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EISBRECHER – ZIN

Ort: Osnabrück – Hyde Park

Datum: 07.11.2010

Anlässlich ihres Auftrittes beim diesjährigen Amphi Festivals hatte ich versprochen, im Herbst noch einmal zu kontrollieren, ob EISBRECHER denn auch wirklich bei jedem Konzert ihren Smasher „Miststück“ aus vergangenen MEGAHERZ-Tagen spielen. Entsprechend bin ich dieser angenehmen Pflicht dann auch beim einzigen November-Headliner-Termin nachgekommen, der für mich zu meiner besonderen Freude im Osnabrücker Hyde Park zum Heimspiel geriet. Da es nach Alexx Bekunden teuer war, sich als Support bei ALICE COOPER einzukaufen, war dieser kleine Abstecher nach Niedersachsen nötig, um die Bandkasse wieder aufzufüllen, da in den Stadien beim „Doctor of Music“ auch nicht mehr los sei als im Park und dort zudem nicht wirklich Geld zu verdienen sei. Ob tatsächlich nur rund 500 Fans den Weg zum Rock-Altmeister finden, wage ich stark zu bezweifeln, doch von diesem Gig werden wir an anderer Stelle berichten…

Natürlich waren EISBRECHER nicht allein in die Hasestadt gekommen. Begleitet wurde der momentan erfolgreichste Vertreter der Neuen Deutschen Härte erstmals von der Leipziger Formation ZIN, die auch bei den vier EISBRECHER-Jahresabschlusskonzerten mit von der Partie sein wird. Möglicherweise haben sich die Bayern und Sachsen übrigens beim bereits erwähnten Amphi kennengelernt. Dort hatten sich ZIN in diesem Jahr nämlich tatsächlich den Eröffnungsgig des Festivals per Ebay-Auktion „erkauft“, nachdem sie zusätzlich bei einer Warm-Up-Party am Freitag die schwarze Gemeinde von ihren Qualitäten überzeugen konnten. Die Osnabrücker Schwarzkittel hätten sich vielleicht mit der September-Vorband STAHLMANN etwas leichter getan, da deren Musik (wie der Name schon fast vermuten lässt) doch deutlich näher an der EISBRECHERischen Mucke ist als der elektronische Indie-Rock-Sound von ZIN, der nicht nur stilistisch durchaus an PLACEBO erinnert, sondern insbesondere durch die prägnante Stimme des Fronters Iven Cole, dessen Organ frappierende Ähnlichkeit mit dem Gesang von Brian Molko aufweist. Besonders deutlich wurde diese stimmliche Verwandtschaft beim letzten Song der Band, der auf den Namen „Tourists To This World“ hörte und gleichzeitig der Titel des 2007er Debüts der vier Herrschaften ist. Gerade diese Nummer machte richtig Laune und ging ins Bein, so dass sich im Laufe der 45 Minuten Spielzeit immer mehr Zuschauer vor der Stage einfanden. Wie es nun einmal die Art der zurückhaltenden Osnabrücker ist, blieb man zwar noch deutlich auf Distanz, aber immerhin gab es freundlichen Applaus für den Vierer, der den Abend nach ein paar warmen Worten von Zeremonienmeister Alexander „Alexx“ Wesselsky mit „2010“ vom brandneuen Longplayer „The Definition“ eröffnete, ehe es mit dem coolen „We Claim Monarchy“ weiter ging. Mit dem nächsten Track „Rent My Soul“ legte der dunkelhaarige Sänger fürs Erste seinen Sechssaiter aus der Hand, um zwischendurch auch mal am Glimmstängel ziehen zu können, während sich Mika hinter der Schießbude langsam in Schweiß gespielt hatte und sich daher vor „Kiss The World Goodbye“ seines T-Shirts entledigte. Der Drummer bekam beim folgenden „Symbiosis“ vom Erstling noch gut zu tun, während es bei „Cellar Door“ mit seinen französischen Einsprengseln ein wenig ruhiger zu ging, wenngleich es keineswegs am nötigen Schmackes fehlte. Lediglich „While The Devil Is Dancing With Me“ hätte ein wenig mehr Pep ertragen, doch schon mit „Swim!“ kehrte inklusive „SHAKIRA-Beats“ (O-Ton Iven Cole) wieder Leben auf die Bühne zurück, so dass es am musikalischen Einstieg mitsamt Gitarren- und Synthie-Klängen nichts zu meckern gab.

