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DIE ÄRZTE

Ort: Münster - Halle Münsterland

Datum: 27.05.2008

„Es gibt nur einen Gott BelaFarinRod.“

Da bekam ich doch tatsächlich die Chance, die Helden meiner Jugend live sehen zu dürfen und wäre im Vorfeld fast wieder zum hysterischen Teenager mutiert. Was kam da an längst vergessenen Erinnerungen hoch: Es war 1996, die Haare wurden trotz elterlichen Verbots grün gefärbt, ich war das erste Mal verliebt (in den älteren Bruder der besten Freundin, weil der so „cool“ war mit seinem Iro) und habe heimlich meine erste Zigarette geraucht. Recht schnell jedoch kamen dann aber andere Freunde (wie das in dem Alter halt so ist) und damit auch andere Musik, aber der Grundstein für den Geschmack jenseits der Charts war damit gelegt.

12 Jahre später stehe ich hier in der Halle Münsterland zwischen geschätzten 6500 anderen Menschen, DIE ÄRZTE sind chartskompatibel geworden, mit dem Rauchen habe ich aufgehört, die Haare sind ab und verliebt bin ich inzwischen in einen etwas unauffälligeren Mann. Die Zeiten ändern sich eben, aber dennoch bin ich natürlich auf das gespannt, was da in den nächsten 2 1/2 Stunden auf mich zukommen wird. Und es wird wohl kaum Jazz sein, wenn auch der Vorhang mit „Achtung Jazz“ Aufdruck, welcher noch die Bühne verhängt, etwas Gegenteiliges behauptet. Um kurz nach 20 Uhr geht es dann auch los, der Vorhang fällt und man beginnt mit „Himmelblau“ und „Lied vom Scheitern“ vom aktuellen Album „Jazz ist anders“. Da ich nun mal klein bin, recht weit hinten stehe und sich wieder mal diverse größere Menschen vor mir befinden, kann ich leider von Farin und Rod gar nichts sehen und erhasche nur ab und zu einen Blick auf Bela B. am Schlagzeug, der heute eine neckische Uniform samt passender Mütze trägt. Nach „Sommer nur für mich“ ist es Zeit für die erste Ansage, die von den Dreien ja gerne immer mal wieder eingestreut werden, mit der Begründung, dass man ja auch schon alt sei, nicht mehr so lange am Stück spielen könne und von daher zwischendurch auch mal ein wenig reden müsse. Nachdem Bela dann im Stechschritt zum Bühnenrand marschiert ist und gegrüßt hat (so wurde es mir vom mitgereisten Photographen berichtet), stellt er die Band vor. Farin Urlaub an der Gitarre und Rod González, „der Neue“, am Bass. Dies dürfte bei allen Beteiligten für Erheiterung gesorgt haben, ist Rod doch nun schon seit mittlerweile 15 Jahren fester Bestandteil der Band. Im Anschluss gibt es von Farin noch eine kurze Einweisung für diejenigen, die zum ersten Mal auf einem ÄRZTE-Konzert sind, bevor man mit „Angeber“ und „Heulerei“ weitermacht. Da ich mit den neuen Sachen der Band nicht mehr ganz so bewandert bin, bekomme ich erst bei „Deine Schuld“ vom 2003er Album „Geräusch“ die Chance, auch mal mitsingen zu können. Und dann ist es auch schon Zeit für den Gesangsblock von Rod, bei dem er mit Farin mal eben die Instrumente tauscht. Und wenn Rod singt, dann darf natürlich „1/2 Lovesong“ auf keinen Fall fehlen. Zum ersten Mal an diesem Abend wird es romantisch in der Halle, sind doch auf den beiden LED Schrírmen im Hintergrund der Bühne große rote Herzen eingeblendet und im Publikum werden die Feuerzeuge geschwungen. Kaum verklungen, geht es auch schon mit etwas richtig Altem weiter, „Radio brennt“ aus dem Jahre 1987. Ein Jahr, in dem sicher die Hälfte der anwesenden Besucher noch Quark im Meierteich war. Als besonderen Gag haben DIE ÄRZTE dann bei der Textstelle „Im Radio spielten sie gerade dein Lieblingslied…“ durchaus gelungen „Jag älskar Sverige“ – mit Bongobegleitung durch Bela – eingebaut. Aber das Beste sollte erst danach kommen: Eine kostenlose Lektion in „Wie dressieren wir unser Publikum“. Aufgeteilt in Jungen und Mädchen, sollen die einen klatschen und die anderen ein Geräusch von sich geben, als wenn man sich das erste Mal vor jemand anderem nackt auszieht. Ist spaßig mit anzusehen, klappt aber irgendwie nicht so ganz. So muss dann „Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)“ zwischendurch unterbrochen und noch mal von vorne angefangen werden. So ganz zufrieden scheint man aber immer noch nicht zu sein. Und die Lektion geht weiter. Angefangen wird mit einfachen La-Ola-Wellen, zuerst auf der Tribüne, dann auch unten bei den Stehplätzen. Von vorne nach hinten, von rechts nach links. Klappt super. Schwierigkeitsgrad erhöht, das Ganze jetzt mit hinhocken und hochspringen. Einige verpassen ihren Einsatz, ich bin Spaßbremse und weigere mich. Dafür werde ich dann auch noch unschön von einem Herrn von der Seite angemacht. Jener Herr, der später bei „Rebell“ genau die Zeilen „Keiner hat das Recht mir zu befehlen, was ich zu tun hab. Wirklich niemand, einfach keiner, das ist ganz allein meine freie Entscheidung…“ oder auch „Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür. Ich bin dagegen, ich bin nicht so wie ihr. Ich bin dagegen, egal worum es geht…“ ziemlich laut mitgegrölt hat. Danke, ich hab’s verstanden. Individualität bitte nur außerhalb von ÄRZTE Konzerten. Und dann frage ich mich natürlich noch, ob Bela, Farin und Rod sich nicht heimlich ins Fäustchen lachen, wenn alle stur das mitmachen, was sie „befehlen“. Vielleicht ist Belas Uniform gar nicht mal so schlecht gewählt für diesen Abend. Dann geht es weiter mit der aktuellen Single „Lasse reden“, bevor es Zeit ist für den nächsten Klassiker. „Westerland“ wird selbstverständlich laut mitgesungen und auch dementsprechend bejubelt, ist es doch neben „Zu spät“ und „Schrei nach Liebe“ eines DER Lieder der drei Herren aus Berlin. Mit „Nie gesagt“ wird es dann, mit Kerzenschein auf den LED Schirmen, noch mal romantisch und so langsam neigt sich der Hauptteil auch schon seinem Ende zu.

