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E-TROPOLIS FESTIVAL 2014

Ort: Oberhausen - Turbinenhalle

Datum: 22.02.2014

Vorhang auf für die Turbinenhalle in Oberhausen, in die das bislang in Berlin beheimatete E-tropolis Festival in diesem Jahr umgezogen ist. Unter dem Motto „Bässer, Härter, Lauter“ stehend durften sich die Electro-Jünger dort auf ganze 15 Liveacts freuen. Nach einer entspannten Anreise unsererseits lag das Eintagesevent bei unserer Ankunft bereits in vollen Zügen und Formationen wie XOTOX oder FADERHEAD hatten ihren Auftritt am frühen Nachmittag bereits hinter sich gebracht. Unser eigentlich angepeiltes Ziel, pünktlich zu TYSKE LUDDER am Start zu sein, ließ sich zugunsten der spannenden Bundesliga-Konferenz und angesichts eines komplett überfüllten Parkplatzes nicht ganz realisieren, und so trudelten wir in die schwarz-beseelte Halle und dort zunächst die erste von zwei Einkaufsmeilen ein, als auf der Hauptbühne gerade AESTHETIC PERFECTION ihre letzten Stücke zum Besten gaben. Die kratzigen Vocals von Frontmann Daniel Graves hatten bei flüchtiger Betrachtung durchaus ihren Charme und in der bereits mehr als ordentlich gefüllten Halle mit Industrial-Charme schienen die meisten Besucher guter Dinge zu sein. Insgesamt sollten an diesem Tag um die 4000 Schwarzkittel zu verzeichnen sein, die hier angetreten waren, um ihren vorgezogenen Karneval im Stile eines amtlichen Black Carnivals zu feiern.

Nach AESTHETIC PERFECTION, die ihr neues Album „`Til Death“ präsentierten, waren AGONOIZE an der Reihe. Die Berliner starteten in 2er Besetzung nach einem sakralen Intro mit „I am“, bei dem sich Chris L. zunächst mit Maulkorb im Stile von Hannibal Lecter präsentierte. Schon beim nächsten Track „Staatsfeind” startete dann die auch diesmal zu erwartende und sicher allseits bekannte blutige Inszenierung, in deren Vorfeld man das technische Equipment im Fotograben sicherheitshalber akkurat abgedeckt hatte. Provokation als Passion stand also auf der Tagesordnung, was dem Publikum offensichtlich gefiel. Nach weiteren Hymnen wie „Opus Dei“ und „Bis das Blut gefriert“ wechselten wir dann das erste Mal an diesem Abend in die zweite, kleinere Halle, die sich direkt hinter den Garderoben befand und zudem Einlass bot in den Gastronomiebereich.

