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EMIL BULLS – KIND IM MAGEN? – STURCH

Ort: Osnabrück - Bastard Club

Datum: 23.10.2009

Sie ist vorbei, die Open-Air-Festival-Saison. Stattdessen beginnt nun die Zeit der Hallen-Gastspiele, bei welchen wir viele internationale Top Acts auch in Deutschland begrüßen dürfen. Tournéen der europäischen Spitze des Musikeisbergs und die der oftmals so großen Vorbilder aus Übersee füllen manch großes Gemäuer und bringen Wogen der Begeisterung mit sich. Doch warum werden jene so frenetisch gefeiert? Muss wohl an dem Seltenheitsfaktor ihrer Besuche liegen, lediglich die Begründung in der Qualität zu suchen, bringt da nämlich nicht den gewünschten Erfolg. Beispiel gefällig? Die „Phoenix“-Tour zu dem neuesten Werk der EMIL BULLS zeigt deutlich, das auch ein Paket bestehend aus drei heimischen Bands ein ebenso großartiges Event sein kann!

Eröffnet wurde es an diesem Abend von den Hamburger Jungs STURCH, die den Opener „Annoyous“ ihres aktuellen Albums „The Green Album“ der schon zahlreich vertretenen Klientel präsentierten. Mit jenem Album hat der Fünfer bereits reichlich lobende Worte abgestaubt – und diesen werden sie auch live mehr als gerecht. Ihr moderner Rock bestehend aus einer Mischung aus STAIND, SEVENDUST, gut und gerne eingestreuten Shouts und eigenem Charme verzaubert sofort und sorgte für die erste richtig dicke Überraschung des Abends. Die Freude über die überaus gut vorgetragene Kost stand jedem Anwesenden ins Gesicht geschrieben, allerdings gaben sich jene wie üblich in Niedersachsen ein wenig verhalten. Um Auflockerung bemühte sich deshalb vor allem Sänger Dennis, der mit seiner guten Laune anzustecken wusste, mehrfach Runden durch das Publikum drehte und sogar den höher gelegenen Catering Bereich enterte. So hatten seine Mitstreiter auf der Bühne umso mehr Platz, so richtig abzurocken und dies taten sie auch mit Bravour. Ältere Stücke wie „Back on my own“ und „For You“ zockte man genau so sauber und souverän wie die aktuellen „Kill Your Thoughts“ oder „1 with 10“ und erarbeitete sich damit nicht nur den verdienten Applaus sondern auch die Bereitschaft, dem Groove zu folgen. Dennis Reibestimme sorgte für angenehmste Verzückung, während die Shouts von Gitarrist Hannis die nötige Prise Kernigkeit im Topf des Wohlgefallens bildeten. Ansagen wie „Was macht ihr hier so in Osnabrück? Skaten? [in der Hinterhalle des Bastard Clubs befindet sich ein Skatepark; Anmerk. d. Red.] Wie viele Skater sind hier? Keine? Okay, der nächste Song geht raus an alle Nicht-Skater!“ prägten das Bild der enorm sympathischen Norddeutschen umso mehr, so dass man kleine Ausrutscher wie das Verwechseln einer Strophe (was man lachend während des Songs auch ehrlich zugab) nicht im Entferntesten übel nehmen kann. „Draußen im Bus sitzen die EMIL BULLS, lasst sie uns aufwecken!“ war also absolut Programm, während STURCH selber mit einem sehr guten, rund 30minütigen Auftritt im Rücken in dieser Nacht wohl zurecht gut geschlafen haben dürften.

Setlist STURCH
Annoyous
Kill Your Thoughts
Back on my own
Poisoned with Impurity
1 with 10
One Step Less
Wooden Wings
My Great Comfort
For You