Nach „Las Vegas“, Punkbabies und „Wie es geht“ von der 2000er Veröffentlichung „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer“, soll „Rebell“ das Abschlusslied sein und alle können sich noch mal richtig austoben. Kaum sind die letzten Töne verklungen, sind DIE ÄRZTE schon verschwunden. Zugaberufe und „Wir wolln die Ärzte sehen“ Sprechchöre werden laut und unter großem Jubel erscheinen die drei Herren auch bald zur ersten Zugabe wieder auf der Bühne. Man spielt das von Bela intonierte Vampirlied „Der Graf“, das auf der Bonus EP von „Jazz ist anders“ enthaltene „Wir sind die Besten“ und „Junge“. Und schon verschwinden die drei wieder. Aber das kann ja noch nicht alles gewesen sein. So lässt man sich noch zu einer zweiten und dritten Zugabe hinreißen, bei denen es dann noch „Manchmal haben Frauen“, „Unrockbar“ und natürlich die beiden absoluten Klassiker „Schrei nach Liebe“ sowie „Zu spät“ auf die Ohren gibt. Und nach „Vorbei ist vorbei“ ist dann auch wirklich Schluss

Insgesamt ein interessanter Konzertabend mit vielen neueren Stücken und einigen alten Klassikern, wenngleich ich für mich festgestellt habe, dass die Musik mir anno 2008 etwas fremd geworden ist. Die Stimmung im Publikum war durchweg gut, es wurde viel applaudiert und gejubelt und auch die Interaktion mit den Leuten seitens der ÄRZTE war durchaus lustig anzuschauen. So war es für den eingefleischten Fan sicher ein gelungenes Konzert und für diejenigen, die zum ersten Mal da waren und die Band gerade erst für sich entdeckt haben, bestimmt aufregend. Ich halte mich aber in Zukunft dann doch lieber wieder an die kleineren Konzerte…

SETLIST
Himmelblau
Lied vom Scheitern
Sommer nur für mich
Angeber
Heulerei
Geh mit mir
Rettet die Wale
Vokuhila
Ein Mann
Deine Schuld
Anti Zombie
Geisterhaus
1/2 Lovesong
Der Optimist
Radio brennt/ Jag älskar Sverige
Deine Freundin
Das ist Rock‘n‘Roll
Lasse Redn
Westerland
Nie gesagt
Las Vegas
Perfekt
Punkbabies
Wie es geht
Ignorama
Rebell

Der Graf
Wir sind die besten
Junge

Schunder-Song
Manchmal haben Frauen
Unrockbar

Vermissen Baby
Schrei nach Liebe
Zu spät
Vorbei ist vorbei

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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