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DREAM THEATER

Ort: München – Zenith

Datum: 26.01.2014

Ein frostiger Sonntagabend im Januar, Luft die nach Schnee riecht und ein ansehnlich großer Haufen Gitarren-Nerds auf der Suche nach dem ersten ultimativen Hör-Kick dieses noch jungen Jahres. DREAM THEATER sind zurück und beehren einheimische wie stundenweise zugereiste Münchener Gitarrenhelden mit melodisch progressivem Getöne auf allerhöchstem Niveau. Live sind die perfekt aufeinander eingespielten Virtuosen nicht nur für Profi-Musiker ein beeindruckender Ohrenschmaus. Die einflussreichen Vertreter progressiv metallischer Rhythmen haben ihr 2013 erschienenes gleichnamiges Album im Gepäck dabei und hoffen, auch hier mit technischen Mörder-Drums und ungewöhnlichen Gitarren-Soli das unglaublich hohe Live-Niveau zu halten.

„An Evening with DREAM THEATER – Along For The Ride“ – Auf drei bis vier Stunden Gänsehaut-Melodien visuell untermalt durch komplexe Lichtelemente darf sich das Publikum des fast ausverkauften Münchener Zenith freuen. Doch die schönsten Dinge lassen wie so oft im Leben erst einmal auf sich warten. 19:30 statt 19:00 zeigt das Smartphone, als die „False Awakening Suite“ den Einzug der Prog-Metal Heroen intoniert und der Zauber beginnt. „The Enemy Inside“ – ebenfalls vom aktuellen Album „Dream Theater“ läutet endgültig das furiose Fachspiel ein, in dem Sänger James LaBrie, Gitarrist John Petrucci, Basser John Myung, Keyboard Begleitung Jordan Rudess und seit 2011 Trommler-Ersatz Mike Mangini ihre technische Brillanz und kompositorische Güte zeigen dürfen. Das anschließende „The Shattered Fortress“ vom 2009er „Black Clouds and Silver Linings” sorgt dank Petruccis Fingerfertigkeit, Manginis Rhythmusgefühl und verdammt viel LaBrie’schem Charisma für weiteres ungläubiges Staunen auch auf Gesichtern eingewöhnter Die-Hard-Fans. Neben diesem einzigartigen Traum-Theater-Diamanten bilden das dramatische „On The Back Of Angels“ und „Trial of Tears“ weitere stimmungsvolle Ausnahmen der vorrangig vom letzten Album dominierten Haupt-Setlist.

DREAM THEATER beweisen, auch das aktuelle Album strotzt nur so vor ergreifenden Melodien und extravaganten Arrangements, die die Musiker einzeln hervorragend in Szene setzen: Während Drummer Mike Mangini zu “Enigma Machine” ordentlichst die Trommel rührt, verdreht Jordan Rudess passend zu den ungewöhnlichen Keyboard-Klängen spielerisch drehend und kippend die Halswirbel sämtlicher Traumtänzer. Dazwischen wirbelt irgendwo Saiten-Magier Petrucci über die Bühne und sorgt in regelmäßig unregelmäßigen Abständen immer wieder für ratloses Staunen und verdammt viel Respekt im fachmännischen Publikum. Völlig unbeeindruckt vom ganzen Spektakel scheint indessen John Myung. Als einer der besten Bassisten der Welt hat man schließlich so einen Firlefanz doch gar nicht nötig. Richtig so. Und Sänger James La Brie scheint in diesem Zusammenhang zwar nett, aber eben nicht so wirklich wichtig … mhm … So endet viel zu schnell und zu einem bluesigen „Breaking All Illusions“ der erste Teil der Theater-Fabrik. 15 Minuten Pause – wie zuletzt beim Hobbit – aber gut. Was tut man nicht alles für Übergötter?

Teil zwei der Setlist überrascht mit Songs der „Awake“-Scheibe. DREAM THEATERs drittes, im Vergleich zu seinen Vorgängern deutlich düsteres Studioalbum von 1994 war zugleich das letzte mit Kevin Moore an den Keyboards und lieferte so meisterliche Klangperlen wie „Lie“. Bemerkenswert: Seit dieser Tour gehört sogar „Space-Dye Vest” zum Live-Repertoire und zaubert eine dicke Gänsehaut auf die nackten Arme der anwesenden Wunderkinder-Anhängerschaft.

