Ort: Osnabrück – Haus der Jugend
Datum: 18.12.2025
In der Adventszeit wird ja gern gesungen – unlängst haben immerhin 4.000 Leute im VfL-Stadion an der Bremer Brücke gemeinsam Weihnachtslieder geschmettert. Es soll durchaus besinnlich und sogar ein wenig festlich gewesen sein. Auch bei den ANGEFAHRENEN SCHULKINDERN wird im Advent regelmäßig gesungen. Besonders besinnlich geht es an diesen Abenden allerdings nicht zu, denn irgendwie sind Heaven, Dr. Ignatz Ignaz sowie Charlie und Jo Granada in der Pubertät steckengeblieben, sodass mit Peniswitzen und Fäkalhumor jederzeit gerechnet werden muss. So war es auch am Donnerstag, dem zweiten ausverkauften Gig im Haus der Jugend, aber genau deshalb pilgert das überwiegend männliche Publikum schließlich Jahr für Jahr zur Weihnachtsshow der Anarcho-Kapelle, die inzwischen seit mehr als 40 Jahren besteht.
Pünktlich um 20 Uhr eröffnete Jo den Abend mit seiner prophetischen Weissagung, bevor sich der schwarze Vorhang hob und eindrucksvoll bewiesen wurde, welches Potenzial im weihnachtlichen Liedgut steckt. Begleitet wurden die Herren an dieser Stelle von Marcus Praed (Gitarre), Andreas Helmet Müller (Bass) und Dr. Dirk Deko PengPeng Pellmann (Drums & Percussion) und auch wenn sich das Auditorium mit dem Schunkeln und Armeschwenken noch ein bisschen schwertat, hatte das Vorglühen auf dem Weihnachtsmarkt bei dem einen oder anderen bereits dafür gesorgt, dass die Stimmung ziemlich ausgelassen war. Im Alleingang erklärten die Schulkinder alsdann, dass „Ficken oftmals nur halb so gut ist, wie man sich das beim Wichsen vorstellen tut“ – allerdings erst, nachdem Charlie die Schraube wiedergefunden hatte, die sein Blechinstrument verloren hatte. Vermutlich hatten die Jungs auch schon mehr als das Bier auf, das von einem freundlichen Besucher angereicht wurde. Aber Perfektion erwartet bei dieser Veranstaltung ja auch niemand und da sich im Auditorium mehrheitlich Wiederholungstäter befanden, war Jos Geschichte von Bischof Heise auch den meisten bekannt, aber wie sagte der Typ links von mir so schön: „Ich komme jedes Jahr aus Bielefeld hierher; ich arbeite da bei der Diakonie und einmal im Jahr brauche ich einfach ein Alternativprogramm zu dem ganzen Kirchenscheiß.“. Dem Mann konnte auf jeden Fall geholfen werden und natürlich verfolgte er auch gespannt die Ultra-Ultra-Show von Radio Hilversum 4, die von den beiden Holländern Rick und Rudi (Heaven und Jo im schicken roten Rüschenfummel) moderiert wurde. Stargäste waren der blinde Hansi Eidelmann (Charlie) von Westfleisch, der in seiner Freizeit die Glocken zum Klingen bringt sowie Eugen und Werner (Charlie und der Doktor) aus Bawinkel, die einen waghalsigen Teddy-Stunt zum Besten gaben, bevor die Außenwette anmoderiert wurde, bei der auf dem Rand einer 76 Meter langen Fritteuse mit einer brennenden Frikandel auf dem Kopf und auf dem Rücken zusammengebundenen Armen auf dem Rand der Fritteuse balanciert werden sollte. Die Feuerwehr stand parat, aber die Wetterbedingungen ließen den Weltrekordversuch leider nicht zu, weshalb Werner „Tiptop“ Weveling (Jo), der Erfinder des Problemkarnevals, die Bühne enterte und sich erst einmal unters Volk mischte, um sich ein Bild von der Zuschauerschaft zu machen. Das Ergebnis war verheerend und endete entsprechend in wüsten Beschimpfungen und dem Lied „Mach es wie die Sonnenuhr“, bei dem es jedoch Probleme mit den La-Ola-Wellen gab, weshalb Heaven als Einpeitscher eingreifen musste. Wie im Flug war eine Stunde vergangen und so wurden die Anwesenden erst einmal für 20 Minuten an die Theke geschickt, schließlich wollte der Wirt ja auch etwas verdienen.
