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EMMURE – WAR FROM A HARLOTS MOUTH – WINDS OF PLAGUE – IWRESTLEDABEARONCE – WE SET THE SUN

Ort: Münster - Skater’s Palace

Datum: 19.05.2011

THE MOSH LIVES TOUR 2011

Der Mosh lebt – man mochte es schon anhand des durchweg von anstrengend harten Brocken besetzten Billings zu gerne glauben. Doch was sich am besagten Abend im Münsteraner Skater’s Palace, in dem die bereits letztes Jahr begonnene und nun quer durch Europa fortgeführte Tour ein vorvorletztes Mal Halt machte, abspielte, grenzte an absoluten Wahnsinn. Anstatt der sonst für Konzerte genutzten geräumigen Skate-Halle, in der man zuletzt unter anderem auch A DAY TO REMEMBER empfing, musste das wesentlich (!) kleinere Café hinhalten. Obwohl die Räumlichkeit schon beim ersten Anblick für hemmungslose Hardcore-Action prädestiniert zu sein schien, konnte ich mir nicht vorstellen, wie man Szenedominierende Kaliber wie EMMURE mitsamt Fangemeinde hier halbwegs heile unterbringen sollte. Selbst die Bands sahen extreme Zustände nahen und stellten ihre Fans im Vorfeld via Internet auf eine äußerst heiße, stickige und verschwitzte Show ein.

WE SET THE SUN hatten es als erste Band des Abends aber noch relativ einfach, konnten sie doch sogar von den Umständen profitieren. Da auf Absperrung und Fotograben gänzlich verzichtet wurde, stand die erst 2009 gegründete junge Truppe aus Wesel nach ihrem von einer bizarren Klangcollage begleiteten Einmarsch doch direkt vor dem ihr lauschenden Publikum. Trotz Quasi-Feuertaufe (man soll schon mit Vierzehn erste große Erfolge gefeiert haben) schienen sie im Laufe der Tour ihrer Nervosität Herr geworden zu sein, so dass man den Leuten recht reibungslos und selbstbewusst das eigene Kontrastprogramm aus Deathcore und Pop, guttural untermalten Breakdowns und Klargesängen von Gitarrist Thomas unterjubeln konnte. Ihre an Divergenz zwischen beiden Elementen reiche Interpretation des grassierenden Trends wurde daher vor der Bühne wohlwollend honoriert, von manch einem sogar schon ziemlich gefeiert. Diesen Reaktionen zu folge schien das Debüt „Christmas Has Been Yesterday“ bereits eine etwas größere Hörerschaft erreicht zu haben… immerhin landete man damit direkt bei Redfield Records. Auf so einen denkbar guten Start folgt sicherlich ein weiterer Aufstieg – daran ließ auch der geglückte Auftritt letztendlich keine Zweifel.

Zusammen mit WE SET THE SUN verließ auch der letzte Rest an Konvention die Bühne, während IWRESTLEDABEARONCE dem uneingeschränkten Wahnsinn Platz einräumten. Obwohl der Fünfer aus Louisiana mit seiner erschreckend unübersichtlichen Auswahl an Klangeindrücken grundsätzlich am Rande der Verträglichkeit musiziert, passte er dank der zentralen Ausrichtung auf mathigen Untergangs-Core und der mit dem Debüt-Monster „It’s All Happening“ erreichten Popularität irgendwie zum Sound der Weggefährten. Der Aufmerksamkeitsfokus lag selbstredend auf der Frau am Mikrofon, Crysta Cameron, die die Mannigfaltigkeit des Verstörenden voll auszuschöpfen wusste. Nicht nur, dass sie passend zur jeweiligen Stimmlage die Hände geschmeidig durch die Luft gleiten ließ oder epileptisch über die Bretter wirbelte, alleine der schizophrene Gesangsspagat zwischen überzogenem Pathos und BrüllSchrei-Ausbrüchen gelang ihr fürchterlich gut. Schade, dass da nur das Mikro nicht immer mitmachen wollte. Doch es blieb bei seltenen Ausfällen, die dem stark von Crysta angekurbelten Stimmungshoch (erster Pitalarm war zu vermelden) ohnehin nicht schaden konnten. Dabei entdeckte sie am rechten Rand der Bühne den Stehtisch für sich und gebrauchte die Hände einer leicht verdutzten Zuschauerin in der ersten Reihe als Mikrofonständer. Selbst Gitarrist Steven scheute sich nicht vor einem kleinen Tänzchen, wenn er nicht gerade über die Saiten seiner Klampfe flitzte und ihr irre Sounds entlockte. Doch bei all dem Gealber vergaß man doch nicht auf das im Juli erscheinende Zweitwerk „Ruining It For Everybody“ hinzuweisen. Mit geschürter Vorfreude also verließ man mit dem irren „Tastes Like Kevin Bacon“ die surreale Welt des Bärengerangels und hinterließ mit dem anstrengenden, aber höchst unterhaltsamen Auftritt trotz stark kontroverser Auffassungen seitens der Szene abgesehen von schmunzelnden faszinierte und erfreute Gesichter.

