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EISBRECHER – LORD OF THE LOST

Ort: Dortmund – FZW

Datum: 29.02.2012

Wie beschrieb ein befreundeter Label-Chef meinen weit gefächerten Musikgeschmack so schön? „Ulrikes wirre Musikwelt“ – nur wer auf Genregrenzen pfeift, hat die Chance, an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zwei ganz unterschiedliche LADY-GAGA-Covers zu erleben. Während am Dienstag THE BASEBALLS „Born This Way“ ein Rockabilly-Kleid verpassten, schickten heuer LORD OF THE LOST „Bad Romance“ in die Hölle. Doch Moment, die musste ja noch warten, EISBRECHER möchten ja noch eine Weile ihre bösen Untaten verzapfen und dass sie selbiges momentan sehr erfolgreich tun, beweist der Umstand, dass ihre vierte Studio-LP, die da eben den Namen „Die Hölle muss warten“ trägt, aus dem Stand bis auf #3 der Charts geklettert ist. Entsprechend gut gefüllt präsentierte sich auch das FZW mit gut 1.000 Fans, die eindeutig der schwarzen Gemeinde zuzuordnen waren. Mit dem neuen Album mehrten sich ja die „Schlager-Vorwürfe“ gegen EISBRECHER, doch anders als der Graf und UNHEILIG, zogen die Bayern offensichtlich keine „artfremden“ Zuschauer an.

Die wären mit den Dunkelrockern von LORD OF THE LOST wahrscheinlich auch nicht klar gekommen. Der Fünfer aus St. Pauli wurde von Alexx persönlich angekündigt, der schnell noch ein paar Süßigkeiten ans Publikum verteilte, bevor es die Hanseaten zu ihrem Intro „Live Today Die Tomorrow“ schon mal krachen ließen. Eine gewisse musikalische und optische Nähe zu HIM und MARILYN MANSON war nicht von der Hand zu weisen, allerdings blieben Chris „The Lord“ Harms und seine Mannen die skandinavischen Schmachtsongs schuldig, die bei HIM unvermeidlich sind. Stattdessen wurde mit Nummern wie „Black Lolita“ und „Sex On Legs“ (vom aktuellen Longplayer „Antagony“) amtlich gerockt und durfte wie beim Kollegen Manson ein Cover (besagtes „Bad Romance“ von LADY GAGA) nicht fehlen. Nach zwei Off-Tagen waren die Jungs im angesagten Gothic-Lumpen-Look (und zum Schluss überwiegend blanken Oberkörpern) offensichtlich ausgeruht und ließen es deshalb rund gehen. Außerdem hat Cheffe Chris nach eigenem Bekunden ein paar der schönsten Jahre seiner Jugend in Dortmund verbracht, da wollte man beim ersten Gig in der Stadt natürlich auch nicht kleckern sondern klotzen. Möglicherweise bekamen die Dortmunder deshalb auch als erste die neue, bassbetonte Single „Beyond Beautiful“ live auf die Ohren – neu war übrigens auch der Mann hinter der Schießbude, Christian „Disco“ Schellhorn, der sich jedoch bestens ins Bandgefüge einbrachte und für die passende Rhythmik der Songs sorgte. „Rhythmus“ war auch das Stichwort bei „Prison“, da Chris die Theorie aufgestellt hatte, dass „wer gut klatschen kann, auch gut fickt“ (wenn das stimmt, stehen die extrem rhythmusfremden UNHEILIG-Hausfrauen-Fans übrigens auf verlorenem Posten). Eventuelle Defizite auf dem Gebiet der Erotik wollte sich der Ruhrpott selbstverständlich nicht nachsagen lassen und wurde für seine Akklamationen im Anschluss mit dem tanzbaren Stomper „Break Your Heart“ vom 2010er Debüt „Fears“ belohnt. Nie Nummer animierte durchaus zum weiteren Mitklatschen und bei der kleinen „Miststück“-Einlage im Mittelteil war das Auditorium sowieso gleich hellwach. Mit Alexx Wesselsky hatte die Band den Song „Your Victories“ ersonnen, der momentan live in der deutschen Fassung „Eure Feinde“ vorgetragen wird. Auch dafür ernteten LORD OF THE LOST freundlichen Applaus, sodass die verlorenen Fürsten den einen oder anderen Besucher sicherlich auf ihrer Herbst-Tour in kleinerem Kreise noch einmal begrüßen können.

