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ELEMENT OF CRIME – MAIKE ROSA VOGEL

Ort: Münster – Jovel

Datum: 03.02.2011

Genau 366 Tage war es her, dass ich nach einem ELEMENT-OF-CRIME-Konzert in der westfälischen Nachbarschaft mit einem platten Reifen auf dem Nachhauseweg liegen geblieben bin. Abergläubische Menschen wären unter diesen Umständen vielleicht nicht erneut zu einem Gig der altgedienten Recken um Sven Regener gefahren; da mich so schnell jedoch nichts schreckt und die positiven Erinnerungen an den letztjährigen Auftritt im Bielefelder Ringlokschuppen ganz klar überwogen, stand für mich erneut allerfeinste musikalische Kost aus Berlin auf dem Programm.

Bereits um 20.00 Uhr enterte Sven Regener, seines Zeichens nicht nur Musiker, sondern auch Schriftsteller und Drehbuchautor („Herr Lehmann“) die Stage im mit rund 1.500 Besuchern nahezu ausverkauften Jovel, um den Support des aktuellen Tourabschnitts zum „Immer da wo du bist bin ich nie“-Album vorzustellen. Die Dame, die sich die fünf ELEMENT-OF-CRIME-Herrschaften (auf der Bühne wird die Stammbesetzung bestehend aus Sven am Mikro, dem Sechssaiter sowie der Trompete, Richard Pappik an den Drums, Gitarrist Jakob Friderichs und Bassist David Young von Christian Komorowski an der Violine verstärkt) mit in den Tourbus geholt haben, hört auf den Namen MAIKE ROSA VOGEL, ist gebürtige Frankfurterin mit Wohnsitz in der Bundeshauptstadt und ist auf dem besten Wege ihr zweites Album zu veröffentlichen. Für das 2008er Debüt „Golden“, von dem Fräulein Vogel auch den Song „So hab ich Dich bei mir“ zum Vortrag brachte, fanden die Kritiker schon eine Menge lobender Worte, denen sich auch Regener anschloss und die Münsteraner sogleich aufforderte, die Gunst der Stunde zu nutzen und ein Exemplar des erst im April in die Plattenläden kommende neueste Werks „Unvollkommen“ zu erwerben. Zunächst einmal erhielt das Publikum, das zu einem großen Teil zumindest schon rein alterstechnisch zur EOC-Fanbase der ersten Stunde gehören konnte, natürlich Gelegenheit, sich von der Qualität des Liedguts zu überzeugen. Bewaffnet mit Akustikklampfe und Mudharmonika machte sich die zurückhaltende Brünette auf, das Herz der Westfalen zu erobern, doch war sie von ihrer besten Freundin, die aus Münster stammt, schon gewarnt worden, dass dies nicht unbedingt ein leichtes Unterfangen ist. Das Auditorium zeigte sich jedoch aufmerksam und beklatschte artig die Musik, die genauso klang, wie man sich das bei einer Musikerin mit Namen MAIKE ROSA VOGEL vorstellt: Inhaltsschwere Texte über die Liebe und das Leben trafen auf Singer-Songwriter-Gitarrengeschrammel, das bisweilen von Mundharmonikaklängen aufgepimpt wurde. Komplettiert wurde das Ganze durch die angenehm-samtige Stimme der Einzelkämpferin, die sich wacker geschlagen hat und nach 25 Minuten Platz für die Altherren-Riege machte.

Setlist MAIKE ROSA VOGEL
Ich bau mir ein Zelt
So hab ich Dich bei mir
Die Mauern kamen langsam
Für fünf Minuten
Liebe gemacht
Menschen werden nicht geliebt, weil sie schön sind