Setlist ZIN
2010
We Claim Monarchy
Rent My Soul
Kiss The World Goodbye
Symbiosis
Cellar Door
While The Devil Is Dancing With Me
Hohenschönhausen
Swim!
Tourists To This World

Da war die Umbau-Pausenmusik von einem ganz anderen Schlage: Überwiegend wurde das Auditorium mit 70er-Jahre-Diskomucke beschallt; es gab aber auch die Erkennungsmelodie des „A-Teams“ auf die Ohren, was jedoch insbesondere bei den männlichen Anwesenden durchaus angenehme Erinnerungen wach werden ließ, wenn ich die verträumt dreinblickenden Gesichter richtig gedeutet habe. Damit war allerdings um 21.15 Uhr ganz schnell Schluss, als schließlich die „Eiszeit“ am Fürstenauer Weg ausbrach. Angetan mit dicken Jacken, Mützen und im Falle von EISBRECHER-Mitbegründer Jochen „Noel Pix“ Seibert einer polartauglichen Schutzbrille, enterte der Fünfer die in kühlem, blauen Licht liegende Stage und gab den Fans gleich zu Beginn ordentlich was auf die Mütze. Alexx schwang derweil zwei Eispickel, bevor er nach dem Abschuss verschiedener Papierraketen sein Publikum in „Osnafuckingbrück“ begrüßte. Wie sich herausstellte, waren viele Wiederholungstäter unter den Zuschauern, jedoch schien es mir, dass noch nicht viele bei der aktuellen Tour dabei waren, sonst hätten sie vielleicht das MICHAEL-HOLM-Cover „Tränen lügen nicht“, welches Alexx und Gitarrist Jürgen Plangger mit zwei Akustikgitarren auf Barhockern sitzend vortrugen, besser einordnen können und hätten sich die Pfiffe gespart. Kleine Sticheleien Richtung UNHEILIG kann „Der Checker“ nun mal nicht bleiben lassen und deshalb gibt’s bei EISBRECHER jetzt auch unplugged-Schlager-Intermezzi und ein Song wie „Komm süßer Tod“ vom 2008er „Sünde“ wird mit einem „Geboren um zu sterben“-Seitenhieb präsentiert. Wer genau aufgepasst hatte und nicht wie die Damen in den ersten Reihen komplett auf Herrn Wesselsky fokussiert war, stellte zudem fest, dass sich auf der Bühne einiges getan hatte. Am Schlagzeug saß nicht mehr René Greil, sondern der französische Neuzugang Sebastian und auch der Tieftöner hat einen Besetzungswechsel erfahren. Hier zupft statt Olli Pohl jetzt Dominik Palmer die Stahlsaiten. Im Mittelpunkt stand aber natürlich wie eh und je der gute Alexx, der sich spendierfreudig zeigte und seine Jack-Daniels-Flasche auf Nimmerwiedersehen ans Publikum abgab und sogar noch die kombinierte Bayern-/ Niedersachsen-Flagge in die Menge warf, nachdem er und Jürgen sich im Rahmen ihrer Stromlos-Session am Niedersachsen-Lied versucht hatten. So richtig wussten die Anwesenden diese musikalische Geste jedoch nicht zu würdigen – vielleicht waren aber auch einfach zu viele Westfalen aus dem nahen NRW anwesend, die ihre eigene Hymne vermissten. Vereint haben zweifellos alle Zuschauer die harten Gitarrenriffs und wie so oft waren es gerade die älteren Tracks, bei denen die Stimmung am besten war. So gesehen beim sehr tanzbaren „Vergissmichnicht“ vom 2006er „Antikörper“ oder der berühmt-berüchtigten „Schwarzen Witwe“, die 2004 auf dem selbstbetitelten Debüt das Licht der Plattenläden erblickt hat. Für diese Nummer reichte Band-Faktotum Dodo seinem Chef eine Gerte, auf dass dieser alsbald im Graben nach Verwendungsmöglichkeiten für das Züchtigungsutensil suchte und schließlich auf seinen Mitstreiter am Bass zurückgriff, ehe er selbst einen doch eher sanften Hieb von Leadgitarrist Noel Pix erhielt, mit dem er EISBRECHER 2003 aus der Taufe gehoben hatte, nachdem die beiden ihre vorherige Combo MEGAHERZ nach Differenzen mit dem Rest der Mannschaft verlassen hatten. Goten-Schlager aus dem Hause EISBRECHER gab’s derweil mit „Die Engel“ vom aktuellen Top-5-Album „Eiszeit“. Hier durften natürlich die krachenden Langäxte ebenso wenig fehlen wie beim folgenden „Heilig“, bei dem Alexx einfiel, dass er bereits vor 13 Jahren mit MEGAHERZ und SUBWAY TO SALLY im Hyde Park gespielt hat. Damals war von Gamsbart und Strickweste wohl noch nicht die Rede, seit „This Is Deutsch“ gehören diese Accessoires selbstverständluch genau wie Pix’ Kinder-Keyboard für den typischen NDW-Sound zwingend zur Ausstattung. Zum Schluss des regulären Sets begab sich der groß gewachsene Fronter mit dem spärlichen Haarwuchs noch einmal in den Graben und ließ das Publikum singen, ehe er sich schon mal ins Off begab und seiner Langaxt-Fraktion das Terrain fürs große Finale überließ.

