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FEAR FACTORY – AFTER ALL

Ort: Herford - X

Datum: 23.02.2010

Eigentlich sollte hier an dieser Stelle ja der Name NEAERA auftauchen, was er damit ja nun auch tut – allerdings aus einem anderen Grund. Die Münsteraner, als Special Guest an diesem Abend angedacht, haben nämlich aus familiären Umständen ihrer Auftritt absagen müssen. Schade, hatte man doch noch groß mit ihnen auf Plakaten etc. geworben. Einen Ersatz hat man dann in AFTER ALL gefunden, die jenen, die sich auf die öfter in Herford gastierenden NEARA gefreut haben, jedoch eher weniger geläufig sein dürften. So verwundert es nicht, dass zum pünktlichen Beginn um 20 Uhr recht viel Platz zwischen Bühne und dem Publikum herrscht, als das „Indiana Jones“-Theme erklingt und die Belgier mit „My own sacrifice“ loslegen. Direkt wird klar, dass man hier nun keinen Death Metal-lastigen Ex-Metalcore serviert bekommt wie ursprünglich angedacht – hier kreist der Thrash. Das Grundgerüst aus jenem Genre gezimmert, füllt man die Zwischenräume mit gitarrenverliebten Melodie-Spielereien und dem Heavy-haften Gesang des neuen Sängers Sammy Peleman. Dieser wechselt gut und gerne von energisch-verkniffenen Vocals in sirenenartigen Falsett-Gesang. Nicht jedermanns Sache, vor allem wenn man gerne Tieftöner Benny Hilleke an dieser Stelle vernommen hätte, aber dennoch nicht uninteressant. Zwar gewinnt man auch mit dieser Mischung wohl keinen Innovationspreis, doch dafür überzeugt man durch beeindruckendes Melodiegefühl und ein ausgezeichnetes Händchen in Sachen Härte-Balancing. Dass man es hier eindeutig mit sehr versierten Musikern zu tun hat, daran lassen auch Kompositionen wie das bärenstarke „Frozen Skin“ keine Zweifel – die eben erwähnten Charakteristika präsentiert das Quintett, welches durch Frederik Vanmassenhove (ex-ABORTED) neu am Bass komplettiert wird, in Bestform. Unbarmherzig sägt sich das Wahnsinns-Riffing in den Schädel, während Stücke wie „Ruins of bones“ ganz im Stil der alten Bay-Thrash-Schule Anschläge auf den Nacken verüben oder einen mit einem Ear-Catcher-Chorus wie dem von „Betrayed by the godz“ verzücken. Dabei hat man auch reichlich Spaß zusammen auf der Bühne, man tritt gut aufgelegt und als Teamplayer auf. So wird nicht nur einmal respektvoll auf den Kollegen gedeutet, wenn der gerade mit einem Solo oder ähnlichem auffährt. Vor allem Gitarrist Dries Van Damme scheint voll in seinem Element zu sein und post und mimt was das Zeug hält, während sein Saitenkumpan Christophe Depree ab und an ein paar Vocals beisteuert. Lediglich Kevin Strubbe am Schlagzeug wirkt sehr konzentriert, liefert dabei aber auch eine sauber groovende Arbeit ab. Auch wenn das Publikum recht verhalten scheint, gibt es verdienten Applaus und nachdem man sich bei FEAR FACTORY für die Tour bedankt hat, beendet man gegen 20:30 Uhr einen ordentlichen Auftritt mit „Forgotten“, der es wiederrum nicht verdient hätte, schnell vergessen zu werden.

Setlist AFTER ALL
My own sacrifice
Frozen skin
Land of sin
Devastation done
Betrayed by the gods
Ruins of bones
Forgotten

