Konzert Filter

EINE NACHT IN MÜNSTER 2016

Ort: Münster - diverse

Datum: 29.04.2016

Es war mal wieder so weit: 1LIVE hatte Münster übernommen! Nachdem der Kölner Sender 2009 schon mal das Sagen in der Stadt des Westfälischen hatte, waren erneut für einen Tag ein Haufen Übertragungswagen, Radio-Mitarbeiter und vor allem Künstler an die Aa gekommen und es schien ganz so, als hätte die junge und jung gebliebene Münsteraner Bevölkerung nur auf diesen Tag gewartet, so rasend schnell waren die einzelnen Veranstaltungen ausverkauft. Nur die Fans, die sich auf den Gig von K.I.Z. im Skaters Palace gefreut hatten, wurden enttäuscht, denn das Konzert musste leider abgesagt werden, da Maxim sich verletzt hatte und die Hip-Hopper ihren Auftritt in Folge cancelten.

Aber auch so wurde den Leuten einiges geboten: KYGO legte zu später Stunde im Heaven auf, zuvor sorgte die Generation Gag International in der Aula am Aasee für jede Menge Lacher und auch bei der 1LIVE Klubbing Lesung mit FRANK GOOSEN im Cinema Filmtheater dürfte es mit Ausschnitten aus dem wunderbaren Roman „Förster, mein Förster“ nicht allzu ernst (aber wahrscheinlich schon mit einigen nachdenklichen Momenten) zur Sache gegangen sein. Im Fusion/ Conny Cramer am Hawerkamp fand die 1LIVE Club Party statt und im Jovel wollten 1.900 Party People zu Charts-Mucke abfeiern. Früh am Abend hatte dort MARK FORSTER für familientaugliche Unterhaltung gesorgt und ab 19.30 Uhr sein zahlreiches Publikum fest in der Hand, was zu etwas späterer Stunde auch für BOSSE galt, der hier in etwas intimerer Umgebung vor 400 Fans für beste Unterhaltung sorgte.

Wir widmeten uns jedoch zunächst einmal den schottischen Jungspunden von FATHERSON, denen die Ehre zuteil geworden war, für ihre Landsleute BIFFY CLYRO in der große Halle Münsterland eröffnen zu dürfen. Am 03.06.2016 veröffentlichen die Senkrechtstarter ihr zweites Album „Open Book“ und stellten eine kleine Auswahl an Songs schon mal den potenziellen neuen deutschen Fans vor. Im Dezember 2010 von Ross Leighton (Gitarre & Gesang), Marc Strain (Bass) und Drummer Greg Walkinshaw in Kilmarnock gegründet, kam im Februar 2015 die Debüt-Langrille „I Am An Island“, mit der die Jungs in ihrer Heimat schon für einiges Aufsehen sorgen konnten und auch hierzulande ist der eine oder andere den Herrschaften vielleicht schon begegnet, als sie für WE WERE PROMISED JETPACKS eröffnet haben. An diesem nasskalten Freitagabend übernahmen sie die Rolle des Anheizers also für BIFFY CLYRO (auch wenn diese natürlich im Grunde gar keinen gebraucht hätten) und wurden zu diesem Zweck von ihrem Live-Gitarristen Andy Black unterstützt. Der Opener „Always“ zählte zu den vier gespielten Nummern von der kommenden Veröffentlichung und präsentierte eine sehr temperamentvolle Alternative-Indie-Band mit einem Bassisten, dem man nun wirklich vorwerfen konnten, der Inbegriff des stoischen Stahlsaiten-Zupfers zu sein. Mr. Strain fegte vielmehr in der Manier eines Flummys über die Stage und auch mit „Hometown“ vom bereits erwähnten Erstling legte der Vierer hochenergetisch nach. Entsprechend kam nicht nur auf der Bühne Bewegung ins Spiel, auch das Auditorium ließ sich vom BIFFY CLYRO nicht unähnlichen Sound anstecken und quittierte die Darbietung mit viel Applaus. Nachdem es „Half The Things“ für einen klitzekleinen Moment etwas ruhiger (dafür aber umso dramatischer) angehen ließ, versetzte „I Like Not Knowing“ nicht wenige der Anwesenden in den Tanzmodus, bevor zu den hymnischen Klängen von „Just Past The Point of Breaking“ die Szenerie in rotes Licht getaucht wurde und das finale „Lost Little Boys“ einen lebhaften Abschluss der ersten halben Stunde ermöglichte. Mal ganz abgesehen vom charmanten schottischen Akzent des bebrillten Fronters (ich möchte nicht wissen, wie viel Dioptrien der Mann hat), hätte man FATHERSON zweifellos noch eine Weile zuhören können. Das Quartett war zum ersten Mal in Münster, aber wir hoffen, dass es nicht das letzte Mal war, denn ein erneuter Besuch wäre durchaus wünschenswert. Auch die Konservenkost der Schotten sollte man im Auge behalten, also jetzt schon den 03.06.2016 vormerken und vorab ein Ohr bei „I Am An Island“ riskieren.

