Ort: Osnabrück – Haus der Jugend
Datum: 12.12.2024
Es gibt Menschen, die wünschen sich eine besinnliche Weihnachtszeit. Ich nehme an, dass diese Menschen nicht zur Zielgruppe der ANGEFAHRENEN SCHULKINDER zählen, denn wenn ein Konzert der Anarcho-Truppe etwas nicht ist, dann besinnlich. Trotzdem gehören die Gigs im Osnabrücker Haus der Jugend genauso zum Advent wie Dominosteine und Glühwein. Das sahen in diesem Jahr auch wieder rund 550 hartgesottene Fans so, denn der große Saal war an beiden angesetzten Terminen erneut ausverkauft.
Inzwischen bleibt ja sogar die erste Reihe nicht mehr frei. Ob das daran liegt, dass Heaven nicht mehr so viel durchgekaute Wurstspuckt wie in der Vergangenheit schon mal oder ob das Auditorium inzwischen auch ganz bewusst beschimpft und beleidigt werden möchte – ich weiß es nicht, aber ich bin mir sicher, dass die Anwesenden über fast drei Stunden ziemlich viel Spaß hatten. Im Publikum befanden sich offensichtlich auch jede Menge Wiederholungstäter, denen der Ablauf eines Abends mit den SCHULKINDERn zumindest in groben Zügen geläufig war. So mache Jo Granada pünktlich um 20 Uhr mit einer Art Prophezeiung den traditionellen Anfang, ehe sich der Vorhang öffnete und mit „Tötet Onkel Dittmeyer“ gleich einmal ein echter Evergreen der Brachial-Humoristen auf dem Programm stand. Unterstützt wurden Heaven, Dr. Ignatz Ignaz, Charlie und Jo Granada dabei von Marcus Praed an der Gitarre und Frederik Marahrens aka Freddy Flachmann am Bass. Nach dem grandiosen Dittmeyer-Auftakt legte die gutgelaunte Truppe ein paar Weihnachtslieder nach, die natürlich textlich eine gewisse Veränderung erfahren hatten und mit viel Wumms zu Gehör gebracht wurden. DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER sind nämlich nicht nur Meister des zotigen Klamauks (wie sie wenig später mit dem Theaterstück „Der ungeliebte Junker“ und dem Song „Ein kleiner Penis ist keine Entschuldigung“ unter Beweis stellten), sondern auch richtig gute Musiker. Beliebte Gäste traten derweil bei Peter Henes (Jo) auf, der zwischenzeitlich geschieden wurde, deshalb Geld benötigte und den 1. Osnabrücker Schlagerbumms präsentierte. Mit dabei waren der blinde Hansi Eidelmann (Charlie), der bei Westfleisch an der Innereien-Wanne steht bzw. dort beherzt reingreift und auf der Bühne seine singenden Glocken erklingen ließ. Die Drei vom Rieskamp-Hof im Goldenstedter Moor (Charlie, Heaven und Dr. Ignatz) performten in ausgesprochen kleidsamen Rentier-Pullovern das gänzlich politisch unkorrekte „Mohammed sein Dromedar“, ehe Gerd Benties & Die Hot Pants aus Meppen die Stage stürmten und einen echten musikalischen Kracher und Augenschmaus ablieferten. Alle SCHULKINDER hatten hier eine Rolle inne, wobei man die Protagonisten an dieser Stelle an anderen Instrumenten sah. Beispielsweise Heaven, der als Friedrich Johnsson den Sechssaiter auf das Feinste bediente und auch optisch eine Menge hermachte. Langsam war es allerdings an der Zeit, die Zuschauerschaft genauer zu inspizieren. Zu diesem Zweck verließ Jo Granada die Bühne und warf einen Blick auf die Row Zero, die nach dem Geschmack der SCHULKINDER Ü55 sein musste. Weiter ging’s durch den Saal, hier und da wurde das Auditorium beleidigt, was dieses geradezu begeistert zur Kenntnis nahm. Jo war auf der Suche nach Maschinenbauern, denn dieser Spezies hatte das Quartett ein sehr smoothes Lied gewidmet, das sich mit dem schönen Thema Onanie beschäftigte. Allmählich baute die Nummer eine gehörige Dramatik auf und Heaven kam ins Spiel, um dafür zu sorgen, dass die Anwesenden auch vernünftig mitmachten – zur Not wurde zu „Mach es wie die Sonnenuhr“ auch eine Solo-La-Ola-Welle angeordnet. Der Saal war außer sich und wurde nach diesem Höhepunkt erst mal in die Pause geschickt, um sich mit neuen Getränken zu versorgen.
