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DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER

Ort: Osnabrück - Haus der Jugend

Datum: 09.12.2009

Auch wenn das Osnabrücker Schmuddelwetter nicht unbedingt vorweihnachtliche Gefühle aufkommen ließ, der Heilige Abend konnte nicht mehr ganz fern sein, denn DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER hatten zur traditionellen Weihnachtsshow eingeladen. Das 3.000ste Konzert – „leiw und anplaqued“ stand im ausverkauften Haus der Jugend auf dem Programm und die Herren Charlie und Jo Granada, Dr. Ignatz Ignaz und natürlich Heaven hatten einen Sack voll Show, Tanz und Musik versprochen, dem ein bunt gemischtes Publikum mit Spannung entgegen sah. Neben Fans der ersten Stunde hatte sich auch die zweite Generation der SCHULKINDER-Sympathisanten eingefunden, um sich auf gewohnt brachiale Weise bespaßen zu lassen.

Um kurz nach 20 Uhr wurden die Anwesenden zunächst von einer Stimme aus dem off darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Protagonisten des Abends trotz Finanzkrise, Polkappen-Schmelze, dem Ausbau der Lotter Straße ausgerechnet während der Weihnachtszeit, Schweinegrippe, Nagel- und Vaginalpilz-Epidemien im Emsland, der Abwrackprämie, inflationärer Tier- und Zoosendungen im TV und der Milchquote weiter unterwegs sind, um zu retten, was zu retten ist und diesbezüglich gerade im arabischen Raum auf großen Zuspruch stoßen. Die genaue Umsetzung gab es wenig später auf der Stage, als die Combo den Arabian-Gangsta-Style-Track „Fucka Machine“ nach dem Vorbild von „Sex Machine“ (JAMES BROWN) zum Besten gaben. Ein gelungener Einstieg mit einem neuen Song, dem ein Talentwettbewerb aus der norddeutschen Tiefebene irgendwo Nähe Vechta folgte. Mit dabei: der blinde Hansi Eidelmann und seine singenden Glocken, Frank & Frank mit ihrer umstrittenen Teddy-Nummer, Werner Lambsmeyers singender Bierbauch aus Goldenstedt und natürlich die Stimmungskanonen von Eckis Samba-Express, der einmal mehr an der Großen Gildewart Halt machte. Nach diesem Feuerwerk der guten Laune schlossen sich nahtlos „Die drei Neger“ an, die via Satellit aus New York zugeschaltet wurden, ehe die ersten massiven Publikumsbeschimpfungen einsetzten. Diesen Part übernahm in gewohnt souveräner Manier Jo Granada, der schon bald von Heaven unterstützt wurde, jedoch auf ein williges Auditorium stieß, das eifrig mitsang und sich in Laola-Wellen übte. Derart aufgemischt wurden die Osnabrücker nach kurzweiligen 40 Minuten in die Pause geschickt, bevor es in die deutlich längere zweite Hälfte gehen konnte.