Auch die Zugabe widmen DREAM THEATER einem ganzen Album. „Scenes From A Memory“ gilt als eines der wahren Traum-Theater-Meisterwerke. Die erste Platte mit John Rudess ist in diesem musikalischen Marathon mit vier Highlights vertreten und zaubert dank „Strange Déjà Vu”, dem hochanspruchsvollen „The Dance Of Eternity“ und dem emotionalen „Finally Free“ finale Sprachlosigkeit und so manche Träne in den Metalhead’schen Augenwinkel.

Fazit: Trotz oder sogar wegen der bisweilen großen Mangini-Zweifler-Schar beweisen DREAM Theater auch an diesem Abend: Ein Genie beherrscht das Chaos! Und fünf Einzel-Genies gemeinsam herrschen nicht nur, sie entwickeln aus tiefgründigen Texten und komplexen Klanggeweben eine einzigartige auditive Traumreise. Sie verzichten zugunsten fehlerfrei und musikalisch perfekt vorgetragenem Liedergut auf choreographisches Gehampel. Sie setzen ihre einzigartige auditive Lautmalerei mit einer bis ins kleinste Detail abgestimmten Lichtshow, stimmungsvollen Videosequenzen und Animationen so unglaublich emotional in Szene, dass auch traumlose Musiker nicht anders können als vor so viel Meisterlichkeit das Haupt zu neigen und das Haar zu schütteln.

Sound: Das Zenith am soundtechnischen Zenit
Publikum: Fachmännische Zurückhaltung ist hier fehl am Platz
Vom Konzert gelernt: Was auf Platte nur anstrengend klingt, ist live nur ganz großes Kino

Setlist DREAM THEATER
Teil I
False Awakening Suite
The Enemy Inside
The Shattered Fortress
On the Backs of Angels
The Looking Glass
Trial of Tears
Enigma Machine (With drum solo by Mike Mangini)
Along for the Ride
Breaking All Illusions

Teil II
The Mirror
Lie
Lifting Shadows Off a Dream
Scarred
Space-Dye Vest
Illumination Theory

Zugabe
Overture 1928
Strange Déjà Vu
The Dance of Eternity
Finally Free
Illumination Theory (Outro)

1 Kommentar

  1. Khalid H. sagt:

    Seit 1999 besuche ich nun bei fast jeder Tour die Konzerte der Jungs und habe dies bislang nicht ein einziges Mal bereut.
    Ich spare mir mal die Lobeshymnen an dieser Stelle, da wohl jeder, der hier liest, zumindest ein gewisses Interesse an dieser Vereinigung von Meistern ihres Fachs hat, und komme direkt zum Inhalt.

    Es war mal wieder eine fantastische und gelungene Mischung aus großartiger Musik und Dream Theater-typischer Präsentation, die dieses Jahr mit einem neuen, beeindruckenden Monster-LCD-Schirm im Hintergrund wieder aufs neue zu begeistern wusste.

    Die mittlerweile alten Herren des Prog spulten professionell und gewohnt gut ihr Programm ab, so dass letztlich alle Besucher die Halle verlassen und sagen konnten, alles gesehen zu haben, was das Repartoire her gibt.

    Konnten sie aber einen alten Hasen wie mich, der sie schon fast 20 Male live gesehen hat, auch noch von den Socken hauen? Wieder? Immer noch?
    Tja, schwierig.

    Ich sollte dazu sagen, dass sie bei mir schon dafür etwas in Ungnade gefallen sind, dass sie sich von Gründungsmitglied und kreativem Motor Mike Portnoy getrennt haben. Soweit man das in den Medien ergründen kann, aufgrund von Nichtigkeiten.
    Aber ich kann ja gegenüber meiner langjährigen Götter-Band nicht so sein und möchte, und MUSS ihnen eine Chance geben. Das aktuelle Album, was einfach den Namen der Band trägt, hat mich davon überzeugt, dass sie es durchaus verdienen nochmal angehört zu werden, nachdem ich sie ja wegen des Vorgängeralbums „A Dramatic Turn of Events“ fast abgeschrieben hatte.