FEAR FACTORY

Um 21:00 Uhr füllt sich dann endlich der Zuschauerberreich und auf einmal wird es still… und dunkel. Musik und Licht erlöschen. Das Doppel-F auf dem großen Banner wird angestrahlt, während ein verzerrtes Sprachsample die Maschinen der Angstfabrik langsam und bedrohlich hochfährt. Dann ein Stampfen, ein maschinelles Stampfen. Es wird lauter, noch lauter, viel lauter – und als FEAR FACTORY dann auf erleuchteter Bühne mit „Mechanize“ eröffnen, verdammt laut! Mit dem Titeltrack des neuen Albums beginnt nun also der Auftritt der Fusion Metal-Legende, die offensichtlich mit viel Elan in den Abend startet. Vor allem Gitarren-Virtuose Dino Cazares ist gut drauf und bereits am Anfang viel unterwegs. Links wie rechts tritt er so weit es geht an den Bühnenrand, um den Anhängern möglichst nah zu kommen und diese zu begrüßen. Doch auch seine Kollegen geben sich umtriebig, bewegen sich viel und koordiniert, was bei der langjährigen Erfahrung natürlich keineswegs auf Kosten der musikalischen Leistungen geht. Vokalist Burton erhebt seine Stimme mächtig zu seinen wütenden Shouts, punktet gleichzeitig aber auch beim Cleangesang-Teil. Das hat man live auch schon schlechter gehört, doch ordentlich Hall im Mikro sorgt für die charakteristische und unverkennbare FEAR FACTORY-Atmosphäre. Viel Nebel und stimmiges Licht tun ihr übriges dazu, ein sauber geschnürtes Paket! Dieses beinhaltet dann in weiterer Folge ein älteres Stück und zwar den „Obsolete“-Opener „Shock“, so dass gleich klar ist: auf Klassiker muss man heute nicht verzichten. „Wake up Herford! The next song is called „Edgecrusher“ ruft Dino, worauf das Sprachsample der ebenfalls auf „Obsolete“ erschienenen Granate ertönt. Kurz darauf bricht der erste richtige Pit des Abends los und beweist, dass man vor allem den Erzeugnissen der 90er auch in Herford immer noch huldigt. Zu diesen zählt selbstverständlich auch „Smasher/ Devourer“, das damit das Trio der ersten drei Songs auf „Obsolete“ komplettiert – und das am Stück. Die Singalong-Segmente kostet man genüsslich aus und Dino shoutet dabei nicht nur fleißig mit, sondert fordert auch die Hände der Ticketzahler, die dem mit reichlich Horns entgegen kommen. „Danke Herford! Thanks for coming to see FEAR FACTORY. I think we have a lot to proof to you tonight.“ begrüßt Mister Bell nun auch offiziell das Publikum, ehe er mit „Industrial Discipline“ ein Klangwerk von der neuen Scheibe ankündigt. Das Quartett ist auf der Bühne einfach eine Macht; wuchtig und präzise hämmern die Drums von Gene Hoglan aus den Boxen, aus dem der Sound gemessen an der Beanspruchung durch den FF-Sound und den Möglichkeiten des „X“ ganz passabel erklingt. Der Raymond Herrera-Nachfolger macht seine Sache gut, wirkt sehr konzentriert, wird aber Zeit seiner Mitgliedschaft bei der Angstfabrik mit dem Stempel leben müssen, eben nicht das Original zu sein. Trotzdem hat auch er irgendwo seinen Anteil an unter anderem diesem neuen Stück, welches Burton auch live mit dem Ohrwurm-Refrain veredelt. Auch wenn die Komposition gut angenommen wird, sind es verständlicher Weise („Mechanize“ wurde ja nun gerade erst veröffentlicht) die älteren, die die Meute vollends in Wallung bringt. Und so sorgen nicht nur „Digimortal’s „Acres of Skin“, sondern vor allem der Überhit vom selben Langspieler „Linchpin“ für pure Euphorie im Zuschauerbereich. Burtons Stimmvolumen ist an dieser Stelle des Auftritts schon beeindruckend, den Wechselgesang so ohne Authentizitätsverlust und Gefühlseinbußen hinzubekommen, ist aller Ehren wert. Da ist es dann schon zu verzeihen, das beim gigantischen „Powershifter“ des neuen Silberlings die Stimme kurz etwas kippt. Der hymnenhafte Chorus ist einfach nur mächtig. Überhaupt strahlen die Jungs aus L.A. auf der Bühne absolute Dominanz aus, wirken gleichzeitig aber nicht abgehoben. Souveränität und Klasse, die sie auch bei der aktuellen Single „Fear Campaign“ inklusive Sample an den Tag legen. Dass Dino Cazares, was das angeht, ohnehin um jeden Zweifel erhaben ist, muss ich hier nicht erwähnen, ein perfektes Solo bietet er auch bei dieser treibenden Nummer. Er scheint augenscheinlich den Spaß an der Sache wieder gefunden zu haben. Strahlend und posend wütet er auf der Bühne, wirkt trotz seiner Körperfülle agil und hat immer ein Auge für seine Anhänger. Dazu auch passend an dieser Stelle mein Lieblingszitat bzw. -ausruf von diesem Abend, welches von dem Typen schräg hinter mir stammt: „Dino hat die Gitarre erfunden!!“ Mehr braucht man dazu eigentlich nicht sagen. Darum richten wir unser Gehör lieber wieder Richtung Bühne, von der man uns mit „Martyr“ ein Stück vom FF-Erstling „Soul of a new machine“ um die Ohren schlägt. Mit seinen Fingern feuert Burton einen Kopfschuss ab, doch die Kugel schlägt im Publikum ein: das wütende Teil wird abgemosht und mitgegröhlt, als gäb‘ es kein morgen! Nach dem Bombenfinish des Songs geht es dann zurück in die Zukunft bzw. die Gegenwart, in der uns „Christploitation“ erwartet. Stimmungsvoll mit den kalten Keyboardklängen startend, zerschrotet einem Gene Hoglans Doublebass dann das Trommelfell, während Dino und Byron sich dem gemeinsamen Posing hingeben. „FEAR FACTORY! FEAR FACTORY“-Sprachchöre hallen durch das „X“, was von den Besungenen mit „Resurrection“, einem meiner persönlichen FF-Songs, quittiert wird. Die (relativ) bedächtige Komposition kommt dank des Schlagzeugeinsatzes heute deutlich groovender daher, allerdings merkt man dem guten Burton jetzt doch an, dass er ordentlich kämpfen muss, um seine Stimme zu kontrollieren. Am starken Pumpen erkennt man, wie sehr er mit seinem Organ arbeitet. Darum vielleicht nicht gerade taktisch klug nach der ihn so fordernden Nummer direkt mit „Final Exit“ weiterzumachen. Ein epischer Track mit viel Cleangesang und kraftvollem Chorus, den er aber noch sehr beachtlich meistert und mit dem FEAR FACTORY passend zum Text winkend den offiziellen Teil beenden.