Kaum auf dem Boden der Tatsachen angekommen, musste man sich gleich in eben diesen mit herber Gewalt hinein stampfen lassen. Letztes Jahr schon im Schlepptau von PARKWAY DRIVE durch Europa gezogen durften WINDS OF PLAGUE nun auch ihre US-Kollegen EMMURE begleiten, zu denen sie mit ihrem episch bombastischen Bollo-Deathcore sogar noch besser zu passen schienen. Auch wenn manche dazu neigen, ihnen aufgrund dessen äußerste Männlichkeit zu bescheinigen, steuerte die neue Tastenfrau Alana Potocnik einen der wenigen weiblichen Beiträge des Abends hinzu. Vor zunehmenden Unstimmigkeiten in Punkto Sound schützte das natürlich nicht, so dass die Korrekturen mehr Zeit in Anspruch nahmen, als der ein oder anderen ungeduldigen Jogginghose lieb war. Man machte die überzogenen Minuten mit einem amtlichen Klang und dem allgemein bekannten Brecher „The Impaler“ jedoch schlagartig wieder gut, jegliche Beschwerde erstickte ohnehin im ausbrechenden Schmelztiegel. Man hatte irgendwie den Eindruck, sich auf einem dieser kleinen Hardcore-Konzerte in irgendeinem engen Jugendhaus zu befinden… nur dass auf der Bühne keine lokale Band, sondern ein großer Wutklumpen aus den Staaten stand. Es konnte weiter vorne daher manchmal unangenehm werden, wenn dicke Breakdown-Eruptionen die aktiven Artisten zu Ego steigernden Manövern veranlassten. Fronter Johnny Plague, der sich wie üblich nach und nach seiner Oberbekleidung entledigte, kostete die Situation aber natürlich voll aus und motivierte die sich mittlerweile stapelnden und am Mikro klebenden Körper zu weiteren Stagedive- und Shout-Aktionen. Unterstützend feuerte die Truppe hauptsächlich Stücke des Debüts „Decimate the Weak“, darunter der ultraharte Titeltrack sowie das wütende „One Body Too Many“, aus dem Repertoire, ließ aber auch das jüngste Werk „Against The World“ mit „Refined in the Fire“, dessen prolliger „Evil fucking fears me“-Gangshout selbstredend kollektive Zustimmung fand, zu Wort kommen. To have it the American way bildete das dicke „Reloaded“ den etwas stumpfen, aber effektiven Abschluss, bei dem sich WFAHM-Basser Filip schonmal am Viersaiter warmklopfte und man Unterstützung am Mikro aus den Zuschauerreihen erhielt, während Hauptsänger Johnny selbst den Weg in die Menge fand. Bei dem Energieaufwand konnte man WINDS OF PLAGUE auch die fehlende Abwechslung in der Setlist verzeihen, denn gerade unter den gegebenen Umständen haben sie sich abermals als Garant intensiver Live-Shows bewiesen. Donnerlittchen…