Auch hier fanden problemlos 1000 bis 1500 Zuschauer Platz, zu diesem Zeitpunkt allerdings war die Location noch nicht ganz, aber doch recht ansprechend gefüllt. Immerhin stand nun eine Electro „Legende“ auf dem Programm, die mir live noch nie begegnet war. Kein Wunder, denn POUPPÉE FABRIKK hatten ihre Hoch-Phase zu einer Zeit, als ich noch langhaariger Kuttenträger war. Sie waren neben Anderen frühe EBM-Helden, bzw. EKM (Elektronisk Kroppsmusik) nach eigener Namensgebung. Nach dem Album „Your Pain – Our Gain“ folgten mehrere langjährige Pausen, vereinzelte Reunion Gigs und im Jahr 2013 mit „The Dirt“ tatsächlich ein neues Studio Werk. Dementsprechend gespannt harrten vor allem Old School Fans vor der Bühne aus, die dann auch im Verlauf des Gigs ordentlich Alarm machten. Ein Herr ganz vorne hinter der Absperrung sprang rhythmisch dermaßen heftig gegen selbige, dass mir im Fotograben ganz angst und bange wurde. Keine Angst aber zumindest Respekt verbreitete der Fronter des skandinavischen Duos, der unter seinem künstlerischen Alias (beinahe) selbst eine Legende ist. Henrik „Nordvargr“ Björkk besitzt insbesondere im Drone/ Ambient-Bereich einen ausgezeichneten Namen und kann auf eine Unmenge an Veröffentlichungen unter Namen wie TOROIDH, MZ.412 oder auch NORDVARGR selbst zurückblicken. POUPPÉE FABRIKK dürfte seine „eingängigste“ Spielwiese sein, wenngleich unbedarfte Zuschauer sich darüber eher wundern würden, bei dem heftigen elektronischen Minimalismus, der nun geboten wurde. Harte reduzierte Beats, Stimme, Gestus und Optik, die problemlos auch einer Death Metal Band zur Ehre gereichen würden. Tatsächlich gab es hier ja auch schon einige Kollaborationen. Während Leif Holm (CAP – CONTROLLED ANALOGUE PROGRAMMING) links die Regler bediente und hier und da ein paar Gesangsparts beisteuerte, tigerte Hüne Björkk unablässig hin und her, während er seine hasserfüllt wirkenden Texte herausbrüllte. Mangels tieferer Kenntnis der Diskographie kann ich hier als Track nur „Bring Back The Ways Of Old“ nennen, Titelsong der gleichnamigen EP aus dem Jahre 2013. Aber auch der Rest der Setlist bediente die anwesende Mannschaft stumpf, brutal und old school, wobei es dementsprechend zur Sache ging im vorderen Bereich. Der Vokalist schonte sich dabei keineswegs, nach einem Ausflug zur Absperrung wollte er mit einem lässigen Sprung wieder auf die Bühne zurückkehren, legte sich dabei aber ordentlich auf die Fresse. Kurz geschüttelt, Mund abgeputzt, im Liegen weitergesungen – das ist Attitüde. Dennoch mussten wir nun wieder in die andere Halle, um dem nächsten Programmpunkt „Hallo“ zu sagen. Sehr eindrucksvoller Gig von POUPPÉE FARBIKK inmitten all der „altbekannten“, doch eher auf Nummer Sicher gehenden Kollegen…

Gutes Stichwort für HOCICO eigentlich, die heute aber auch als sehr positive Überraschung durchgehen sollten. Das lag vor allem daran, dass sich Erk Aicrag als wahre Rampensau präsentierte und in einer Mischung aus Kickboxer, tasmanischer Teufel und Regentanz über die Bühne wirbelte. „Tales from the third world“ eröffnete den musikalischen Reigen und das von der mexican connection entfachte Feuer sprang schnell auf das Publikum über, getreu der Devise „Du musst brennen, damit die anderen Feuer fangen“. Da schadete es sicherlich nicht, dass der Sänger sich mehrfach in den Bühnengraben an die Absperrung begab und in vorderster Front bei den Fans Stimmung machte. Während im Hintergrund zudem ein Videoscreen zum Einsatz kam, rundeten Stücke wie „Bite me“, „Dead trust“, “Dog eat dog” und natürlich “Poltergeist” das Klangerlebnis ab.

Mit APOPTYGMA BERZERK, die im Rahmen einer Mini-Tour Halt in Oberhausen machten, stand sodann die erste „richtige“ Band auf der Mainstage und nach den vorangegangenen Hellectro-Darbietungen zugleich ein musikalischer Kontrastpunkt an. Dem begegneten die Mannen um Stephan Groth, zu denen inzwischen auch wieder der frühere Gitarrist Angel zählt, allerdings mit einem schönen Old-School Set! Egal ob „Unicorn“, „Eclipse“, „Love Never Dies“ oder „Until the end of the world”, es fehlte kaum ein Highlight aus älteren Tagen. Abgefeiert wurde natürlich auch „Kathy´s Song“, bei dem Keyboarder Jonas Groth so wie einst Geir Bratland seinen Bruder vorne auf der Bühne unterstützte. Neues Material ist seit „Rocket science“ ohnehin Mangelware, einzig das 2013er „Major Tom“ Cover ist hier zu nennen, das dann auch nicht fehlen durfte. Mit „Something I should know“ folgte gleich ein weiteres, weil selten dargebotenes Schmankerl, bevor wir begleitet von „Starsign“ noch einmal Halle II aufsuchten.

