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DIE RÄUBER (SCHAUSPIEL)

Ort: Kiel – Am Seefischmarkt

Datum: 16.07.2016

Wer sich in diesem Jahr Open-Air-Genüssen hingeben möchte, muss eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen, denn Petrus meinte es bislang nicht wirklich gut mit Veranstaltungen wie beispielsweise dem Rock am Ring in der Eifel oder auch dem Hurricane in Scheeßel und seinem süddeutschen Zwilling Southside. Da trifft es sich gut, dass der Schleswig-Holsteiner per se mit Sturm und Regen vertraut ist, denn auch das Sommertheater am Seefischmarkt in Kiel musste mit den Widrigkeiten des norddeutschen Sommers kämpfen. Am Freitag, den 01. Juli war Premiere und am vorletzten Tag hatte ich das Vergnügen, dem Schillerschen Drama „Die Räuber“ in einer Inszenierung von Daniel Karasek beizuwohnen.

Möglicherweise erinnert sich noch der eine oder andere noch aus dem Deutsch-Unterricht an dieses erste veröffentlichte Drama von Friedrich Schiller? Nicht eben leichte Kost, die das Theater Kiel seiner Zuschauerschaft da auftischte, aber nicht zuletzt die Musik von Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff (der Indie-Gemeinde als Gründungsmitglieder der Band KETTCAR und Mitbegründer des Hamburger Labels Grand Hotel van Cleef bekannt), sorgte dafür, dass die Rockoper kurzweilig präsentiert wurde. Die einzelnen Songs wurden zudem durch Videos aus der Schmiede von Kay Otto und Aron Krause begleitet. So spielte die sechsköpfige Live-Band im typischen KETTCAR-Sound zu Franz’ erster, gerappten Gesangseinlage, während über die Leinwand ein Wolf stromerte. Später sollten u.a. noch Kindheitserinnerungen im Super-8-Modus, Gangsta-Clips, melancholische Traumsequenzen, Gay-Pride-Erinnerungen und Polizei-Kurzfilme folgen. Ein dramaturgischer Kniff, der ebenso wie die behutsame Modernisierung des Schiller-Sprechs das Stück vom ausgehenden 18.Jahrhundert in die Gegenwart holte. Da lamentierte der freiheitsliebende und draufgängerische Räuberhauptmann Karl Moor (Oliver E. Schönfeld) auch schon mal über Veganer und wurde der alte Moor (Zacharias Preen) standesgemäß in einer E-Klasse auf die Stage chauffiert, die zur einen Hälfte als hippes Penthouse und zur anderen mit einer Wagenburg mitsamt offenem Feuer und Autoreifen in Szene gesetzt wurde.

Genau genommen passten die dunklen, bleischweren Wolken (immerhin hatte der Regen pünktlich zum Aufführungsbeginn um 20.30 Uhr aufgehört und mit einer zweckmäßigen Bekleidung ließ es sich am Seefischmarkt bestens aushalten) sogar besser als strahlender Sonnenschein und ein lauer Sommerabend zum intriganten Handeln des ungeliebten Zweitgeboren Franz Moor (Marko Gebbert) und den verzweifelten Versuchen seines hintergangenen Bruders, das Richtige zu tun. Derweil widersetzte sich Franz’ Jugendliebe Amalia (Magdalene Neuhaus) standhaft den dreisten Anmachversuchen des unsympathischen Erbschleichers und scharrte der idealistische Karl eine Horde Räuber um sich: „Freiheit oder Tod“ und „Wir sind eine Idee“ sangen der wankelmütige Razmann (Martin Borkert), die Mitläufer Schwarz (Felix Zimmer) und Schufterle (Marius Borghoff in einer Doppelrolle und mit leichtem Handicap, da er sich vor kurzem einen Zeh gebrochen hatte), der heimtückisch-brutale Spiegelberg (Rudi Hindenburg) und sein Widersacher Schweizer (Christian Kämpfer), sowie die politisch korrekte weibliche Verstärkung in Form der loyalen Roller (Jessica Ohl) und desillusionierten Kosinsky (Jennifer Böhm). Keine Frage, dass diese beiden Welten irgendwann einmal aufeinandertreffen mussten und während sich Franz im Fiebertraum schon im Fegerfeuer sah und das Faktotum Daniel (Werner Klockow) nach einem Priester (Imanuel Humm) schicken ließ, beschloss Karl, von Amalia Abschied zu nehmen. Geboten wurde ein Showdown nach Maß – inklusive kleiner Pyro-Sow und großem Auftrommeln!

Belohnt wurde die rund 2½-stündige Aufführung (plus knapp halbstündiger Pause) mit langanhaltendem Applaus des Publikums, das sogleich mit einer weiteren Performance von „Freiheit oder Tod“ des gesamten Ensembles bedacht wurde. Mittlerweile hatte sich Dunkelheit über den Hafen gelegt und auch das Kreischen der Möwen war verstummt. Vor ausverkauften Rängen hatten alle Beteiligten bewiesen, wie zeitlos „Die Räuber“ sind und dass nicht nur Guiseppe Verdi aus dem Stoff eine Oper machen kann. Am Seefischmarkt ging es allerdings deutlich legerer zu als in einem gediegenen Opernhaus. Auch das Auditorium dürfte um einiges gemischter gewesen sein. Auf jeden Fall machten die Anwesenden samt und sonders einen begeisterten Eindruck und man darf gespannt sein, welchen Stoff das Sommertheater nach dem letztjährigen „Romeo und Julia“ und den „Räubern“ 2017 auf zur Aufführung bringt. Für diese Open-Air-Saison gibt es im Übrigen keine Karten mehr, auch der letzte Termin ist bereits ausverkauft und ich freue mich, dass ich die Gelegenheit und das Vergnügen hatte, dabei zu sein.

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