Unerwarteterweise spielten die bereits letztes Jahr zusammen mit EMMURE im Rahmen der Never Say Die! Tour reisenden WAR FROM A HARLOTS MOUTH, nach WE SET THE SUN der zweite deutsche Beitrag, an diesem Abend direkt vor dem Headliner… alleine dafür schon beide Daumen hoch! Diese Gelegenheit nutzte ein Gros der Menge, um gleich alle zehn Finger der sich langsam mit den verqueren Mathgrindern füllenden Bühne entgegen zu strecken. Den folglich wieder steigenden Anstrengsungsfaktor ließ schon das frickelige Intro durchblicken, den krassen Ausbruch veranlasste aber erst der als Letzter erscheinende Shouter Nico. Zuletzt noch als Gast auf der neuen JENNIFER ROSTOCK-Single in poppigen Lichtungen verharrt, zog es ihn anschließend wieder in den Wald zurück zu seinem Berliner Krachorchester, das kurzerhand das kleine Münsteraner Café mit tollwütigem, dennoch kalkuliert technischem Wahn zu zerlegen sich entschloss. Erbarmungslose Gesichtsschmelzen formten zum einstimmigen Mitschreien verzogene Visagen, in der Mitte der Halle war man wiederum stärker auf die trotz Komplexität immer noch derbe knallenden Breakdowns fokussiert. Nicos Animationen folgend wurde der Pit zur Abwechslung auch mal gecircelt, selbst eine bedingt durch die Größe des Schuppens eher kleine, aber nicht minder turbulente Wall of Death konnte man dem Publikum abringen. In nicht enden wollende Raserei verfallend, absorbierte der Mob alles, was die abgedrehte Kapazität der Berliner Combo hergab, so dass der glücklich verschwitzte Nico sogar zum spontanen Stage Mosh einlud. So wirklich fassen konnten die an den Rand gedrängten WFAHM-Frickler das folgende Ereignis nicht, doch die erwähnten Umstände füllten die Bühne in Windeseile mit sich unbeirrt schubsenden Körpern. Fette Aktion, der man mit „Uptown Girl“ natürlich noch einen draufsetzen musste. Dem Titel entsprechend holte man sich weibliche Unterstützung hinzu, die in Form der zuvor noch unscheinbar am Rand der Bühne wartenden FOR ALL THIS BLOODSHED-Shouterin Rage für eine kleine Überraschung sorgte. Sicherlich ein ganz besonderer Moment für die Fronterin der Kölner Deathcorer, den auch der langsam immer gelöster wirkende Nico zu zelebrieren und krönen wusste. Die ersten Reihen saugten sich ohnehin dauerhaft am Mikro fest. Doch gerade als man nach dem irren „Fighting Wars With Keyboards“ den vermeintlich letzten Akt beenden wollte, musste Nico feststellen: „Wir haben noch ein paar Minuten“. Zeit, ein wirklich allerletztes Mal an den Kräften zu zehren. Der aufs Neue erquickte Fronter verharrte daher nicht auf der Bühne, sondern hangelte sich das Geländer der oberen Etage entlang und ließ sich nach kurzem Fall verdientermaßen auf Händen tragen. Somit haben WAR FROM A HARLOTS MOUTH bis zum letzten Ende wirklich alles aus dem vorhandenen Potenzial des Cafés herausgeholt und trotz brutaler Präzision dem puren Hardcore Einzug gewährt. So macht das Spaß, so muss das sein – große Klasse!