Das Schöne an so einer Vorband, deren Bühnenequipment im Grunde nur aus einem Mikrofonständer und einem nicht übermäßig großen Backdrop besteht, ist ja, das es fast nahtlos mit dem Hauptact weitergehen kann. So dauerte es auch nur angenehme acht Minuten, bis für EOC alles verkabelt war und der Spaß konnte mit drei Tracks des letzten „richtigen“ Studioalbums „Immer da wo du bist bin ich nie“ grandios beginnen. Zudem hatte der häufig leicht grantelig wirkende Fronter anscheinend Laberwasser getrunken und ließ sich ausführlich darüber aus, sämtliche drei Jovel-Standorte gekannt zu haben, was im Zusammenhang damit stehen könnte, dass es ELEMENT OF CRIME inzwischen schon seit 26 Jahren gibt und die Münsteraner Konzertstätte auf nahezu 30 Jahre Geschichte zurückblicken kann – auch wenn diese nicht ganz lückenlos ist und in verschiedenen Locations stattfand. So war „Immer unter Strom“ („Weißes Papier“ aus 1993) das flotte Motto des Abends, wenn der gute Sven nicht gerade die Arme hochriss und mit rauer Stimme ein lautes „Romantik“ vernehmen ließ. „Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei“ stellten die Berliner bereits 2005 auf ihrem ersten Top-Ten-Silberling „Mittelpunkt der Welt“ mit viel Gefühl fest und auch im ehemaligen Autohaus Kiffe am Albersloher Weg waren jeden Menge Emotionen am Start. Für „Über Dir der Mond“ vom „Robert-Zimmermann-wundert-sich-über-die-Liebe-Soundtrack verließ Richard Pappik seinen Arbeitsplatz hinter der Schießbude und nahm im vorderen Teil der Veranstaltung auf einer Drumbox Platz, um dem gefühlvollen Stück den nötigen Drive zu verpassen. „So wie Du“ vom 1999er „Psycho“ nahm alsbald wieder Fahrt auf und gefiel mit groovigen Sounds und fein jaulenden Gitarren, die beim folgenden „Sei der Himmel“ („Romantik“ – 2001) von Svens Trompetenspiel begleitet wurden, das stets eine ganz besondere Stimmung verbreitet und die klassische Rock-Instrumentierung Gitarre-Bass-Schlagzeug gemeinsam mit der Violine ungemein aufwertete. So schrammelte auch „I’ll Warm You Up“ vom 1986er Debüt „Basically Sad“ mit viel Schwung, ehe „Bitte bleib bei mir“ und „Weit ist der Weg“ mit pointiertem Saitenspiel das Herz der Westfalen rührten. Zwischendrin gab’s unter den Bühnenarbeitern auch mal kleinere Unstimmigkeiten, welches Lied denn wohl als nächstes auf dem Zettel stünde – da half es auch nicht, dass die Setlist auf dem Boden festgeklebt war, wenn denn die Musiker sie ohne Brille nicht mehr lesen können, wie Herr Regener verriet. Schließlich einigte man sich auf „Wenn der Morgen graut“ (1996 auf „Die schönen Rosen“ erschienen) und mag der Start ein wenig holprig gewesen sein, so gelang dem Quintett doch bald das perfektes Zusammenspiel ihrer Instrumente. „Die Straßenbahn des Todes“ erntete nicht nur wegen der fantastischen Langaxt-Variation jede Menge Applaus, langsam kamen die Münsteraner richtiggehend in Schwung, was möglicherweise am scheppernden Mariachi-Gebläse des rhythmusbetonten „Kaffee und Karin“ lag. Mit einem dezenten Mexiko-Einschlag schloss sich „Euro und Markstück“ an, um schließlich mit dem Titeltrack „Immer da wo du bist bin ich nie“ des zweiten Goldalbums nach „Mittelpunkt der Welt“, das es weiterhin bis auf den zweiten Platz der Charts geschafft hat, den regulären Teil des Sets um kurz vor 22.00 Uhr zu beenden. Mit einem „Und so ist das!“ ging Sven Regener von der Bühne, um wenig später „Weißes Papier“ zu besingen. Die stimmungsvolle Lightshow wurde dafür von weiß leuchtenden Lichtstäben im Hintergrund der Stage ergänzt, bevor die groß angelegte Städtewerbekampagne für „Delmenhorst“ fortgesetzt werden konnte. Auch hier hagelte es wieder reichlich Beifall, den es auch für „Don’t You Smile“ (1987 auf „Try To Be Mensch“ veröffentlicht) gab. Allerdings muss man wohl sagen, dass ELEMENT OF CRIME gut daran getan haben, nach vier englischsprachigen Langrillen in die Muttersprache des Sängers zu wechseln. Nicht nur, dass Svens deutschen Texte einfach wunderbar sind, seine englische Aussprache ist schon sehr speziell…das Lied dadurch aber nicht weniger hörenswert! Das Blechinstrument im Anschlag gab’s noch „Blaulicht und Zwielicht“ (1991 – „Damals hinterm Mond“) und einen dritten kleinen Break. Im letzten Zugabenteil erwartete das Auditorium zu guter Letzt ein Cover vom aktuellen 2010er Longplayer „Fremde Federn“: Für „You Only Tell Me You Love Me When You’re Drunk“ zeichnen im Original die PET SHOP BOYS verantwortlich, während „Alten Resten eine Chance“ aus der Feder von ELEMENT OF CRIME stammt. Auf der Zielgeraden klang Svens Trompete sogar ein wenig nach Dixieland, dann war nach knapp zwei Stunden der ebenso vergnügliche wie emotionale Abend mit dem sympathisch-grummeligen Sven Regener und seinen Mannen schon wieder vorbei.

Leider zeitgleich mit der Parallelveranstaltung in der nahen Halle Münsterland, wo Comedian PAUL PANZER seine Gäste ebenfalls verabschiedet hatte, sodass der Verkehrsfluss anfangs ein wenig stockte. Da ich die Rückfahrt von EOC-Konzerten jedoch schon ganz anders erlebt habe, spielte das überhaupt keine Rolle, immerhin lag hinter mir gerade ein gelungenes Konzert mit einer der besten Bands, die wir hierzulande haben.

Setlist ELEMENT OF CRIME
 Kopf aus dem Fenster
Am Ende denk ich immer nur an dich  
Deborah Müller  
Immer unter Strom  
Im Himmel ist kein Platz mehr für uns zwei  
Rein gar nichts  
Über Dir der Mond  
So wie Du
Seit der Himmel
I’ll Warm You Up  
Bitte bleib bei mir
Weit ist der Weg  
Wenn der Morgen graut
Straßenbahn des Todes
Kaffee und Karin
Euro und Markstück  
Immer da wo du bist bin ich nie

Weißes Papier  
Delmenhorst

Don’t You Smile
Blaulicht und Zwielicht

(PET SHOP BOYS Cover)
Alten Resten eine Chance

Copyright Fotos: Karsten Rzehak

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