Natürlich war’s das nach 70 Minuten noch nicht mit der großen EISBRECHER-Fahrt. Vielmehr liefen die Herrschaften an vier Ölfässern noch „Amok“, bevor es mit „Ohne Dich“ einmal mehr etwas fürs Herz gab. Tragischerweise musste Alexx danach sogar Wasser trinken, um seine Stimme zu ölen, da die Whiskeyflasche immer noch verschwunden (und vermutlich auch längst leer) war. Immerhin konnte Dodo noch Wodka auftreiben und so stand dem „Miststück“ nichts mehr im Wege. Hier waren erneut die Sangeskünste der Fans gefragt, die für ihr Engagement sogar mit rotes Rosen belohnt wurden. Abermals ließen es zum guten Schluss die Gitarren noch einmal amtlich krachen, ehe es nach einem weiteren kurzen Abschied von der Bühne mit „Mein Blut“ endgültig auf die Zielgerade ging. Diesem relativ ruhigen Ausstand aus den Anfangstagen, bei dem auch angedeutete Mönchsgesänge nicht fehlen dürfen, folgte nur noch BONNY TYLERs „Total Eclipse of The Heart“ aus der Konserve – ebenfalls ein Standard der laufenden Tour, genau wie das geliebte „Miststück“, das man jedes Mal wieder ganz hervorragend mitsingen kann. Vor allem wenn man es gedanklich auch noch der passenden Person widmen kann…

Setlist EISBRECHER
Eiszeit
Angst
Bombe
Willkommen im Nichts
Leider
Komm süßer Tod
Vergissmeinnicht
Schwarze Witwe
Tränen lügen nicht/Das Niedersachsen-Lied
Die Engel
Heilig
This Is Deutsch
Kinder der Nacht

Amok
Ohne Dich
Miststück

Mein Blut

Copyright Fotos: Karsten Thurau

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