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DIE ÄRZTE – MUFF POTTER

Ort: Bielefeld - Seidenstickerhalle

Datum: 08.06.2008

Man soll ja bekanntlich niemals nie sagen und so fand ich mich, nachdem ich in Münster den großen Konzerten abgeschworen hatte, wenige Tage später wieder auf einem ÄRZTE Konzert ein. Dieses Mal in Bielefeld in der ausverkauften Seidenstickerhalle. Der Zufall ist nun mal ein böser Schelm und wie es der Name schon sagt, ist er unberechenbar. Unberechenbar war auch das Verkehrsaufkommen an diesem Konzertabend. Public Viewing (ja, liebe Leute, es ist EM und wir sind Deutschland) auf dem Jahnplatz, da hieß es dann umdrehen und die Umleitung über den Ossi nehmen. Der Minutenzeiger auf der Uhr wanderte und es war klar, dass ich nicht mal annähernd pünktlich kommen würde. Aber man kann es ja auf oben besagten Schelm schieben. Und so war auch nicht daran zu denken, auch nur in der Nähe der Halle einen Parkplatz zu finden. Wer zu spät losfährt und nicht nachdenkt, den bestraft halt das Leben. Und so musste ich auch verpassen, wie man 10 Minuten vor Konzertbeginn noch „Wind of Change“ der SCORPIONS vom Band laufen ließ. Besonders witzig, wenn man weiß, dass es zur Zeit zwischen ihnen und den ÄRZTEn einige alberne Unstimmigkeiten gibt.

So hatte ich dann auch nicht mehr wirklich viel von der Vorband, zumal diese auch noch 5 Minuten früher angefangen hatte als angekündigt, was bei einer Spielzeit von nicht mal 40 Minuten natürlich einiges ausmacht. MUFF POTTER supporteten nicht zum ersten Mal DIE ÄRZTE, im Sommer 2004 war man in Losheim schon einmal mit von der Partie. Und da die vier Jungs gerade ihren 15. Bandgeburtstag feiern, ist das natürlich ein nettes Geschenk, DIE ÄRZTE bei sechs Konzertterminen begleiten zu dürfen. Hatte man doch gerade erst die eigene Jubiläumstour absolviert und war noch in Übung. Um fünf vor acht begann man dann mit der Show, aber es dürfte noch nicht allzu viel Publikum anwesend gewesen sein nach der Menschenmenge zu urteilen, die bei hochsommerlichen Temperaturen in dem kleinen Park vor der Halle im Sonnenschein lümmelte. Nur direkt vor der Bühne hatte sich schon eine Menschenmenge zusammengerottet. Ich möchte aber bezweifeln, dass dies ausschließlich aus Interesse an MUFF POTTER geschah, sondern es sich eher um die Hardcore Fans der ÄRZTE handelte. Ohne an dieser Stelle natürlich die Vorband abwerten zu wollen. Dem Applaus nach zu urteilen, kam diese nämlich ganz gut bei den Zuschauern an und auch die Luft und einer Temperatur von geschätzten 40°C, die mir aus der Halle entgegen schlug, zeugte davon. Nagel (Gesang, Gitarre), Brami (Schlagzeug), Dennis (Gitarre, Gesang) und Schredder (Bass) rockten auf jeden Fall ganz ordentlich und mit „AllesNurGeklaut“ vom 2005er Album verabschiedete man sich dann unter wohlwollendem Beifall.