Doch nach weiteren FF-Chants und „Dino!!“-Rufen aus den Publikumsreihen lässt sich die Angstfabrik nicht lange bitten und startet die Zugaben mit dem Titelsong des Kult-Albums „Demanufacture“. Einer weiteren Kopfschuss-Darbietung inklusive Taumeln seitens Burton folgt die Aufforderung zu gemeinschaftlichen rhythmischen „Hey! Hey! Hey!-Rufen und dem Singalong zu „I’ve got no more goddamn respect“, wozu er stolz seinen Mittelfinger präsentiert. Ebenso präsentiert man noch „Self Bias Resistor“, der auch seinem Vorgänger auch auf dem Album folgt. „How the fuck are you doing Herford? It’s cold outside, but we have some sweaty heavy metal dudes in here. We see old friends and new fans – thank you!“ fasst Herr Bell den Abend noch einmal zusammen und stellt dann sich und seine Kollegen vor, wobei er dies sehr respektvoll tut – keine Spur von Spannung, zumindest nicht offensichtlich. Neben natürlich Dino erhält auch Drummer Gene Hoglan besonders viel Applaus, den dann die Truppe mit der abschließenden Bandhymne „Replica“ fast anderthalb tollen Stunden noch ein weiteres Mal um einiges steigert.

Setlist FEAR FACTORY (ohne Gewähr)
Mechanize
Shock
Edgecrusher
Smasher/Devourer
Industrial Discipline
Acres of skin
Linchpin
Powershifter
Fear Campaign
Martyr
Christploitation
Resurrection
Final Exit
Demanufacture
Self Bias Resistor
Replica

FEAR FACTORY muss man live einfach mal erlebt haben: absolute Souveränität, Kraft, Atmosphäre und Perfektion. Natürlich ist für viele die Band ohne Raymond Herrera einfach nicht mehr die gleiche, heute haben sie aber gezeigt, dass das Gespann Burton und Cazares auch live den beiden „F“s trotz allem noch gerecht wird. Eine bunte Setlist, in dem man die wichtigen Alben allesamt repräsentiert hat, obwohl für meinen Geschmack „Archtype“ dabei zu kurz gekommen ist. Auch wenn ich bei aller Liebe nicht nachvollziehen kann, warum man für T-Shirts satte 25 Euro und für einen recht simplen Zipper ganze 45 Euro am Merchstand (an dem es außerdem auch z.B. drei Dino-Plektren für 10 Euro gab) verlangen darf, haben die immerhin fast 90 Minuten sehr unterhalten. Prädikat: sehenswert!

Copyright Fotos: Dajan – www.nocturnalhall.com

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