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ELEMENT OF CRIME – FLORIAN HORWATH

Ort: Bielefeld - Ringlokschuppen

Datum: 02.02.2010

Verkehrstechnisch war es von mir keine schlaue Idee, bei unbeständigem Schneematschwetter 50 km von Osnabrück nach Bielefeld zu fahren. Aber nach zwei witterungsbedingt verpassten Konzerten in der Vorwoche, zog es mich magisch in die Leineweberstadt, wo sich die von mir sehr verehrten ELEMENT OF CRIME im nahezu ausverkauften Ringlokschuppen angesagt hatten.

Wie gesagt, der Wettergott meinte es nicht gut mit mir, weshalb auch die erste Hälfte des FLORIAN-HORWATH-Gigs ohne mich stattfand, denn der Weg nach Ostwestfalen nahm doch deutlich mehr Zeit in Anspruch als sonst üblich. Für mich begann das Konzert des gebürtigen Innsbrucker mit Wohnort Berlin mit dem ruhigen „Broke My Guitars“ vom Album „Speak To Me Now“, das am 12. Februar erscheinen wird. Bei diesem Song bediente der Singer-/ Songwriter ein Instrument, das ein wenig wie eine Zither wirkte, bevor er zu „Friday Night Vampires“ vom gleichen Silberling wieder zu seiner Gitarre griff. Derweil wurde Florian von seiner Band beschwingt begleitetet – den Percussion-Job hatte übrigens Richard Pappik übernommen, der wenig später bei ELEMENT OF CRIME die Felle bearbeiten sollte. Vorher gab’s jedoch noch „Baby You Got Me Wrong“ auf die Ohren. Die schmusige, rhythmusbetonte Singleauskopplung des letzten Longplayers „Sleepyhead“ aus 2008 hatte der sympathische Herr Horwath gemeinsam mit NINA PERSSON (THE CARDIGANS) aufgenommen, nachdem sein Debüt „We Are All Gold“ 2005 gemeinsam mit Ninas Nebenprojekt A CAMP eingespielt worden war. Mit dem NORMAN-GREENBAUM-Cover „Spirit In The Sky“, Schellenkranz-Grooves und viel Druck verabschiedete sich FLORIAN HORWATH nach etwa einer halben Stunde vom positiv gestimmten Publikum, das er nicht zuletzt mit seinem Hauch Wiener Schmäh in der Stimme für sich gewinnen konnte.

