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EISBRECHER – SHE’S ALL THAT

Ort: Duisburg – Pulp

Datum: 22.04.2010

Mit „Eiszeit“ haben EISBRECHER am 16.04.2010 ihren vierten Longplayer innerhalb von sechs Jahren in die Plattenläden gebracht und natürlich wird dieser Umstand mit einer ausgiebigen Tour durch die schwarzen Gemeinden gefeiert. Zweite Station der Konzertreise war das rappelvolle Pulp in Duisburg, wo „Checker“ Alexx und seine Mannen das Publikum ordentlich zum Schwitzen brachten.

Geschwitzt haben dürften aber auch die Gestalten unter den Gummimasken, die den Abend um 19.30 Uhr mit elektronischen Klängen und viel Wumms eröffneten. Bekleidet mit Armeeoveralls und mit abenteuerlichen Maskeraden unkenntlich gemacht, präsentierten sich SHE’S ALL THAT als „hässlichste Frauenband der Welt“ und tatsächlich klang die Person am Mikro zumindest bei den Ansagen eher weiblich, selbst wenn Statur und vor allem die „Köpfe“ eher auf „alte Säcke“ schließen ließen. Zum Ende hin lüftete das androgyne Wesen zwar die Maske ein wenig, wer tatsächlich hinter dem Mummenschanz steckte, blieb jedoch ein Geheimnis. Das Internet verrät allerdings, dass die Kapelle aus Köln kommt und die Sängerin (!) SueShi heißt. Weitere Mitglieder sind Bastard an den Keys und Samples, Nik, der die Schießbude unter sich hat, sowie Dirty J am Sechssaiter. Den Soundclash aus Elektronica, Punk und hartem Pop kann man stilistisch wohl am ehesten in der Nähe von THE PRODIGY verorten und auch wenn sich das Ruhrgebiet noch reichlich bewegungsarm zeigte, wusste der Vierer doch zu unterhalten und einzuheizen. Zu „Firefly“ verlangte „Front-Opa“ SueShi dann bescheidene 35 % der Energie der Zuschauer und immerhin wurde gut mitgeklatscht. Man darf nicht vergessen, dass SHE’S ALL THAT von EISBRECHER ja auch die „Nasses-T-Shirt-Mission“ aufs Auge gedrückt bekommen hatten – eine Aufgabe, die das Quartett sehr ernst nahm und entsprechend Gas gab. Die Songs des vor kurzem erschienenen Debüts „Extra Fruity Disgusting“ waren samt und sonders von der schnellen Truppe und sparten nicht an Druck und Drive, so dass nach einer halben Stunde Spielzeit jeder im Saal ausreichend Gelegenheit gehabt hatte, auf Betriebstemperatur zu kommen, wobei es aufgrund des ausverkauften Hauses sowieso schon recht kuschelig war.

Setlist SHE’S ALL THAT
?
Mash It Up
Rock Ready
Dancing Machine
Fire Fly
Jump 1.2.3.4.
Superkid
Punch You

