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DIETER NUHR

Ort: Osnabrück - OsnabrückHalle

Datum: 07.02.2009

„Ausverkauft“ stand auf der großen Tafel vor der Osnabrücker Stadthalle, die sich seit einiger Zeit „OsnabückHalle“ nennt. Wenn DIETER NUHR angekündigt wird, ist dieser Zusatz fast schon Standard, da verwundert es nicht, dass der Kabarettist vom Niederrhein bereits zum zweiten Mal mit seinem Programm „Nuhr die Wahrheit“ in der Hasestadt gastierte, wo erneut rund 2.000 Zuschauer unterschiedlichsten Alters darauf warteten, schonungslos über selbige aufgeklärt zu werden.

Als es um kurz nach 20.00 Uhr los ging, klärte der 48-jährige seine Fans allerdings zunächst einmal darüber auf, dass er jetzt nicht mehr Papst sei und erntete damit sogleich zustimmenden Applaus. Schön zu sehen, dass DIETER NUHR auch aktuelle Themen wie die momentane Diskussion um Papst Benedikt und seine Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Bischof Williamson in die zwei Jahre alte Show einbaute. Dazu gehörte natürlich auch Barack Obama, der als neuer Heilsbringer nicht nur Opel und die Banken, sondern die ganze Welt samt Klima retten wird. Trocken und äußerst pointiert wusste Nuhr zu berichten, dass Hillary Clinton eigentlich als Praktikantin im Weißen Haus anfangen sollte, was ihrem Gatten Bill allerdings gar nicht behagte und dass die Globalisierung eigentlich ein riesiges Friedensprojekt sei und erklärte anschaulich den Zusammenhang zwischen dem Eselpreis in Anatolien und dem Kurs für Erdöl. Wer sich bislang Sorgen um die Umweltverträglichkeit seines Geländewagen machte, kann nun auch ganz beruhigt weiterfahren – vorausgesetzt er überfährt alle 100 Meter einen Termitenhügel. Ameisen und Termiten sind in Wahrheit nämlich die schlimmsten Klimakiller, noch weit vor SUV und Fabrikschloten! Wenn DIETER NUHR so etwas sagt, dann ist es natürlich wissenschaftlich unterlegt, auch wenn er sich eigentlich noch in der Einleitung befindet, zu deren Schluss er nach etwa einer dreiviertel Stunde zu der Erkenntnis kam, dass er das Thema Tod besser weg ließe und sich „Wahrheit“ eigentlich gar nicht gut als abendfüllende und zudem auch noch witzige Unterhaltung anböte und er eigentlich auch schon am Ende seiner vorbereiteten Ausführungen sei. Bis zu diesem Punkt hatten allerdings die Katholiken schon gehörig ihr Fett wegbekommen (siehe z.B. das katholische Beichtprinzip: Man darf alles machen, muss nur anschließend Bescheid sagen…) und auch vor radikalen Islamisten machte der scheinbar planlose Gewinner des Deutschen Kleinkunstpreises in der Sparte Kabarett und Inhaber des Deutschen Comedypreises nicht Halt. Die Spitzen kamen ganz wunderbar durch die Hintertür, denn eigentlich wollte er doch nur sagen, welche Dinge er nun so gar nicht ansprechen durfte und zack: War es auch schon raus und blieb dem Zuschauer vielleicht das ein oder andere Lachen zunächst im Halse stecken. Platte Witze suchte man bei Nuhr glücklicherweise vergeblich und wenn sich doch mal einer verirrte, entschuldigte er sich auch gleich dafür und erklärte zudem umgehend, warum auf seinen Plakaten „Comedy“ und nicht „Kultur“ steht – es verkauft sich einfach besser. Da Zwischenmenschliches immer dankbares Futter für Comedians ist, nahm sich DIETER NUHR auch der vielfältigen Geschlechterproblematik an, allerdings deutlich weniger plakativ und platt, wie dies ein Kollege zu tun pflegt, der ein Wörterbuch für die Verständigung zwischen Mann und Frau geschrieben hat. Beim ehemaligen Lehramtsanwärter, der lieber vor Freiwilligen auftritt und nach seiner ersten und einzigen Unterrichtsstunde vor aufreizenden 20-jährigen Schülerinnen sicher war, dass dieser Beruf irgendwann strafrechtliche Konsequenzen für ihn mit sich brächte, werden Fragen hinsichtlich des unterschiedlichen Einkaufsverhaltens, der Multitasking-Fähigkeit oder auch des Zu- und Weghörens deutlich differenzierter behandelt. Und mit dem Mysterium, wie Frauen es fertig bringen, gleichzeitig Fleisch, Gemüse und Kartoffeln auf den Tisch zu zaubern, war er auch gleich wieder bei der katholischen Kirche, denn hinter dieser hausfraulichen Fertigkeit werden lt. Nuhr die Inquisitoren der katholischen Kirche aus lauter Unkenntnis Hexerei vermutet haben. Eine Theorie, die nicht dumm war und einmal mehr kein gutes Haar an allzu dominanten Religionen ließ, bevor DIETER NUHR sich überraschende Gedanken zu Verschwörungstheorien aller Art machte. So glaubt der Künstler selbst beispielsweise, dass die Deutsche Bahn Leichen kauft und diese auf die Schienen legt, um so ihre Verspätungen zu erklären. Ansonsten warnte er mit den Worten „wer zweifelt, detoniert nicht“ vor fanatischem Märtyrertum und stellte die Schöpfungsgeschichte und überhaupt die ganze Bibel in Frage. Besieht man sich die Story nämlich mal ein bisschen genauer, wird man feststellen, dass unsere biblischen Urahnen aus üblen sozialen Brennpunkten stammen (wohnungslos, ohne Job usw.) und muss man wohl die Evolutionslehre unter ganz neuen Gesichtspunkten sehen (wie können sonst nach Adam, Eva und Kain plötzlich in so kurzer Zeit so viele Menschen die Welt bevölkert haben?). Passend dazu natürlich auch der erneute Hinweis, dass Mensch und Schwein eine über 90-prozentige genetische Übereinstimmung haben, die Nuhr bei jedem Besuch in einer Metzgerei an den Glücksfall erinnert, sich auf der „richtigen“ Seite der Fleischtheke zu befinden. Wobei wir auch gleich bei der philosophischen Abhandlung des Schweins respektive des Schweinbratens wären, die allerdings nicht überall verstanden wurde, wie die abschließende Fragestunde offenbarte.