Inzwischen hatten sich auch die meisten Besucher in die Halle begeben, nur sollte jetzt erst mal gute 20 Minuten nichts weiter passieren. Die übliche Umbaupause gab einem so aber die gute Gelegenheit, sich mit Getränken einzudecken, die an diesem heißen Abend auch dringend nötig waren, wollte man nicht ganz Teenie-like ohnmächtig aus der Halle getragen werden. Aber um Punkt 21 Uhr ging es dann los und inzwischen war die Temperatur auf mindestens 50 Grad Celsius gestiegen. Man schwitzte schon, ohne sich überhaupt nur ansatzweise bewegt zu haben. Da musste der Schreibblock so manches mal als Fächer herhalten. Als dann während „Himmelblau“ der Vorhang mit dem „Achtung Jazz“-Schriftzug fiel, gab es seitens des Publikums kein Halten mehr und die Temperatur stieg sicher noch mal mindestens um 5 Grad. Bela B. hatte, wie auch schon in Münster, eine Uniform an, die aber dieses Mal etwas legerer ausfiel. So war sie kurzärmlig und auch die Mütze wurde durch ein sportliches Käppi ersetzt. Sollte Sport doch an diesem Abend sowieso eine große Rolle einnehmen. Immerhin war EM Auftakt und Deutschland spielte zur selben Zeit gegen Polen. Für Herrn Felsenheimer schien das sogar so wichtig zu sein, dass er hinter seinem Schlagzeug einen Fernseher deponiert hatte. Und was ich natürlich absolut begrüßen konnte, war die Tatsache, dass ich richtig viel sehen konnte, da anscheinend hauptsächlich kleine Menschen anwesend waren. Verwunderlich war nur, dass die Seidenstickerhalle angeblich ausverkauft war, es aber trotzdem noch reichlich Platz gab. Was aber sicher nicht von Nachteil war. Nach dem „Lied vom Scheitern“ und „Sommer nur für mich“ wurde dann von Bela die Band vorgestellt und natürlich konnte man sich auch hier den Witz nicht verkneifen, Rod als „den Neuen“ zu bezeichnen. Farin wurde dann noch als der Schweinsteiger der Band vorgestellt, womit wir dann auch wieder beim Fußball wären und zur Freude (fast) aller konnte auch das erste gefallene Tor verkündet werden. An dieser Stelle wurde auch schon für später die La Ola-Diktatur angekündigt. Man merkte bereits jetzt, dass die drei Herren aus Berlin wesentlich besser gelaunt waren als in Münster und auch motivierter. Das versprach auf jeden Fall einen launigen Abend. Kurz danach griff man in die Kiste mit den alten Liedern und spielte vom 1988er Album „Das ist nicht die ganze Wahrheit“ den Song „Blumen“, in den man ganz geschickt „Gehn wie ein Ägypter“ eingebaut hatte. Was natürlich für noch mehr Stimmung sorgte. Zwischendurch machte Farin dann immer mal einen Witz über die Hitze in der Halle und wer eigentlich auf die blöde Idee gekommen sei, dem Ding ein Blechdach zu verpassen. Außerdem erzählte Bela davon, dass sie vor genau 12 Jahren in der Hechelei ein Konzert gegeben hätten und Deutschland an dem Abend Europameister geworden sei. Man dürfe also noch Hoffnung haben. Weiter ging es mit „Rettet die Wale“, „Ein Mann“, bei dem ich nur zustimmend mit dem Kopf nicken konnte und „Deine Schuld“. Da pogten sogar die kleinen Mädchen hysterisch mit und Farin bekam einen BH auf die Bühne geworfen, bei dem er sich fragte, ob dieser schon zu Hause beschriftet wurde oder ob das Mädchen das noch schnell auf der Hallentoilette gemacht hatte. Danach war es Zeit für den Gesangsblock von Rod, der mit „Vermissen Baby“ eingeleitet wurde. Das Lied soll eine Parodie auf TYPE O NEGATIVE sein, insbesondere auf deren Song „Black No. 1 (Little Miss Scare-All)“. Das „Loving you was like loving the dead“ des Originals wird hier zu „Loving me was like loving the dead“. Bei „Breit“ gab es vorher extra eine kleine Ansage zum Thema Drogen und Farin machte sich dann noch freundlicherweise über Belas Räucherstäbchen mit Ylang Ylang Duft lustig. Naja, hätte man dem Mann in Uniform jetzt auch nicht unbedingt zugetraut. Natürlich durfte an dieser Stelle auch „1/2 Lovesong“ auf keinen Fall fehlen. Doch wie sollte dieses überaus romantische Lied seinen vollen Charme entfalten ohne geschwenkte Feuerzeuge?! Wurde das doch leider von Herrn Urlaub rigoros verboten, da es ja eh schon so warm sei. Die Anfangsklänge des nächsten Songs dürften dann einigen älteren Zuschauern ein verzücktes Grinsen auf das Gesicht gezaubert haben (unter anderem auch mir), spielte man mit „2000 Mädchen“ aus dem Jahre 1987 doch eines der besten Stücke der Bandgeschichte. Eignete sich auf jeden Fall mehr als gut zum mitsingen. Inzwischen war dann auch beim Fußball das zweite Tor gefallen und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich meinen Ohren trauen konnte. Machten sich die Ärzte da gerade über Miroslav Klose, „den Ex-Polen“ lustig? Na, ob ich das bei einer Punkband so unterstützen kann. Nach „Lasse reden“, der aktuellen Single der Herren, war die Zeit für Bela gekommen. Er marschierte im Stechschritt nach vorne, um dann „Der Graf“ zu intonieren inklusive Fledermäusen auf den LED-Schirmen. Bei „Nie gesagt“ kam dann durch das rote Licht ein wenig Puffromantik auf und eine nette junge Dame fasste mir freundlich und in voller Absicht an den Hintern. Da wurde mir natürlich erst richtig warm. Und dann war es Zeit für ein kleines Spiel. Während „Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)“ sollten die Mädchen nach dem Wort „pflegeleicht“ mit „in Bielefeld“ antworten und die Jungs sollten die rechte Faust in die Höhe recken und dabei „uh uh“ (also ähnlich wie ein Neandertaler, mit dem ich Männer natürlich überhaupt nicht vergleichen möchte) brüllen. Das klappte sogar gleich im ersten Anlauf und hörte sich durchaus interessant an. Und dann kam das, worauf laut Farin die Presse einzig und allein gewartet hätte. Er sagte einfach „Fi**en“. Wiederholte das dann noch ein paar Mal und Bela steuerte „Wi***er“ und „Fo**e“ bei. Ich denke, das dürfte keinen wirklich schockiert haben, gehört das doch heute zum Sprachgebrauch von fast jedem Jugendlichen dazu. Aber um Herrn Urlaubs Theorie mal zu bestätigen, erwähne ich es hier einfach mal. Diese kleine Einlage leitete natürlich das Lied „Punkbabies“ ein, bevor man erneut in die Alte-Lieder-Kiste griff und „Westerland“ spielte. Natürlich der Dauerbrenner schlechthin. Unerfreulich wurde es dann, da einige Feiglinge sich wohl nicht nach vorne trauten und im hinteren Teil der Halle pogen mussten. Unglücklicherweise nahmen sie dabei keine Rücksicht auf umstehende Personen und rempelten, was das Zeug hielt. Trotz mehrerer freundlicher Hinweise wurde diese Handlungsweise auch nicht aufgegeben. Und es ist bekannt: Wer nicht hören will, muss fühlen. So landete dann das Bier einer Freundin im Gesicht von einem der besagten Herren und er dürfte in den nächsten Tagen wohl auch noch einen größeren blauen Fleck am Rücken haben. Aber wahrscheinlich werde ich nur alt und spießig. Rücksicht ist halt nicht mehr „in“. Zum Schluss gab es dann noch „Ignorama“ (wie passend) und „Rebell“ auf die Ohren, bevor der Hauptteil beendet war.

