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EISBRECHER – JESUS ON EXTASY

Ort: Nordhorn - Scheune

Datum: 20.09.2008

Das EISBRECHER-Konzert am Freitag in Berlin musste wegen der großen Nachfrage noch vom Kato in die Columbiahalle verlegt werden, damit alle 850 Fans Platz hatten. Da bot sich den Bayern nahe der deutsch-holländischen Grenze am nächsten Abend ein ganz anderes Bild. Rund 100 Zuschauer hatten sich im Nordhorner Jugendzentrum „Scheune“ eingefunden, um die jüngst erschiene dritte Platte der schwer angesagten Vertreter der Neuen Deutschen Härte abzufeiern (immerhin gab’s für „Sünde“ unlängst Platz 18 in den Album-Charts). Im Schlepptau hatten EISBRECHER die Essener JESUS ON EXTASY, deren androgyner Sänger Dorian Deveraux wohl nicht nur bei den schwarzgekleideten Damen für Herzklopfen sorgt.

Üblicherweise tritt der Herr gemeinsam mit seinem Cousin Chai Deveraux am Sechssaiter, BJ am Schlagzeug, Ophelia Dax an den Tasten und Alicia Vayne an der zweiten Gitarre auf. Letztere war in der Scheune allerdings nicht am Start. Wenn ich an meine letzte Begegnung mit JOE im Bielefelder Forum im April letzten Jahres denke, muss ich gestehen, dass ich die Dame nicht wirklich vermisst habe. Leider hatten die synthetischen Glam Rocker vor der Zeit angefangen, so dass die ersten zwei Tracks bereits gelaufen waren, als ich kurz vor 21 Uhr in der Konzertstätte ankam. Dadurch kam ich auch nicht in den Genuss des Titeltracks des aktuellen Albums „Beloved Enemy“, überhaupt wurden insgesamt mehr Stücke des letztjährigen Debüts „Holy Beauty“ zum Vortrag gebracht. Darunter auch einer der ersten JOE-Songs überhaupt namens „Alone“. Beim rockigen „Assassinate Me“ wurde ausgiebig getanzt und geklatscht, während es lasziv weiterging. Sehr zur Freude einiger Damen vor mir, die sich lautstark an Dorians Bauchmuskulatur erfreuten und mich später fragten, wer denn eigentlich noch spielen würde. Mit „Church of Extasy“ ließen sich JESUS ON EXTASY über arrogante Rockstars aus und servierten ein musikalisches Donnergrollen, das zu gefallen wusste. Vor dem finalen „Neochrome“ rief Dorian zum EISBRECHER-Weckruf auf, dann durfte ein rasanter und gitarrengewaltiger Abschluss gefeiert werden, der von fetten Drums und kleinen Verschnaufpausen begleitet wurde, bevor JESUS ON EXTASY um 21.25 Uhr die Stage für den Hauptact räumten. Dies ist wörtlich zu nehmen, da die Herrschaften noch selbst mit anpacken müssen. Ist offensichtlich noch ein weiter Weg zum Rockstar. Verzückte Groupies sind immerhin bereits am Start und ihre Live-Qualitäten haben sie auch deutlich verbessert.

Setlist JESUS ON EXTASY
Intro
Drowning
Beloved Enemy
Change The World
Alone
Assassinate Me
Puppet
Lies
Church of Extasy
Neochrome