Denn als sich nach gut zwei Stunden (die von einer kurzen Pause unterbrochen waren) DIETER NUHR ohne Zugabe von seinem Auditorium verabschieden wollte, gab es nämlich noch als Entschädigung für das von ihm nicht praktizierte Zugabenprocedere eine kleine Fragestunde, in der die Osnabrücker ihre Fragen an den Hauptprotagonisten des Abends loswerden konnten. Dabei bewies Nuhr Schlagfertigkeit und teilte seinem Publikum u.a. mit, dass er auf seinem Grabstein gern die Inschrift „Hier liegen meine Gebeine, ich wünschte, es wären deine“ stehen hätte. 20 Minuten währte diese Unterhaltung, in der er für die hinteren Reihen auch erklärte, was auf seinem T-Shirt stand (auch sehr schön: „Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal Fresse halten“), bevor er sich nach einem weiteren kurzen Abgang daran erfreute, dass die ersten schon aus dem Saal eilten. Dies hätte für ihn immer was von Standing Ovations und er versprach einem aufbrechenden Gast zudem, ihm noch zwei Minuten den Rücken freizuhalten, damit er als erster an der Garderobe wäre. Dazu nutze er einen Beitrag über die Sumerer und die deutsche Straßenverkehrsordnung, den er eigentlich fürs Radio gemacht hatte und auf seinen Lacherfolg testen wollte. Wie nicht anders zu erwarten, zündete dieser Gag ebenso wie der charmante Hinweis auf das Merchandising, mit dem er sich nach 2 ½ Stunden überragender Bühnenpräsenz Richtung Merch-Stand bewegte, um dort mit dem Signieren seiner Produkte zu beginnen.

Ein Mann, ein Mikrofon, ein Stehpult mit ein paar Blättern Text, die dann doch irgendwie verworfen werden, das reicht für erstklassige und anspruchsvolle Unterhaltung, wenn DIETER NUHR dieser Mann ist. Zielsicher entlarvt der Comedian unter den Kabarettisten Wahrheit und Lüge und warnt vor den Verkündern der sogenannten einzigen Wahrheit und lenkt humorig den Blick auf die großen und kleinen Wahrheiten und Lügen des Lebens. Ab dem Sommer wird es dann heißen „Nuhr die Ruhe“ – so lautet der Titel des neuen Programms und es würde mich wundern, wenn DIETER NUHR dann plötzlich ein Blatt vor den Mund nähme und die Hallen nicht weiterhin ausverkauft wären.

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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