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ELEMENT OF CRIME – VON WEGEN LISBETH

Ort: Bielefeld – Ringlokschuppen

Datum: 22.04.2016

2015 haben ELEMENT OF CRIME 30-jähriges Bandbestehen gefeiert und im Jahr zuvor ist ihr letztes Album „Lieblingsfarben und Tiere“ erschienen. Beides gute Gründe, um mal wieder den Bielefelder Ringlokschuppen zu beehren, der sich an diesem Freitagabend in der großen Halle sehr gut gefüllt zeigte. Auf die allermeisten Besucher traf zudem auch die Feststellung von Fronter Sven Regener zu, dass man in den sogenannten guten 90er Jahren ja auch schon über 30 gewesen sei – endlich mal wieder ein Konzert, bei dem ich nicht zu den ältesten Zuschauern gehörte! Zuvor begrüßte der Musiker und Schriftsteller pünktlich um 20.00 Uhr jedoch erst einmal fünf Jungspunde aus Berlin, deren Ansage er mit Freuden persönlich übernahm.

Es handelte sich dabei um die Indie-Kapelle VON WEGEN LISBETH, die nach eigenem Bekunden üblicherweise vor deutlich kleinerer Kulisse und wesentlich jüngerem Publikum spielt. Die Herrschaften sind allerdings schon seit ein paar Tagen mit Regener, Jakob Friderichs (Gitarre), David Young (Bass), Richard Pappik (Drums) und einem zusätzlichen Herrn am Saxofon unterwegs, sodass sie zumindest erkennbar kein großes Lampenfieber (mehr) plagte und stattdessen gut gelaunt und mit viel Groove in den Abend gestartet werden konnte. Sechs überwiegend lebhafte Songs hatten die bewegungsaktiven Hauptstädter vorbereitet und verwiesen damit auf ihr Debüt-Album „Grande“, das im Juni in die Plattenläden kommt und machten zudem auch auf ihre Headliner-Tour im Herbst und ihre zahlreichen Merch-Artikel aufmerksam. Die Jungs brauchen halt die Kohle und für die Zielgruppe 14-18 Jahre hielten sie sicherlich schöne Artikel parat, die Mama und Papa von ihrem Konzertabend für den daheim gebliebenen Nachwuchs mitbringen konnten. Für ihren knapp halbstündigen Gig wurde das Quintett auf jeden Fall mit großzügigem und verdientem Applaus bedacht. Und Sven hatte natürlich recht: VON WEGEN LISBETH tragen ihren etwas seltsamen Namen mit Stolz und Würde.