Schlanke 20 Minuten später stand dann auch schon SVEN REGENER auf der Stage, dessen Stimme doch eher Reibeisen-Qualitäten mitbrachte. Mit von der Partie natürlich – wie schon erwähnt – Richard Pappik an den Drums, sowie Gitarrist Jakob Friderichs, Bassist David Young und als Live-Verstärkung zusätzlich noch ein Violinist, der dem Sound neben Svens Trompetenspiel den letzten Schliff gab. Seit 25 Jahren machen ELEMENT OF CRIME jetzt schon Musik, aber erst die beiden letzten Langrillen haben es in die Album-Top-Ten geschafft. Wahrscheinlich sind die Verkaufszahlen mit Regeners Popularität als Schriftsteller der „Lehmann“-Trilogie gestiegen, höhere Chartnotierungen hätten frühere Platten zweifellos auch bereits verdient. Mit drei Nummern des letzten Werkes „Immer da wo Du bist bin ich nie“ aus 2009 starteten die Berliner ihren fast zweistündigen Trip durch die EOC-Discografie, die mit einer stimmungsvollen Lightshow untermalt war. Sber auch ältere Songs hatten es auf die Setlist geschafft. Vom 1993er „Weißes Papier“ waren gleich der emotionale Titeltrack, das leicht angejazzte, an eine Polka erinnernde „Draußen hinterm Fenster“, die hawaiianischen Rhythmen von „Schwere See“ und das treibende „Immer unter Strom“ vertreten, welches mit einem besonders schönen Instrumentalpart punkten konnte. Gänsehautmomente waren grundsätzlich die Passagen, für die SVEN REGENER zum Blechinstrument griff. Etwa beim stoischen „Don’t You Smile“ mit seinen Herzschlag-Beats, das ebenso wie das sentimental-groovige „You Shouldn’t Be Lonely“ bereits 1987 das Licht der Plattenläden auf „Try To Be Mensch“ erblickte. Seit Anfang der Neunziger sind die Songtexte eigentlich in deutscher Sprache verfasst, eine kleine Ausnahme bildet jedoch das groovende „Death Kills“, welches wie „Über dir der Mond“ mit dezentem Tango-Flair vor zwei Jahren auf dem Soundtrack zum Film „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ erschienen ist. Natürlich durften auch eine ganze Reihe neuer Stücke nicht fehlen, die mir durch die Bank ganz besonders gut gefallen haben. Oft von einer schleppenden Slide-Gitarre („In mondlosen Nächten“) oder schepperndem Mariachi-Gebläse („Kaffee & Karin“) begleitet, verbreiteten die Songs Gänsehaut („Euro & Markstück“), luden zum Mitsingen („Kopf aus dem Fenster“) oder zum Tanzen („Immer da wo Du bist bin ich nie“) ein. Die fulminante Lightshow hätte dazu nicht stimmiger sein können, nur die vielen kleinen Zugaben-„Blöcke“ hätten sich ELEMENT OF CRIME sparen können. Für die Dramaturgie war es definitiv nicht vonnöten, die sechs genialen Zugaben derart zu zerstückeln. „Einer kommt weiter“ ebnete als ruhiger, aber ungemein atmosphärischer Beitrag den Weg für das ausgelassene „Delmenhorst“ vom vorletzten Album „Mittelpunkt der Welt“, ehe ganz zum Schluss SVEN REGENER den letzten Track „Der weiße Hai“ als soeben eilig geschriebenes Lied verkaufte. Als „junge Band“ hätten sie nicht so viele Stücke und müssten an dieser Zugabenposition normalerweise die aktuelle Single noch einmal spielen, aber vom allgegenwärtigen Schneegestöber inspiriert, sei ihnen diese Nummer eingefallen, in der sie mahnten, sich nicht zu früh auf den Sommer zu freuen, Weihnachten sei gerade erst vorbei. Auch ohne den Kinderchor, der den Song auf die aktuelle Konserve begleitet, machte „Der weiße Hai“ Laune und ließ den nasskalten Schneematsch erträglicher erscheinen, der die rundum zufriedenen Zuschauerschaft wenig später wieder in Empfang nahm.

Was soll einen auch noch schrecken, wenn man zuvor erleben durfte, wie SVEN REGENER seine Trompete nach einem besonders schönen Titel in die Höhe reckt und „Romantik!“ ruft? ELEMENT OF CRIME sind ganz einfach eine der besten deutschen Bands und Svens grummelnder Gesang wunderbarer Texte stellt insbesondere in Kombination mit seiner Trompete einen einzigartigen Genuss dar. Das Violinenspiel ergänzt den EOC-Style kongenial, so dass ich mich fast gar nicht darüber gegrämt habe, erst mit dreistündiger Verspätung zu Hause angekommen zu sein. Leider hatte mir ein Bielefelder Schlagloch einen Reifen zerfetzt und Ersatzreifen sind in Neuwagen leider so ohne weiteres nicht mehr vorgesehen. In meinem Auto wird sich das umgehend ändern, um künftig unnötige Wartezeiten auf den ADAC zu vermeiden. Immerhin durfte ich auf diese Weise feststellen, dass man keinesfalls 90 Minuten auf einsamer Strecke im OWL-Outback verharren muss, ohne mehrfach Hilfe angeboten zu bekommen. So war es alles in allem doch ein sehr schöner Abend, auch wenn die Nacht für mich extrem kurz war.

Setlist ELEMENT OF CRIME
Kopf aus dem Fenster
Am Ende denk ich immer nur an dich
Deborah Müller
Du hast die Wahl
Immer unter Strom
Schwere See
In mondlosen Nächten
Damals hinterm Mond
Bitte bleib bei mir
You Shouldn’t Be Lonely
Don’t You Smile
Death Kills
Über dir der Mond
Jetzt musst Du springen
Kaffee und Karin
Euro und Markstück
Immer da wo du bist bin ich nie

Einer kommt weiter
Delmenhorst

Weißes Papier
Draußen hinterm Fenster

Vier Stunden vor Elbe 1

Der weiße Hai

Copyright Fotos: Jörg Rambow

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