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DIE ÄRZTE – BLOWFLY

Ort: Bielefeld - Seidenstickerhalle

Datum: 30.06.2008

Ein Review über ein ÄRZTE-Konzert zu schreiben ist zum einen super einfach, da soviel Erwähnenswertes passiert, dass es ein leichtes ist, die Seiten zu füllen, zum anderen ist es gleichermaßen schwer, da es unmöglich scheint, alles erwähnenswerte aufs virtuelle Papier zu bringen und gerade fanatische ÄRZTE-Fans daher zwangsläufig (und völlig zu Recht) erwähnenswerte Momente und Begebenheiten in diesem Bericht vermissen werden.

Was wohl wenige vermissen würden und viele nun wahrscheinlich weiterscrollen werden, wird der Passus über die Vorband sein. Bereits kurz vor angekündigtem Beginn, gegen 19.45 Uhr, betrat Rod die Bühne, um eine Funk Legende, die Band BLOWFLY aus den USA, anzukündigen. Noch gab es Applaus, wie sich im Nachhinein herausstellte, wohl eher für Rod denn für BLOWFLY. Dann kam die Band um den mittlerweile 63jährigen Rapper auf die Bühne. BLOWFLY selbst in bunten glitzernden Sachen, mit Umhang und einer an einen Wrestler erinnernden Glitzermaske, die er bereits trug, bevor SIDO sein zu versteckendes Antlitz überhaupt besessen hat.

Was dann folgte, war ein gute halbe Stunde voller Obszönitäten und nicht so ganz jugendfreier Songs, zudem begleitet von einer „Sängerin“, die sich mit arschfreier Lederhose bereits beim ersten Song ihres Oberteiles entledigte, gerade das jüngere ÄRZTE-Publikum (und deren mitgezerrte Eltern) schien verwirrt. Nachdem es nach den ersten Titeln noch Applaus gab, wurden bald danach Unmutsbekundungen laut und mit dem arg Nostalgie-geschwängerten Funk (zum Teil auch mit wirklich nicht sehr eingängigem Sprechgesang), erntete man immer lauter werdende Buh-Rufe. Scheinbar auf besonderen Wunsch der ÄRZTE als Vorband eingeladen ging das Ganze dann doch arg an der Zielgruppe vorbei, da konnten auch Coverversionen wie der legendäre Song „Soul man“, der u.a. durch die Blues Brothers und James Brown zu Bekanntheit kam und eine umgedichtete Version von „Should I stay or should I go“ in „Should I fuck that big fat hole“ konnte die Misere nicht aufhalten. Das abschließend folgende „Pussy ABC“, das von A, B, C= Crazy Pussy, D= Delicious Pussy bis Z wie Zombie Pussy ging, endete dann in Buhrufen. Fazit: Insgesamt eine durchaus nette Funband, leider völlig fehl am Platze und ein intolerantes Auditorium, das es in seiner Ignoranz fast mit jedem AC/DC-Publikum hätte aufnehmen können. Sänger BLOWFLY nahm es gelassen und sagte sich selbst tröstend zum Abschied „My dick is bigger than your dick“.