Setlist FATHERSON
Always
Hometown
Forest
Half The Things
I Like Not Knowing
Just Past The Point of Breaking
Lost Little Boys

Hatten FATHERSON schon vom umfangreichen technischen Equipment partizipieren können, dass für BIFFY CLYRO an den Start gebracht worden war, durfte sich die rappelvolle Halle Münsterland ab 22.00 Uhr auf eine atemberaubende Lightshow und natürlich großartige Musik freuen. Letzteres bekamen im Übrigen bis 23.00 Uhr auch die 1LIVE-Hörer via Radio geboten, denn das Konzert wurde live übertragen, aber für den vollen BIFFY-CLYRO-Genuss war es natürlich ratsam, selbst vor Ort zu sein. Und wahrlich: Simon Neil (Gesang & Gitarre), James Johnston (Bass & Gesang), Ben Johnston (Schlagzeug & Gesang) sowie der Live-Gitarrist Richard „Gambler“ Ingram taten wirklich alles in ihrer Macht stehende, um den Fans einen brillanten Abend zu bereiten. Musikalisch wurde dieser durch die just erschienene Single „Wolves of Winter“ eröffnet und es sollte nicht lange dauern, bis das erste Mädchen nahe einer Ohnmacht von den Secus aus der ersten Reihe gezogen wurde. Wie üblich war Simon wieder oben ohne ans Mikro getreten, was wohmöglich für die eine oder andere Dame bereits zu viel des Guten war. Zweifellos hatten die Jungs richtig Bock, wieder live zu rocken uns so wurden neue Songs und alte Hits in hochenergetischer Eintracht zum Besten gegeben. Ein erster Höhepunkt war diesbezüglich ohne Frage „Biblical“ vom 2013er Erfolgs-Album „Opposites“ – außerdem ein locker bestandener Test in Sachen Textsicherheit der Zuschauerschaft! Vielleicht darf man Simons deutschen Ansagen auch als eine Form von Dankbarkeit betrachten, dass die deutschen Fans sich seine Texte draufschaffen? Auf jeden Fall sammelte er so auch in Münster Sympathiepunkte, wobei im Mittelpunkt ganz klar die umwerfende Musik der seit 1995 agierenden Kapelle stand. Visuell wurde die Darbietung mit erstklassigen Lichtmalereien abgerundet, die beispielsweise dem brandneuen, treibenden „Animal Style“ den letzten Schliff gaben. Mit „Born On A Horse“ vom 2009er „Only Revolutions“ stand ein wenig Electro-Gefrickel mit viel Groove auf dem Programm, ehe es mit dem Stakkato-Sounds von „Living Is A Problem Because Everything Dies“ ins Jahr 2007 und zur Platte „Puzzle“ ging. Die Hymne „Bubbles“ wurde derweil von Lichtgewittern und lautstarken Fangesängen begleitet, ehe mit „Rearange“ neues, nicht ganz so forderndes Material zu Gehör gebracht wurde. Mr. Neil schraubte bei dieser Gelegenheit seine Stimme ins Falsett-Höhen und die Lichttechniker bewiesen erneut, dass sie ihr Handwerk beherrschten. Gleich im Anschluss begleitete tosender Applaus das herausragende „Black Chandelier“, das ebenso wie „The Captain“ gemeinsam abgefeiert wurde. Um die Kulisse perfekt zu machen, hätte man jedem Besucher nur noch ein Bier in die Hand drücken müssen, um sehr überzeugend Westfalens größtes Mitgröl- und Alternative-Schunkel-Spektakel zu inszenieren. Für die Fans an den Radioempfangsgeräten lieferten BIFFY CLYRO schließlich mit „Semi-Mental“ ein krachendes Finale ab, während es für die Crowd in der Halle Münsterland noch 35 Minuten weiterging. Zunächst einmal mit „Mountains“, das ähnlich wie „9/15ths“ zu Beginn etwas Anlauf nahm, um dann wieder in die Vollen zu gehen. Den Umweg sparte sich „On A Bang“ und auch „Sound Like Ballons“ ließ sich nicht lang bitten und ging ebenso wie „Different People“ noch mal richtig steil.