War der „Made in Germany“-Faktor an diesem Abend ohnehin schon ziemlich hoch, wurde dieser mit den deutsch textenden KIND IM MAGEN? als nächster Programmpunkt sogar noch weiter gesteigert. Zwar bezeichnete man sich selbst schon zu Beginn als „Kontrastprogramm zu den anderen Bands“, doch das hinderte die Ticketzahler keineswegs daran, schon zu den Klängen des eröffnenden „Meine Antwort“ mehrheitlich richtig abzufeiern. Die ebenfalls positiven Reaktionen zu dem folgendem „Nein, nein, nein“ sorgten dann dafür, dass Sänger Trip Tom der gut gelaunten Menge reichlich Konzerterfahrung attestierte. Der Deutschpunkrock des Bochumer Trios kam erstaunlich gut an, so dass das stark an die TOTEN HOSEN erinnernde „Allez!“ genau so für reichlich Bewegung und Stimmung sorgte wie das MADSENhafte „Nein, nein, nein!“. „So kann nur ein Bastard Club schreien“ erkannte der stark an SUM41-Sänger Deryck Whibley erinnernde Trip Tom respektvoll an, der zusammen mit seinen beiden Kollegen den vorhandenen Platz auf der Bühne nicht so recht zu nutzen vermochte, dafür aber sehr routiniert und sauber arbeitete, wobei sie es nie wie Arbeit aussehen ließen. Auch in Sachen Kommunikation gab man sich ganz groß: „Ich muss hier ganz ‚unpunk‘ Wasser trinken…was sollen denn die Häme? Wo sind denn EURE Biere?? Oho, 3 Stück? Auf 500 Mann?!“ spaßte man von der Bühne, und zückte kurze Zeit später eine Akustik-Gitarre: „Ja, wir sind die Pop-Band heute. Wir zeigen euch nun mal, was man damit alles machen kann“. Und auch damit verstanden die Ruhrpottler ihr Handwerk. Neben weiteren starken Nummern wie „Wir sehen rot“ und meinem persönlichem K.I.M.?-Lieblingssong „Wolfsherz“ packte man auch wieder das Spielchen aus, bei dem man auf den Zuruf „Es prickelt Osnabrück“ stets ein kollektives „Ahoi!“ erwiderte. Auch mitsingbereit gaben sich die Anwesenden, was die Band mit „Auf was für geilen Konzerten wart ihr denn schon? Ihr seit ja richtig gut drauf!“ würdigte. In Zukunft wird man beim beantworten dieser Frage wohl auch diesen Auftritt nennen können, der wirklich viel Freude bereitete, auch wenn es auf der Bühne etwas mehr Bewegung hätte sein dürfen und die Frage erlaubt sein muss, warum man Dinge wie „Wo sind die Mädchen von Osnabrück?“ mit auf den Setlist-Zettel schreiben muss?!

Setlist K.I.M.?
Meine Antwort
Nein! Nein! Nein!
Allez!
Wie sehen rot
Anna
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Was du kannst
Tanzen
Wolfsherz
Dezibelmedizin