    Mit diesen Voraussetzungen konnte ich guter Dinge und mit gewohnt hohen Erwartungen in dieses Konzert gehen, die bislang auch immer mehr als erfüllt wurden.

    Dieser 26.01.2014 stellt eine Ausnahme für mich dar. Zumidnest hoffe ich das, weil ich es nicht als Wendepunkt verstehen will.
    Nachdem laut Eintrittskarte Einlass um 18 Uhr und Beginn um 19 Uhr war, ließ man uns 30 Minuten stehen und auf eine Leinwand starren, auf der sich Sternbilder und ihre Bezeichnungen bewegten. Begletet von einem konstanten Basston, der wohl an eine Art Planetarium oder einen Science-Fiction-Film erinnern sollte, bekam man dort also kleine Sternbildkunde und fragte sich, warum die Band wohl so lange auf sich warten lässt. Allüren? Wollen sie raus gebeten, gerufen werden? „Get the f**k started already!“ lag mir lange auf der Zunge aber nur mit halbstündiger Verspätung ging es ja dann endlich los. Sowas macht man nicht. Nicht als Anfänger und schon gar nicht als Profi mit 25 Jahren Bühnenerfahrung!

    Man begann mit der Portnoy’schen „Glass-Prision-Suite“, wie ich sie mal nennen möchte, die die Songs beinhaltet, die seine AA-Jahre und alles, was damit zusammenhängt umschreibt.

    Hier zeichnete sich schon ab, was ich den Rest des Abends oft gedacht habe: Mike Mangini, „der Neue“ an den Drums, hat seine Hausaufgaben zweifelsohne gemacht, ist extrem fähig, wird dem Erbe des Portnoy aber leider nicht gerecht.

    Er ist weit davon entfernt ein lebendes Metronom zu sein, man verstehe mich da richtig. Ein bewundernswerter, technisch fähiger Schlagzeuger.
    Mir fehlt leider einfach das Quentchen Leidenschaft, der Ticken Kreativität, die Mike Portnoy in die so schon Fantastischen Rythmen und Taktwechsel brachte.
    Mangini spielt gut nach aber Mangini spielt eben nur nach.

    Mir ist selbstverständlich klar, dass die Erwartungen an eine solche Position quasi nicht zu erfüllen sind und man dem Mann eine Chance geben sollte, ich behaupte doch von mir genau dies getan zu haben.
    Lasse ich das Vorgängeralbum „A Dramatic Turn of Events“ außer Acht und bewerte das aktuelle Album „Dream Theater“, muss ich sagen, dass es mir sehr, sehr gut gefällt.
    Doch auch diese Aussage muss ich mit einem „Aber“ begleiten:

    Bislang hat mir bei DT immer gefallen, dass sie sich auf jedem Album quasi neu erfunden haben und ihren Klang variiert haben. Dafür bedarf es einer Unmenge an Kreativität, musikalischer Neugier und vor Allem Mut.
    Das aktuelle Album klingt eigentlich an vielen Stellen, als wollte man die vergangenen Epochen fortsetzen oder Zitieren. Sehr schön, man verstehe mich auch hier nicht falsch. Ich liebe die gesammte Dream Theater-Historie und fand es wundervoll nochmal Klänge zu vernehmen, die an alte „Images & Words“-Zeiten erinnern, gemischt mit aktuelleren Sounds, wie sie auf der „Systematic Chaos“ zu hören sind! Allerdings wage ich zu behaupten, dass es mit einem Mike Portnoy eher nach Vorne als zurück gegangen wäre, neues musikalisches Land erschlossen worden wäre, es neue Gänsehautmomente, die nicht auf Rezitation von Bewährtem gegeben hätte.

    Schade, denn so sind sie in meinen Augen nur noch eine Band von vielen, die ihren Zenit überschritten hat und versucht an ihrer glorreichen Zeit festzuhalten, statt vielleicht mal eine Pause zu machen. So ist es zwar nett… aber DREAM THEATER sind nicht „nett“ … und das ist nicht DREAM THEATER.

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