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EDGUY – ALL ENDS – H.E.A.T.

Ort: Osnabrück - Halle Gartlage

Datum: 30.01.2009

Eine schmunzelige, phantastisch-burleske, massenorientierte und fast schon kabarettistische Spaßkanonade gepaart mit deutschem Eierkneifer-Metal der Extraklasse? Das kann eigentlich nur eine Band sein: EDGUY! Richtig. Im Jahre 2006 versprachen sie auf der nächsten Tour wieder für einen kurzen Abstecher ins niedersächsische Eisenland zu unternehmen und ihrem ritterlichen Gelöbnis haben sie an diesem Abend zu hundert Prozent korrekt entsprochen, wie wir im Folgenden noch werden lesen können – mit allen Mitteln und Ausdrucksformen proletenhafter Anmache, einer dicken Hand voll stimmungsvollem Unfug, mit Szeneritualen kokettierenden Operationen und ironisch liebäugelnden, zynisch umherjonglierenden Ansagen, von denen der anonyme Gast bei klarem Verstand nicht so recht wusste, auf was er im Sinne eines parierenden Gegenschlages hätte erwidern können! Der ist schon so ein lustiger Vogel, ein fesselnder Entertainer dieser Herr Sammet: sympathisch und vereinnahmend, unprätentiös, mit ehrlichem Charme und gekonnter Selbstironie. Aber bevor wir uns dem großen Bühnenfinalisten widmen, besehen wir doch einmal die besondere Atmosphäre und livemäßigen Eigentümlichkeiten und Besonderheiten des durch und durch „truemetallischen“ Spektakels.

Was sich beispielsweise insgesamt zum Abend sagen lässt – und dies wird gerade aus den Augen eines Journalisten und Musizierenden berichtet, der Leidenschaft und wahre Spielfreude für das höchste Gut hält –, ist, dass jeder der drei anwesenden Schlagwerker ein Maximum an Dynamik, Ausdruckskraft und Bewegung auskostete (aller Limitierung zum Trotze). Es hat einem schon fast das Herz erwärmt, dass die Stöckeschwinger den immobilen Instrumentalisten ernsthafte Konkurrenz machten. Jeder – auf seine eigene Art und Weise – wurde zur ebenso sehenswerten Bühnenfigur wie jeder andere, der ansonsten für gewöhnlich vordergründig agierenden musikalischen Mitstreiter. Wenn man solch Schlagwerk erblickt, kommt Freude auf und das alte Klischee des fest auf seinem Sessel fest gekleisterten Drummers erscheint im Lichte der Aufgehobenheit. Die Stimmung wirkt zu Beginn schon sehr ausgelassen – genau so, wie es sein sollte im Heavy Metal!

H.E.A.T.

Widmen wir uns nunmehr der ersten Band in dieser Unterhaltungsbetrachtung: H.E.A.T. beginnen mit einem sehr typischen Rock’n’Roll-Intro, das aller Klischeehaftigkeit zum Trotze Klamaukmagnetismus, Daseinsfreude und Partyfrohsinn transportiert. Von diesem Zeitpunkt an verstärkt sich die intuitive Vorwegnahme, dass alle Mann hier heute Abend ihren Spaß haben werden und keiner der Anwesenden leer ausgehen wird. Wie sollte man auch? EDGUY versprechen mit ihrem wahlkampfspruchartigen „Tinnitus Over Europe“ positive Massengehörstürze feinster Art. Also wieso sollten die Vorbands, die ein Teil des Ganzen sind, nicht auch Teil des Tourkampfspruches sein? H.E.A.T. zumindest werden ihrer Rolle völligst gerecht. Die Halle ist gerade einmal zur Hälfte gefüllt, aber nichtsdestoweniger ist das Publikum schon eingestimmt. Ganz pathetisch gesprochen, erscheint es gar so, als sei der Rock’n’Roll wieder so frisch wie noch zu Anfangstagen; solch ein Umstand muss man einer doch eher unbekannten Combo (und vielleicht gerade deshalb) hoch anrechnen. Die teils hymnenhaften Stofflichkeiten, der 80iger Glamstuff, das hoch toupierte, aufgestylte und effekthascherische Gebaren, die zu null Prozent aufgesetzt wirkende Spielfreude und die extrem posigen Choreographien machen die Band zu einem anregenden Appetithäppchen, von dem man gerne etwas mehr genossen hätte – daran ändern selbst die dem Anschein nach auswendig gelernten, repetitiven Ansagen nichts! Reife Leistung!