Sollte irgendjemand noch gefröstelt haben, dürfte sich dieser Zustand spätestens beim Anblick der EISBRECHER-Besatzung geändert haben, denn die Herren aus Bayern kamen um 20.40 Uhr zu den Klängen eines Intros in dicken Jacken mit Pelzbesatzkapuzen auf die Bühne, um nach einem kurzen Moment des Sammelns mit dem Titeltrack ihres neuen Silberlings amtlich loszulegen. Allein die Tatsache, dass nach dem Opener die Wintergarderobe fiel, entlockte mancher Dame im Saal bereits einen spitzen Schrei, doch enttäuschte Alex seine weiblichen (und sicher auch manche männlichen) Fans und präsentierte diesmal zu keinem Zeitpunkt seinen blanken Oberkörper, obwohl jede Andeutung, dass es etwas mehr Haut zu sehen geben könnte, für einen kleinen Aufruhr im Auditorium sorgte. So oft wie der glatzköpfige Fronter an diesem Abend betonte, dass er inzwischen auch zu der Fraktion der alten Säcke gehört, muss man sich fast Gedanken machen, ob der Waschbrettbauch Geschichte ist, aber man (bzw. Frau) darf immer noch an die Tür des Nightliners klopfen und erhält dann vielleicht Gelegenheit, sich aus nächster Nähe ein eigenes Bild zu machen. Ein beliebtes Thema war im Duisburger Eventschloss im übrigen der andere Glatzkopf der Gothic-Szene. Die Rede ist natürlich vom Grafen respektive UNHEILIG, dem Herr Wesselsky gemeinsam mit Gitarrist Jürgen Plangger sogar eine Schlager-Akustikversion von „Geboren um zu leben“ widmete. „Tränen lügen nicht“ von MICHAEL HOLM und der aktuelle UNHEILIG-Hit ergänzen sich tatsächlich ziemlich gut, wie der amüsante Vortrag der beiden unter Beweis stellte. Grundsätzlich standen bei den fünf Herrschaften, die 2003 den EISBRECHER erstmals haben auslaufen lassen, allerdings etwas härtere Klänge auf dem Zettel. Neben sechs neuen Songs, die durch die Bank überzeugen konnten und in die Vollen gingen, gab es selbstverständlich jede Menge EISBRECHER-Klassiker, wobei sich die Fans nur eine Woche nach Ausbruch der „Eiszeit“ schon erstaunlich textsicher zeigten. Optisch und akustisch machte insbesondere die erste Zugabe „Amok“ viel her, da hier eigens vier Ölfässer auf die Stage geschafft wurden, die im Weiteren von den vier Instrumentalisten bearbeitet wurden, während Alexx mit dem typischen Käppi gut behütet das Mikro bediente, mit dessen Ständer er im Laufe des Gigs einige Male schmerzvolle Bekanntschaft machte. Aber jemand wie der Checker (entsprechende Rufe wurden übrigens mit einem „Schaut nicht so viel fern, lest lieber mal ein Buch!“ quittiert), kennt natürlich keinen Schmerz und der verkonsumierte Wodka half sicher auch selbigen zu betäuben, so dass mit schwerem Geschütz und voller Kraft gerockt werden konnte. Unter Lichtgewittern wurde deshalb „Willkommen im Nichts“ vom selbstbetitelten 2004er Debüt abgefeiert, während der Song gleichen Namens in der Setlist selbstredend ebenso wenig fehlen durfte. Angetan mit einem schweren Mantel, einer Kapitänsmütze und zwei Eispickeln, performte Alexx den Klassiker routiniert und mit enormer Spielfreude, nachdem er zuvor bei „Ohne Dich“ vom zweiten Album „Antikörper“ klar gestellt hatte, dass EISBRECHER den Discofox-goes-Gothic-Trend schon lange vor UNHEILIG erkannt hätten und selbstverständlich auch beherrschten. Wie nicht anders zu erwarten, wurde die Nummer für „Herz, Eier und Bein“ auch hervorragend aufgenommen – genau wie der emotionale Stomper „Vergissmeinnicht“ und die dominante „Schwarze Witwe“, die mit heftigen Akklamationen bedacht wurde. Bei „Heilig“ vom zwei Jahre alten „Sünde“-Longplayer unternahm der charismatische Fronter einen kurzen Abstecher ins Publikum, bevor Trachtenstrickweste und Loden-Gamsbart-Hut den Beginn von „This Is Deutsch“ markierten. Mit Melodica (Alexx) und portablem Tastenintrument (Leadgitarrist und Songschreiber Jochen „Noel Pix“ Seibert) zeigte der Track NDW-Anleihen, wohingegen der zum Song gehörende Abzählreim wie eine weitaus knackigere Variante des OOMPH!schen „Augen auf“ daherkam. Das „Zeichen der Venus“ bot derweil langsame und schnelle Passagen und führte unter Lichtblitzen zum krachenden Finale des regulären Sets, dem noch vier Zugaben folgen sollten, von denen wie üblich „Miststück“ besonders ankam. Vielleicht liegt es daran, dass man bei dieser Gelegenheit seiner Begleitung endlich entgegen schreien kann, was man schon längst loswerden wollte? Fakt ist, dass der Song, den Alexx und Noel Pix von MEGAHERZ mitgebracht haben, einfach eine Granate ist, aber auch die Mönchsgesänge, mit denen schließlich „Mein Blut“ und das gelungene Konzert endeten, ließen kein Wünsche offen.

Über 100 Minuten gab’s von EISBRECHER mit massivem Druck, jeder Menge harter Gitarren und flotten Rhythmen gewaltig was auf die Mütze. Vergleiche mit den UNHEILIGen Kollegen können da nur hinken. Beide haben ihren Platz im Goth-Zirkus verdient und auch der kommerzielle Erfolg sei beiden Bands gegönnt. EISBRECHER haben mit „Eiszeit“ dafür das passende Konservenfutter abgeliefert und dass sie live nach wie vor amtlich abliefern, steht für alle, die in Duisburg dabei waren, ganz gewiss außer Frage. In diesem Sinne: immer wieder gern!

Setlist EISBRECHER
Eiszeit
Angst
Bombe
Willkommen im Nichts
Leider
Böses Mädchen
Ohne Dich
Eisbrecher
Vergissmeinnicht
Schwarze Witwe
Tränen-lügen-nicht-/Geboren-um zu-leben-Parodie
Die Engel
Heilig
This Is Deutsch
Zeichen der Venus

Amok
Dein Weg
Miststück

Mein Blut

Copyright Fotos: Uli Klenk

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