Es folgte eine Umbaupause, die mit sehr kurzweiligen Instrumentalversionen diverser Fernsehserien- und Filmmelodien versüßt wurde. U.a. gab es den „Dallas“-Trailer, „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder das „Mission Impossible-Thema in groovigen Variationen zu hören. Um 22 Uhr war es dann aber Zeit für die EISBRECHER, die nach einem kurzen Intro gleich mit ihrer aktuellen Single „Kann denn Liebe Sünde sein“ gewaltig durchstarteten. Fronter Alexx war zu diesem Zeitpunkt noch mit neckischem Käppi und einer Lederjacke bekleidet, trennte sich aber bald von den Klamotten, stand doch eine schweißtreibende Show bevor. Inzwischen ist der charmant-arrogante Glatzkopf wohl auch daran gewöhnt, dass auf der aktuellen Tour mit JESUS ON EXTASY nicht alle Mädels seinetwegen da sind. Und wen wundert’s: Auf seine Frage, wer nur wegen der Vorband da sein, zeigten die Grazien auf, die nicht wussten, wer eigentlich Headliner des Abends war. Für EISBRECHER dürfte das gut besuchte, aber halt ziemlich kleine Jugendzentrum ein inzwischen eher ungewohntes Bild gewesen sein, da die Besucherzahlen anderen Ortes eher gegen 1.000 denn Richtung 100 tendieren. Den einen oder anderen Seitenhieb konnte sich Alexx deshalb auch wohl nicht verkneifen. So waren ihm die Nordhorner (sofern es überhaupt welche waren, die meisten kamen eher aus dem weiteren Umland) gelegentlich zu leise und der Abgang zweier suchtgeplagter Raucher wurde auch gleich mal kommentiert. EISBRECHER boten auf jeden Fall auch in intimer Runde eine großartige Show. Angefangen bei der visuellen Unterstützung durch sehr stimmungsvolles Licht oder die Positionierung von Drummer René Greil, der geradezu hinter seiner imposanten Schießbude thronte. Die Saitenfraktion bestehend aus Jochen „Noel Pix“ Seibert (Leadgitarre), Jürgen Plangger (Gitarre) und Bassist Olli Pohl zeigte sich gewohnt spiel- und bewegungsfreudig und den Rest erledigte natürlich Herr Wesselsky auf seine ganz spezielle Art. Nicht nur mit seiner durchdringenden Stimme, die „Phosphor“ vom 2006er Silberling „Antikörper“ geradezu beherrschte, zog er die Anwesenden in seinen Bann. Auch der Umstand, dass er es sich als gutverdienender Rockstar (O-Ton Alexx) jetzt auch leisten kann, Wasserflaschen ans Publikum zu verteilen, dürfte nur einen ganz kleinen Teil seines charismatischen Wesens ausmachen. Wahrscheinlich würden sich sogar nicht wenige sehr gern von ihm schlecht behandeln lassen… Zunächst gab es allerdings erst einmal Gelegenheit, sich erstklassig beschallen zu lassen. EISBRECHER boten einen extrem unterhaltsamen Parforceritt durch ihre Diskografie, bei der es regelmäßig in die Vollen ging. Dass es ruhiger zuging, war eher selten, auch wenn beispielsweise das emotionale „Herzdieb“ kaum besser hätte sein können, sehen wir mal von den fehlenden Feuerzeugen ab, die Alexx zu bemängeln hatte. Bei „Zu Sterben“ hatte das Auditorium dann dazu gelernt und zumindest teilweise die kleinen Flammenwerfer gezückt, was auf der Stage wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. Vielleicht hatte der angeforderte Schnaps (sah gefährlich nach Whiskey aus) Alexx auch einfach milde gestimmt. Auf jeden Fall zeigten sich EISBRECHER tanzbegeistert und legten eine kleine Rap-Performance hin, für deren Einstudierung Alexx Detlef D! Soost viel Geld bezahlt haben will. Mit „Mein Blut“ schloss sich ein liveerprobter Klassiker vom selbstbetitelten Debüt aus 2004 an, welches ein Jahr nach dem Ausstieg von Alexander Wesselsky bei seiner 1993 gegründeten Kapelle MEGAHERZ erschien. Die coole Nummer mit den obligatorischen Mönchsgesängen wurde gebührend gewürdigt und auch die „Schwarze Witwe“ vom gleichen Silberling haute ordentlich rein. Dazwischen knöpfte der gutgebaute Süddeutsche für die Damen sein Hemd ein wenig auf und haute ihnen „Vergissmeinnicht“ um die Ohren, das allerdings auch von der männlichen Zuschauerschaft zu Recht abgefeiert wurde. Nicht minder knackig fiel die „Heilig“-Sprechung vom Oberdämonen auf der Bühne aus, der die Meute weiterhin schwitzen ließ, aber gleichzeitig auch noch mal Wasser auf die Reise schickte, bevor er den letzten Song des regulären Sets HOWARD CARPENDALE widmete. Hier wechselten sich schnelle und ruhige Passagen ab und wenn ich mich nicht total verhört habe, nahm Alexx Gesang sogar ein wenig Howie-Slang an.

In einem eruptiven Licht- und Gitarrengewitter verließ der Frontmann um 23.15 Uhr die Bühne, um kurz ein neues Outfit anzuziehen, um wenig später die erste Zugabe zum Besten zu geben. Für „This Is Deutsch“ hatte sich der Bajuware extra in eine Strickweste geworfen und einen Trachtenhut samt Gamsbart aufgesetzt. Sehr passend zum just eröffneten Oktoberfest, auch wenn die schwarzen Handschuhe etwas aus dem Rahmen fielen und auch eine Melodica, wie sie Alexx im „Dadada/ TRIO“-Style spielte, gehört nicht unbedingt zum Repertoire einer bayerischen Blaskapelle. Mir war der donnernde EISBRECHER-Sound allemal lieber und nach München ziehen mich auch ganz andere Dinge als die Wies’n, weshalb ich gern weiterhin in der norddeutschen Tiefebene den bayerischen Vertretern der Neuen deutschen Härte lauschte. Als besonderes und inzwischen auch unabdingbares Schmankerl fiel beim abschließenden „Miststück“ endlich das wollende Oberteil und Herr W. zeigte seinen durchtrainieren Body, den er alsbald im Publikum spazieren führte, wo ausgewählte Personen (darunter auch Dorian von JESUS ON EXTASY) die Gelegenheit bekamen, ein giftiges „Miststück!“ ins Mikro zu brüllen.

Das sollte es um 23.35 Uhr dann leider nach 95 Minuten auch gewesen sein. Zwar wollten die Zugabe-Rufe nicht enden, aber der EISBRECHER machte sich wohl schon klar, die Nordhorner Gewässer mit Ziel Hamburg zu verlassen. Sollte der Nordwesten der Republik bislang noch EISBRECHER-Diaspora gewesen sein, so dürfte der Gig geholfen haben, diesen Umstand zu ändern. Beim nächsten Mal wird die Scheune bestimmt schon zu klein sein!

Setlist EISBRECHER
Intro
Kann denn Liebe Sünde sein
Angst
Antikörper
Phosphor
Willkommen im Nichts
Herzdieb
Leider
Alkohol
Mein Blut
Vergissmeinnicht
Zu Sterben
Schwarze Witwe
Heilig
Zeichen der Venus

This Is Deutsch
Ohne Dich
Miststück (Ti amo)

Copyright Fotos: Ulrike Meyer-Potthoff

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