Zum Warmwerden (vermutlich für die Raucher gedacht, die inzwischen ja draußen stehen müssen) gab’s zunächst mit „Winterwunderland“ – einem Lied übers Kacken im Schnee – ein wenig Musik, ehe mit Märchenonkel Wolfgang (Jo) und den beiden Zuschauerkindern Heinerle (Charlie) und Kevin (Heaven) die wenig besinnliche Märchenstunde eingeläutet wurde. Eigentlich überflüssig noch zu erwähnen, dass auch das Märchen vom tapferen Schneiderlein bei der Anarcho-Truppe einen ganz anderen Verlauf nimmt als bei den Gebrüdern Grimm… Da die Adventszeit im besten Falle auch feingeistige Hausmusik einschließt, wartete das Quartett im Folgenden mit einer kleine Liederecke auf, die bei einem männlichen Gast für deutliche Verwirrung sorgte, da dieser überhaupt nicht damit klar kam, dass Heaven seinen Kontrabass wie eine Gitarre auf den Beinen liegend spielte. Schreiben wir die geistige Überforderung einfach dem Alkohol zu und machen uns besser keine weiteren Gedanken. Bevor es überhaupt mit dem ersten Stück „Wer schon vor dem Frühstück“ beginnen konnte, stellte Charlie allerdings fest, dass in seinem Mikro noch Wurst vom 2007er Gig steckte – wahrlich nicht schön! Umso schöner waren aber das spontane „Ampellied“, Jos Versuch, das „Abspritzen“-Gedicht von Dr. Ignatz Ignaz zu rezitieren, das politisch motivierte „Liebe ist möglich“, Heavens Song über Hartz 4, der „tief religiöse“ Beitrag über einen Gemeindehirten in Eversburg, der an den Evergreen „Rote Lippen soll man küssen“ angelehnt war und natürlich Charlies „Eigenurin-Therapie“. Wie es sich gehört, hatte der Drummer auch ein wenig von der goldgelben Flüssigkeit dabei und teilte diese bereitwillig mit einem Zuschauer, den Jo entsprechend umgehend als „Golden-Shower-Vogel“ entlarvte. Einen kleinen Ausblick auf die kommende Karnevalssession bot Werner „TipTop“ Pfifferling, der sich gewaltig über Boris Beckers Vorlieben bei der Optik seiner Frauen ausließ, um schließlich beim Höhepunkt des regulären Sets anzukommen: Die grandiose PETER MAFFAY-Parodie! Fehlen durften natürlich ebenso wenig wie der kleine Rumäne sein Kumpel Udo Lindenberg und wie immer am Piano die Herren Udo Jürgens. Der Sketch ist einfach absolut zeitlos, nutzt sich in keiner Weise ab und wurde entsprechend mit heftigem Stakkatoapplaus bedacht.

Selbstverständlich konnte um 22.15 Uhr noch nicht Schluss sein, immerhin hatten die SCHULKINDER satte 48 Zugaben angekündigt, wovon mit „Pudel Rain“ gleich die erste auf dem Fuße folgte. Das Liedchen erinnerte an Heavens schwere Kindheit, die derart geprägt war von der Pudelzucht seiner Eltern, dass seine Frisur noch heute daran mahnt. Spätestens an dieser Stelle konnten DIE ANGEFAHRENEN SCHULKINDER beweisen, dass sie sich nicht nur vortrefflich auf schrägen Klamauk verstehen, sondern auch musikalisch absolut sattelfest sind. Es wurde gerockt, was das Zeug hielt und der gute Herr PRINCE wäre wohl vor Neid erblasst, wenn er Heavens stimmgewaltige Interpretation von „Purple Rain“ gehört hätte. Einer schönen Tradition folgend, kletterte die Zuschauerschaft hier auch wieder auf die Stühle und fasste sich an den Händen, um im Anschluss bei „Marina“ (wie immer mit Heaven an der Clarina) amtlich abzurocken. Das Stück hätte zweifellos ein wunderbares Finale abgegeben, aber die SCHULKINDER waren offensichtlich in Spiellaune und schoben schnell noch „Aussiedlerjunge“ (nach geschätzten 18 Jahren mal wieder live gespielt) und „Daumen im Po“ nach. Schließlich wurde dem VfL Osnabrück (wo Heaven ein Spiel lang als Stadionsprecher fungierte) noch das „Gliedstinkerlied“ gewidmet, dann markierte das melodramatische „Gestern“ (vergesst THE BEATLES und „Yesterday“) tatsächlich um 22.45 Uhr den Schlusspunkt des 3.000sten SCHULKINDER-Konzertes, bei dem wieder jede Menge Bewährtes, aber auch ein paar neue Sachen auf der Setlist standen.

Etwas ganz Neues wird es übrigens am 20. Februar in der Osnabrücker Lagerhalle von den SCHULKINDERN zu sehen geben. Die ANGEFAHRENEN SCHULKINDER haben ein Musical geschrieben, bei dem auch Marianne & Michael mitmischen sollen und das eben dann an der Rolandsmauer Premiere haben wird. Wir werden berichten!

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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