Da mussten selbst die etablierten Headliner aus den USA mit vollstem Ghetto-Geschütz auffahren, um dieser Darbietung den Rang ablaufen zu können. An der angemessenen Spielzeit konnte es dieses Mal kaum scheitern, konnte die doch darüber hinaus noch ausreichend mit einer neuen Wutbratze gefüllt werden. Für den Pit ist das Breakdown-lastige Feedback-Geboller von „Speaker Of The Dead“ nämlich wie geschaffen, sodass schon das frische Intro vor der Bühne den Wahn entfachte. Wie immer völlig angepisst und mit beängstigend psychotischem Blick hatte Fronter Frank Palmeri spätestens mit dem fix hinterher gejagten „10 Signs You Should Leave“ die Menge fest an den Eiern gepackt, womit der weitere Fortgang des Gigs frühzeitig auf sichere Bahnen gelenkt werden konnte. Und so wurde dann auch alles bedingungslos geschluckt, was aus den Boxen raunte. Den Vorgänger „Felony“ bemühte man aufgrund seiner stumpf-effektiven Nu Mosh-Keulen natürlich weiterhin häufig, knüpfte mit dem frischeren Stoff aber ähnlich brutal an. Doch das heftige „Demons With Ryu“ konnte der nicht endenden Breakdown-Party selbst als neues Stück einen Hauch erholsamer Melodie unterbreiten, wenngleich die Pit-Gewalt mit dem eingebauten „Street Fighter“-Sample wieder ins Uferlose geriet. Ohnehin spielte sich die Aktion hauptsächlich in der Mitte und direkt vor der Bühne ab, denn im Gegensatz zu ihren Begleitern schienen sich EMMURE an die Situation im Café schwerlich gewöhnen zu können. Gitarrist Mike Mulholland musste genervt einen sich frühzeitig auf der Bühne verirrenden Fan zurück in die Menge schubsen, und auch Palmeri konzentrierte sich hauptsächlich auf sich selbst und sein Gebrunfte. Zu allem Überfluss gab auch noch das Mikro seinen Geist auf, so dass er zurecht verärgert auf ein alternatives zurückgreifen musste. Während also ihre Anhänger nicht genug mit neuen und alten Sachen gesättigt werden konnte, wurde die Band selber nicht so richtig warm… zumindest Stimmungstechnisch. Anscheinend gewöhnt man sich doch recht schnell an die großen Hallen. Nichtsdestotrotz spielte man sich pflichtbewusst und bewegt durch die weiterhin gut bestückte Liste an deftigen Songs und läutete mit dem absoluten Zerstörer „When keeping it real goes wrong…“ den vermeintlichen Schluss ein. Ein gemeiner Witz, wie Palmeri anschließend klarstellte, und so wurde das definitive Ende ungewohnterweise in die seichten Melodien von „Chicago’s Finest“ gebettet. Nur der Abgang war leider wieder äußerst freudlos und ignorant. Außerdem erschien er mir, verglichen mit der Spielzeit von WFAHM, sehr verfrüht. Schade, denn obwohl sich die Zuschauer ein letztes Mal restlos verausgaben durften und der Pit erneut unaufhaltsam rotierte, hätte man sich doch erhoffen können, dass die Jungs gerade unter den gegebenen Umständen ihr Ego mal bei Seite legen und ein bisschen mehr auf die eingehen, denen sie den Erfolg zu verdanken haben. Wahrscheinlich ist das mittlerweile aber zu viel verlangt.

Setlist EMMURE
Children of Cybertron (Intro)
10 Signs You Should Leave
I Thought You Met Telly And Turned Me Into Casper
Soundwave Superior
Sunday Bacon
Solar Flare Homicide
Rusted Over Wet Dreams
Demons With Ryu
Drug Dealer Friend
Dogs Get Put Down
R2deepthroat
When Keeping It Real Goes Wrong…
Chicago’s Finest

Letzten Endes durfte man aber gerade aufgrund des wirklich starken Mittelfelds den Abend als besonderes Ereignis dankbar ausklingen lassen. Zwar verbrauchten die Umstände wirklich auch den letzten Funken Energie… kaum jemand hätte wahrscheinlich bei den im Café herrschenden Temperaturen noch eine weitere Truppe dieses Kalibers vertragen können. Doch auf der anderen Seite wird man kaum noch einmal die Gelegenheit bekommen, eine derart intensive Show auf solch kleinem Raum mit einem vergleichbaren Brutalo-Paket zu zelebrieren. Die Beteiligten konnten sich glücklich schätzen, denn die Mission ward mehr als erfüllt – der Mosh erwachte wahrhaftig zum Leben!

Copyright Fotos: Sebastian Palmer

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