Auf der Bühne gab es dann zum Umbau einen fetten Vorhang mit den warnenden Worten „Vorsicht Jazz“, der mich nach der vorherigen Funk-Band zwangsläufig zum Schmunzeln brachte. Nach einer guten halben Stunde kletterten die Lichttechniker auf ihre Plätze, einer mit zirkusähnlichen Kunststückchen und unter dementsprechend großem Applaus. Kurze Zeit später wurde es dunkel, bzw. eben nicht, da die großen Fenster für Konzertverhältnisse viel zu viel Helligkeit hinein ließen, und nach grollendem und mit Tierstimmen untermaltem Intro startete endlich die Beste Band der Welt aus Berlin (aus Berlin) mit „Himmelblau“. Zunächst noch hinter dem Vorhang, der dann mitten im Lied komplett herunterfiel und einen Blick auf u.a. Bela B mit Militärmütze und Fliegeruniform freigibt. Schnell werden das „Lied vom Scheitern“ und „Hurra“ nachgeschoben um erstmal die Stimmung anzuheizen und das Publikum zum Tanzen zu bringen. Dann stellte Bela erst einmal die Band vor. Wie überflüssig das auch immer zu sein schien, unterhaltsam war es allemal, denn es ging direkt mit „dem üblichen Rockstarscheiß“ und YeahYeahYeah Nachsingsparts weiter und der Liebeserklärung „Das ist mein Ostwestfalen! Bielefeld hat die schönsten Hände der Welt“. Nach weiteren 3 Songs reimt Farin grandios „Bela ist schüchtern aber nüchtern“ und dieser schleimt sich direkt beim Publikum ein und beteuert „Ich betrinke mich an eurem Applaus“. Nur ein weiteres Beispiel für eine ganz normale ÄRZTE-Show, die von spontanen Einfällen und der Interaktion mit dem Publikum und den Bandmitgliedern untereinander lebt. Bela entdeckt im Publikum ein Plakat mit der Aufschrift „Ich habe heute Geburtstag und ihr seid mein Geschenk“ fragt das Mädel nach dem Namen, um dann gemeinsam mit der ganzen Seidenstickerhalle Happy Birthday zu singen, in der deutschen „zum Geburtstag viel Glück“-version und mit dem nicht ganz originalgetreuem Ende „hoffentlich wirst Du heut gef…“.

Dann fordert man Trockenpogo, einfach mal ohne Musik, was dann auch herrlich bescheuert aussieht und widmet das folgende „Rettet die Wale“ scheinbar so spontan wie sinnfrei dem Konzertveranstalter Marc Hülsewede, der die Band seit mehr als 15 Jahren nach Bielefeld holt. Nach einigen weiteren üblichen Spielereien, bei denen z.B. Farin die Lautstärkepegel von Frauen und Männern auf ein optimales Maß abstimmt und so ein perfektes Publikum kreiert, werden die Instrumente getauscht, indem die gesamten Band mit Nordic Walking Stöcken über die Bühne wandert und im Endeffekt nur Rod und Farin den Bühnenplatz und Bass und Gitarre tauschen und mit dem „Anti-Zombie Song“ fortfahren. Bela verrät im Anschluss, warum Rod denn so ein guter Geisterjäger sei indem er mit den Worten „Keiner sieht ihn…“ direkt zum nächsten Lied geht. Beim „Halben Love Song“ wurde es dann kurzzeitig richtig romantisch und alle hielten Feuerzeuge und Handys in die Luft. Nun versuchte Farin eine LaOla, aber eine Höflichkeits-LaOla, in der alle den imaginären Hut ziehen und sich verbeugen. Herrlich sinnfrei und mit einer langen Diskussion über die verschiedenen Arten der LaOla und wie viele Wikipedia Einträge Farin davon zu verantworten hat.

Für die älteren Semester gab’s darauf ein Schmankerl aus ganz Ärzte Tagen und bei „Radio brennt“ bauten die Ärzte grandios auch noch „Zitroneneis“ ein und endeten sogar (von den meisten unerkannt) mit „Surfing Bird“. Nach einigen weiteren Songs, u.a. dem von Bela vorgetragenen „Der Graf“ ging es dann wieder in die Mitmachphase und der Refrain von „Deine Freundin wurde folgendermaßen einstudiert:
Band „Pflegeleicht“
Männer „Buh“
Frauen „Super“
Männer „Nö“
Frauen „Doch“
Band „Na jut“
Machte nicht nur einen Riesenspaß, klappte sogar erstaunlich gut.