ALL ENDS

ALL ENDS… nun… leider nicht ganz das, was man sich von einem zweiten Support-Act erhofft… leider. Die Performance ist in Gänze solide und routiniert, aber mehr leider auch nicht. Dass die werten adretten Sängerinnen auf der Bühne Pussyschuhe tragen und für bestimmte Momente einen dezenten Anflug eines sexy Gefühls vermitteln, ändert auch nichts an der mangelnden Hypnosefähigkeit jener. Die Musik ist ähnlich: ein von Weiblichkeit getragener, moderner Power Metal, der stellenweise auch symphonische Elemente a là WITHIN TEMPTATION oder poprockartige, auf Eingängigkeit getrimmte Auswüchse in der Machart von EVANESCENCE zum Vorschein kommen lässt. Die Halle ist schon etwas praller gefüllt und die Stimmung bleibt weiter angewärmt vom Hitzekessel der Vorfreude auf das anstehende Highlight, kein atombombenartiges, furioses, die Ohren versengendes Highlight, aber ein Highlight, das sich gewaschen haben wird. Letzten Endes fehlt ALL ENDS die nötige, sich um das Interessantsein rotierende Individualität oder schlicht und ergreifend mangelt es der Band an irgendetwas Ausschlaggebendem, das für die Musik und allen voran natürlich für Performance sprechen würde. Daran ändern selbst die Besetzung von zwei Lead-Sängerinnen und die durchaus gediegene Bauart der Arrangements nichts. Ich kannte bis zum heutigen Tage weder H.E.A.T. noch ALL ENDS, doch kann als kategorischer Imperativ für Konzertberichte folgendes formuliert werden: „Beobachte stets so, dass die Art deiner Beurteilung jederzeit zugleich ein Maximum an verschiedenen Eindrücken, Blickwinkeln, Horizontverschiebungen und Euphoriezuständen beinhaltet.“ Irgendetwas muss ankommen und rumkommen und wenn’s schon nicht beim Schreiberling ankommt, so doch wenigstens beim Publikum. Nach dieser Masche sieht das ungefähr so aus: Egal von welchem Blickwinkel ich mir diesen Support-Act auch anschaue, viele Funken fliegen dabei in der großen Masse nicht. Die Reaktionen der Fans sind eher im mittelprächtigen Sektor anzusiedeln, obwohl manch angetrunkener Geil-Gaffer-Blick auf die zwei jungen Damen schon fällt und Anstands-Wauwau inmitten der Halle Gartlage erschallt. Wie man’s auch hält: H.E.A.T. hatten einfach mehr Esprit und waren trotz aller Klischeehaftigkeit einfach besser (in meinen Augen ein schwammiger Begriff in Bezug auf Musik, da Leistungsaktionismus und sportliche Relationen dafür einfach nicht herhalten können)! Damit soll es nun auch gut sein, denn die EDGUY-Stunde bricht nämlich allmählich heran…

Setlist ALL ENDS
Still Believe
Walk Away
Alone
Apologize
What Do You Want
Whe Are Through
Just A Friend
Close My Eyes
What Do You Want
Pretty Words
Waisting Life

EDGUY

Wie eingangs schon erwähnt: EDGUY heißt ed- bzw. endgeil!!! Die gefällig nach dem Album dekorierte Bühne und Hintergrundbeleuchtung sorgt für das nötige untermalende Flair und auch die Möglichkeit von vielen verschiedenen Punkten sich diese deutschen Power-Metal-Programmatiker anzuschauen, fundamentieren die Saat für eine durch und durch fette Show, welcher der Dekoration und nicht zuletzt den Erfahrungen aus der Vergangenheit nach mit Bestimmtheit elektrisierend und euphorisierend sein wird. Und das ist er auch schon, der erste Anflug der Euphorie. Ich kann mir nicht im Geringsten einen Reim auf diese bescheuerte, absolut nicht schwermetallische, total abgedrehte Intro-Nummer (geschweige denn kann ich das Lied akkurat benennen) machen, aber die Leute klatschen wie wild, schunkeln, schäkern und scherzen! Toll. Selbst der verbittertste, hartnackigste und mit einer Kutte von 666 Patches bestückte Verfechter des einzig wahren Metal könnte hier nicht stillstehen – innerlich zumindest. Das Set beginnt mir „Dead Or Rock“ vom neuen Langeisen „Tinnitus Sanctus“. Eine coole, zwar etwas poprockartig strukturierte Nummer, nichtsdestotrotz kracht jene ordentlich aus den Boxen. Der Sound ist ordentlich abgemixt: Man vermag Details wahrzunehmen und die entsprechenden Akzentuierungen werden gekonnt in Raumakustik gesetzt. Obendrein lässt sich noch etwas ganz Entscheidendes feststellen: EDGUY sind laut, richtig laut, aber nicht zu laut, was sehr zu Gunsten der Antiohrstöpsler und Reinklangpuristen geschieht (mir inklusive). Ohne Ansage geht es weiter im Programm mit „Speedhoven“: ebenfalls ein Kracher, nur episch-ausgedehnter und zwar im Breitwandformat! Danach macht der Herr „Scheißhauskünstler“ auch schon sein Mundwerk auf, indem er zunächst ermahnend, dann erheiternd erfragt, ob wir denn alle unseren Spaß haben würden. O ja! Diesen da haben wir! Mit ‚Tears Of A Mandrake‘ folgt nun ein Klassiker im Liederrepertoire der Combo. Das Publikum singt im ironmaidenmäßigen „Fear-Of-The-Dark“-Style das Hauptmotiv mit und zu passenden Stellen wird kinderleicht gehüpft – ganz gleich ob mit oder ohne Bier in der Hand. Das plätschert! „Hey… guten Abend Osnabrück! Ja, das habt ihr schon, ne? Also ihr wisst jetzt wer wir sind, wir wissen wer ihr seid… ähhh… es waren drei Jahre glaube ich, ne? Drei Jahre… drei. (Zu bestimmten Publikumsansammlungen) Nein, nein, nein, keine vier! Drei Jahren, vor drei Jahren waren wir das letzte Mal hier in Osnabrück – bei euch! Und das letzte Mal – kann ich mich dran erinnern – waren wir krank und haben etwas kürzer gespielt. Ich glaube, das war er (mit Fingerzeig auf einen Mitstreitenden, es müsste Drummer Felix Bohnke gewesen sein, der ja zuhauf schon öffentliche Pseudodrangsalierungen seines wortreichen Kollegen erdulden musste). Und heute sind wir total gesund und spielen das komplette Brrreeett für EUCH!“

