später die großartige Kurzfassung von „Winnetou 1-3“ performte, bestand aus Drummer Charly und Tastenmann Dr. Ignatz Ignaz. Die Stimmung näherte sich dem Siedepunkt und als dann auch noch Werner „TipTop“ Weverling (Joe Granada) „Mädchen, fass den Johnny fest an“ zum Besten gab und zu diesem Zweck die Bühne verließ, um das Auditorium unter die Lupe zu nehmen, gab es kein Halten mehr. Da die Interaktion der Zuschauer nicht seinen Wünschen entsprach, kam Heaven als Einpeitscher mit ins Spiel, auch, um zu „Mach es wie die Sonnenuhr“ den korrekten Ablauf einer Laola-Welle zu üben – im Zweifel und bei Bedarf auch als Einzel-Laola-Welle.

Eine Stunde war wie im Flug vergangen und es war Zeit für eine 20-minütige Pause, nach der wieder die gesamte siebenköpfige Truppe auf der Stage versammelt war, um erneut ganz spezielle Weihnachtslieder unters Volk zu bringen. Wie beispielsweise „Winterwunderland“, das ja eine erlebte Geschichte von Charly sein soll. Zu den Evergreens gehört zweifellos das Beiderwellen-Böggemann-Busch-Terzett, das aus einem blinden Keyboarder (Dr. Ignatz), einem steifbeinigen und einarmigen Quetschkommoden-Spieler (Charly) und einem krebskranken Sänger (Heaven) besteht und aus dem Seemannsheim Zur Rose aus Papenburg nach Osnabrück gereist war, um ein ganz besonderes Shanty zu Gehör zu bringen. Neben Klassikern hatten DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER aber auch neues Material im Gepäck. „Er ist wie Heidi Klum“ zählte dazu ebenso wie das angejazzte „Bürgergeld“ für alle politisch Interessierten und den „Gelattosong“, der wie „Schick deine Blagen in die Pampa“ aus Heavens Zyklus zur Aussöhnung der Welt stammte. Charlys „Lady Schützenfest“ war dann ebenso wie „Wer sich schon vor dem Frühstück“ ein lieb gewonnener Oldie und mit dem Schattenspiel „The Girl From Ipanema (The Chinese Version)“ stand dann doch noch Hochkultur auf dem Programm; immerhin gab es für diese Nummer ja vor Jahren einen Preis beim Osnabrücker EMAF (European Media Art Festival). Weshalb, können sich die SCHULKINDER heute auch nicht mehr erklären, aber Kunst muss ja auch gar nicht immer erklärbar sein. Ein Höhepunkt war zweifelsohne „Das verwichste Schnuffeltuch“ mit Heaven als Samson, Dr. Ignatz als Tiffy und Charly als Lilo. Sesamstraße für Erwachsene! Weiter ging’s mit den unschlagbaren Darbietungen von Peter Maffay (Charlie) und Udo Lindenberg (Jo), bevor die Band zum genialen „Ich kam von Luisanna“, das gemeinhin unter „Pudel Rain“ firmiert, zurückkam und sich der Saal in einen Hexenkessel verwandelte. Es fehlte noch „Marina“ und natürlich gab es auch Rufe nach „I Wanna Make Love to Steffi Graf“, aber dieser Song darf ja nicht mehr gespielt werden und stattdessen gab es „Daumen im Po“ auf die Ohren. Hier musste Hardy Schwetter aka CHRISTIAN STEIFFEN Heaven kurzfristig beim Text aushelfen und um 22.45 Uhr wurden die Anwesenden schließlich gut gelaunt in die Nacht entlassen.

Zu meiner Linken saßen Leute gesetzteren Alters, was bei den ANGEFAHRENEN SCHULKINDERN nichts Ungewöhnliches ist. Allerdings waren sie ganz offensichtlich zum ersten Mal bei einem SCHULKINDER-Konzert und versuchten, einen tieferen Sinn in der Veranstaltung zu finden. Ich fürchte, den gibt es nicht. Es geht jedes Jahr einfach nur darum, ein paar Stunden bewusst völlig sinnfrei Spaß zu haben und das haben die SCHULKINDER und ihre Instrumentalunterstützung wieder ganz hervorragend hinbekommen. Neues Audio-Material gibt es übrigens auch: „(41 oder 42) Jahre“ heißt der digitale Output mit neuen SCHULKINDER-Songs und Neuinterpretationen alter Lieder durch Kollegen aus der Nachbarschaft. Mit dabei sind WECKÖRHEAD, ELEKTRO STROTHMANN, DAMPFMASCHINE, TOMMY SCHNELLER, CHRISTIAN STEIFFEN, KICKY RING, SONOR TEUTONICUS, MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN, WEVELMEIER, DAS ORIGINAL HASELAND ORCHESTER, KAY RAY und PENG PENG PELLMANN & DIE BEACH BABES.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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