Letzte Kraftreserven wurden dann kollektiv bei „Westerland“ freigesetzt, wo die ganze Halle sprang, klatschte und mitsang und nachdem Farin das neue Motto „weniger Gelaber, mehr Songs“ verkündigte, das natürlich nicht lange Bestand hatte, denn gleich darauf sagte er das letzte Lied an und sagte dem Publikum, es soll sich mal vorstellen, wie eine Band aus Düsseldorf das wohl machen würde und dass dies die ÄRZTE die natürlich vollkommen anders und bescheidener täten. „Aber genug der Häme, wir haben’s endlich geschafft, sie sind ruhig“ sagte er dann mit breitem Grinsen, stimmte das Riff von „Rebell“ an um dann in „Alle meine Entchen“ überzugehen und sich gemeinsam mit Bela und Rod in einem Viertelstündigen Exkurs in die Welt deutscher Kinderlieder zu begeben, in dem u.a. „Ein Männlein steht im Walde“, „Wer hat die Kokosnuss geklaut“, „Manamana“, „Wir lagen vor Madagaskar“ und „Bolle“ wiederzufinden waren.

Doch, dass nun wirklich Schluss wäre hatte wohl niemand geglaubt, schließlich standen Die ÄRZTE zu diesem Zeitpunkt erst knapp 2 Stunden auf der Bühne (man andere Truppe hätte mit Zugabe schon längst aufgegeben). Und so gab es laute „Wie wollen die Ärzte sehen“ Sprechchöre woraufhin, die Band zurückkam und Bela sagte „N’abend allerseits, ich bin die Ärzte, hatte gehört ihr wollt mich sehen?“. Vor „Junge“ forderte dann Farin die perfekte „Todesmauer“ allerdings ohne weitere Erklärung, was vielleicht angesichts gerade jüngerer Fans, die eine echte Wall Of Death, wie man sie etwa von diversen SICK OF IT ALL Konzerten kennt, wohl nicht heile überstanden hätten, gar nicht schlecht war.

Nach weiteren Zugaberufen kommt die Band erneut und haut mit dem „Schundersong“ und „Ist das alles“ zwei weitere große Hits in die Menge um dann festzustellen, dass das Publikum bereits ganz schön müde wäre und sich mal setzen solle. Dieses Angebot wurde auch von allen dankend angenommen. Von allen? Nein, einige Witzbolde meinten stehenbleiben zu müssen und wurden sogleich von Farin als FDP-Wähler und Junge Union Mitglieder entlarvt. Allen anderen wurde nun „Unrockbar“ gespielt, in dessen Refrain alle auf- und durch die Gegend sprangen, um sich dann sogleich zur nächsten Strophe wieder zu setzen. Sah sehr geil aus!

Ein weiteres Mal verließen die ÄRZTE die Bühne und dann kam Rob allein mit den Worten „Ihr seid ja immer noch da“ zurück, setzte sich ans Keyboard, stimmte „Dinge von denen“ an und bekam einen Lachkrampf, als Farin und Bela zurückkamen und mit einstimmten. Ein weiteres Mal gab es Spontanhumor à la DIE ÄRZTE in Form unsinniger Reime und einen weiteren Hit „Schrei nach Liebe“ Dann wurde mit „Zu spät“ das endgültig letzte Lied angesagt und endlos lange ausgedehnt. Bela – „Der Drummer mit dem Hammer“ – nutzte seine letzte Chance eine eigene LaOla zu erfinden, die „Zu spät LaOla“, in der das Publikum in drei Gruppen geteilt wurde, die „Zu“ „sppp“ „ät“ sagen sollten. Das klappte dann beachtlicherweise auch rückwärts. Danach ging dann die Band zum Playback von „Vorbei ist vorbei“ nach 3 Stunden endgültig von der Bühne und ein großartiger Konzertabend zu Ende.

Setlist Die Ärzte
Himmelblau
Lied vom Scheitern
Hurra
Angeber
Heulerei
Geh mit mir
Rettet die Wale
Ein Mann
Vokuhila Superstar
Deine Schuld
Anti-Zombie
Geisterhaus
½ Lovesong
Radio brennt / Zitroneneis
Lasse redn
Der Graf
Es ist vorbei
Alleine in der Nacht
Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)
Studentenmädchen
Westerland
Ignorama
Wie es geht
Rebell

Das ist Rock´n`Roll
Perfekt
Junge

Schundersong
Ist das alles?
Unrockbar

Dinge von denen
Schrei nach Liebe
Zu spät

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