Nach 80 Minuten waren BIFFY CYRO hier mit ihrem regulären Set durch, aber selbstredend hatten Simon und die Gebrüder Johnston noch einen Nachschlag in petto, der in Bezug auf die erste Zugabe „Glitter And Trauma“ (vom 2004er „Infinity Land“) mit knackigen Disco-Sounds und wummernden Gitarrenbeats serviert wurde. Dank „Many of Horror“ war ein letzter emotionaler Schmuse- und Mitsing-Moment gekommen, ehe „Stingin’ Belle“ für einen krachenden Abschluss eines rundum gelungenen Abends sorgte. Zusätzlich haben BIFFY CLYRO die Vorfreude auf ihre siebte Langrille „Ellipsis“ geschürt. Bis zum 08. Juli müssen wir uns allerdings noch in Geduld üben und abgesehen von einigen Festival-Terminen halten sich die Schotten auch in Sachen Live-Konzerte noch ziemlich bedeckt.

Setlist BIFFY CLYRO
Wolves of Winter
That Golden Rule
Biblical
Who’s Got A Match?
Animal Style
Born On A Horse
Living Is A Problem Because Everything Dies
Bubbles
Rearrange
Black Chandelier
Medicine
The Captain
Semi-Mental
Mountains
9/15ths
On A Bang
Sounds Like Balloons
Different People

Glitter And Trauma
Many of Horror
Stingin‘ Belle

Parallel zu dem in jeder Hinsicht gigantischen Auftritt von BIFFY CLYRO in der Halle Münsterland, ging es im kleinen Jovel Club deutlich kuscheliger zu. BOSSE war hier zu Gast und mitgebracht hatte er nicht nur seine achtköpfige Band…

Als Simon Beeck (1Live) um 21.40 Uhr die Bühne betrat, um BOSSE als „Freund des Hauses“ zu begrüßen, war der Jovel Club schon gut gefüllt und voller Vorfreude. „Ich werde Euch alle anschwitzen!“ prophezeite BOSSE der geneigten Zuhörerschaft und er sollte Recht behalten! Seine Lieder erzählten Geschichten übers Leben, die Liebe und die schönste Sache auf der Welt („saufen!“). BOSSE plauderte über das Alleinsein in Berlin („Nachttischlampe“), seine Zeit in Istanbul („Istanbul“) und sexuelle Fantasien („Einen Dreier hab´ ich auch noch nie gemacht“). Sein neuer runder Mikrofonständer gefiel ihm so gut, dass er dabei automatisch an eine Penisverlängerung dachte. Er erinnerte sich in diesem Zusammenhang daran, dass KEITH CAPUTO ihm als 13jähriger mal eine Kiwi an den Kopf geworfen und er sich Jahre später mit Weintrauben gerächt hatte. BOSSE und Band präsentierten sich an diesem Abend voller Spielfreude und das Publikum tanzte, hüpfte und sang textsicher jede Zeile mit. BOSSE suchte immer wieder die Nähe zu seinen Zuhörern, sang mitten im Publikum „3 Millionen“ und spätestens als der Überraschungsgast HERR SPIEGELEI, den man auch von seiner Kollaboration „Der Flohmarkt ruft“ mit DEICHKIND kennt, CASPERSs Part in „Krumme Symphonie“ übernahm, brachen alle Dämme: „Meine Wimpern haben sich gerade vor Freude ins Auge gedreht!“. Dem war nichts mehr hinzuzufügen und alle durften nach diesen 90 durchgeschwitzten Minuten mehr als zufrieden nach Hause oder weiter auf eine der 1LIVE-Partys gehen!

Setlist BOSSE
So oder so
Dein Hurra
Nachttischlampe
Vier Leben
Immer so lieben
Istanbul
3 Millionen
Alter Strand
Schönste Zeit
Krumme Symphonie
Frankfurt Oder

Steine
Du federst
Kraniche

In Anbetracht der Schlange, die vor dem Jovel abgefertigt wurde, um die Charts-Party abzufeiern, war der Abend offensichtlich für viele Feierwütige noch lange nicht vorbei. Aber der Freitagabend war ja auch noch jung und bot noch ausreichend Gelegenheit, schon mal einen Probelauf für den samstäglichen Tanz in den Mai zu starten. Der Terrorverlag-Abordnung stand nach der delikaten Live-Verkostung allerdings nicht mehr der Sinn nach Konservenkost, weshalb wir uns auf den etwas beschwerlichen Nachhauseweg (Vollsperrung auf der A1!) machten.

Text BOSSE: Michael Dieninghoff

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

Es ist noch kein Kommentar vorhanden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar.

Mehr zu BIFFY CLYRO auf terrorverlag.com

Mehr zu BOSSE auf terrorverlag.com

Mehr zu FATHERSON auf terrorverlag.com