Aber natürlich war klar, dass da noch einige Zugaben kommen mussten. Und so geschah es dann auch. So plötzlich wie man verschwunden war, tauchte man auch wieder auf und spielte noch „Das ist Rock ´n´Roll“,“Perfekt“ und „Junge“. Wobei Farin sich alle Mühe gab, an jeder erdenklichen Stelle die „SCORPIONS durch den Kakao zu ziehen. Prangerten diese doch in der Bild Zeitung an, bei dem Konzert in Hannover von den ÄRZTENn (insbesondere auf Geheiß von Farin) unsanft aus dem Backstage Bereich befördert worden zu sein und bezeichneten die drei Berliner als absolut arrogant. Manche Leute machen sich auch Probleme, wenn sie sonst keine haben. Aber es fehlte doch immer noch etwas, worauf alle warteten. Vorher gab man aber noch den „Schunder-Song“ vom „Planet Punk“ Album und dazu passend „Ist das alles“ zum Besten. Neben „Unrockbar“ und „Manchmal haben Frauen“ wurde dann auch „Wir sind die Besten“, welches auf der Bonus EP von „Jazz ist anders“ enthalten ist, dargeboten, bevor es mit der dritten Zugabe zum Höhepunkt des Abends kam. „Schrei“ nach Liebe“ und „Zu spät“, die Klassiker, durften natürlich auf keinen Fall fehlen. Danach verließen DIE ÄRZTE dann noch einmal die Bühne, um dann zum endgültigen Abschluss den Rausschmeißer „Vorbei ist vorbei“ zu spielen.

Völlig nass geschwitzt und erschöpft konnte man sich dann an der frischen Luft akklimatisieren und ich muss wohl meine Meinung über große Konzerte noch mal überdenken. Der Abend hat richtig Spaß gemacht und ich habe ein wirklich gutes Konzert gesehen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass die Stimmung allgemein besser war und DIE ÄRZTE einen wesentlich motivierteren Eindruck machten als wenige Tage zuvor. „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“, passt da wohl durchaus ganz gut. Und so konnte ich mich dann zufrieden und mit neuen Erkenntnissen auf den Heimweg machen.

Setlist DIE ÄRZTE
Himmelblau
Lied vom Scheitern
Sommer nur für mich
Las Vegas
Heulerei
Blumen / Gehn wie ein Ägypter
Rettet die Wale
Ein Mann
Vokuhila
Deine Schuld
Vermissen Baby
Breit
1/2 Lovesong
2000 Mädchen
Lasse reden
Der Graf
Nie gesagt
Der Optimist
Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)
Punkbabies
Westerland
Ignorama
Wie es geht
Rebell

Das ist Rock `n`Roll
Perfekt
Junge

Schunder-Song
Ist das alles
Unrockbar
Manchmal haben Frauen
Wir sind die Besten

Schrei nach Liebe
Zu spät

Vorbei ist vorbei

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