Nach einer nur 15-minütigen Umbaupause traten dann die Hauptprotagonisten des Abends ins Bühnenlicht (an dieser Stelle ein großes Lob an die Technik: Licht und Ton waren ohne jeden Fehl und Tadel!) und erinnerten sich im smoothen EoC-Sound „Am Morgen danach“ an vergangenes. Erinnerungswürdig war natürlich auch das swingende „Mehr als sie erlaubt“ vom 1993er „Weißes Papier“, bei dem erstmals auch Regeners Trompete zum Einsatz kam, während der Mann zuvor die Saiten seiner Gitarren bearbeitet hatte. Mit dem getragenen „Schwert, Schild und Fahrrad“ widmete man sich erneut neuem Material, was auch für „Rette mich (vor mir selbst)“ im Hamburger 6/8-Takt galt. Begriffe wie „Strand, Nordsee und Flut“ kann man nach Bekunden des heuer vergleichsweise maulfaulen Frontmanns nämlich nicht allein SANTIANO überlassen. Ebenso wenig, wie man nur eigene Sachen spielen darf, das wäre asozial, weshalb bei ELEMENT OF CRIME mit dem bluesgetränkten „You’re Gonna Need Somebody On Your Bond“ eine Nummer von BLIND WILLIE JOHNSON auf dem Programm stand. Rot erstrahlte derweil die Stage beim ebenso zurückgenommenen wie schönen „Bitte bleib bei mir“, das 2009 auf „Immer da wo du bist bin ich nie“ erschienen ist und auch der Titeltrack dieser Goldenen Schallplatte wurde im weiteren Verlauf mit viel Temperament und hörenswerter Saxofon-Verstärkung zu Gehör gebracht. Ein Highlight war unbedingt auch „Am Ende denk ich immer nur an dich“ vom selben Silberling und auch „Kaffee und Karin“ konnte mit Polka-Charme und viel Gebläse punkten. Dem einen oder anderen Fan mag derweil das Lied „Ein Hotdog unten am Hafen“ gänzlich unbekannt gewesen sein. Bei dem beschwingten Stück handelte es sich um eine Auftragsarbeit für den Soundtrack zu dem Film „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ von Leander Haußmann, wohingegen der Titel „Liebe ist kälter als der Tod“ auf einen Streifen von Rainer Werner Fassbinder zurückgeht. Den Regisseur überwiegend schwerer Kost nannte Sven Regener scherzhaft „den Spaßmacher aus München“ und „Louis de Funès des deutschen Autorenfilms“ und siehe da: der Song ging ganz entspannt ins Bein! Gegen 22.00 Uhr markierte schließlich das smarte „Lieblingsfarben und Tiere“ das Ende des regulären Sets, nachdem zuvor Drummer Richard seinen Arbeitsplatz hinter der Schießbude gegen ein Cajón am Bühnenrand getauscht hatte, um gemeinsam mit den Kollegen bei „Über dir der Mond“ für eine ausgesprochene Gänsehautstimmung zu sorgen. Ebenfalls nicht zu vergessen: der coole Kopfnicker „Mittelpunkt der Welt“ vom gleichnamigen Longplayer aus 2005!

Aber auch die Zugaben hatten es in sich! Angefangen beim eindringlichen „Weißes Papier“, über „Delmenhorst“, die heimliche Hymne der Metropolregion Oldenburg/Bremen (lt. Weser-Kurier), zu der abermals getanzt werden durfte, bis hin zur unvergleichlichen „Straßenbahn des Todes“ und „Dieselben Sterne“, mit denen der Gig entspannt und mit viel Drive nach kurzweiligen 110 Minuten endete.

ELEMENT OF CRIME sind einfach eine Institution in der deutschen Musiklandschaft. Musikalisch über jeden Zweifel erhaben, wissen sie seit drei Jahrzehnten ihre Fans restlos zu begeistern, was nicht zuletzt an der wunderbaren Reibeisenstimme von Sven Regener liegt, der in Bremen geboren und aufgewachsen , einen charmant-knarzigen norddeutschen Zungenschlag hat und zudem wunderbare Lied- (und Roman-)texte verfasst. Es war mir einmal mehr ein großes Vergnügen, meine Herren! Bis bald!

Setlist ELEMENT OF CRIME
Am Morgen danach
Immer so weiter
Mehr als sie erlaubt
Schwert, Schild und Fahrrad
Rette mich (vor mir selber)
Draußen hinterm Fenster
You’re Gonna Need Somebody On Your Bond (BLIND-WILLIE-JOHNSON-Cover)
Bitte bleib bei mir
Liebe ist kälter als der Tod
Am Ende denk ich immer nur an dich
Ein Hotdog unten am Hafen
Über dir der Mond
Dunkle Wolke
Mittelpunkt der Welt
Immer da wo du bist bin ich nie
Wenn der Wolf schläft müssen alle Schafe ruhen
Kaffee und Karin
Immer noch Liebe in mir
Lieblingsfarben und Tiere

Weißes Papier
Delmenhorst

Surabaya Johnny
Blaulicht und Zwielicht

Straßenbahn des Todes
Dieselben Sterne

Copyright Fotos: Sascha Uding

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