Es ist wirklich umwerfend, wie der gute Mann ohne einstudierte Schnörkeleien oder kabarettistischer Ausbildung mit schlichten Worten das Publikum zum Lachen bringt. Kommunizieren kann er – das auf alle Fälle. Gehen wir weiter, Schritt für Schritt in der Chronologie. Nummer vier „Until We Rise Again“ und Nummer fünf „The Pharao“ auf der Liste stehen den erstgenannten stimmungsmäßig in nichts nahe. Die Crowd klatscht, applaudiert, singt mit und lässt die splissgeplagten, vom Headbanging-Exzess gefolterten Mähnen kreisen! Beim Instrumentalpart vom „Pharao“ lauscht die Meute andachtsvoll-gesammelt mit erwachsener Aufmerksamkeit und gebanntem Blick. Alles wirkt sehr zum Anfassen – ganz nach dem Motto: mittendrin, statt nur live dabei! Im folgenden: „Ministry Of Saints“ und das schlichtweg coolste und wahrhaftig publikumsfreundlichste Drumsolo, das ich jemals gehört habe. Denn, wenn man über das Eröffnungsstück eines millionenfach gesehenen Blockbusters die Introduktion seines Schlagzeugsolos spielt, kann man einfach nur punkten und Gefangene machen! Es geht imaginativ los mit den Legenden aus „Fluch der Karibik“, danach folgt ein Netz straff gespielter Hand-Fuß-Kombination, gefolgt von treibenden Beats samt massenhaften Improvisationen; abgerundet wird das Ganze durch orchestral-klassizistisch runter gespielte Wirbeleien und groovigen „Bass- und Knüppel-Drum-Heys“. Zum Schluss noch eine sukzessive Steigerung letztgenannter und dann geht’s schon rüber zu „Pride Of Creation“ und „The Headless Game“. Auch hier: Keinerlei Abstriche. Tighte Performance und glasklarer Sound. Bei „Save Me“ gibt’s Feuerzeuge, bei „Superheroes“ Feten-Eskapismus und dem Nachschlag bestehend aus „Nine Lives“, „Lavatory Lovemashine“ und „King Of Fools“ den kulminativen Ohrgasmus. Durch ironische Augenzwinkereien und Selbstbeweihräucherungen wie: „Was sagt ihr denn überhaupt dazu, dass ich heute Abend wieder fit bin, häh?!“ Jubel. „Wie ein junger Gott, oder?“ Noch lauterer Jubel. „Und ich bin nicht nur ’nen geiler Sänger, ich seh auch noch total geil aus, oooder?! Gelächter, Jubelei, Gelächter, Jubelei. Man ist ihm nicht bös. Das ist halt die Quintessenz des Sammetschen Charmes. Ein bisschen SCOOTER-Coverei und die für den Herrn scheinbar rhetorische Frage, ob Heavy Metal kein langes, dickes, volles Haar brauche, tun ihr Übriges, um den Eindruck zu erhärten bei dieser Band handle es sich um unkaputtbares Unterhaltungsflagschiff zu konzertlichen Kriegszeiten. Geil, geil, geil!

Setlist EDGUY
Dead Or Rock
Speedhoven
Tears Of A Mandrake
Until We Rise Again
The Pharao
Ministry Of Saints
Drumsolo
Pride Of Creation
The Headless Game
Save Me
Superheroes

Nine Lives
Lavatory Lovemashine
King Of Fools

Insgesamt kann man auf einen tinnitusartigen Abend vieler zufriedener Gesichter zurückblicken. Der Einladung am Ausgang noch auf eine Metalparty in die Stadt zu gehen, muss man demnach nicht entsprechen – man könnte ja einen Abschluss der Langeweile erleben. Auf dem Rückweg trinkt man noch genüsslich das ein oder andere Bierchen und zu Hause angekommen, zelebriert man entweder noch ein wenig Sex, Drugs and Rock’n’Roll mit seiner Freundin oder trinkt sich einfach gemütlich in den Schlaf. Bis frühmorgens durchmachen? Das… eher zu anderer Zeit…

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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