Dann wurde es Zeit für das Feuer, aus welchem sich der Phoenix erheben sollte: Nach einem epischen Hymnen-Intro hieß es „Here comes the fire!!!“ und man heizte dem prall gefüllten Bastard Club auch umgehend ein. Die EMIL BULLS feuerten den Opener der neuen Scheibe heraus und gaben damit gleichzeitig den Startschuss für einen unbändigen Bewegungsdrang in den Zuschauerrängen – kein Wunder, bei so einer Abrissbirne von Komposition. Die Münchener haben sich ja schon oft genug erfolgreich neu erfunden und klingen so trotz ihrer respektablen 14jährigen Bandgeschichte absolut frisch und unverbraucht. Das beweist eben auch dieser Titel, einer der wohl härtesten in ihrem Repertoire und Anstoß für ordentlich Moshaction vor der Bühne. Ihm folgte das nicht minder moshkompatible „The most evil spell“ vom großartigem Vorgängeralbum „The Black Path“, der ebenfalls gleich klar macht, dass es die BULLS live einfach drauf haben und es für mich deshalb noch unverständlicher ist, warum die Band oft noch so belächelt wird. Die Anwesenden an diesem Abend wussten die saubere Arbeit des Quintetts jedenfalls sehr zu schätzen und feierten so auch ältere Knaller wie „Leaving you with this“ oder „Mirror Me“. Sänger Christoph gefällt auch live mit seiner markanten Stimme und wird in Sachen Stimmeinsatz durch die Shouts von Bassist Jamie derart unterstützt, dass es eine Freunde ist. Die Truppe gibt auf der Bühne richtig Gas, zeigt, dass sie ihr Handwerk über die Jahre wirklich mehr als verinnerlicht hat und findet so genug Zeit, ordentlich Alarm auf der Stage zu machen. Zum Posen hatte man extra ein, zwei kleine Podeste mitgebracht, welches die euphorische Menge allerdings auch gerne als Rampe fürs Stage Diving nutzte. Dem wilden Ansturm entsprechend ging dann eins von jenen kurzzeitig zu Bruch, was Christoph zusammen mit dem Aufruf zur Vorsicht bei all dem Spaß nutzte: „Ihr seid herzlichst eingeladen, hier zu uns rauf zu kommen, dann allerdings galant wie eine Katze!“ Dieser Einladung kam man dann auch gerne nach und feierte seine Helden bei etwas längeren Pausen zwischen den Klangwerken mit „Emil!“ „Bulls!“, „Emil!“ „Bulls!“-Sprechchören, was der Band sichtlich schmeichelte. Diese zeigte sich auch gut gelaunt und spielfreudig. „Oh, der nächste Song ist ein krasser Song“ sprach es begeistert, und stimmte „When God Was Sleeping“ an. Selbst in einer relativ kleinen Räumlichkeit wie dem Bastard Club ließ man sich zu einer Wall Of Death nicht lange bitten, womit man bewies, das „ABC des Rock-Konzerts zu beherrschen“. Ebenso schafften die Osnabrücker etwas, was laut Aussage der Band bisher noch kein Publikum geschafft hatte, nämlich auch das zweite Podest zu zerstören, so dass dieses zwischenzeitlich repariert und für Christoph das Schlagzeug als nächst höherer Standort herhalten musste. Die Wahnsinnsstimmung dann noch weiter schüren sollten auch die Granaten „Newborn“ und „Smells like Rock’n‘Roll“, vor welcher die EMILs verbal ihren Hut zogen: „Dafür müssten WIR Eintritt zahlen“. Für das Geld hätten sie dann auch einiges geboten bekommen, denn die Meute wollte ihre Helden gar nicht gehen lassen, zu sehr liebte man das Moshen oder Feuerzeug schwingen zu dem Liedgut der Süddeutschen.

So trug es sich zu, dass nachdem die Herren Musiker die Bühne verlassen hatten, ein Fan das wieder tragfähige Podest auf der Bühne bestieg und die „Emil!“ „Bulls!“-Sprechchöre zusammen mit rhythmischem Klatschen entfachte, dem der Rest der Anwesenden direkt nachkam. Da konnte der bayrische Fünfer nunmal gar nicht anders, als erfreut zurück zu kommen und die nicht enden wollenden Huldigungen mit einem „Ruhe im Puff!“ zu unterbrechen – was lustiger Weise auch direkt auf Kommando von Christoph funktionierte, so dass dieser überrascht und erheitert zugleich war. Fans und Band gaben nochmal alles und klatschten sich abschließend gegenseitig ab, eine geile Vorstellung von beiden Seiten würdigend!

Setlist EMIL BULLS
Here comes the fire
The most evil spell
Leaving you with this
Wolfstunde / Ad Infinitum
Architects of my apocalypse
Nothingness
Mirror Me
Cocoon
New Born
Smells like Rock’n’Roll
All in tune with the universe
When god was sleeping
Nothing in this world
Worlds Apart

I don’t belong here
It’s high time

Revenge
Tomorrow I’ll back home

So viel Stimmung und gute Laune – und das von drei deutschen Bands in Niedersachsen im Herbst; hätte man’s gedacht? Ja, sagt jeder, der eine von den Truppen schon einmal live gesehen hat und dabei sicher genau so wenig enttäuscht wurde, wie die Besucher des heutigen Abends. Der Sound war für die Größe des Clubs sehr annehmbar, die Bands gut drauf und der Hauptact hat voll gezündet. Die EMIL BULLS sind einfach immer einen Besuch wert und fuhren mit einer gut gemischten Setlist auf, die zwar weder das oft geforderte „Symphony of Destruction“-Cover noch Stücke wie „Porcelaine“ enthielt, dafür aber einen guten Querschnitt bot und die musikalische Entwicklung der Band ganz gut einfing. Bleibt festzuhalten, dass auch die Kompositionen vom aktuellen Werk „Phoenix“ die BULLS zu einer der festen Größen im deutschen Alternative Metal macht und wir Deutsche auch verdammt geile Mucke machen können!

Copyright Fotos: Tina Hintze

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