SETLIST LORD OF THE LOST
Live Today Die Tomorrow (Intro)
Black Lolita
Sex On Legs
Do You Wonna Die Without A Skar
Bad Romance (LADY GAGA-Cover)
Prison
Beyond Beautiful
Break Your Heart
Dry The Rain
Your Victories (Eure Siege)

Bis vor ein paar Jahren waren auch die Konzerte bei EISBRECHER ein wenig überschaubarer. Ich erinnere mich an eine Show in Nordhorn, die vor 3 ½ Jahren vor überschaubaren 100 Fans stattfand (wenngleich zu diesem Zeitpunkt in anderen Städten auch schon mehrere Hundert Zuschauer gezählt wurden). Eindeutig ist mit der 2008er „Eiszeit“ auch der kommerzielle Erfolg bei EISBRECHER eingekehrt, für den sie insbesondere seit dem Wechsel zum Major Label Columbia durchaus auch Prügel einstecken müssen. Zweifellos ist die neue Langrille an der einen oder anderen Stelle für EISBRECHER-Verhältnisse ungewöhnlich glatt ausgefallen, hier soll mit dem Produkt halt eindeutig auch das Mainstream-Publikum angesprochen werden, live blieben die beiden Bandleader Alexx, und Noel Pix, die nach verschiedenen Umbesetzungen inzwischen von Achim Färber an den Drums, dem Bassisten Dominik Palmer und Gitarrist Jürgen Plangger (A LIFE DIVIDED) unterstützt werden, ihrem bewährten NDH-Stil jedoch treu, was das Auditorium ihnen durchaus mit reichlich Applaus dankte. Nach relativ discolastiger Umbaupausen-Musik wurden die Anwesenden zunächst mit dem A-Team-Thema auf die Show eingestimmt, die schließlich um 21.30 Uhr mit Klängen im Schlager-Style und der Ansage „Heute Abend Deutsch-Rock“ begann. Jürgen und Noel Pix hatten rechts und links vom höher gelegten Drumkit Aufstellung genommen und schon konnte der „Exzess Express“ mit harten, schnellen Gitarrenriffs Fahrt aufnehmen. Nach einer kleinen Papierschlangen-Kanonade hieß es „Willkommen im Nichts“, bei dem wie beim gesamten Gig nicht an Lichteffekten gespart wurde. „Angst“ war nicht nur „alt und schön“ (O-Ton Alexx), sondern auch druckvoll und straight, bevor es passend zum erwarteten Weltuntergang den Song „Abgrund“ vom kontrovers diskutierten „Die Hölle muss warten“-Silberling gab. Die Nummer strafte mit seinen düster-donnernden Sounds sämtliche Schlager-Vorwürfe Lügen und auch der aktuelle Hit „Verrückt“ (Platz 43 der Single-Charts) sparte nicht am nötigen Rumms und wurde begeistert abgefeiert. Dass RTL II den Track als Untermalung für irgendwelche Programmtrailer ausgewählt hat, war für die Verkaufszahlen mit Sicherheit förderlich, aber wie sagte Herr Wesselsky so schön: „Wenn wir dadurch wie UNHEILIG auch in Stadien spielen, warum nicht? Das Publikum soll nicht so streng sein, wir machen weiter unseren ganz eigenen Schlager!“. An Stadien hatte er 2006 wahrscheinlich noch keinen ernsthaften Gedanken verschwendet, als „Antikörper“ in die Läden kam, dessen Titelsong im Folgenden mit einem knackigen Gitarrenbrett Nackenschläge verteilte. Auch der Klassiker „Leider“ wurde mit kollektivem Klatschen abgefeiert, bevor „ein neuer Schlager von unserem neuen Schlager-Album“ (EISBRECHER über EISBRECHER) auf dem Zettel stand. „Herz aus Glas“ legte im Vergleich zur Konserve live noch einmal eine Schüppe drauf und gefiel mit viel Druck, den auch der stoische Stomper „Amok“ nicht vermissen ließ. Dafür durften natürlich die Ölfässer nicht fehlen, auf welche die Instrumentalfraktion eifrig eindrosch, ehe die Fässer gegen zwei Barhocker getauscht wurden, auf denen Jürgen und Alexx Platz nahmen. Die alten Hasen im Zuschauerraum wussten selbstredend schon längst, was jetzt kommen würde: MICHAEL HOLMs „Tränen lügen nicht“ wurde vom Publikum mehr oder weniger synchron eingezählt und sogar ein paar Feuerzeuge wurden bei dieser Einlage zur Akustik- und E-Gitarre gesichtet. Als Special-Song für Dortmund hatten die Bajuwaren WOLLE PETRYs „Wahnsinn“ ausgewählt, bei dem Alexx nicht wirklich textsicher war, was aber nicht weiter von Bedeutung war, da das Auditorium mit den Lyrics aushelfen konnte. Irgendwie scheint Schlager doch immer zu gehen… Als nächstes gab dann jedoch mit „Die Engel“ wieder einen „Schlager“ aus dem Hause EISBRECHER, zu dem auch der Rest der Kapelle an seinen Arbeitsplätzen zurückkehrte. Der „Prototyp“ war nach Alexx’ eigenem Bekunden von Mallorca-Beats unterlegt, zu denen die Jack-Daniels-Flasche im Publikum kreiste, die der glatzköpfige Charmeur großzügiger Weise an seine Fans weitergereicht hatte. Aus finsterer Vergangenheit hatte der Evergreen „Vergissmeinnicht“ auf die Setlist gefunden – nach wie vor ein Highlight, auf das es im wahrsten Sinne Schlag auf Schlag ging, denn die berüchtigte „Schwarze Witwe“ vom selbstbetitelten Debüt aus 2004 übernahm mitsamt Reitgerte das Kommando. Auch „Heilig“ machte keine Gefangenen und wurde gefolgt von der Bandhymne „This Is Deutsch“, für die der Checker ein neues Outfit erhielt. Dies sogar im doppelten Sinne, denn er verabschiedete sich nicht nur von seinen Lederhandschuhen und der schwarzen Weste (der Schlips war bereits bei der „Witwe“ gefallen), nein, es gab zur neuen Tour auch einen neuen Lodenhut, den statt Gamsbart jetzt ein paar Auerhahn-Federn zieren und aus der groben Strickweste ist anno 2012 ein feines grünes Tuch geworden. Das Lied ist selbstverständlich immer noch dasselbe und so wurden die piepsigen NDW-Klänge, die Noel Pix auf seinem „Kinder-Keyboard“ produzierte alsbald von Stakkato-Sounds im Gleichschritt-Marsch abgelöst, nachdem Herr W. seine Jodel-Einlage beendet hatte. Nach 80 Minuten endete hier auch das reguläre Set, doch wusste der Hexenkessel FZW selbstredend, dass lange noch nicht Schluss war.