Aufgrund der Überschneidungen im Ablaufplan befand sich dort SUICIDE COMMANDO bereits in vollem Gange. Inzwischen war es auch hier rappelvoll und von der Stage erschallte gerade „Cause of death: suicide“. Da sich zu dieser Tageszeit die Endlos-Schlange im angrenzenden Gastro-Bereich aufgelöst hatte, stärkten wird uns aber zunächst mit einer Portion Currywurst/ Pommes vom insgesamt sehr mauen Essensangebot. Mehr zu genießen war da schon „Dein Herz, Meine Gier“, während die Midtempo-Nummer „Monster“ recht langatmig wirkte. Flotter ging es da schon bei dem Tommy Stumpf-Klassiker „Massaker“ und „Attention Whore“, einem weiteren Stück vom aktuellen Album „When evil speaks“, zu, wobei Johan van Roy alles in allem aber sicher schon mal ein besseres Händchen bei der Songauswahl bewiesen hat. So blieb es ein verhältnismäßig unspektakulärer Gig, auch wenn Titel wie „Love breeds suicide“ und „Unterwelt“ mit der plakativen Textzeile „Ich will dich bluten sehen“ den Spannungsbogen noch mal hochhalten konnten.

Zum Abschluss wollte eine weitere elektronische Legende ihre Visitenkarte in Oberhausen abgeben, kaum eine bessere Location als die Turbinenhalle wäre denkbar für die KRUPPS, die mit ihrer Maschinen-Musik immerhin schon seit 1980 durch die Landschaft toben. Mit ihrem aktuellen Werk „The Machinists of Joy“ hat man wieder sehr gelungen die Brücke zu den Anfangstagen gebaut, ohne freilich auf eine moderne Fassade zu verzichten. Vorbei aber anscheinend die Gitarren/ Crossover-Periode, die den Fans immerhin einige Hits wie „Fatherland“ geschenkt hat. Nach einer etwas längeren Umbaupause ging es dann gegen ca. 23:15 Uhr los – vor vollem Haus, das sich noch weiter füllen sollte, als SUICIDE COMMANDO nebenan ein Ende fanden. Auf der Bühne rechts der stoisch-cool dreinblickende Gitarrist Marcel Zürcher, hinten wie gewohnt im Hintergrund agierend Tastenmann Dörper, Schlagzeug und natürlich der Obersympath Jürgen Engler, der auch nicht wirklich älter zu werden scheint. Vorne das Bandlogo vor dem metallischen Schlaginstrument, das jeder KRUPPS-Konzertgänger seit Jahren lieb gewonnen hat. Also alles angerichtet für eine letzte elektronische Old School Party, die mich schlussendlich nicht ganz packte. Verantwortlich hierfür sicher der lange, anstrengende Tag in den Knochen, Müdigkeit und zumindest in der ersten Hälfte die für meine Begriffe nicht ganz optimale Setlist. Das aber wie gesagt vollkommen subjektiv, denn Engler gab vorne alles und die überwiegend neuen Titel kamen mit ordentlich Druck aus den Boxen. Neben „Ein Blick zurück im Zorn“ und dem Titeltrack der „Risikofaktor“ EP unter anderem auch der „Comeback-Titel“ „Amboss“ von der 2005 zunächst in Eigenregie herausgebrachten Single und das an diesem Abend reichlich anwesende „Industrie-Mädchen“. Im Original von S.Y.P.H. und aus dem Jahr 1979. Lediglich „The Dawning of Doom“ hatte bereits mehr als 20 Jahre auf dem Buckel, die Herren haben sich die richtigen Klassiker aber auch für den zweiten Teil des Gigs aufgespart, den wir uns – leider – schenkten, um nicht völlig geplättet wieder zuhause anzukommen.

Gegen Mitternacht endete für uns also das E-tropolis 2014, das uns mit vielfältigen und überwiegend positiven Eindrücken in die kalte Ruhrgebiets-Nacht entließ. Stundenlanges elektronisches Geballer kann durchaus Balsam für die Seele sein und wenngleich orga-technisch hier und da noch Luft nach oben ist, wird die Turbinenhalle auch 2015 wieder die erste Wahl für das Festival sein!

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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