20 Minuten später war auch die Band wieder mit von der Partie und es standen weitere Weihnachtslieder auf dem Zettel, die erneut das musikalische Können der Sechs unterstrichen. Nicht fehlen durfte natürlich „Winterwunderland“, das bei den ANGEFAHRENEN SCHULKINDERn allerdings viel mit dem Defäktieren im Schnee zu tun hat. Auch Märchen wie „Das kleine Schneiderle“ haben bei den Herren wenig mit dem gemein, was man seinen Kindern und Enkeln üblicherweise vorlesen würde, wie Märchenonkel Wolfgang (Jo) und die beiden Zuschauerkinder Heinerle (Charlie) und Justin (Heaven) deutlich machten. Ähnlich war es mit der tänzerischen Umsetzung von „Winnetou 1-3“, die sich die Westerntanzgruppe Burning Boots aus Warendorf (Charlie & Dr. Ignatz Ignaz) vorgenommen hatte. Die homoerotische Ausrichtung war doch ganz anders als das, was man aus den Filmen kennt. Mal ganz abgesehen davon, dass kulturelle Aneignung und political correctness an diesem Donnerstagabend Fremdworte waren. Stattdessen wurde der Track „Bürgergeld“ ebenso abgefeiert wie Heavens musikalische Feststellung „Ich bin wie Heidi Klum“. Wer hätte gedacht, dass SANTIANO bei den SCHULKINDERn schamlos geklaut haben? Ihr selbstbetitelter Song heißt nämlich eigentlich „Masturbano“ und KAREL GOTT ist sogar so weit gegangen und hat die Art zu singen von den Osnabrückern kopiert. Und eigentlich heißt sein größter Hit auch nicht „Die Biene Maja“ sondern „Der Penis Jürgen“. Was fehlte noch, um den Saal endgültig zum Kochen zu bringen? Natürlich „Das verwichste Schnuffeltuch“ mit Heaven in seiner Paraderolle als Samson, Charlie als Lilo und Dr. Ignatz als Tiffi. Gefolgt vom immer wieder spektakulären Auftritt von PETER MAFFAY (Charlie) und UDO LINDENBERG (Jo), bei dem es die Zuschauer:innen nicht nur nicht mehr auf ihren Stühlen hielt, nein, man stieg auf Anordnung sogar auf selbige!
Dank „Ich kam von Luisanna“ aka „Pudel Rain“ (im Original „Purple Rain“ von PRINCE) und „Marina“ mit Heaven an der Melodica wurden zwei weitere Hits zu Gehör gebracht, ehe einem 66-jährigem und einem 39-jährigen Gast noch Geburtstagsständchen gebracht wurden und „Das Gliedstinkerlied“ um 22:45 Uhr als Rausschmeißer fungierte. Zuvor hatten sich DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER Gedanken darüber gemacht, wie es wohl sein würde, wenn sie irgendwann als richtig alte Säcke auf der Bühne ständen und ihr Publikum mit Rollatoren und Rollstühlen in den Saal käme. Die einzigen, die noch nicht alt und klapprig wären, fungierten als Betreuer und bis alle auf ihren Plätzen wären, wäre die Show auch schon wieder vorbei. Außerdem gab es Visionen, im nächsten Jahr das Ganze als Messe zu zelebrieren, da man ja inzwischen zu so etwas wie einer Religion geworden sei. Natürlich mit Kirchensteuer und Opfern! Ich bin auf jeden Fall wieder mit dabei und freue mich schon jetzt auf einen weiteren absolut niveaulosen Abend, der einfach nur gute Laune macht. In diesem Sinne: frohes Fest alle zusammen!
Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

Hinterlassen Sie einen Kommentar.
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.