Während der Unterbau des Drumkits rot ausgeleuchtet wurde, musste erst die Frage „Kann denn Liebe Sünde sein“ mit brachialen Klängen, die man in Schlager wohl vergeblich suchen dürfte, beantwortet werden, ehe „Ohne Dich“ der Zuschauerschaft noch einmal eine volle Gitarrenbreitseite verpasste. Da die linke Seite bislang noch gar keinen Alkohol von der Bühne gereicht bekommen hatte, schickte der Fronter noch eine Flasche Wodka auf die Reise und hisste erst dann die NRW- bzw. Bayern-Flagge, um im Anschluss das „Miststück“ rauszulassen. Dieses Lied teilen sich bekanntermaßen EISBRECHER und MEGAHERZ, da sowohl Alexx Wesselsky als auch Jochen „Noel Pix“ Seibert 2003 von MEGAHERZ kamen, nachdem sie sich aufgrund musikalischer Differenzen von der NDH-Combo getrennt hatten, die Alexx zehn Jahre zuvor aus der Taufe gehoben hatte, um als EISBRECHER inzwischen deutlich ertragreicher neu durchstarteten. Wie bei jedem Konzert durften auch im Pott ein paar Fans ihr „Miststück“ ins Mikro grölen und auch die Rap-Einlage und das Schrebbel-Finale durften nicht fehlen. Mit einem Meer aus Konfetti und Papierschlangen endete der erste Zugabenblock, doch „Die Hölle muss warten“ war ja das Thema und das nahmen die EISBRECHER auf der Zielgeraden noch einmal auf, bevor sie ihre Fans in guter, alter Tradition mit BONNIE TYLERs „Total Eclipse of The Heart“ nach 110 Minuten Spielzeit gut gelaunt in die Nacht entließen.

Auf der CD mag es Momente geben, die den Begriff „Goten-Schlager“ verdienen, live war der EISBRECHER jedoch erneut in keiner Weise zu bremsen. Es wurde einmal mehr alles abgeholzt, was sich in den Weg stellte und damit waren die Bayern nicht nur auf der sicheren Seite, sondern auch sehr erfolgreich. Dank der notwendigen finanziellen Mittel im Hintergrund, fiel auch die Show insbesondere in Hinblick auf die Lichteffekte imposant aus – ein Umstand, mit dem die „Konkurrenz“ MEGAHERZ natürlich nicht mithalten kann, deren Live-Engagement an dieser Stelle jedoch auch noch einmal lobend erwähnt werden soll.

Setlist EISBRECHER
Intro
Exzess Express
Willkommen im Nichts
Angst
Abgrund
Verrückt
Antikörper
Leider
Herz aus Eis
Amok
Tränen lügen nicht (Akustik) / Wahnsinn (Dortmund-Special)
Die Engel
Prototyp
Vergissmeinnicht
Schwarze Witwe
Heilig
This Is Deutsch

Kann denn Liebe Sünde sein
Ohne Dich
Miststück

Die Hölle muss warten

Copyright Fotos: Uli Klenk

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