Weiter ging’s mit einem Klassiker, bei dem auch die Band wieder am Start war: „Tötet Onkel Dittmeyer“ ließ es ordentlich krachen und im Gegensatz zu „I Wanna Make Love to Steffi Graf“, das DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER richtig Kohle gekostet hat, darf dieser Song immer noch gespielt werden, auch wenn der besungene Orangensaft-Hersteller es gern anders hätte. Im Anschluss beschrieb Charlie anschaulich, wie sein „Winterwonderland“ aussieht, ehe die Begleitmusiker die Stage verließen und das Beiderwellen-Böggemann-Busch-Terzett versuchte, seinen Platz auf der Bühne zu finden. Das war gar nicht so einfach, denn der Keyboarder (Dr. Ignatz Ignaz) war blind und wurde vermittels Pfeifens an sein Instrument geführt, während der Mann am Schifferklavier (Charlie) nur einen Arm und ein steifes Bein hatte, weshalb er sich erst in Position gebracht hatte, als der Song „Kopp wie’n Knie“ auch schon wieder vorbei war. Damit war es Zeit für den Liederkreis mit den schlechtesten Stücken der Schulkinder! Das Quartett nahm auf kleinen Stühlchen Platz und performte Evergreens wie „Lady Schützenfest“, „Ein kleiner Penis ist keine Entschuldigung“, „Alt werden Tod gehen“ und das Lied, mit dem die Jungs eigentlich ausgesorgt gehabt hätten, wäre es ihnen nicht von KAREL GOTT geklaut worden. Fun Fact: es geht bei der Nummer gar nicht um die Biene Maja, sondern um den Penis Jürgen! Höhepunkt des intimen Intermezzos war die Schulkinder-Interpretation von „Leise rieselt der Schnee“, für die der Doktor mit Unterstützung von Charlie zur Dudelsackpfeife griff. Wieder ging es Schlag auf Schlag: erst kam der stotternde Chris Krüger mit seinen Arbeitskollegen von der Eiweiß- und Fettverwertung aus Icker und skandierte in Rock’n’Roll-Manier „Anal ist okay“, bevor sich PETER MAFFAY und UDO LINDENBERG die Ehre gaben. Diese Parodie ist immer wieder sehenswert und wenn die Schulkinder „Ich kam von Luisanna“ (besser bekannt als „Pudel Rain“ – ein Schelm, wer dabei an PRINCE‘ „Purple Rain“ denkt) spielen, gibt es auch keinen Zweifel mehr, dass man es nicht nur mit begnadeten Komikern, sondern auch großartigen Musikern zu tun hat. Der Aufforderung, auf die Stühle zu steigen, kam das Publikum nur zu gern nach und die Hauptprotagonisten des Abends freuten sich, wie willfährig ihre Fans doch immer noch sind. Für das wunderbare „Marina“ griff der stimmgewaltige Heaven zur Clarina und alle sieben brachten noch ein Solo zu Gehör, ehe DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER um 22:50 Uhr den Abend mit dem „Daumen im Po“ beschlossen.
Nein, Hochkultur ist das sicher nicht, was da auf dem Programm stand, aber es wurde ausgiebig gelacht und auch DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER und ihre musikalische Begleitung hatten offensichtlich ihren Spaß. Und sind wir doch mal ehrlich: besinnlich ist in der Vorweihnachtszeit doch sowieso nichts, dann doch lieber gleich ne volle Breitseite mit zotigem Witz und starker Musik! Das ist auch gut gegen Stress jeder Art und ich habe nach der Show nur Leute gesehen, die ein breites Grinsen im Gesicht hatten. In diesem Sinne: frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!
Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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